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Die „Junge AfD“ will, dass Frauen einfach die Klappe halten

Die „Junge AfD“ meint ihre Facebook-Aktion gegen Feminismus leider ernst. Zwei der stolzen Anti-Feministen erklären uns, weshalb sie mit ihren Schildern das „Projekt Feminismus“ für beendet erklären.

Die AfD war bisher eine Ein-Themen-Partei, die sich hauptsächlich gegen den Euro einsetzte. Mittlerweile scheint dieses Thema aber ein bisschen langweilig geworden zu sein und man weitet sich aus. Man besinnt sich auf christliche Werte und ist jetzt auch gegen Schwule, Moscheen und selbstverständlich Feminismus. Toll. Letztes Wochenende erschienen auf der Facebook-Seite der Jugendorganisation der AfD Bilder von Mitgliedern, die Schilder hochhielten, auf denen stand, warum sie keine Feministinnen bzw. Feministen sind. Darunter finden sich dann solche Perlen wie: „Ich bin kein Feminist, weil ich Vernunft über Genderwahn stelle.“ Oder „Ich bin keine Feministin, weil jede Frau selbst entscheiden kann ob sie Hausfrau wird“ (oder Kommas setzt). Weswegen ich auch, ehrlich gesagt, dachte, es handle sich bei dieser Geschichte um einen mehr oder minder lustigen Scherz.

Dem scheint aber nicht so zu sein. Die „Junge AfD“ meint das Ganze leider ernst. Lorenz Kreft (21) und Angeline Hoffmann (23) sind Mitglieder der AfD, offenbar stolze Anti-Feministen, kandidieren beide für die Partei und erklären uns, warum sie das „Projekt Feminismus“ für beendet erklären.

LORENZ

VICE: Findest du es nicht ziemlich schwierig, in den Raum zu stellen, dass du kein Feminist bist? Gerade als Politiker? Alleine schon weil es ohne Feminismus kein Frauenwahlrecht gäbe, kein Recht auf Abtreibung und so weiter. Findest du es wirklich legitim, dich mit so einem Statement in die Öffentlichkeit zu stellen?
Lorenz Kreft: Ich bin schon so erzogen worden, dass ich jeden Menschen respektiere. Unabhängig von Alter, Geschlecht, Körpergröße, Hautfarbe. Ich sehe den historischen Feminismus als sehr wertvoll an. Das historische Engagement der Suffragetten in England und von Simone de Beauvoir. Das Engagement und die erreichten Ziele des historischen Feminismus haben zu einer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung der Frauen in der heutigen Gesellschaft stark beigetragen, jedenfalls im Westen.

Das heißt, der Feminismus ist für dich eine historische „Ideologie“, die keine Daseinsberechtigung mehr hat?
Der Feminismus hatte gerade in den Anfangsjahren, als eine massive Ungleichbehandlung von Männern und Frauen alltäglich war, eine komplette Daseinsberechtigung, und ist dementsprechend heute noch wichtig, wenn es darum geht, das Erreichte zu verteidigen und auf eine wirkliche und tatsächliche Gleichbehandlung wert zu legen. Nur was schon viele meiner Altersgenossen und auch ich sehen, ist, dass es auch Fraktionen gibt, die mehr wollen. Die auf eine tatsächliche Gleichbehandlung nicht mehr bestehen, sondern Sonderrechte wollen. Die vielleicht auch einfach der Meinung sind, dass es nicht genug ist, aus welchen Gründen auch immer.

Also, die Feministinnen sollen sich jetzt endlich zufrieden geben, oder wie? Genug ist genug?
Genug hört sich natürlich jetzt sehr abweisend und sehr ablehnend an. Die Sache ist: Es ist sehr wertvoll, was die Frauen erreicht haben, und das gilt es zu wahren, aber sie sind mittlerweile sehr nahe an dem Punkt der tatsächlichen Gleichbehandlung bei uns. Die Bemühungen sind in anderen Teilen der Welt sehr wichtig, nur bei uns wüsste ich auch nicht mehr, was man jetzt noch wirklich großartig verbessern kann. Alles, was in Deutschland an Verbesserung angesetzt ist, läuft doch auf eine Verschlimmbesserung hinaus.

