Nennen wir das Verhalten des Dickies-Sängers beim Namen: Frauenhass

Der Sänger der Dickies hat sich einen Verbalausfall gegen eine Konzertbesucherin erlaubt. Shawna Potter von der feministischen Punkband War on Women feuert mit diesem Kommentar zurück.

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05 Juli 2017, 10:33am

Foto: Noisey USA

Shawna Potter von der feministischen Punkband War on Women dokumentiert für Noisey ihre Erfahrungen auf der diesjährigen Warped Tour.


In unserer zweiten Woche auf der Warped Tour sind düstere Wolken aufgezogen. Die alteingesessenen Spaßpunker The Dickies zogen ihre übliche Shock-Rock-Show ab. Dabei reißt Frontmann Leonard Graves Phillips immer Witze darüber, wie sehr er doch Teenie-Mädchen liebt, und dass er Viagra von unseren Ärschen schniefen und unsere Töchter ficken will. Eine Bekannte von uns stand vorn im Publikum und hielt ein Schild hoch, auf dem stand: "Teenager-Mädchen haben Respekt verdient, nicht eklige Witze von alten Widerlingen! Punk steht nicht für Missbrauch!" Und als Phillips das sah, ließ er eine lange Frauenhasser-Tirade vom Stapel.

"Küss meinen Arsch, Bitch! Ich hab' schon Nutztiere gefickt, die hübscher als du waren, du verfickte Sau", schrie er ins Mikro, in die Menge, über das Feld. Einige Zuschauer johlten, lachten und ließen sich von Phillips dazu animieren, eine Weile "Lutsch meinen Schwanz" zu skandieren. Zum Abschluss brüllte er noch: "Na, wie fühlt sich das an, wenn man dich wegshoutet, du Fotze? F-O-T-Z-E. Kannst du buchstabieren? Du bist eine fette Fotze. Fick dich!"

Ein Video des Ausrasters kursiert im Netz, doch es zeigt nur einen Teil davon. Phillips tobte mehr als eine Minute lang, und das vor Zwölfjährigen, Teenagern, ganzen Familien. Es waren ungefähr so viele Männer wie Frauen im Publikum.

Ich hatte damit gerechnet, dass es auf der Warped Tour solches Verhalten von Männern geben würde. Die Tour ist inzwischen schon bekannt dafür, dass sich männliche Künstler Frauen gegenüber aggressiv verhalten, vor allem gegenüber Mädchen. Deswegen sind wir auch dieses Jahr mit unseren Freundinnen von der Organisation Safer Scenes angereist. Wir haben diese Gruppe mitgegründet, um dabei zu helfen, die Warped Tour von der vielen Hässlichkeit zu befreien, die sich dort im Laufe der Jahre zugetragen hat. Um das zu erreichen, müssen wir Vorfälle wie diesen thematisieren. Trotz allem hatte ich gehofft, wir würden keine bedrohlichen Szenen erleben und stattdessen einen langweiligen, glücklichen Sommer erleben. Und obwohl ich ja schon damit gerechnet hatte, war es erschütternd, als es passierte.


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Ich wünschte, ich könnte das Ganze mit einem spöttischen Spruch abtun: "Die Dickies sind einfach nur kleine Jungs, so unreif wie ihr Bandname." Aber sie sind keine Jungs, sondern erwachsene Männer. Und für einen Tobsuchtsanfall reicht dem erwachsenen Sänger der Dickies eine einzelne Frau mit einem Protestschild (es war keine ganze Gruppe, wie Phillips behauptete).

Diese Wut sitzt bei Männern wie Phillips immer ganz dicht unter der Oberfläche und wartet nur darauf hervorzuschäumen. Das erkennt man selbst dann, wenn sie ihre Bühnenfigur spielen. Sie werden nicht gern kritisiert oder infrage gestellt, erst recht nicht von Frauen. Und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ist eben nur für sie, nicht für andere. Schlimmer noch, sie sehen die Meinungsäußerungen anderer als einen direkten Angriff auf ihr eigenes Recht und reagieren dann oft, wie in diesem Fall, mit Wut und Hass.

