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"Ich habe gerappt wie ein Behinderter" – Das SpongeBOZZ-Buch in 7 Zitaten

Fail oder Meisterwerk? Wir haben die Autobiographie des Schwammkopf-Rappers gelesen, um zu verstehen, wie das alles passieren konnte.

von Julius Wußmann und Noisey Staff
27 Februar 2018, 2:48pm

Foto: Screenshot via YouTube aus dem Video "Sun Diego - Yellow Bar Mitzvah (Official Releasetrailer prod. by Digital Drama)" von SpongeBozzTV | Buchcover von Yellow Bar Mitzvah

Es gibt im Deutschrap wohl kein Phänomen, das bizarrer ist als SpongeBOZZ. 2013 sprang plötzlich ein Typ im SpongeBob Schwammkopf-Kostüm auf YouTube rum, rappte mit wie von Helium gepresster Stimme und disste andere Typen in einem Rapbattle. Nicht beim etablierten VBT, das Rapper wie Lance Butters, Weekend oder 3Plusss hervorgebracht hatte, sondern beim JBB des YouTubers JuliensBlog. Der hatte sich durch seine schonungslosen Rapanalysen eine große Fanbase aufgebaut und war für seine Respektlosigkeit berüchtigt. Kein Wunder also, dass beim JuliensBlogBattle gerne ohne Bandagen zugeschlagen wurde. Der perfekte Platz für einen wie SpongeBOZZ, der in seinen Videos mal seinen Gegner mittels bearbeiteter Fotos als Neonazi-Demo-Teilnehmer dastehen ließ oder eine gefälschte Nachricht über den tödlichen Autounfall der Mutter des Gegners einspielte.

2017 war es vorbei mit dem Rätseln um die Identität des Rappers unter dem gelben Stoffkasten. Sun Diego outete sich im Zuge des zweiten SpongeBOZZ-Albums und löste das inzwischen schon offene Geheimnis.

Ein Jahr später, am 28.02.2018, veröffentlicht Sun Diego nun eine Autobiografie namens Yellow Bar Mitzvah: Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm. 224 Seiten, die den Lebensweg des gebürtigen Ukrainers Dimitri Chpakov von seiner kriminellen Jugend in Osnabrück, den ersten Rapversuchen bei der RBA, der Zusammenarbeit mit Kollegah, die Zeit als SpongeBOZZ, bis zum Identitäts-Outing erzählen. Simple schnörkellose Sätze, die wie bei einem Rapsong flott ins Gehirn knallen und ohne große Umwege durch alle Lebensetappen Chpakovs führen.

Es ist eine Geschichte, die überraschenderweise weit früher, im vom Krieg befallenen Russland 1941 beginnt. Sie endet vorerst damit, dass erst Beamte des Finanzamts und bald darauf Polizisten Chpakovs Wohnung wegen fehlender Steuererklärungen betreten, im Studio eine AK47 und Drogen finden und er in einer Zelle landet. Warum man das alles überhaupt lesen sollte? Man kann SpongeBOZZ als Krankheit bezeichnen, die Deutschrap verdient hat. Trotzdem muss man anerkennend oder auch entnervt nicken, wenn er im Buch irgendwann davon spricht, "die Internetbattle-Kultur durchgespielt" zu haben. Niemand steht mehr für das kommerzielle Ende des "realen" Battles und die überzeichnete Selbstdarstellung der Generation Internet-Rapper als SpongeBOZZ.

Tatsächlich ist man nach Lesen des Buchs neugierig, wie etwa die halbstündige JBB-Finalrunde aussah und ob man der Musik von SpongeBOZZ nicht doch etwas abgewinnen kann. Spoiler: Stimme und Kostüm machen es einem noch immer schwer. Aber zumindest ist man offener für alles, was noch von Sun Diego kommen wird. Dafür ist so ein Buch immer ein praktisches Promotool. Vor allem, wenn es auf diese "Fast Food"-Art unterhält. Ist zwar nicht besonders nahrhaft, geht aber trotzdem verdammt gut rein. Das muss man Chpakov und Co-Autor Dennis Sand lassen.