Na ja, unter anderem wäre da die Gender Pay Gap. Laut Statistischem Bundesamt liegt die immer noch bei 8%.
Also, grundsätzlich vertrete ich die Auffassung „gleiche Arbeit, gleicher Lohn“. Es geht ja auch um die Qualifikationen der Menschen, die man einstellt, und ich bin dem soweit geneigt, dass ich eine Frau mit 0,1 % schlechterer Qualifikation wahrscheinlich noch einstellen würde. Ich selbst studiere ja Physik und Meteorologie, bin also Naturwissenschaftler. Gerade in diesen Bereichen existiert noch eine Dominanz der Männer, die aber massiv am Verschwinden ist, was wohl im herausragenden Fleiß meiner Kommilitoninnen begründet ist.

Dafür braucht man keinen Feminismus mehr?
Das ist etwas, das sich in den nächsten zehn Jahren komplett lösen wird. Ich glaube nicht, dass man an diesem Punkt noch irgendwelche großen Aktionen oder einen Radikalismus an den Tag legen muss. Und mit solchen Bemühungen torpediert man auch das, was man selbst erreicht hat. Dann heißt es am Ende: „Die unersättlichen Frauen”. Vielleicht liegt einem da die Trotzreaktion nahe, man ist ja im Endeffekt auch nur ein Mensch.

Du sagst also, die Gleichstellung ist erreicht, da muss jetzt nicht noch weiter gearbeitet werden, alles Weitere würde zu einer Diskriminierung von Männern führen?
Ja, das kommt dem Ganzen sehr nahe.

Vor Kurzem wurde von der EU eine Studie über Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Das ist ja auch eine Sache, die im Feminismus eine wichtige Rolle spielt. Du sagst ja, du bist kein Feminist, um Frauen zu ehren. Gleichzeitig ist es aber so, dass Frauen in Deutschland täglich Opfer von Gewalt werden. Wie siehst du das in dem Zusammenhang?
Die Studie wurde ja, soweit ich weiß, in den skandinavischen Ländern erhoben?

Nein, in der ganzen EU.
Laut der Studie hat jede dritte Frau bis zu ihrem 15. Geburtstag schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Was ist körperliche Gewalt? Und jede 20. gab an, mindestens einmal vergewaltigt worden zu sein. Das würde mich schon sehr skandalisieren. Die Zahl erscheint mir einfach unglaubwürdig. Dunkelziffer hin oder her.

Was kritisierst du an der Studie?
Mich stört zum Beispiel, dass körperliche und sexuelle Gewalt zusammengenommen werden. Dann kommt da nochmal die größere Zahl raus.

Und wie sollte man das deiner Meinung voneinander trennen?
Wenn ich jetzt im Klassenzimmer geschubst werde, geht das für mich eher unter körperliche Gewalt statt sexuelle.

Du sprichst da aber auch aus einer privilegierten Position. Für ein Mädchen sieht das ja unter Umständen ganz anders aus.
Das stimmt. Also, ich bin der Meinung, auch mit der Fragestellung kann man einiges erreichen.

Die Frauenquote ist ja offenbar auch so ein Thema, das von der AfD abgelehnt wird. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es erst mal eine bestimmte „kritische Masse“ an Frauen in einem Unternehmen geben muss, bis sich tatsächlich Änderungen einstellen, und ab diesem Punkt eine verpflichtende Quote gar nicht mehr unbedingt nötig ist.
Dann soll das aber offen kommuniziert werden, dass es nur für bestimmte Zeitabschnitte gelten soll. Dann muss man auch mal sehen, dass man als Feminist selber sagt: „Wir stellen uns etwas verträglicher dar.”

Dich stört also das aggressive Auftreten der Feministinnen?
Auf jeden Fall. Weil man sich sehr schnell kriminalisiert vorkommt.

Als Mann?
Ja. In meinem Bekanntenkreis gibt es mindestens 18 geschiedene Männer. Da ist es natürlich schon die traurige Praxis, dass bis auf einen alle anderen ihre Kinder alle zwei Wochen für zwei Tage sehen, wo die dann auch gleich in den Gerichtssaal kamen und automatisch der böse Dinosaurier waren. So albern und lächerlich es auch klingt, es war wirklich so. Das ist diese automatische Kriminalisierung. Dann auch mit Blick ins Ausland, wo man sich in gewissen Ländern ja schon fast gar nicht mehr traut, einer Frau irgendwie hinterherzuschauen. Ich fordere auch ein Einsehen von der anderen Seite ein und nicht ein Zurückziehen hinter den Opferstatus.


