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Drogen

Wo Kokain in Westeuropa am billigsten ist und wer den Preis bestimmt

Mit ihrem World Drug Report liefern die Vereinten Nationen eine Preisübersicht für Deutschland, Österreich, Schweiz und 14 weitere Länder.

von Tim Geyer
28 Juni 2018, 4:00am

Foto: Grey Hutton

Kokain an Freizeitkonsumenten zu verkaufen, ist illegal, überall auf der Welt. Und doch gibt es Länder, in denen sich Konsumenten schneller ein Gramm Koks liefern lassen können als eine Pizza. Es ließe sich argumentieren, dass angesichts solch bequemer Verfügbarkeit nur noch der hohe Preis der Droge Konsumenten abschrecke – wenn selbst hohe Strafen daran scheitern. Doch was ein Gramm Kokain kostet, unterscheidet sich in Europa extrem. Wie sehr, zeigen die Vereinten Nationen in ihrem in dieser Woche veröffentlichten World Drug Report 2018.

In 17 westeuropäischen Ländern hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) Fragebögen verteilt und Daten gesammelt. Wie repräsentativ die Antworten sind, hängt von der Arbeit der im jeweiligen Land zuständigen Behörden ab. In Deutschland lieferte das Bundeskriminalamt die Zahlen. Ausgebliebene oder unvollständige Antworten ergänzen UNODC und die EU-Polizeibehörde Europol durch Schätzungen. Die Erhebungen reichen zurück bis in das Jahr 1990 und zeigen die Entwicklung bis 2016 auf.

Doch auch wenn ein Kokstaxi-Fahrer in Deutschland schon mal mehr als 2.000 Euro in einer Nacht verdienen kann, liegen andere Länder an der Spitze der teuersten Koks-Nationen.

Skandinavische Kokain-User zahlen am meisten

Noch vor 28 Jahren war es nirgends in Westeuropa so teuer, sich extrem ungesundes Pulver in die Nase zu ziehen, wie in Österreich. Dort kostete ein Gramm Kokain 1990 im Durchschnitt etwa 170 Euro. Seitdem unterlagen die Preise wie in allen Ländern starken Schwankungen wie Oktoberfest-Gäste nach dem zehnten "Prosit der Gemütlichkeit". Tendenziell gingen sie nach unten. Im Jahr 2016 kostete ein Gramm Koks in Österreich noch durchschnittlich 95 Euro. Das Land belegt zusammen mit Finnland den zweit(teuerst)en Platz.

Das einzige westeuropäische Land, in dem User noch mehr Geld für die stark psychisch abhängig machende Droge ausgegeben haben, ist Schweden. 101 Euro kostete dort 2016 laut dem World Drug Report ein Gramm Koks. 1990 waren es noch 137 Euro. Deutschland lag dagegen zu Beginn der Erhebung mit einem Preis von 103 Euro pro Gramm eher im oberen Mittelfeld. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 72 Euro kostete ein Gramm Marschierpulver laut den Zahlen der UN 2016 im deutschen Durchschnitt – und damit in etwa so viel wie ein T-Bone-Steak im Edel-Restaurant "Grill Royal" oder 144 Flaschen Oettinger bei Rewe.


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Warum die Straßenpreise so stark schwanken, hängt laut Kriminologen von zwei wesentlichen Faktoren ab: einerseits der Länge der Distributionswege. Je mehr Zwischenstationen die Drogen auf dem Weg von Produzenten zu Konsumenten einlegen, desto teurer werden sie. Österreich etwa hat keinen eigenen Seehafen, in dem Bananenkisten aus Südamerika gelöscht werden könnten. Andererseits schwankt der Preis je nachdem, wie groß das Risiko ist – also wie hart und konsequent die Strafverfolgungsbehörden eines Landes durchgreifen. Doch es gibt noch einen weiteren Faktor, der sich aus den Daten des World Drug Report ablesen lässt.

Grafik: VICE

Wie tief man am Ende in die vom studenlangen Tanzen nassgeschwitzten Hosentaschen greifen muss, um die Nacht im Club mit einer Line zu verlängern, entscheidet sich über 9.000 Kilometer entfernt von Deutschland in Peru, Kolumbien und Bolivien. Aus den Daten der Vereinten Nationen geht hervor, dass die Preise zum ersten Mal Mitte der 1990er stark einbrachen. Von durchschnittlich 111 Euro im Jahr 1995 auf 82 Euro binnen zweier Jahre. Dass das Kokain für die Endkonsumenten günstiger wurde, hing indirekt auch damit zusammen, dass die Strafverfolgungsbehörden des damals weltweit größten Anbaustandorts ihren Job machten.

1993 erschoss in Kolumbien eine Spezialeinheit der Polizei Pablo Escobar. In der Folge zerbröselte das Medellín-Cartel wie Drehtabak, der sein Verfallsdatum schon lange überschritten hat. Bis dahin hatte es sich einen großen Teil der Produktion und des Weitervertriebs mit dem Cali-Kartell geteilt. Das Cali-Kartell übernahm nach 1993 die frei gewordenen Märkte. Doch als zwei Jahre später sechs der sieben Bosse des Kartells verhaftet wurden, mischten sich die Verhältnisse neu, ein größerer Wettbewerb entstand. Der dürfte sich auf die niedrigen Preise ausgewirkt haben, die Konsumenten Mitte der 90er in Barcelona, Antwerpen oder London bezahlten, woran sich bis heute wenig geändert hat.

Die niedrigsten Kokain-Preise finden sich dort, wo man das Meer riechen kann

Falls man beschließen sollte, sein Leben und das von anderen mit Koks zu ruinieren, kommt man damit im Vereinigten Königreich immerhin am günstigsten weg. 46 Euro kostete dort 2016 laut den Vereinten Nationen ein Gramm Kokain. Auf den Brexit-Staat folgen Belgien (51 Euro) und Spanien (55 Euro). Alle drei Länder haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie verfügen über große internationale Seehäfen. In Antwerpen allein stellten Drogenfahnder 2016 fast 30 Tonnen Kokain sicher, seitdem konnten sie jedes Jahr neue Rekordmengen vermelden – genau wie ihre Kollegen in Rotterdam und Hamburg. Laut der europäischen Polizeibehörde Europol kommt ein Großteil des Kokains auf dem Luft- und Seeweg über Kolumbien, Brasilien und Venezuela nach Europa: versteckt in Sporttaschen oder Bananenkisten.

Dass die europäischen Endverbraucherpreise vor allem in Südamerika bestimmt werden, zeigt eine weitere Zahl: 70,9 Tonnen Kokain beschlagnahmten die Behörden 2016 in der gesamten EU. Ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, festgehalten im European Drug Report. Auf die Straßenpreise hatte das jedoch keinen Einfluss. Sowohl 2015 als auch 2016 kostete ein Gramm Kokain im westeuropäischen Durchschnitt etwa 70 Euro. Auch in Deutschland, wo Zoll und Polizeibehörden ein Jahr später dreimal so viel Kokain beschlagnahmten wie im Vorjahr, änderte das letztlich wenig: Sobald die Behörden in Europa eine Line aus dem Verkehr ziehen, legen die Kartelle auf der anderen Seite des Atlantiks drei neue nach.

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