Dennis Sand ist eigentlich Redakteur der Welt und hatte schon einmal über Chpakov geschrieben. In dem Artikel mit der deutlichen Überschrift "Warum Sun Diego der beste Rapper ist, den Deutschland zurzeit hat" begründete er nach dem Outing 2017 die aus seiner Sicht stark unterschätzte Stellung des Rappers in der Szene. Ein Artikel, der Sun Diego wohl so gut gefallen hat, dass nicht nur eine Zusammenarbeit zum Buch entstand, sondern die Headline sogar im Trailer zum Buch gezeigt wird. Ein anderer Welt-Artikel über Sun Diego und seine Autobiografie erschien wenige Stunden vor dem Trailer. Trotzdem hat es auch diese Headline in das Video geschafft. Da wurde verblüffend schnell gearbeitet.

Beim Lesen haben sich sieben Textstellen besonders nachhaltig in mein Gehirn gebrannt und teilweise laut lachen oder ein großes Fragezeichen im Kopf platzen lassen. Hier also die Zitate, die ziemlich gut zusammenfassen, was in Yellow Bar Mitzvah so passiert.

1. Die Geburt von Sun Diego

Irgendwann nannten ihn alle nur noch Las Vegas. Weil er einfach alles, was er hatte, wieder verzockte. Weil Artur jetzt Las Vegas war, wollte ich namenstechnisch nicht nachstehen. Und nannte mich von diesem Zeitpunkt an Sun Diego. Das passte auch zu meinem Sunnyboy-Image, das ich hatte.

Durch kriminelle Energie häuften Dimitri und seine Freunde eine beachtliche Summe an, die für die Dinge rausgeschleudert wurde, die viele Teenager eben brauchen: Suff, Drogen, Klamotten. Irgendwann wurde die Gang hochgenommen. Sun Diego entkam dem Knast jedoch, indem er Sozialstunden leistete.


Noisey-Video: "HipHop In The Holy Land"


2. Sun Diego lernt Kollegah kennen

"Gib mir mal einen Reim auf siamesische Zwillinge."

"Italienische Drillinge."

Okay, dachte ich. Der Typ ist echt ein Motherfucker.

Das soll das erste Telefonat von Sun Diego und Kollegah gewesen sein. Mit 15 Jahren meldete sich der komplett unerfahrene Dimitri Chpakov 2004 bei der RBA (Reim-Battle-Arena) an. Auf der Plattform wurden Online-Battles ausgetragen, an denen auch Rapper wie Casper, K.I.Z. oder Cro teilnahmen. Hier wurden Felix Blume und Dimitri Chpakov aufeinander aufmerksam, weil sie die Vorliebe für mehrsilbige Reime, Doubletime und Technik teilten. Die Vorstellung, wie die beiden sich gegenseitig Reime an den Kopf werfen, lässt uns schon fast wehmütig werden. Heutzutage würde so ein Wettkampf unter jungen Rappern wohl so klingen: "Gib mal Reim auf Versace!" "Versace." "... Krass."

3. Bossaura mit Kollegah

"Mach mal nicht diese schwule Autotune-Scheiße. Das geht gar nicht. Lieber so bombastische Chor-Beats. Nicht so poppig."

Diese Worte sollen laut Chpakov von einem gewissen "Geldgier" stammen, dem damaligen Label-Chef von "Kollegahmade Records". Das neue Kollegah-Album würde zwar in Sun Diegos Studio entstehen, aber das sollte bitte nicht den Sound beeinflussen. Fast sieben Jahre später wissen wir alle: Für Bossaura wurden alle Autotune-Regler nach oben gezogen – sehr zum Leidwesen vieler Kollegah-Fans.

4. Warum ausgerechnet SpongeBob?

… Und mal als SpongeBob. Den konnte ich ziemlich gut imitieren. Auch wenn ich die Serie niemals in meinem Leben gesehen hatte.