ANGELINE

VICE: Was hast du gegen den Feminismus?
Angeline Hoffmann: Prinzipiell sehe ich den Feminismus als sehr wichtige Entwicklung in unserer Gesellschaft an, weltweit und auch deutschlandweit, weil es in unserer Gesellschaft zu meiner heutigen Rolle als Frau ungeheuerlich beigetragen hat. Es ist ganz, ganz wichtig. Natürlich bin ich froh, dass ich als Frau wählen gehen kann. Ich kann mir heutzutage meinen eigenen Bildungsweg aussuchen, kann entscheiden, wie ich leben will, das war alles vor knapp 100 Jahren noch nicht möglich. Von daher schätze ich den Feminismus als sehr wichtige Sache ein.

Warum dann diese Aktion?
Die Aktion an sich ist letztendlich die Gegenaktion gegen die Aktion der JuSos, die gesagt haben „Ich bin Feministin”. Das war eigentlich einfach nur die Gegenposition dafür.

Ist das nicht ziemlich platt, wenn die Reaktion daraus besteht, einfach das Gegenteil zu behaupten? Und es ändert ja nichts daran, dass du öffentlich bekundest, keine Feministin zu sein.
Ich unterstütze den Feminismus definitiv. Ich mache nur klar, dass ich als Frau den Feminismus nicht brauche, da ich selbst über mich bestimmen kann, da ich denke, der heutige Feminismus geht in eine strikt radikale Ecke. Ich habe als Frau das Recht, über mich selbst zu bestimmen, und finde es gut so, wie es ist. Das ist der Grund, warum ich sage, ich bin keine Feministin.

Also, das heißt, dass für dich das Ziel des Feminismus erreicht ist?
Nicht ganz erreicht, es ist natürlich wichtig, dass man immer die Entwicklung, die der Feminismus erbracht hat, wahrt, und dass dies auch immer neu diskutiert und aufrechterhalten wird. Das ist natürlich sehr wichtig.

Aber beim Thema Frauenquote ist Schluss?
Ich denke, dass das Thema Frauenquote besprochen werden muss. Die Frauen können sich in diesem Land heutzutage ihren Weg selbst auswählen. Ich selbst bin Studentin in einem naturwissenschaftlichen Fach und ich sehe, dass immer mehr Frauen in dem Studiengang sind. Von daher denke ich, dass es sich einfach mehr und mehr einstellen und ausgleichen wird. Ich denke, das ist ein Thema, das sich mit der Zeit selbst lösen wird.

Anti-Feministen und Maskulinisten sagen, der Feminismus, also vor allem die erste Welle, sei komplett sinnlos gewesen und dass es ein natürlicher gesellschaftlicher Prozess war, der Frauen das Wählen ermöglicht hat. Dieses Argument könnte man auch auf deins ausweiten, „Wir müssen da nichts machen, das ist ein natürlicher Prozess”, während sich aber historisch gezeigt hat, dass durchaus Aktion notwendig ist, um Veränderung zu erreichen.
Nein, also ich denke nicht, dass man das gleichsetzen kann. Der Feminismus ist eine gesellschaftliche Entwicklung gewesen, die sehr, sehr wichtig war, und es ist so, dass die Frauenquote nur ein Thema ist.

Radikale Feministinnen aus der zweiten und dritten Welle stören dich aber?
Diese radikale Richtung ist eigentlich genau das, was ich meine. Gleichberechtigung statt Gleichmacherei. Das Thema, dass Frau und Mann eins zu eins sein sollen, aber es sind ja immer noch zwei verschiedene Geschlechter. Und das ist der Punkt beim radikalen Feminismus, der für mich Gleichmacherei ist.

