Was wir von alten Menschen über das Feiern lernen können
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Popkultur

Was wir von alten Menschen über das Feiern lernen können

Vier Hamburger Rentner tanzen in der Doku 'Faltenrock' gegen das Alter an. Wir haben die Filmemacherinnen gefragt, wie viel auf Ü60-Partys getrunken, geflirtet und geknutscht wird.
26.6.17

Für uns junge Menschen ist Feiern nicht besonders kompliziert: Wir können uns, wenn wir in der richtigen Stadt leben, einen von unzähligen Clubs aussuchen, der unsere Musik spielt, und finden dort Gleichgesinnte in unserem Alter – um den kollektiven Kontrollverlust zu zelebrieren oder das BAföG sinnvoll anzulegen. Wenn man über 60 Jahre alt ist und feiern möchte, gestaltet sich das in der Regel schwieriger, es sei denn, die Ü60-Schlagerparty im Ferienhotel spricht einen an. Oder man lebt in Hamburg und kann zum Faltenrock gehen.

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Der Faltenrock ist eine Tanzveranstaltung und findet seit bald sechs Jahren jeden letzten Sonntag im Monat im Hamburger Gängeviertel statt. In dem historischen Arbeiterviertel, das heute ein Kunst- und Kulturzentrum Hamburgs ist, treffen sich dann an die hundert Menschen über 60 in der Bar Fabrique, um Wein zu trinken, die Musik ihrer Jugend zu hören und zu tanzen. Das mit dem Alter meinen die Faltenrocker ernst. Auf ihrer Website steht: "U60 kommt nur in Begleitung von Ü60 hinein". Mittlerweile gibt es aufgrund der großen Nachfrage noch zwei Party-Ableger in Hamburg.

Die beiden Hamburgerinnen Janina Rasch (31) und Leonie Kock (30) waren zwei Jahre mit der Kamera bei der Faltenrock-Disco dabei. In dieser Zeit haben sie vier Stammgäste – zwei Frauen und zwei Männer – begleitet. Gerade erschien der erste Teaser zu ihrer Doku. Mit einer Crowdfunding-Kampagne wollen sie jetzt die letzten Schritte der Produktion finanzieren. Wir haben mit Janina und Leonie über das Feiern, das Tanzen und Flirten im Alter gesprochen.

VICE: Wie seid ihr als junge Frauen in diese ungewöhnliche Partyszene hineingerutscht?
Leonie Kock: Bei mir war das vor vier Jahren. Ich war viel im Gängeviertel unterwegs und half dann auch mal an der Bar des Faltenrock aus. Meinen ersten Abend dort fand ich wahnsinnig beflügelnd. Die Stimmung war unglaublich, die älteren Menschen haben krass abgedanct. Danach habe ich dann weiter hinter der Bar und beim Aufbau geholfen. Und weil ich schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte, nach dem Studium eine Doku zu machen, sprach ich mit den Gästen darüber.
Janina Rasch: Und ich war damals bei einer Drehbuch-Werkstatt und wollte eine Doku über das Altern machen. Ein Freund erzählte mir dann von der Faltenrock-Disko. Als ich mir die zum ersten Mal anschaute, war ich total fasziniert – obwohl ich erstmal recht ruppig empfangen wurde. Eine ältere Frau fragte mich: "Was willst du denn hier, du bist doch ein junges Mädchen, willst du uns hier die ganzen Typen wegnehmen?" Dann habe ich aber meine Kamera ausgepackt und mich offenbart. Am selben Abend habe ich Leonie hinter der Bar kennengelernt. Und so standen wir zwei Jahre lang mal hinter der Bar, mal hinter der Kamera, und sind dabei richtig in diese Feier-Gemeinschaft hineingewachsen.

