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Die FPÖ macht noch schwachsinnigere Werbung als früher – und es schadet ihr nicht

Werbeslogans wie „Linz darf nicht Wien werden" oder „Traust dich nie" legen nahe, dass die Freiheitlichen jetzt eher Dadaismus betreiben als Politik.
29.4.15
Screenshot von der FPÖ Linz-Facebook Page

Wahlkampfzeiten sind und waren die Zeiten der FPÖ. Zumindest war das, seitdem ich alt genug bin, um das politische Geschehen halbwegs mitzuverfolgen, immer so. Selbst wenn man es als Gegner ihrer Politik gerne bestreiten würde, muss man ganz ehrlich zugeben, dass es keine andere Partei in Österreich mit ihren Wahlkampfkampagnen auch nur annähernd geschafft hat, bei Gesinnungs-Freunden und -Feinden so im Gedächtnis zu bleiben.

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Das Rezept war dabei eigentlich immer ganz klar: Parolen, die sich so angriffig und in-die-Fresse-artig gegen angeblich schädliche Minderheiten oder das vermeintliche linkslinke Gutmenschen-Establishment richteten, dass man sie gar nicht ignorieren konnte. Plakate, auf denen „Daham statt Islam" oder „Deutsch statt Nix verstehen" geschrieben steht, waren so verstörend ausländerfeindlich, dass man als weltoffener Mensch einfach auf die Barrikaden gehen musste und als einwanderungskritischer Mensch fast gezwungen war, mit der Partei zu sympathisieren. Die FPÖ hat es so immer geschafft, in ihrem Populismus ernstzunehmend zu wirken—ernstzunehmend gefährlich für alle, die das FPÖ-Weltbild verneinen und ernstzunehmend attraktiv auf jene, die ihre Ansichten teilen.

Jetzt hat die FPÖ ihre Wahlkampftaktik offenbar geändert. Denn was die Freiheitlichen in letzter Zeit in parteilichen, aber auch persönlichen Kampagnen abgeliefert haben, verwirrt einen eher, als dass es einen wirklich provoziert. Teilweise bringt es einen, selbst wenn man die FPÖ und ihre Inhalte noch so verachtenswert findet, sogar aufrichtig zum Lachen, weil es ganz einfach absurd ist. Manches davon ist wirklich sehr seltsam. Es ist fast schon Dada.

Da war erst unlängst der „Je Suis Gabalier"-Slogan von Christian Höbart, über den ich mich, zugegeben, noch wirklich aufregen konnte, auch wenn das Ganze schon so wirkte, als ob die FPÖ gerne Meme-artige Social Media-Propaganda machen würde, aber das Internet dabei einfach nicht wirklich verstanden hat. Was aber in den letzten Wochen passiert ist, kann ich mir bis jetzt wirklich nur schwer erklären. Angefangen hat es mit der neuen Plakat-Kampagne der FPÖ Linz und einem selten absurden Slogan, der ein bisschen wie Eigenparodie klingt:

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Screenshot via FPÖ Linz

Was will uns die Linzer FPÖ mit dieser Parole sagen? Ist inländerfeindlich jetzt das neue ausländerfeindlich? Vermutlich wollen Detlef Wimmer und Co. einfach gewitzt darauf anspielen, dass in Wien mittlerweile tatsächlich schon Zustände herrschen wie in Chicago, oder—für den FPÖ-Wähler vermutlich noch schlimmer—Istanbul. Aber ist es nicht ein Schuss in den Ofen, gegen die eigene Hauptstadt zu wettern, die ja angeblich sogar die höchste Lebensqualität aller Großstädte auf diesem Planeten hat?

Laut dem freiheitlichen Gemeinderat Markus Hein ist es ja eine Anlehnung daran, dass Linz auf keinen Fall eine rot-grüne Regierung wählen sollte. Aber Wien ist doch wirklich ein blödes Anti-Beispiel—da darf man sich als Partei dann auch nicht wundern, wenn Leute plötzlich kleine FB-Seiten wie „Linz muss Pjöngjang werden" gründen, deren einziger Zweck es ist, deine Kampagne zu verarschen.