Das ist nicht Punk. Vielleicht war es das mal. Vielleicht war es noch aufregend und revolutionär, einfach alles zu Kleinholz zu machen, als die USA im konservativen Schatten der Reagan-Ära lagen. Aber heute sitzt Donald Trump im Weißen Haus, und während die Mächtigen auch heute konservativ sind, sehen sie gleichzeitig aus wie die Mitglieder der Dickies, plus Anzug. Es kommt sogar überraschend oft vor, dass Bands so aussehen und klingen wie die Leute, gegen die sie wettern. Leute, die Frauen hassen. Leute, die Homosexuelle hassen, und alle die nicht weiß sind, und Flüchtlinge, und Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Für uns klingen diese Musiker kein bisschen anders als ihre erklärten Feinde.

Von der Hasstirade wurde mir richtig schlecht. Ich hatte das Gefühl, Phillips schreit gerade mich an. Diese brennende Wut habe ich auch schon abbekommen, nur weil ein Fremder mich nicht fickbar fand. Und damit wir uns da verstehen: Sie finden mich eben schon meistens fickbar, aber nur, bis ich anderer Meinung bin oder für meine eigenen Rechte eintrete. Dann bin ich eine scheiß Fotze, die er doch sowieso nie ficken wollte.

Der Gründer der Vans Warped Tour Kevin Lyman twitterte: "Die Tour heißt diesen unglücklichen Vorfall keinesfalls gut. Die Band ist nicht länger bei der Tour dabei." Ich hoffe, dass Warped sie auch in Zukunft nicht mehr buchen wird. Das Positive an dem Ganzen? Wir haben danach ein Treffen abgehalten, um den Vorfall zu besprechen, und mit der Warped Tour eine Präventionsstrategie entwickelt: Bandmitglieder werden auf der Tour Zivilcourage-Training kriegen. Hasserfüllte Männer, die uns ihre Wut entgegenschreien, kriegen selten mit, dass sie unseren Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit mit ihrem Verhalten nur noch antreiben. An dieser Stelle sage ich also: Dankeschön, Dickies.

Die öffentliche Kritik wuchs und die Dickies bezogen auf ihrer Facebook-Seite Stellung. Unter anderem schreibt Phillips in dem Post:

"Irgendwann hat mich dann die Wut überkommen. Ich habe ihr mitgeteilt, was ich von ihrem altersdiskriminierenden, fiesen, Leonard-hassenden Benehmen halte. Ich habe sehr anstößige Wörter verwendet. Ich weiß, dass das Wort 'Fotze' ein sehr aggressives ist und dass viele Frauen von [sic] diesem Wort schon beschimpft wurden. Ich hätte sie 'Arschloch' nennen sollen.

Das war nicht mein stolzester Moment ... aber das war es auch nicht, als ich damals auf das Publikum urinierte. Ich war auch nicht da, um jemandes Kind zu 'missbrauchen'. Ganz ehrlich, so attraktiv mein Publikum auch ist, ich will mit niemandem dieser Leute Oralsex."

Der Vorfall beleuchtet ein häufig übersehenes Problem, das die gesamte Musikbranche belastet. Hauptsächlich haben männliche Künstler Anfang 20 in den letzten Jahren mit sexueller Belästigung und Übergriffigkeit Skandale bei Warped verursacht. Aber es gibt eben auch ältere Männer, die ihre "Punk/Rock/Metal bedeutet, ich darf alles sagen"-Fahne schwenken, um Leute angreifen oder gefährden zu können. Das wird dann meist beiseite gewischt, weil es sich um die Urgesteine des Genres handelt, die in der Branche die besten Verbindungen haben. Aber wie sind sie überhaupt in diese Position gelangt? Früher waren sie auch mal junge Männer, die getestet haben, mit wie viel sie eigentlich davonkommen. Und dass die Antwort "eine ganze Menge" lautet, lernen sie jedes Mal, wenn ein Freund einfach wegschaut, und jedes Mal, wenn Opfer zum Schweigen gebracht und verspottet werden, nur weil der Täter diesen einen guten Song geschrieben hat.

Genau deshalb müssen wir etwas sagen, wenn jemand sich schlecht benimmt. Ganz besonders, wenn dieser jemand ein Freund von uns ist – und egal in welcher Band er spielt.

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Dieser Artikel ist im Original bei Noisey USA erschienen. Mehr zum Thema von Noisey Deutschland:

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