Eine Frage, die wir uns immer wieder gestellt haben: Wie kam der Rapper darauf, sich als todernste Gangster-Version des quirligen Bewohners von Bikini Bottom auszugeben? Laut Buch war das Zufall. In der Zeit, als Kollegah und Sun Diego an Bossaura gearbeitet hatten, rappte Chpakov irgendwann aus Rumblödelei einen Song mit der markant gequetschen SpongeBob-Stimme ein. Kollegah soll begeistert gesagt haben: "Bruder, das geht ja richtig ab. Der rattert noch krasser als sonst. Das ist ja Maschinengewehr."

Später soll Chpakov einen nie veröffentlichten Disstrack gegen Fler aufgenommen haben. Flers bürgerlicher Vorname ist Patrick. "Wie dieser SpongeBob-Homie!", dachte sich nicht nur Kollegah in seinem eigenen Disstrack, sondern scheinbar auch Sun Diego, der deswegen wieder als Schwammkopf rappte. Dass er die Cartoonserie nie gesehen gesehen haben will, erklärt endlich, warum seine Version von SpongeBobs Stimme nicht viel mit dem Original gemein hat.

5. Von JuliensBlogBattle auf die Eins

Julez wollte immer lieber eine trockene Zerfickung haben. Aber ich sagte ihm, dass ich das auf meine Weise machen will.

Der YouTuber JuliensBlog hatte Bossaura zwar in einer Analyse zerrissen und gab Sun Diego die Schuld, Kollegah "verschwult" zu haben (ächz…), aber trotzdem telefonierten die beiden irgendwann miteinander. Sie verstanden sich derart blendend, dass Sun Diego sogar an Juliens Rapalbum mitarbeitete. Und er 2013 das Angebot bekam, doch bei JuliensBlogBattle mitzumachen. Als SpongeBOZZ wollte er aber nicht nur seine Gegner besiegen, sondern das Turnier als Sprungbrett nutzen. Also konzentrierte er sich darauf, eigenständige Songs und keine reinen Battle-Tracks rauszuhauen.Zwei Jahre später chartete das Debüt auf Platz eins und verkaufte laut eigenen Angaben bis zur Indizierung 70.000 Einheiten. Der Verzicht auf die "trockene Zerfickung" hatte sich also gelohnt.

6. Die Stimme bringt ihn fast um

Alles, was der Schwamm rappte, war original meine Stimme. Aber mit der Schwammstimme zu rappen, ist Körperverletzung. Ich habe gerappt wie ein Behinderter.

Während der Finalrunde des JBB wurde Sun Diego schließlich ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Hirnhautentzündung. Grund war laut des Arztes wohl der Stress, immerhin betont der Rapper immer wieder, dass das JBB ein "Fulltime-Job" war, für den er sogar seine Familie vernachlässigte. Doch auch durch die markante Stimme litt Sun Diego immer wieder an starken Kopfschmerzen, die er durch Schmerzmittel betäubte. Schließlich wurden die Beschwerden so stark, dass er kurzzeitig nichts mehr sehen und sich nicht bewegen konnte. Es ist entweder bewundernswert oder leichtsinnig, dass er danach nicht lieber auf eine technische Stimmenverzerrung vertraut hat.

7. Sun Diego ist SpongeBOZZ

Als ich mir anhörte, was musikalisch gerade alles in Deutschland passierte, konnte ich es nicht mehr mit meinem Stolz vereinbaren, Sunny zu verstecken.

Als 2011 Bossaura erschien, hatte fast keiner Bock auf Autotune. Sechs Jahre später sucht man vergeblich nach autotunefreien Rap-Songs in den Charts und Clubs. Dass ihn keiner als Pionier anerkennt, scheint Sun Diego bis heute anzukotzen. Was hat Fler dazu eigentlich zu sagen?

2017 erschien das Doppelalbum, auf dem Chpakov einen Teil als SpongeBOZZ und einen Teil erstmalig als Sun Diego einrappte. Um dennoch weiterhin ein Privatleben genießen zu können, vermummt er sich seitdem in Videos und Interviews mit einem Bandana oder verpixelt seine untere Gesichtshälfte. Es bleibt abzuwarten, ob sich das jetzt mit Veröffentlichung des Buches, öffentlichen Lesungen und noch mehr Publicity ändert.

Ihr könnt das Buch hier bestellen.

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