Der wirkliche WTF-Moment der FP-Werbung sollte aber erst am Dienstag derselben Woche folgen—und zwar im Form eines Musikvideos. Wir erinnern uns, musikalische Einlagen mit einem gewissen Fremdschäm-Faktor sind schon lange Teil der freiheitlichen Kampagnen. Aber das, was die burgenländische FPÖ-Landtagsabgeordnete Ilse Benkö da gestern rausgehauen hat, katapultiert die Weirdness auf ein neues Level. Words can't describe, seht am besten selbst:

Egal, ob es große Kampagnen sind oder Selbstvermarktungsversuche einzelner Freiheitlicher: In letzter Zeit wirkt alles ein bisschen so, als wäre es Satire der alten, wirklich boshaften FPÖ. Ein weiteres, sehr anschauliches Beispiel: Der Wahlkampfslogan des Rings freiheitlicher Studenten, im Zuge der anstehenden ÖH-Wahl:

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Screenshot via RFS-Facebook Page

Traust dich nie? Soll dieser Spruch den Daredevil in mir wecken, der die Eier hat, auch als Student ihre kontroverse, tabuisierte, mensurfechtende Fraktion zu wählen, die ich tief in meinem Herzen eigentlich ohnehin wählen will? Oder was genau wollen sie mir damit vermitteln? Ganz ehrlich, ich kapiere diese Kampagne einfach nicht.

Und selbst, wenn sich die FPÖ dann doch mal auf ihre alten Tugenden zu berufen scheint und es mit direkter Anti-Islam-Propaganda probiert, will es einfach nicht so richtig hinhauen. In Graz beispielsweise: Dort wird zwar in einer neuen Plakatkampagne gegen den Bau von Moscheen gewettert, die mit Steuergeldern mitfinanziert werden. Das Problem ist halt, dass es in Graz überhaupt keine Moscheen gibt, die mit Steuergeldern unterstützt werden und sich die Leute auch dort schon wieder hauptsächlich über die Plakate amüsieren.

Der vorläufige Endpunkt folgte an diesem vergangenen Wochenende, als Gerald Hraball in Bezug auf die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer nicht nur von einer „EU-Diktatur" sprach, sondern auch noch von „Menschenmaterial", das „komplett wertlos und problembehaftet" sei. Die Gegenreaktionen auf Twitter waren entsprechend laut, aber nicht unbedingt zahlreich. Und das, obwohl der erste Tweet, der die Empörungswelle auslöste, bereits darauf hinwies, dass „Menschenmaterial" ein astreines Nazi-Vokabel war, das Hitler in Mein Kampf bereits auf die gleiche Art verwendet hatte.

Das bringt mich auch zum wirklich erstaunlichen Teil: Selbst wenn die FPÖ noch so schwachsinnige Werbung macht und ihre Vertreter schockierenden Blödsinn verbreiten, scheint es der Partei letztendlich eigentlich gar nicht wirklich zu schaden—zumindest nicht in einem Ausmaß, das sich in Wahlergebnissen niederschlagen würde. Selbst dann nicht, wenn es auf viele—beispielsweise auf mich—schon den Eindruck macht, als würde eigentlich schon niemand mehr diese Auswüchse ernst nehmen: Letztendlich finden nämlich vermutlich gar nicht so wenige FPÖ-Sympathisanten das, was für andere absurd wirkt, auf gewisse Art sympathisch und hinterfragen es nicht wirklich.

Im Gegenteil: Die FPÖ-Klientel fühlt sich oft viel weniger von den hier aufgelisteten Absurditäten irritiert, sondern ärgert sich viel eher über jene, die sie als schwachsinnig enttarnen—also die angebliche linkslinke intellektuelle Elite und natürlich die Medien, die gegen die Freiheitlichen hetzen. Deswegen hilft es auch nicht, wenn man die Freiheitlichen dafür verarscht, dass sie es nicht schaffen, ihre Aussendungen ohne ein Dutzend Rechtschreibfehler hinzubekommen. Gerade dadurch entsteht vermutlich bei vielen Wählern der Eindruck, die Politiker der FPÖ wären nicht Teil dieser klugscheißenden Elite, sondern vielmehr ein Teil von ihnen.

Im Übrigen kann ich mir nicht vorstellen, dass es den durchschnittlichen FPÖ-Wähler überhaupt interessiert, ob nun tatsächlich neue Moscheen mit Steuergeldern gebaut werden. Ihm reicht vermutlich schon, dass jemand gegen Moscheen wettert. Aber das ist ja nichts Neues.

Folgt Tori auf Twitter: @TorisNest