"Wir fahren beide auch die Egoschiene" – Im Proberaum von Harakiri for the Sky
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"Wir fahren beide auch die Egoschiene" – Im Proberaum von Harakiri for the Sky

Die Europa-Tour von Harakiri for the Sky beginnt heute. Wir haben sie vorab besucht und ihnen ein paar Fragen zu der Tour und dem neuen Album gestellt.
1.3.18

Wer in Österreich einen gewissen Wert auf die etwas härtere musikalische Gangart legt, aber trotzdem nicht auf Melodik verzichten möchte, kommt an "Harakiri for the Sky" nicht vorbei (Rhyme unintended). Gegründet wurde das Projekt Ende 2011 im Alleingang von Matthias Sollak. Gerade in Black-Metal-Projekten ist es üblich, One-Man-Bands zu gründen und seine Tracks komplett alleine zu erschaffen. Bis heute ist Matthias völlig alleine für die gesamte Komposition der Lieder von HFTS zuständig. Für die Lyrics und Vocals hat er sich allerdings seinen Komplizen JJ ins Boot geholt, den er von früheren Projekten kennt. Auch JJ hat bisher oft als Einzelgänger gearbeitet. So ist zum Beispiel das Projekt "Karg" entstanden.

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Nach dem Release ihres mittlerweile vierten Albums gehen HFTS nun auf eine Tour durch Europa und bespielen auf ihrer Reise Venues in Schweden, Norwegen, Frankreich, Belgien, der Slowakei und so weiter. Damit die zwei ihre Songs live performen können braucht es allerdings Unterstützung von weiteren Musikern, da auch Black-Metal-Komponisten in der Regel nicht mehr als zwei Hände haben. Dafür haben sie sich den Basser und den zweiten Gitarristen von der Band "Anomalie" ausgeliehen. Auch diese Band wurde als Soloprojekt gegründet, bei dem Matthias eine Zeit lang als Gitarrist mitgewirkt hat.

Kurz vor dem Tourstart haben uns Matthias und JJ in ihren Proberaum im Keller eines Wohnblocks im 17. Bezirk eingeladen. Als wir bei Temperaturen weit jenseits des Gefrierpunkts am Dornerplatz ankommen, erinnert dort allerdings nicht viel nach Metal. Das ändert sich aber schon nach den ersten Schritten in den Hauseingang, wo man vom Keller schon pumpende Double-Bass-Rhythmen vernehmen kann.

Während ich mich noch frage, wie ich in den Proberaum kommen soll, sehe ich auf meinem Handy eine Nachricht von Matthias: "Klopf afoch an unten dann … Zwischen den Songs hören wir dich dann eh." Was das bedeutet, wenn man im kalten Keller steht und die Songlänge die gewohnten drei Minuten "ein bisschen" übersteigt, kann man sich vorstellen. Immerhin lässt sich die dröhnende Warteraum-Musik, die aus dem Proberaum dringt gut aushalten und es wird sich schon mal unbeobachtet eingegroovt.

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Schlussendlich öffnet sich die Türe aber doch noch und die drei setzen ihre Probe unbeirrt fort. Merkbar ist es die letzte vor der Tour, fast alle Songs sitzen schon perfekt. Nur die Setlist lässt noch ein paar Punkte zur Diskussion offen. Diese werden wir an dieser Stelle zwar nicht verraten, aber ihr könnt euch hier live ein Bild machen.

Noisey: Matthias und JJ, Harakiri for the Sky ist ja eigentlich nur ein Projekt von euch zwei. Wechseln die Session- und Live-Musiker ständig oder bleibt es immer bei denselben Personen?
Matthias: Meistens bleiben die gleich, ja. Wenn sichs irgendwann mal nicht ausgeht, dann haben wir noch ein paar andere, die einspringen können.
JJ: Wenn es zum Beispiel an Urlaubstagen in der Arbeit scheitert, haben wir Reserveleute, aber eigentlich ist das hier heute die Stammbesetzung.

Und stellt ihr euch dann einfach hin und sagt den Zusatzmusikern, wie die Songs gespielt gehören oder dürfen die an der ein oder anderen Stelle auch mitreden?
Matthias: Na ja, die Alben sind ja schon da. Also da ist meistens alles fertig, bevor wir in der Besetzung im Proberaum überhaupt anfangen zu proben. Insofern steht das schon.

Die Alben nehmt ihr aber wieder mit anderen Session-Musikern auf, oder?
Matthias: Ja, genau. Da sind meistens nur der JJ und ich dabei und diesmal war noch der Kerim dabei, ein Studioschlagzeuger, und sonst ist eigentlich keiner involviert bei den Alben. Die restlichen Instrumente spiele alle ich ein.

