Mode

Lasst den Man Bun in Ruhe!

Schon seit Anbeginn der Zeit verknoten Männer ihre Haupthaar zu einem Dutt – und daran werden auch all die Hater nichts ändern.
4.7.17
Foto: Marvin Meyer | Unsplash | CC0

Wie wir inzwischen wahrscheinlich alle mitbekommen habe, gibt es nun auch Kens in allen möglichen Varianten – und einer von ihnen trägt seine langen Haare in einem Plastikdutt. Natürlich musste das Internet erst einmal tagelang fieberhaft darüber diskutieren, ob diese Frisur nun überhaupt angebracht ist oder nicht. Einige Männer haben sich sogar gefragt, wann dieser "Trend" denn endlich aussterben und in Vergessenheit geraten würde.

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Dass der Man Bun immer wieder auf öffentliche Ablehnung stößt, ist nichts Neues. Schon seit 2012 berichten verschiedene Zeitungen mit einem gewissen Zynismus über den effektvollen Haarschopf. Die New York Times erklärte damals abschätzig: "In Vierteln wie Williamsburg und Bushwick tragen junge Männer ihre langen Haare zu einem Dutt verknotet, den man sonst immer nur von Bibliothekarinnen, Schullehrerinnen und Katharine Hepburn kannte."

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Die Diskussionen über den Man Bun sind zwar gerade mal fünf Jahre alt, die Frisur selbst ist aber alles andere als neu. Tatsächlich reicht seine Geschichte schon "mehrere tausend Jahre" zurück, wie E-J Scott erklärt. Er ist Modehistoriker und arbeitet als Kurator am London College of Fashion. Ein Beispiel seien unter anderem die "Bronzestatuen aus der Harappa-Stätte von Daimabad, die aus dem dritten Jahrtausend vor Christus stammen." Außerdem bestätigt Scott, der eindeutig sehr viel mehr über den Man Bun weiß als der Durchschnittsredakteur, dass der Man Bun und lange Haare "in ganz Asien knapp 1.000 Jahre lang ein bedeutendes Statussymbol waren, das Männlichkeit und religiöse Frömmigkeit symbolisierte." Um 1300 wurde der Man Bun auch von Māori-Kriegern in Neuseeland getragen. Sie nannten die Frisur tikitiki und pflegten ihre Haare mit natürlichen Pflanzenextrakten.

Während der Joseon-Dynastie (1392–1897) "trugen koreanische Männer einen sogenannten Sangtu", sagt Scott. Und auch die japanischen Samurai haben sich in der Edo-Zeit (1603–1868) traditionell ihre Haare abrasiert und ließen nur einen Zopf stehen – ein Haarschnitt, der sich Chonmage nannte. "Wir sollten Frisuren wie den Man Bun als ein komplexes Symbol der internationalen Harmonie und Verständigung zwischen Männern sehen", ist der Experte überzeugt.


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Trotz seiner reichen kulturellen Geschichte, wird der Männerdutt mittlerweile mit einer ganz bestimmten Sorte Mann in Verbindung gebracht: dem Hipster. Einer Gruppe von Menschen, die man einst daran erkannte, dass sie enge Hosen und Flanellhemden trugen und sich in den gentrifizierten Vierteln von Großstädten niederließen. Der Man Bun war für viele einfach eine weitere modische Marotte von den Männern mit Bärten und Rennrädern, die viel zu viel Geld in großen Kaffeeketten ausgaben.

Myles lebt im hippen New Yorker Stadtteil Brooklyn und findet die Kritik am Man Bun nicht nur anstrengend, sondern auch ziemlich belanglos. "Ich versuche nicht, wie ein 'Hipster' auszusehen", sagt er. Er hätte schon lange Haare gehabt, als er noch ein Teenager war. "Außerdem komme ich aus Vermont. Ich habe also schon immer Flanellhemden getragen."