Wie unterscheiden sich die Jungen von den Alten beim Feiern?
Janina: Die "Faltenrock"-Party fängt schon um 17 Uhr an. Und dann geht auch die Hälfte wieder vor dem Tatort, damit sie den nicht verpasst. Die Letzten gehen gegen 23 Uhr. Dazwischen wird extrem viel getanzt. Die meisten kommen wirklich, um drei Stunden volle Kanne durchzutanzen. Wenn ich das mit uns jungen Leute vergleiche, fällt mir oft auf, dass die Alten sehr individuell tanzen. Bei uns gibt es ja je nach Musikstil gewisse "Moves", die alle mehr oder weniger nachtanzen. Die Faltenrock-Gäste sind beim Tanzen mehr bei sich.


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Wie sieht das dann aus?
Janina: Ein Mann kommt zum Beispiel immer rein, zieht seine Schuhe aus und die Tanzschlappen an. Dann beginnt er zu tanzen, bewegt seine Arme ausladend, rennt die Treppe hoch und runter, schnappt sich ab und zu eine Frau – das ist wie so ein Ausdruckstanz.
Leonie: Den nennen die Gäste beim Faltenrock auch den Gummimann. Weil er immer von Ecke zu Ecke hüpft. Aber es sieht gut aus.
Janina: Eine andere Frau tanzt immer für sich alleine. Sie tanzt einen Walzer, tut so, als würde sie mit jemandem tanzen und schreitet dabei erhaben durch die Menge. Und dann gibt es noch Volker, der eher so der Player-Typ ist und sich Frauen schnappt und herumwirbelt. Die meisten der Feiernden haben in ihren jungen Jahren eine Tanzschule durchlaufen. Viele erzählen davon als traumatisches Erlebnis: Frauen, die stundenlang darauf warteten, dass sie ein Mann auffordert. Oder Männer, die unter dem Druck litten, auffordern und führen zu müssen. Der Faltenrock ist für viele also auch eine Befreiung – endlich mal alleine tanzen zu können – und für Frauen gleichzeitig auch ein emanzipatorischer Akt, weil sie nicht mehr mit einem Mann tanzen müssen.

Haben die Alten uns Jungen beim Feiern etwas voraus?
Leonie: Sie haben auf jeden Fall weniger das Gefühl, beobachtet zu werden. Es herrscht mehr Narrenfreiheit. Die Alten tanzen freier und bewegen sich spackiger als viele von uns jungen Leuten, würde ich sagen. Beim "Faltenrock" hat man das Gefühl, dass die Leute die Angst davor verloren haben, von anderen verurteilt zu werden, wenn sie sich komisch bewegen.
Janina: Soweit ich weiß, nimmt auch niemand Drogen, um sich gehen zu lassen. Sie genießen die Gemeinschaft, wollen aber niemandem mehr etwas beweisen. Der Flirtfaktor spielt schon eine Rolle, aber jemanden aufzureißen, ist nicht das erklärte Ziel, das einen gelungenen Abend ausmacht.

Leonie (links) und Janina (rechts) | Foto: Screenshot

Ist der Faltenrock auch eine Partnerbörse für ältere Menschen?
Janina: Die meisten Gäste suchen beim Faltenrock nichts Festes. Aber sie genießen es total, mal wieder mit einem Mann oder einer Frau zu tanzen. Viele Frauen kommen aus einer Ehe, wo der Mann gestorben ist und sie ihn vorher lange gepflegt hatten. Für die ist der Faltenrock dann der erste Moment, in dem sie mal wieder rausgehen und sich von der harten Zeit befreien. Viele Frauen, die dann unabhängig sind, wollen keine Beziehung zu einem neuen Mann mehr, den sie am Ende dann doch nur wieder pflegen müssten. Aber es gibt auch ein paar Pärchen, die sich beim Faltenrock kennengelernt haben. Und ich sehe es auch ganz oft, dass jemand an der Bar nach Stift und Zettel fragt, um Nummern auszutauschen.
Leonie: Es gibt auch welche, die kommen zu zweit zum "Faltenrock" und knutschen dann rum. Für sie ist das ein Ort, an dem sie sich gehen lassen können.