Matthias, du hast das Projekt gegründet, weil du aus Genregrenzen ausbrechen wolltest. Wie kam es dazu?
Matthias: Ich hab halt in so einer Pagan-Band gespielt und das ist irgendwie fad geworden, weil man musikalisch und textlich nicht wirklich viel Spielraum hat. Mit dem JJ bin ich schon ewig befreundet und wir wir uns gedacht, dass wir zusammen was machen könnten. Ich hab dann eben daheim die Sachen aufgenommen und sie ihm durchgeschickt und er hat die Texte drübergeschrieben und es hat auf Anhieb gepasst.
JJ: Matthias hat früher auch so ein, zwei Jahre bei meiner alten Band Karg gespielt, dann kam eben der Zeitpunkt, an dem wir gemeinsam was eigenes machen wollten. Vor allem weil wir beide zu dieser Zeit in dieses Post-Black-Metal-Ding abgedriftet sind.

Habt ihr dann eure alten Bands dafür verlassen?
JJ: Na, das nicht. Aber wir haben das immer sehr strikt getrennt.
Matthias: Ich hab mit der anderen Band noch so zwei, drei Jahre weitergemacht und dann ist sichs zeitlich einfach nicht mehr ausgegangen.
JJ: Und ich mach Karg jetzt eh auch noch weiter, aber nur mehr als Studioprojekt. Es freut mich nicht, mit mehr als einer Band live zu spielen.

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Und es war für euch keine Option, einfach den Sound einer vorigen, gemeinsamen Band zu ändern?
JJ: Wir fahren beide auch die Egoschiene. Ich möchte bei Karg nach wie vor meine eigenen Tracks komponieren, deswegen haben wir das abgesteckt. Bei HFTS schreibt Matthias die Songs und ich die Texte und da hats noch nie große Diskussionen geben. Aber ich glaube, wenn wir von Anfang an irgendwo gemeinsam die Sachen geschrieben hätten, wären wir mit der Zeit aneinander geprallt.
Matthias: Aber dann hätten wir auch darüber nachdenken können, ob wir die beiden anderen Projekte ein bisschen in eine andere Richtung schieben.
JJ: Jaja, aber dann kommt man eben wieder drauf, dass er der bessere Gitarrist ist und dann wird man da in falsche Richtungen angespornt, obwohl man eigentlich ja nur gemeinsam kreativ sein möchte.

Seit es euer Projekt gibt komponiert Matthias die Tracks und JJ schreibt die Texte, hat sich im Laufe der Zeit an eurem Schaffensprozess irgendwas geändert?
JJ: Na, das ist alles so wie am Anfang.
Matthias: Wir haben das immer gleich gehandhabt. Ich mach die Pre-Production, nehm schon mal alles auf, schicks ihm und er macht dann die Texte dazu.

Sehr interessant, dass ihr über einen so langen Zeitraum nie eure Arbeitsweise ändert.
Matthias: Ich könnt das auch nicht anders, glaube ich. Ich brauch meine Ruhe dafür.
JJ: Es ist nicht so einfach, ich hatte das alles schon. Zum Beispiel in einer Band spielen, die gemeinsam im Proberaum ihre Lieder schreiben – das wird auch schnell zu einem Machtspielchen. Es setzten sich gewisse Leute durch, die nicht zwingend die meiste Ahnung von der Materie haben. Es wird viel gestritten und diskutiert und bei uns weiß jetzt eben jeder, was er zu leisten hat und was nicht. Was natürlich nicht heißt, dass ich eine Band, die gemeinsam im Proberaum komponiert, nicht interessant finde. Das finde ich sogar, aber es erfordert halt sehr viel Zeit und Geduld, so an ein Album ranzugehen.
Matthias: Dazu kommt noch, dass wir auch nicht geplant haben, irgendwann mal live zu spielen.
JJ: Es wird sogar eher besser mit der Zeit, weil ich mit der Zeit auch lerne, wo es Matthias gefällt, wenn ich darüber singe oder dass er lernt, kein übertriebenes Gitarrengewichse einzubauen.

Das aktuelle Album ‘Arson’ in voller Länge

Was hat es eigentlich mit eurem Japan-Zusammenhang auf sich? Ein Album von euch heißt Aokigahara , benannt nach den japanischen Selbstmord-Wäldern und das Harakiri in eurem Namen kommt ja auch von den Samurais.
JJ: Das ist völliger Zufall. Das hat einfach mit der Zeit so gepasst, aber es ist nicht so, dass es dahinter eine tiefere Bedeutung gibt. Wir haben uns mit der Zeit mal stillschweigend zu kurzen und prägenden Titel entschieden. Bei Aokigahara war dann auch das Cover schon fertig mit dem Wald und dem toten Fuchs und dann hat sich das so ergeben.
Matthias: Das wars dann auch schon wieder mit der Japan-Exkursion.

