Illustration: Ben Thomson

Die Dornröschen-Diät: Wenn Frauen ihr Leben verschlafen, um abzunehmen

Was nach der perfekten Lösung für faule Menschen klingt, entpuppt sich immer wieder als Teufelskreis aus Schlaftabletten, Essstörung und sozialer Isolation.

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08 Juni 2017, 6:45am

Illustration: Ben Thomson

Wer nicht wach ist, kann auch keinen Kuchen essen. So oder so ähnlich könnte das Motto der Dornröschen-Diät lauten – einer drastischen Abnehmmethode, die nur auf den ersten Blick nach dem Traum eines jeden Sportmuffels klingt. Die Überlegung dahinter ist simpel: Wer mehr schläft, isst auch weniger. Die Diät empfiehlt daher, so viel wie möglich zu schlafen, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen. Wenn es sein muss, auch mithilfe von Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln.

Obwohl es keinerlei Belege dafür gibt, dass mit dieser Form der Ernährung kurz- oder langfristige Erfolge erzielt werden könnten, existiert die Diät inzwischen schon seit mehreren Jahrzehnten. Angeblich soll schon Elvis Presley versucht haben, so ein paar Kilos zu verlieren, nachdem ihm seine Overalls im Laufe der 70er-Jahre ein bisschen zu eng wurden.

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Zum ersten Mal erwähnt wurde die Diät allerdings 1966 in dem Roman Das Tal der Puppen von Jacqueline Susann. Die Hauptfiguren der Geschichte – Schauspielerinnen und junge naive Hollywood-Starlets – stellten sich ebenfalls ruhig oder ließen sich in sogenannte "Schlafkliniken" in der Schweiz einweisen, um im wahrsten Sinne des Wortes im Schlaf abzunehmen.

Nun gibt es natürlich auch weniger extreme Diätformen, in denen ausreichender, gesunder Schlaf eine wichtige Rolle spielt. The Sleep Doctor's Diet Plan von Dr. Michael Breus schlägt beispielsweise vor, vor dem Schlafengehen vier Stunden Sport zu machen und sieben Stunden, bevor das Licht ausgemacht wird, auf Koffein und Alkohol zu verzichten. Schlimmstenfalls schlafen die Anhänger der Dornröschen-Diät allerdings bis zu 20 Stunden täglich. Um das überhaupt hinzukriegen, nehmen sie Beruhigungsmittel und Schlaftabletten – Medikamente, die bekanntermaßen ein hohes Suchtpotenzial haben und leicht überdosiert werden können.

"Ich nehme ein sehr starkes Schmerzmittel, das mich normalerweise mehrere Stunden lang ausknockt."

Dr. Tracey Wade ist Professorin an der psychologischen Fakultät der australischen Flinders University. Sie sagt, dass die Dornröschen-Diät durch die Einnahme von Benzodiazepine nicht nur eine starke Medikamentensucht nach sich ziehen, sondern noch weitere mögliche Folgeschäden haben kann. "Es geht dabei aber nicht nur darum, dass der Körper mehr schläft als nötig. Die Betroffenen müssen auch immer höhere Dosierungen nehmen, um den gewünschten Effekt zu erreichen."

Für ebenso schwierig hält Wade es allerdings, dass die Betroffenen nicht mehr am Leben teilnehmen können, wenn sie 20 Stunden am Tag schlafen. Das könne dazu führen, dass sich die Betroffenen immer weiter abkapseln. Die daraus resultierende soziale Isolation wirkt sich wiederum negativ auf ihre psychische Verfassung aus und kann schließlich auch zu Depressionen führen.


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"Wir wissen bereits, dass es eine Verbindung zwischen Depressionen und Essstörungen gibt", sagt Wade weiter. "Es hört sich ganz danach an, als würden Menschen [durch die Dornröschen-Diät] nur noch schneller in einen Teufelskreis geraten."

Vor allem in Pro-Ana-Foren und privaten Blogs scheint die Diät von vielen Frauen nach eigenem Gutdünken zum Einsatz zu kommen. Eine Nutzerin, die sich selbst "prettythin" nennt, bezeichnet die Abnehmmethode als "ideal für das Ende des Schulhalbjahrs". Ihr zweiwöchiges Abnehm-Regime besteht aus geringer Kalorienzufuhr und zusätzlichen zehn Stunden Schlaf.

Andere Frauen nutzen Beruhigungsmittel, um den Schlaf zu bekommen, den sie wollen. "Ich nehme ein sehr starkes Schmerzmittel, das mich normalerweise mehrere Stunden lang ausknockt", schreibt eine der Nutzerinnen. "Die schlagen außerdem ziemlich auf den Magen und zügeln den Hunger. Ich nehme sie ständig." Eine andere Nutzerin schwärmt: "Schlafen, um nicht zu essen, ist super. Mir fällt es auch überhaupt nicht schwer, weil ich sowieso 99 Prozent der Zeit müde bin." Andere Frauen erklären, dass sie sich spontan für ein Nickerchen hinlegen, wenn sie der Heißhunger packt oder sie eine Mahlzeit überspringen wollen.

Der Körper wird in den wachen Stunden umso mehr nach Essen verlangen.

Laut Wade ist es gerade die vermeintliche Einfachheit, die die Dornröschen-Diät vor allem für junge Frauen so ansprechend macht. Abnehmen im Schlaf ist schließlich deutlich weniger anstrengend, als regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. Allerdings glaubt die Expertin, "dass die Vorstellung, aus dem Leben aussteigen und einfach im Bett bleiben zu können, gerade Menschen anzieht, die schon unter Depressionen leiden und sich in dem Teufelskreis einer Essstörung befinden."

Wie man die wachen Stunden gestalten soll, in denen man hungrig und orientierungslos mit den Folgen einer ernstzunehmenden Depression und der Mangelernährung zu kämpfen hat, sage einem schließlich niemand.

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Genauso unklar ist auch, ob und wie man mit dieser Diät Gewicht reduziert. Letztendlich gibt es keine Hinweise, die nahelegen würden, dass die Dornröschen-Diät auch tatsächlich funktioniert. Wade schätzt den Gewichtsverlust sogar als eher unwahrscheinlich ein. "Der Stoffwechsel wird wie bei jeder kalorienarmen Ernährungsweise verlangsamt. Gleichzeitig wird der Körper in den wachen Stunden aber umso mehr nach Essen verlangen und das wird unvermeidlich zu Heißhungeranfällen führen."

Was lernen wir daraus? Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das wahrscheinlich auch – und in diesem ganz speziellen Fall sogar noch gefährlich.

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