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Die andauernden Hipster-Vergleiche grenzen in seinen Augen an Belästigung. Inzwischen nervt es ihn nur noch, sich ständig für sein Aussehen rechtfertigen zu müssen. Außerdem ist er der festen Überzeugung, dass lange Haare "einfacher zu pflegen sind als kurze Haare", weil man Letztere immer stylen müsse. Lange Haare könne man hingegen einfach zusammenbinden.

Einmal kam ein junger Mann in einer Drogerie auf ihn zu, um ihm zu sagen, dass seine Haare wunderschön seien.

Auf meine Frage, wie sie auf diesen kontroversen Männerhaarschnitt aufmerksam geworden sind, haben die meisten Man-Bun-Träger eine ähnlich simple Antwort. "Ich bin ein Mann. Ich habe Haare", sagt Timothy. "Und manchmal trage ich sie eben als Dutt. Das ist das Einfachste, wenn ich meine Haare aus dem Gesicht haben will." David hingegen sieht in seiner Frisur hingegen einen Ausdruck seiner Identität – ein Gefühl, das vermutlich jeder Mensch kennen dürfte, der Haare hat. "Ich pflege meine Haare auch ziemlich gern", sagt er.

Dass es Menschen gibt, die Vorurteile gegenüber der inhärenten Symbolik ihrer Frisur haben, scheint die beiden nicht zu stören. Allerdings ist ihnen durchaus bewusst, dass es gewisse Vorurteile gibt: Davids Haare reichen ihm mittlerweile bis über die Schultern, was zur Folge hat, dass er "immer öfter von anderen Männern verbal belästigt wird", sagt er.


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"Vergangenen Sonntag kam ich in meiner Nachbarschaft in Brooklyn an einer Gruppe betrunkener Männer vorbei, die mir über einen halben Block lang nachgerufen haben", sagt er. Er kann sich nur an eine einzige, positive Begegnung erinnern, die er durch seine Haare gemacht hat: Einmal kam ein junger Mann in einer Drogerie auf ihn zu, um ihm zu sagen, dass seine Haare wunderschön seien. Außerdem wollte er wissen, wie er seine eigenen Haare genauso lang wachsen lassen könne. Aufmerksam wie er ist, hat David ihm daraufhin noch den Weg zu den Nahrungsergänzungsmittel gezeigt.

Die meisten Man Bun tragenden Männer, mit denen ich mich unterhalten habe, kennen die kritischen Blicke, die sie mit ihren Haaren auf sich ziehen. Das hat laut ihnen allerdings nicht immer nur mit den Vorurteilen gegen Hipster zu tun, sondern vielmehr mit ihrer vermeintlich atypischen Repräsentation von Männlichkeit. "Die Gesellschaft hat ein Problem damit, wenn Männer weibliche Attribute haben", sagt Timothy. Vielen Menschen sei es nach wie vor unangenehm, wenn Männer aussehen wie Frauen.

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"Ich würde meinen Dutt persönlich niemals geschlechtsspezifisch betrachten wollen", sagt David. "Ich habe kein Interesse daran zu kontrollieren, was andere mit ihrem Körper machen."

Scott überrascht es kaum, dass etwas so Einfaches wie eine Frisur so dramatische und intensive Reaktionen provozieren kann. "Wenn wir Männer sehen, die den Man Bun als modisches Statement tragen, dann denken wir kaum darüber nach, dass der Man Bun eine komplexe kulturelle Geschichte hat", sagt Scott. "Doch wenn westliche Männer verschiedene Stile aus der Vergangenheit und aus anderen Kulturen übernehmen und wissen, woher sie kommen und was sie bedeuten, dann können wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, dass Mode nicht nur unsere eigene Identität widerspiegelt, sondern auch die reiche und facettenreiche Welt, in der wir leben."

Denkt an diese Worte, wenn ihr euch das nächste mal über jemanden lustig machen wollt, nur weil euch seine Frisur nicht gefällt.

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