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Zu Tisch mit einem der weltweit größten Kriegsverbrecher

Der Präsident Tschetscheniens, Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, ist ein guter Gastgeber, solange man all die grausamen Zeugenprotokolle, Expertengutachten, Skizzen von Folterkellern und Fotos misshandelter Tschetschenen verdrängt, die zirkulieren.

Ich erinnere mich nicht einmal mehr daran einen Anruf bekommen zu haben. Ich weiß nicht mehr, was sie uns auf dem Weg dorthin erzählt haben. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist in das Hinterzimmer irgendeines kleinen russischen Flughafens gedrängt zu werden und dann zu warten.

Du musst mich entschuldigen, eine Menge meiner Erinnerungen an diese Geschichte ist ganz schön verschwommen. Wenn dir nämlich ein Russe Wodka anbietet, dann musst du den annehmen. Ihn schütten. Und unabhängig von internationaler Diplomatie bin ich jetzt nicht der Typ, der kostenlose Drinks ablehnt, doch Anfang 2007 war ich besonders gierig darauf, das angeschlagene Bild von Amerikanern im Ausland zu verbessern.

Ich fragte unsere Übersetzer, wann wir in Sochi ankommen würden, aber der lächelte nur und schüttelte seinen Kopf. Er verabschiedete sich, wünschte mir viel Glück und dass ich Gesund bleiben soll und verschwand. Meine beiden leitenden Produzenten, Eric—ein charmanter, kleiner Schwätzer, dessen Angewohnheit zu Feiern, als würde er noch immer zu Uni gehen, nie seine Arbeit beeinträchtigte—und Debbie—eine deprimierende, vergessliche Jungfer, die ihren dreisilbigen Mädchennamen mit Bindestrich an den dreisilbigen Nachnamen ihres Mannes gehängt hatte, obwohl sie sich reimten—wurden beide in eine Ecke gerufen um mit Vlad, unserem Mittelsmann, zu reden. Wenn man im Ausland eine Show dreht, zahlt es sich aus einen Einheimischen im Team zu haben, der einen durch diese stürmische See aus Betrügern in offiziellen Uniformen leitet und besser als Vlad, ein beeindruckend düster dreinblickender Kerl, ziemlich sicher ein ex-KGB Typ, ging es nicht.

Eric, der offensichtlich von irgendwelchen Neuigkeiten geschockt war, kam zu mir rüber.

„Die Russen haben unsere Scheißhotelzimmer an den IOC vergeben. Es gibt kein einziges verdammtes Zimmer mehr in ganz Sochi.“

Ich stottere erstmal ein bisschen, bevor ich überhaupt ein „Bitte was? Wo sind wir—“, rausbekam.

„Ach mach dir keine Sorgen“, spöttelte er. „Sie haben einen Plan für uns. Sie schicken uns nach Tschetschenien.“

Zu diesem Zeitpunkt bestand mein einziges Wissen, dass ich über Tschetschenien hatte, aus einer verschwommenen Erinnerung an diese Moskau-Theater-Geisel Krise—Du weißt schon, die bei der ungefähr 50 Tschetschenische Rebellen dieses Theater gestürmt hatten und die Russen dann einfach alle vergast haben, wobei ungefähr 150 Leute starben.
Als wir die Vorbereitungen trafen, an Board des kleinen, zweimotorigen Flugzeugs zu gehen, hatte ich keine Ahnung, worauf wir uns einließen. Soviel ich wusste, war Tschetschenien ein einziges Kriegsgebiet. Es kam das Gerücht auf, dass die letzte Amerikanerin, die ihren Fuß nach Tschetschenien gesetzt hatte, in einem Leichensack nach Hause zurückgeschickt worden war, irgendeine Journalistin, die während eines Fußballspieles in die Luft gesprengt wurde. Für sowas hatte ich NICHT unterschrieben. Wir waren nicht da um Restrepo  neu zu drehen, sondern um einen Schönheitswettbewerb zu filmen.

