Dieser unkonventionelle Mafia-Boss war die Inspiration hinter Don Corleone aus 'Der Pate'

Genauso wie die Filmlegende überlebte Frank Costello einen Mordversuch und strebte am Ende nach einem rechtschaffenen Dasein. Über das bewegte Leben des Mafioso.

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Juni 20 2018, 4:00am

Linkes Bild: Marlon Brando als Vito Corleone | Foto: Paramount Pictures; rechtes Bild: Frank Costello sagt im Jahr 1951 vor dem US-Kongress aus | Foto: Library of Congress

New York im Mai 1957: Die Unterwelt-Größe Frank Costello entgeht nur knapp einem Mordversuch, den sein Rivale Vito Genovese in Auftrag gegeben hatte. Costello und Genovese befinden sich bei ihrem Aufstieg in den Rängen der Mafia schon seit geraumer Zeit auf Kollisionskurs, es geht um die Kontrolle über die Familie des legendären Mobsters Lucky Luciano. Genovese ist dabei etwas voreiliger, vielleicht etwas hungriger – und so kommt es auch zu dem fehlgeschlagenen Auftragsmord: Die Kugel trifft zwar Costellos Kopf, dringt aber nicht in seinen Schädel ein. Für den Mafia-Boss ist das trotzdem genug: Er zieht sich aus dem Mob-Alltag zurück und verbringt seine Zeit nur noch in seiner Villa auf Long Island. Trotz seiner Cosa-Nostra-Wurzeln will Costello sein Leben normal zu Ende leben und nicht durch einen Auftragsmörder sterben.

In seinem bald erscheinenden Buch Top Hoodlum: Frank Costello, Prime Minister of the Mafia zeichnet der mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Mafia-Historiker Anthony M. DeStefano das Leben und Handeln Costellos nach. Im Gespräch erklärt der Autor, wie sehr Costello als Inspiration für den Der Pate-Hauptcharakter Don Corleone diente, wie der Mobster Politiker beeinflusste und wie nah er seinem Ziel eines rechtschaffenen Lebens kam.


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VICE: Unter Mafia-Nerds heißt es, dass Frank Costello das Vorbild für Don Corleone sei. Hat Der Pate-Autor Mario Puzo das je bestätigt?
Anthony M. DeStefano: Ich weiß nicht, ob Puzo das direkt so gesagt hat, aber Costello gehörte definitiv zu den Inspirationen. Andere "Vorbilder" waren möglicherweise der Olivenöl-König Don Joe Profaci und Carlo Gambino. Diese drei Mafia-Größen haben meiner Meinung nach am meisten zur Charakterisierung von Don Corleone beigetragen.

Warum haben Mobster wie John Gotti oder Al Capone für die Popkultur eine wichtigere Bedeutung als Frank Costello – obwohl der damals viel mehr Macht und Einfluss hatte?
Costello war kein Killer, kein harter Hund, sondern mehr ein Politiker beziehungsweise eine Art Diplomat. Capone bekam so viel Aufmerksamkeit, weil er im Film The Untouchables – Die Unbestechlichen dargestellt wurde und zu den größten Gangstern des 20. Jahrhunderts gehörte. Und Gotti war in den 80er und frühen 90er Jahren wichtig, weil er für die Presse und die Öffentlichkeit die Rolle des typischen Mobsters verkörperte.

Woher kam Costellos Verlangen danach, von der Elite respektiert zu werden und sich selbst über die Mafia zu stellen?
Das lag vor allem an seinen Wurzeln in einer armen Einwanderer-Familie. Er sah immer, wie die höheren Schichten der Gesellschaft lebten, und wollte ebenfalls so respektiert werden. Sein Ziel war es, als rechtschaffener Mensch in Erinnerung zu bleiben. Deswegen versuchte er auch, sein Immigranten- und Gangster-Image loszuwerden.

Costello verfluchte das Mafia-Leben, in das er reingewachsen war. Einen anderen Weg hatte es für ihn aber nicht gegeben, denn viele Leute aus seinen Kreisen hatten damals weder Geld noch die richtigen Beziehungen. Sie mussten sich alleine durchschlagen und landeten so auf der schiefen Bahn – meistens im illegalen Alkohol- oder Glücksspielgeschäft.

Im Gegensatz zu seinen Mafia-Kollegen schaffte es Costello immer wieder, sich aus polizeilichen Ermittlungen rauszuwinden.

Wie sehr waren die New Yorker Politiker und Polizisten zu Costellos Zeiten mit der Mafia verstrickt?
Damals herrschte in den USA striktes Alkoholverbot, aber die Polizei war in die illegalen Geschäfte involviert: Die Beamten transportierten für die Gangster Schnaps und luden Lieferungen ab. Und für die Politiker war die Mafia eine dringend nötige Geldquelle. Weil New York die Medienhauptstadt war, hatten diese Entwicklungen dort einen noch viel größeren Einfluss.

Warum war New York sonst noch so ein perfekter Ort für Alkoholschmuggler, Mafiosi und korrupte Politiker?
In New York gab es die fünf Mob-Familien, eine von Lucky Luciano geschaffene Struktur. Die Politiker brauchten für ihre Geschäfte und ihren Machterhalt eine Geldquelle. Genau hier kamen die ganzen Gangster ins Spiel, die durch ihre illegalen Alkoholgeschäfte richtig viel Geld über hatten. Sie köderten die Politiker damit und forderten Gefälligkeiten ein. Damit hatten sie auch die Polizei und die Regierung in ihrer Hand – eine Grundlage war geschaffen, auf der das organisierte Verbrechen florierte.

Trotz seiner Bedeutung wurde Costello nie richtig strafrechtlich verfolgt und musste auch nie lange ins Gefängnis. Wie viel Glück war da im Spiel?
Glück hat da auf jeden Fall eine Rolle gespielt. Costello wurde in den 20er, 30er und 40er Jahren zu einer großen Nummer, damals waren die Gesetze noch nicht so fein ausgearbeitet wie heute. Als die Behörden ihn wegen Alkoholschmuggels und Steuerbetrugs drankriegen wollten, reichten die Beweise nicht aus. Im Gegensatz zu seinen Mafia-Kollegen schaffte es Costello immer wieder, sich aus solchen Fällen rauszuwinden. Erst später wurde er im Zuge einer Senatsuntersuchung verhaftet.

Hat Costello am Ende sein Ziel erreicht, ein gesetzestreuer Mann zu werden?
Seiner Meinung nach kam er diesem Ziel ganz nahe, aber in den Augen der Gesellschaft war noch einiges zu tun. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia wollte Costello mit allen Mitteln das Handwerk legen und brachte ihn immer wieder mit den anderen Gangstern in Verbindung. So schaffte es Costello nie, sein Mobster-Image loszuwerden. Und so ein Image verhindert eben immer, dass man als rechtschaffen angesehen wird. Da hätte Costello noch wer weiß wie viele gute Dinge sagen oder tun können.

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