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Drogen

Wie ich beim Turbo-Entzug die Kontrolle über meinen Körper verlor und was mein wiederbelebter Kumpel so trieb

Anekdoten aus dem Leben eines Heroin- und Kokainsüchtigen – Teil 3.

von Gaston Latz
21 Juni 2017, 9:17am

Collage: Rebecca Rütten | Alle Fotos: Pixabay

Klar, dass Drogen süchtig machen können, wisst ihr. Was heißt das aber konkret für das Leben von Süchtigen, wie tief sind die Abgründe? Darüber schreibt Gaston.

In diesem Teil der Erinnerungen aus meinem Junkiedasein geht es um einen meiner vorläufigen Tiefpunkte, im Jahr 2014. Was davor passierte, könnt ihr in Teil eins und Teil zwei nachlesen.

Ein Freund aus Bayern besuchte mich und meine Freundin Maggy in Berlin, die ebenfalls auf Heroin war. Wir trafen uns gerne mit ihm, weil er in Berlin immer große Mengen Heroin und Rohypnol (ein starkes Benzodiazepin, ja, genau das aus Hangover) einkaufte, um das Zeug in Bayern zum doppelten bis dreifachen Preis loszuwerden. Dabei fiel für uns immer ein guter Teil ab. Wir trafen ihn am Hermannplatz, stiegen dort in den Dachstuhl eines Mietshauses und machten uns jeder einen Schuss. Ich war gut drauf, meine Freundin war gut drauf – aber Franz, so der Name unseres Freundes, war zu drauf. Er hatte nämlich schon fünf oder sechs Rohypnol drin und als er sich dann noch ein halbes Gramm Heroin auf einmal drückte, fiel er sofort um. Blaue Lippen, Überdosis. Zum Glück wusste ich, wie man Überdosierte wieder zurückholt, und begann sofort mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung. Das klappte auch soweit, dass Franz zumindest wieder atmete, wenn er auch nicht bei Bewusstsein war.

Das wollte ich ausnutzen und mir als Belohnung für meine Lebensrettung einen Schluck aus seiner Pulle Tilidin (ein häufig als starkes Schmerzmittel angewandtes Opioid) genehmigen. Das tat ich auch, aber nur, um circa eine Minute später ein äußerst schmerzhaftes Reißen im Darm zu verspüren, das mich Schreckliches ahnen ließ.


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Ein Schmerzmittel mit einer gefährlichen Zutat

Als ich die Flasche genauer betrachtete, fiel mir das Entsetzliche auf: "N-Tilidin" stand darauf. Es handelte sich also um Tilidin, das mit Naloxon versetzt war, um Junkies daran zu hindern, das Zeug zu nehmen. Naloxon ist ein sogenannter "reiner Opioidantagonist". Das bedeutet, dass dieses Teufelszeug alle Opiate aus deinen Rezeptoren rauskickt, wenn du es nimmst, sodass du als Abhängiger innerhalb von Sekunden komplett entzügig bist. "Turbo-Entzug" heißt das bei Junkies, oder auch "Turbo-Affe".

Dass mir ein solcher nun bevorstand, war mir also klar. Was mich genau erwartete, wusste ich jedoch nicht. Nur dass es wahrscheinlich schlimmer werden würde als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich sollte mich nicht täuschen. Ich spürte, wie sich in meinen Darm ein Gewitter zusammenbraute und gab meiner Freundin den Auftrag, runter zu McDonald's zu gehen und so viele Servietten wie möglich mitzubringen. Als Maggy wieder zurückkam, war es bereits passiert – ich saß mitten in diesem Hausflur auf einer riesigen Lache Dünnschiss und konnte nicht aufhören, neue zu produzieren.

Eine Treppe weiter oben war Franz weiterhin in Opiatträumen gefangen, während ich hier unten Höllenqualen ausstand. Der Turbo-Entzug war wirklich so schlimm, wie alle es mir erzählt hatten: Aus allen Löchern brachen meine Körperflüssigkeiten heraus, mein Schweiß lief mir in Strömen herunter und ich bemerkte, dass mein Geist sich trübte. Ich bewegte mich auf ein Delirium zu. Als ich das meiner Freundin Maggy vermitteln wollte, musste ich allerdings feststellen, dass ich meine Zunge nicht mehr kontrollieren konnte. Ich lallte so stark, dass sie mich kaum verstand. In diesem Moment hatte ich Angst, einen irreparablen Gehirnschaden davonzutragen.

Der Autor in der Zeit, als sich diese Geschichte ereignete


Nächste Station: Krankenhaus

Als Franz wieder wach war und einigermaßen ansprechbar, riefen er und meine Freundin ein Taxi und brachten mich ins Krankenhaus. Dort war allerdings die einzige Auskunft, die sie von einer Ärztin erhielten, dass gegen einen reinen Antagonisten auch die Verabreichung von Opiaten nichts helfe und ich das jetzt für circa zwölf Stunden durchstehen müsse. Die beiden sollten darauf achten, dass ich bei Bewusstsein bliebe (was nicht ganz einfach war), da im Falle einer Ohnmacht leicht der Tod durch Atemlähmung oder das Verschlucken der Zunge eintreten könne. Franz und Maggy beharrten zunächst darauf, dass mich das Krankenhaus aufnehmen solle, sie konnten nicht fassen, dass man mich einfach abwies.