Das hätte ich früher erwähnen sollen. Einen. Schönheits. Wettbewerb. Klar, wir wissen alle, dass in den meisten Industrienationen mit ihrem Überfluss an Unterhaltungsmöglichkeiten, Schönheitswettbewerbe nur selten eine Übertragung wert sind. Aber an Orten mit einem schwachen Bezug zu dem Wort Freiheit, sind Schönheitswettbewerbe immer noch ein großes Ding. Aber anscheinend sind die Olympischen Spiele ein noch größeres Ding, nachdem die Regierung gerade ungefähr 50 Hotelzimmer von uns geklaut und an den IOC abgetreten hatte. (Ich meine, ihre Strategie ist ja auch aufgegangen: Schließlich haben sie ja die Bewerbung für die Olympischen Spiele gewonnen.)

Die Maschine landet und wir wurden auf dem Rollfeld sofort von der Presse empfangen. Ich hatte noch ein paar Drinks im Flugzeug und war komplett unvorbereitet auf das Alles. Ich wusste praktisch nichts über diese Tragödie, die die Bewohner des Kaukasus Leben nennen. Versteckt in ihrem Archiv, hat eine russische Nachrichtenstation also Aufnahmen davon, wie ich mich wie ein Arschloch benehme. Eine Journalistin sprach mich an und ich wusste nicht, was ich sagen soll, weshalb ich in Panik geriet und die erste dumme Sache sagte, die mir in den Kopf kam.

Sie: „Sir! Sir! Wissen Sie was mit dem Volk passiert? Was machen Sie hier? Wieso sind Sie hier?

Ich: [seufzt] „Mein Album ist gerade rausgekommen und ich habe das beschissen schlimmste PR-Team“

Auf der Toilette des komplett verlassenen Flughafen tauchte, während ich pisse und mich mit meinem Kameramann unterhielt, plötzlich so ein Borat Typ aus einer der Kabinen auf. „Oh, wow! Nicht wirklich, Yankee Cowboy Motherfucker! Dude! Ein echter Amerikaner!“

Er stellte sich heraus, dass er Armen war, mein Übersetzer und selbsterklärter „Scheißbester Freund!“ Er fluchte eine Menge, weil er Englisch von „klassisch Amerikanischen Filmen wie von Quentin Tarantino und Snatch!“ lernte. Er informierte mich darüber, dass wir nicht im Tschetschenischen Flughafen der Hauptstadt Grozny waren, weil „der immer noch zerbombt!“ Tatsächlich waren wir in der „gesetzlosen Provinz, Inguschetien.“

Wir drängten uns in eine Karawane aus schwarzen Geländewagen, mit einseitig verspiegelten Fensterscheiben, die jeweils von einem bewaffneten Kadyrovsty (Präsident Kadyrows paramilitärische Schläger: denkt einfach an Hitlers SA) gefahren wurden. Auf dem Beifahrersitz ein Übersetzer und hinten zwei bis drei Crewmitglieder oder Schönheitsköniginnen. Wir preschten mit eingeschlafenen Ärschen in der Mitte der einzigen Straße nach Grosny runter. Ungefähr alle hundert Meter oder so, stand ein uniformierter Soldat, mit einer AK-47 über seiner Schulter und salutierte uns, neben ihm ein Lagerfeuer. Ich fragte Armen, ob das Feuer dazu da war um die Soldaten warm zu halten—es war schließlich Februar in Russland—und er lachte nur.

„Natürlich nicht, mein Freund! Alter! Damit vernebeln sie sich vor den Rebellen!“

Wir erreichten Groszny und fuhren an provisorischen Militärbunkern, an einem verfallenen Rummelplatz vorbei hinein ins Stadtzentrum. Dort wurden wir von wohl allen Leuten, die in Groszny leben, empfangen. Hunderte Menschen, manche in zeremonieller Tracht, komplett mit verzierten Schwertern, waren da um uns zu begrüßen. Ein Großteil der Zuschauer war von Snip und Snap besessen, unseren beiden Choreographen, die schwarz sind und Zwillinge. Uns wurde erklärt, dass die meisten Bürger noch nie einen Schwarzen gesehen hatten, was erklären würde, wieso die Kinder weiterhin an Snips und Snaps Gesichtern rieben und dann ihre Hände ansahen, ungläubig darüber, dass der „Matsch“ nicht abging.