Und konkret?
Z.B. Frauen, die sagen, sie brauchen keine Männer. Das mag jetzt sehr plump klingen, aber ich finde, es ist auch als starke Frau schön, einen starken Mann an der Seite zu haben. Das ist für mich der schwerwiegendste Punkt; dass sie sagen, sie könnten rein theoretisch auf Männer verzichten, und ich finde, dass das nicht stimmt.

Außer, man ist jetzt lesbisch.
Ja, mag sein. Aber das ist eine andere Sache und das ist auch akzeptabel für mich.

Du sprichst jetzt also von heterosexuellen Frauen ...
Ich spreche jetzt nicht ausschließlich von heterosexuellen Frauen. Was Homosexualität angeht, das ist ein anderes Thema, für mich, wie gesagt, vollkommen akzeptabel. Das ist etwas, das mit der Privatsphäre zu tun hat, und da habe ich kein Mitspracherecht.

Ich kenne, um ehrlich zu sein, keine Frau, die sagt: „Ich könnte ohne Männer leben.” Warum sollte das so auch jemand sagen?
Ich kenne auch persönlich keine Frau, die das sagt, da ich keine feministischen Freunde habe oder keine, die eine starke feministische Meinung vertreten, von daher kann ich sagen, was ich lese und was ich über den Feminismus kenne, und da ist es so, dass es die Ansicht gibt, dass Frauen sagen, sie können jetzt auf Männer verzichten.

Was wiederum deinem Schild widerspricht. Das ist ja eigentlich genau das, was auch diese hypothetischen Frauen sagen.
Das mag stimmen, ich als Frau bin aber in der Lage, selbst über mich zu bestimmen, und ich als Frau wurde so erzogen, dass ich das auch so mitbekommen habe. Ich kann entscheiden, welchen Bildungsweg ich gehe, ich kann entscheiden, was ich an einem Freitagabend mache und welche politische Richtung ich einschlage. Und das ist das für mich, was ich mit dem Schild ausdrücken will. Dafür brauche ich keinen Feminismus.

Dich stören also diese „Frauen, die keine Männer brauchen“ und was stört dich noch?
Diese Gleichmacherei. Das Wort Gleichmacherei beschreibt es perfekt. Frauen, die den radikalen Feminismus vertreten, die zielen wirklich auf diese Gleichmacherei mit dem Geschlecht Mann ab und sie möchten diese Verschmelzung des Geschlechts haben, und das ist eben ein Punkt, der mich stört. Wir haben zwei Geschlechter, es gibt nun mal Mann und Frau, und das ist einfach grundlegend; das muss man einfach akzeptieren. Da kann man so viel debattieren, wie man will, es wird sicher auch in hunderttausend Millionen Jahren Männer und Frauen geben.

Wenn du auf die Genderforschung anspielst, dann geht es da um „Sex“, quasi das biologische Geschlecht und „Gender“, also das soziale Geschlecht, bei dem es um Rollen und Verhaltensmuster geht, die der Person von außen aufgedrückt werden.
Gender ist das Geschlecht und Sex ist das sexuelle Geschlecht, also das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Das zählt auch wieder einfach auf die Gleichmacherei ab. Und damit war’s das aber auch.

OK, aber was dahinter steckt, ist doch, dass viele dieser „Unterschiede zwischen den Geschlechtern“ einfach nur anerzogen werden, und durch einen gesellschaftlichen Diskurs diktiert werden. Das heißt, dass die beiden Geschlechter sich eigentlich sehr viel näher sind, als man es glauben mag.
Aber ist es denn schlimm, wenn man spezifische Rollenmodelle hat? Man kann ja trotzdem jederzeit ausbrechen, wenn’s einem nicht passt. Das ist ja wieder privat. Wenn ich sage, ich bin eine Hausfrau und bin dazu da, Kinder zu kriegen und mich von meinem Mann finanziell unterstützen zu lassen, dann ist das die eine Seite. Aber ich kann auch als Frau sagen, ich möchte unabhängig sein, finanziell unabhängig, Karriere machen und vielleicht trotzdem mal Kinder bekommen. Das ganze Leben besteht einfach aus Rollen. Egal, ob man sich jetzt in der Mann-Frau-Rolle sieht, oder in einer Gruppe, in der es das Alphatier gibt. Es gibt immer irgendwelche Rollen, und die sind auch einfach anerzogen, und das finde ich auch nicht falsch.