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Habts ihr dieses Video gesehen, in dem dieser weirde Youtuber durch einen Aokigahara spaziert und eine Leiche abfilmt?
JJ: Ja, aber was war daran bitte so schlimm? Ich versteh das nicht. Was hat er sich erwartet, wenn er mit einer Kamera durch diesen Wald geht?
Matthias: Dieser Typ dürfte einfach generell eine Vollwasn sein.
JJ: Na, g’scheit ist der ned. Aber ich hab das trotzdem nicht so arg gefunden. Der Jänner war noch keine 15 Tage alt und schon graben sie das fünfte Faux-Pas aus.
Matthias: Da sieht man eben auch, was alles falsch ist mit dieser Welt, wenn der größte Aufreger irgendein blonder Trottel ist, der sein Geld damit verdient, sich mit einem Selfie-Stick bei seinem Blödsinn zu filmen. Die Leute waren eh schon immer deppat, aber jetzt haben halt viele die Möglichkeit, das ungefiltert zu verbreiten.

Gab es für Arson einen bestimmten Anlass oder kommt ihr einfach irgendwann an einen Punkt, an dem ihr so viel Material zusammen habts, dass ihr es auf einem Album raushaut? Ich frage wegen dem roten Faden.
JJ: Man fängt halt irgendwo mal an, oder?
Matthias: Ja eh, wenns fertig ist, ists fertig. Wir haben keinen Stress vom Label. Manchmal dauert ein Lied zwei Monate bis es fertig ist, manchmal zwei Tage. Wenn wir dann das Gefühl haben, dass alles fertig ist, nehmen wir es nochmal g’scheit auf und dann passt das. Ich weiß auch vorher nie, ob ein Song jetzt sechs oder zwölf Minuten lang sein wird.

Die Songs auf euren Alben sind ja durchschnittlich um die zehn Minuten lang. Wie funktioniert das live? Ändert ihr was an den Tracks?
JJ: Wir haben noch nie was gecuttet.
Matthias: Ist halt zach, wenn du nur einen 30-Minuten-Slot hast, dann können wir eben nur drei bis vier Nummern spielen. Das wird dann bei der Songauswahl manchmal ein bisschen ungut.

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Wie ich grad vorher mitbekommen habe, haha.
Matthias: Ja, genau!
JJ: Aber bei uns ist dafür ein Lied auch nicht wie ein Lied, wenn mans mit Punk oder so vergleicht. Bei unseren Songs kommen statt vier halt auch mal zwölf verschiedene Teile vor.

Wie hat das Wiener Publikum bei eurer Release-Show das neue Album aufgenommen? Wart ihr zufrieden?
JJ: Also ich hab bis auf den Marian keine schlechte Kritiken bekommen, aber der ist einfach a Ungustl, wenn er besoffen ist, haha.
Matthias: Na, aber grad Wien ist für einheimische Bands auch sehr schwer zu bespielen, weil in der Szene sehr viele Neider hast. Aber es hat schon hingehaut, war gut voll. Ich hätte mir sogar weniger erwartet.

Von schwer zu motivierendem Publikum in Österreich hab ich schon öfters gehört .
JJ: Das liegt an dieser grantigen Neider-Mentalität. I weiß nicht, ob "missgönnen" ein zu hartes Wort dafür ist, aber die Wenigsten kommen her und loben dich dafür, was du gemacht hast. Dieses Überschwängliche geht uns halt sehr ab im Charakter.

Ist das auch der Grund, warum ihr in der gesamten Tour keinen einzigen Tourstop in Österreich habt?
Matthias: Wir spielen einmal im Jahr in Wien und der Rest kommt auf die Route an. Wir spielen in Österreich lieber mal über ein Wochenende irgendwo, ist auch alles viel einfach zu erreichen. Bei der Tour achten wir dann eher auf eine sinnvolle Route, weil wir eh schon überall herumgurken. Im November sind wir vielleicht eh schon das nächste Mal in Wien.

Habt ihr ein dann ein anderes Lieblingsland, was Live-Gigs betrifft?
JJ: Alaska.
Matthias: Russland war ganz geil. Hm, aber schwer zu sagen. Früher fand ich Leute im Osten motivierter, aber wenn du dir Frankreich anschaust, gehts dort schon auch ordentlich ab.
JJ: Stimmt. Die Franzosen supporten halt lieber zuerst ihre eigenen Bands, aber wenn sie dich mal akzeptiert haben, gehts schon ab. Also ich find England auch ziemlich geil, aber ich glaub, dass ist deswegen so, weil ich einfach das Land mag. Das Spielen war dort immer eher Nebensache.
Matthias: Na ja, als wir in Birmingham waren mit diesen ganzen cocky White-Trash-Typen? Ein Freund von uns hat mal gesagt, dass es der einzige Abend war, an dem er in Glasgow keine auf die Pappen bekommen hat beim Fortgehen, als er mit uns unterwegs war.

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