Missbrauch

Männliche Vergewaltigungs-Opfer werden immer noch mit ihrem Trauma alleingelassen

Eine aktuelle Studie zeigt, dass es weniger Unterschiede zu weiblichen Opfern gibt, als bisher angenommen.
17.7.17
Foto: Ayo Ogunseinde | Unsplash | CC0

Männer, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden, leiden anschließend genau so oft unter Depressionen wie Frauen. Dieses Ergebnis einer aktuellen Studie mag im ersten Moment nicht sonderlich überraschend wirken – tatsächlich gibt es aber nach wie vor nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit den mentalen und emotionalen Auswirkungen von sexualisierter Gewalt bei Männern beschäftigen.

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"Am Anfang wollten wir nur eine kriminologische Theorie überprüfen", sagt die Juraprofessorin und führende Autorin der Studie, Lisa Dario. Diese Theorie besagt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eher emotional, depressiv oder mit selbstzerstörerischen Handlungen wie zum Beispiel Ritzen oder Drogenmissbrauch auf sexuelle Gewalt reagieren würden. Männer würden hingegen mehr zu kriminellen Handlungen neigen. "Wie wir feststellen konnten, trifft das allerdings nicht zu", sagt Dario.

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Im Rahmen ihrer Untersuchung haben die Forscher die Antworten von 11.860 Erwachsenen analysiert, darunter 5.922 Männer und 5.938 Frauen. Die Daten stammen aus einer amerikanischen Umfrage über sexuelle Gewalt aus den Jahren 1995 und 1996. Der Grund: "Es gab seither einfach keine umfangreichere und genauere Umfrage", sagt Dario. Die Studie enthält nicht nur bevölkerungsstatistische Informationen und Informationen über die Wohnverhältnisse und dem Beziehungsstatus der Teilnehmer, sondern hält auch fest, ob die Befragten Opfer sexueller Gewalt wurden und unter Symptomen einer Depression leiden.

Um die Aussagekraft ihrer Ergebnisse zu sichern, haben die Forscher anhand der Umfrageergebnisse zwei Stichproben durchgeführt. Dabei stellten sie fest, dass die Depressionsrate unter den männlichen Opfern genauso hoch war, wie unter den weiblichen.


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"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Behandlungsangebote für Opfer sexualisierter Gewalt für beide Geschlechter gleichermaßen wichtig sind, weil Betroffene vermehrt von schwereren Depressionen berichten als Nicht-Betroffene", schreiben die Autoren in Bezug auf die möglichen politischen Auswirkungen ihrer Untersuchung. "Unsere Ergebnisse heben auch hervor, welche Bedeutung die Entwicklung und Implementierung von Angeboten für männliche Opfer sexualisierter Gewalt haben. Andere Studien kommen außerdem zu dem Schluss, dass es männlichen Opfern sexualisierter Gewalt noch immer schwerer gemacht wird, entsprechende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen."

Gleichzeitig gibt es kaum Untersuchungen, die der Frage nachgehen, wie Männer mit sexualisierter Gewalt umgehen. Das liegt unter anderem auch an dem Vorurteil, dass Männer nicht missbraucht oder vergewaltigt werden könnten, sagt Dario. Ein Vorurteil, dass sich auch hierzulande hartnäckig hält.

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Laut einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts kam eine Umfrage mit 2.422 Teilnehmern 2016 zu dem Ergebnis, dass 0,6 Prozent der befragten deutschen Männer im Vergleich zu 1,2 Prozent der Frauen von einer Form der sexualisierter Gewalterfahrung berichteten. Allerdings würde die Häufigkeit sexualisierter Gewalt auch in Deutschland oft unterschätzt, weil viele Fälle aus Scham nicht angezeigt würden. Genauso entscheidet sich auch die Mehrheit der Männer noch immer dafür, die Verbrechen nicht anzuzeigen.

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"Das Ganze wird zu einem 'versteckten' Problem", erklärt Lisa Dario. "Wir beschäftigen uns nur damit, wenn jugendliche, junge oder inhaftierte Männer davon betroffen sind. Darüber gibt es jede Menge Literatur. Wenn es aber ganz allgemein um Männer geht, die ein solches Trauma erlebt haben und ihr Leben weiterleben wollen, sucht man vergeblich."

Wenn Opfer nicht die psychologische Betreuung bekommen, die sie benötigen, greifen sie oft zu anderen Mitteln, um ihren Schmerz zu vergessen. Laut Dario ist es deswegen wichtig, auch über den Zusammenhang zwischen illegalem Drogenkonsum und sexualisierter Gewalt zu sprechen. "Wir müssen mehr tun – sowohl was die Folgen bei Männern, als auch bei Frauen angeht. Wenn wir Menschen dazu ermutigen können, Vorfälle öfter zu melden, dann können wir ihnen auch die passende Trauma-Behandlung anbieten. Damit verhindern wir, dass sie sich womöglich andere Bewältigungsmethoden suchen."

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