Junkies stehen in der ungeschriebenen Patientenhierarchie beim Krankenhauspersonal noch unter Alkoholikern. Straßenjunkies sind oftmals dreckig (ich roch nach Dünnschiss), unverschämt, fordernd (dazu hatte ich nun keine Kraft mehr) und hinterlistig. Sie bestehlen andere Patienten oder klauen Medikamente (das hatte ich auch schon bei diversen Gelegenheiten getan). Ein Verhalten, das an unterlassene Hilfeleistung grenzt, rechtfertigt das trotzdem nicht. Denn auch wenn sie mir im Krankenhaus mit Medikamenten nicht gegen den Turbo-Entzug hätten helfen können, ich wäre zumindest unter Beobachtung gewesen und hätte im Ernstfall wiederbelebt werden können. Sie schickten mich weg und überließen mich der Aufsicht zweier Junkies, von denen einer circa eine Stunde vorher noch tot gewesen war.

Nun begann mein Martyrium: Da meine Freunde trotz meines kritischen Zustandes weiterhin Geld für ihre Drogen besorgen mussten, schleppten sie mich den ganzen Tag durch die Stadt, und das bei minus zehn Grad, es war Januar. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, musste immer gestützt werden, fiel mitten in der U-Bahn um und war den beiden eine Last. Aber immerhin, sie ließen mich nicht irgendwo liegen, was manch anderer Junkie sicherlich getan hätte.

Ich kann mich nur an Fragmente aus den ersten sechs oder sieben Stunden dieses Zustands erinnern. Der erste Fetzen handelt davon, wie Maggy und Franz versuchen, mich in der U-Bahn auf einen Platz zu setzen, aber ich rutsche immer wieder auf den Boden und wälze mich dort in Krämpfen. Dann erinnere ich mich, wie ich an irgendeiner zugigen Ecke mit den Zähnen klappernd auf Franz warte, der mit einem Dealer unterwegs ist, während Maggy mich mühsam auf den Beinen hält. In der nächsten Erinnerung stehe ich vorm Bahnhof Zoo und möchte mich bei Maggy bedanken, dass sie mir so lieb hilft und mich nicht hängen lässt; als ich sie umarmen und küssen möchte, weicht sie angeekelt zurück, weil ich nach Kacke stinke. Wir müssen beide ein bisschen darüber lachen.

Gegen Abend wurde es dann etwas besser, und ich traute mich, ein Bier zu trinken, was sich allerdings als Fehler erweisen sollte: Zuerst fiel ich mit der Flasche die Treppen am Frankfurter Tor hinunter und zerschnitt mir übel die Hand, dann kam das Bier wieder raus – allerdings nicht aus dem Mund. Ich hatte nicht mal mehr die Zeit, mir die Hose herunterzuziehen. So saß ich dann also vollgekackt, blutend und halluzinierend eine Station weiter am U-Bahnhof Samariterstraße (Franz und Maggy waren gerade unterwegs, um Heroin für den Abend zu kaufen), als sich mir eine Gruppe junger Araber näherte, gekleidet in Lederjacken von Carlo Colucci, stilsicher kombiniert mit Trainingshosen und Alpha-Industries-Pullovern. Einer trug einem Aktenkoffer in der Hand.

Zu meinem Pech erblickten sie mich, grinsten und setzten sich dann neben mich. Ich erwartete das Schlimmste. Ich hatte ja immer wieder von totgetretenen oder angezündeten Obdachlosen gehört. Das Einzige, was passierte, war allerdings, dass der Anführer der Gruppe mich fragte: "Weißt du, was in dem Koffer ist?" Ich verneinte. "Kokain", sagte er, "eine Droge für reiche Leute", und dann spuckte er mir ins Gesicht. Dann kam zum Glück meine Bahn. Es war eine furchtbare Fahrt, denn natürlich merkten alle, dass ich nach Scheiße roch, aber irgendwie war mir das in meinem Zustand auch schon wieder egal. Auf Entzug kennt man keine Würde.

Endlich im Obdachlosenheim

Als ich endlich zu Hause angekommen war, also im Obdachlosenheim, in dem ich damals wohnte, waren Franz und Maggy schon da. Sie hatten zwei Kugeln Heroin für mich dabei. Ich zog es mir sofort durch die Nase, da mittlerweile über zwölf Stunden seit meinem Naloxonkonsum vergangen waren und das Heroin jetzt wieder Wirkung zeigte. Dann befreite ich mich von meinen vollgeschissenen Klamotten, legte mich aufs Bett. Es war herrlich, die Erlösung.

Dass Franz kurz darauf im Bett direkt daneben meine Freundin fickte, wohl weil sie dachten, dass ich nach diesem ganzen Stress jetzt schliefe, nahm ich ihnen dann auch nicht mehr übel.

So war das damals und so war ich damals. Und auch wenn ich solche Geschichten vor Freunden und Bekannten schon öfter mal zum Besten gegeben habe, als seien es bloß spaßige Storys vom letzten Wochenende, muss ich schon sagen, dass ich beim Nachdenken über mein damaliges Leben und das, was für mich "alltäglich" war, noch im Rückblick Angst bekomme: Angst vor mir selber, vor meiner Sucht und vor dem, was sie mich tun ließ, wohin sie mich führte. Diese Geschichten sind zwar Vergangenheit, aber als Abhängigkeitserkrankter kann mir nie sicher sein kann, dass ich nicht eines Tages wieder Ähnliches erlebe.

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