Das klingt alles sehr locker – hilft da auch das ein oder andere Glas Alkohol nach?
Leonie: Die meisten brauchen schon ein Sektchen, um reinzukommen. Aber es gibt wenige, die auch Gin Tonic oder hartes Zeug trinken. Eher Wein und den auch in Maßen.
Janina: Und es wird definitiv mehr Schorle und Wasser zwischendurch getrunken. Die Älteren betrinken sich nicht ganz so wie die Jugend, und wenn, achten sie auf ihren Wasserhaushalt.

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Was motiviert die Alten, rauszugehen und zu tanzen?
Janina: Für viele ist der Faltenrock einfach ein fixer Termin im Monat, auf den sie hinfiebern.
Leonie: Zum Beispiel für Mechthild. Sie hat mir gezeigt, dass Menschen es nicht immer cool finden, als "Oma" bezeichnet zu werden, weil sie sich dann nicht als Person wahrgenommen fühlen. Mechthild hat einen Gehstock, weil sie mal an der Hüfte operiert wurde. Beim Tanzen stellt sie den Stock aber in die Ecke. Für sie ist das Tanzen eine körperliche Befreiung. Auch während der Dreharbeiten hatte sie eine Hüft-OP und konnte nicht mehr laufen, geschweige denn tanzen. Sie musste das Laufen wieder lernen – und hat sich dabei selbst motiviert, indem sie bei jedem schmerzhaften Schritt ihr Lieblingslied von AC/DC – "Highway to Hell" – innerlich intoniert hat. Ihr hilft die Musik, wenn sie wieder gehen möchte.
Janina: Auch für Volker ist das Tanzen eine Befreiung. Wegen einer Kinderlähmung geht er schon immer ein bisschen schief und humpelt. Aber tanzen geht besser als gehen, da ist er dann der König. Er ist sehr extrovertiert und flirtet gerne. Auch um den Schmerz zu überspielen, dass seine Söhne sich nicht bei ihm melden. Mit ihnen versucht er, über Facebook Kontakt zu halten. Da ist er sehr aktiv, flirtet mit Frauen, postet Tiervideos. Das ist sein Fenster zur Welt. Manchmal sitzt er die ganze Nacht vor Facebook. Ein anderer älterer Mann beugt sich jedes Mal wieder über die Bar und sagt: "Ich verrat' Ihnen mal ein Geheimnis: Das hier ist meine Physiotherapie."

Mechthild

Mechthild Foto: Screenshot

Was bedeutet es jetzt für euch, alt zu sein?
Janina: Ich habe gemerkt, wie individuell sich "Alt-Sein" definiert. Die Menschen, die wir kennengelernt haben, sind alle im Kopf sehr jung. Das liegt vor allem an ihrer Flexibilität. Deswegen finde ich das Tanzen als Symbol auch so schön. Sie halten sich jung, indem sie ihren Körper bewegen.
Leonie: "Man ist so alt, wie man sich fühlt" ist ein billiger Spruch, aber er stimmt schon. Man wird ja selbst älter und fängt an, über das Altern nachzudenken. Was ich an mir merke: Ich denke in Schritten von 30, 40, 50 und fürchte mich vor dem Älterwerden. Gerade habe ich die 30 erreicht. Die älteren Menschen, die wir kennengelernt haben, haben sich mit ihrem Alter angefreundet und gelernt, dass sich in jeder Lebensphase neue Türen öffnen und man vieles neu entdecken kann. Solange man körperlich fit ist, man sich bewegen kann, steht einem eigentlich alles offen. Ich habe gelernt, dass man sich von den Erwartungen, Ideen und Vorschreibungen eines bestimmten Alters befreien muss.

Ist man denn je zu alt zum Feiern?
Leonie: Nein, nie. Weißes Haar hindert einen nicht daran, ausgelassen feiern zu können.
Janina: Tanzen ist eine Einstellungssache. Das geht auch noch auf Krücken irgendwie – und wenn nicht, tanzt man halt einfach innerlich.

Was nehmt ihr als Lektion der Ü60-Generation für euer eigenes Feierleben mit?
Leonie: Beweg dich frei und sei frei. Versuch nicht, bestimmten Leuten zu gefallen, sondern lass einfach die Sau raus.

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