In den nächsten zwei Tagen wurden wir durch die Stadt geschleppt. Wir bekamen eine Tour durch die einzige Schule und aßen in einem der einzigen Restaurants. Als wir gefragt wurden, was wir essen wollten, antworteten Eric und ich „Lamm? Hühnchen? Was ihr normalerweise esst.“ Debbie unterbrach uns und verlangte McDonald‘s. Eric und ich konnten es nicht unterdrücken zu lachen. Unser Führer war verblüfft. „Mich Donn Allds? Was für ein Tier ist das?“ Wir wurden auch zu einer Aufführung der Tschetschenischen Kindertanz-Truppe eingeladen. Dort trafen wir dann auch Tschetscheniens größten Star: Einen Jugendlichen mit einem herunterhängenden Auge, der uns mit seiner traurigen Aufführung alle zu Tränen rührte. Bevor wir gingen, flehte er mich an „nach Hollywood zurückzukehren und Los Angeles bester Freund Eddie Murphy zu grüßen. Er mich kennen.“

An unserem letzten Tag in Tschetschenien erreichte uns endlich unser leitender Produzent Harold. Harold verhält sich in etwas so, wie ich annehme, dass sich 1976 jeder Produzenten in Hollywood verhalten hat. Ein Mix aus Neil Diamond und Robert Evans mit einer goldenen Davidsternkette, die in einem Wald aus grauem Brusthaar verflochten ist. Uns wurde erzählt, dass wir ein ganz besonderes Mittagessen haben, bevor wir gehen.

Wir wurden mitten ins Nirgendwo gefahren, was in Tschetschenien schon etwas bedeutet. Gewundene Straßen, die zu noch mehr gewundenen Straßen führten, die zu einem gigantischten Steintor führten, geschmückt mit Löwenskulpturen. Dies war Präsident Ramzan Kadyrovs Anwesen. Ein einziger Palast. Wir nahmen dort an einem gigantischen Tisch platz: Amerikanische Filmcrew, Schönheitsköniginnen und Kadyrovstys auf der einen Seite; wunderschöne und angsterfüllte, junge Russinen auf der anderen. (Mir wurde später erzählt, dass dies höchstwahrscheinlich sein Harem war.) Hinter den Frauen stand eine Wand aus Presse. Am Ende des Tisches war ein großer Stuhl, nicht ganz ein Thron, aber es war offensichtlich, wer dort sitzen würde. Na ja offensichtlich für die Meisten von uns. Harold, unser leitender Produzent, ließ sich darauf niederplumpsen. Handlanger versuchten ihn zu entfernen, aber er verscheuchte sie. Unser Produzent spielte ein Machtspiel mit einem von Human Rights Watch als einen der größten Menschenrechtsverletzern gelisteten Typen. Dann kam Ramzan herein. Er war merklich erschüttert—irgendein Jude sitzt in seinem Stuhl. Harold spielte das ganze erstaunlich gut.

„Herr Präsident, wir haben einen Platz für Sie, zwischen zwei unserer anmutigsten Damen, freigehalten.“

Ramzan sprach kein Wort Englisch, weshalb es ihm sein Übersetzer sagte. Er blickte runter, auf den leeren Stuhl neben der wunderschönen und quirligen Ms. Kenya und setzte ein schiefes Lächeln auf. Er stoppte, lachte dann ein ansteckendes und warmes Lachen—Dieser Typ konnte echt seinen Charme aufdrehen—und setzte sich hin. Ich glaube, dass die meisten dieser rücksichtslosen Typen, eine gewisse Wärme an sich haben müssen, denn als Ramzan lachte, fühlte ich mich herzlich aufgenommen. Ich wollte ihm zuhören, als könnte ich ihm vertrauen. Das Mittagessen verlief gut. Gutes Essen, guter Wein und genialer Smalltalk. Auf dem Weg aufs Klo verlief ich mich und wollte gerade um eine Ecke gehen, als eine massive Hand einfach meine Schulter ergriff. Ich fuhr herum, um einen riesigen, nackenlosen Schlägertypen seinen Kopf schütteln zu sehen.

„Nicht. Dort.“

Er zeigte mit den Weg zu den Toiletten.

Als ich zum Tisch zurückkehrte, stand Ramzan gerade auf und schlug mit seinem Löffel an sein Glas. Er hielt, was sich nach einer wirklich ernsthaften Rede anhörte und unterstrich sie mit seiner schallenden Lache. Der Raum brach in Applaus und teilnehmendes Gelächter aus. Der Übersetzer drehte sich dann zu uns.

„Präsident Kadyrow dankt euch vielmals dafür, dass ihr nach Tschetschenien gekommen seid und eure Kameras benutzt, um der Welt zu zeigen, wie sehr wir unser Land durch die Kooperation mit Putin verbessert haben. Vielen Dank an euch.“ Dann wandte er sich an unseren leitenden Produzenten. „Präsident Kadyrow fragt, was er Ihnen aus seinem großartigen Land anbieten kann, damit Ms. Kenya hier in Tschetschenien als eine seiner Frauen bleibt?“ Der Übersetzer fing an zu lachen, Ms. Kenya wurde rot und stupste scherzhaft Ramzans Schulter. Es war ein süßer Moment. Wir lachten alle und nur zum Teil, weil wir Angst davor hatten es nicht zu tun.

Howard aber lachte nicht. Er wollte, nein, er musste das letzte Wort haben. Er räusperte sich.

„Präsident Kadyrov? An diesem Ort?“ Er lachte. „Ich weiß nicht, eine Ziege, zwei Pferde, zwei Hühner und eine Tonne voll Fisch! HA!“ Er lachte über seinen eigenen Witz, der mehr eine Beleidigung war, als ein Witz.

Das einzige was mir durch den Kopf ging, war die Geschichte der Reporterin, die ohne Grund in die Luft gejagt worden war. Hier sind wir also, dachte ich, um mit Sicherheit gleich aus einem sehr guten Grund umgebracht zu werden—weil wir einen Warlord in seinem eigenen Haus verarscht haben.

Der Übersetzer warf Howard einen flehenden Blick zu und versuchte sein Bestes.

„Entschuldigung, ich hab sie nicht verstanden.“

Howard machte einfach diese „mach weiter damit“ Bewegung, bei der man mit seinem Kopf einen Kreis nachzieht. Er wusste, dass er gehört worden war.

Der Übersetzer räusperte sich. Er wiederholte, was sicherlich unser Todesurteil seien würde. Alle Journalisten lehnten sich vor zu ihren Kameras, fokussierten Ramzan.

Stille.

Ich dachte ich wüsste was Stille sei. Ich bin ein Stand-up Komiker und dachte, dass es still ist, wenn ein Witz so hart nach hinten los geht, dass du einem ganzen Publikum dabei zuhören kannst, wie es sich geschlossen gegen dich richtet. Ich lag falsch. Das ist keine Stille. Stille ist, wenn die Zeit anhält und dein Herzschlag so betäubend laut ist, dass du gezwungen bist, dir deine eigenen Haare auszureisen und dir in die Ohren zu stecken.

Plötzlich—Gelächter. Diese große, schallende Lache. Es war so laut, dass ich dachte jedes Glas auf dem Tisch würde zerspringen, wie in so einem Cartoon wegen der Oper.

Wir waren sicher.

Wir beendeten unser Essen. Es war in Ordnung, aber der Umgangston hatte sich spürbar geändert. Als wir vom Gelände geführt wurden, bemerkte ich eine Ziege. Scheiß Russland, dachte ich, überall Ziegen. Ich machte ein Foto.

Dann kamen zwei Männer angeritten auf Pferden... Jeder... Trug... Sind das? Es waren Hühner. Schließlich watschelte ein Mann herüber, eine große Tonne Fisch hinter sich her ziehend. Die Schläger platzierten alle diese Tiere vor Howard, dessen Kiefer bis zum Boden durchhing. Ramzan drehte sich zu ihm hin, schlug ihm auf die Brust und explodierte in Gelächter.

Nur dieses Mal schien das Lachen nicht so warm ...