Das Firmenlogo der Firma Neger ist genauso uncool wie Blackfacing

Ein stilisierter „Wilder" mit dicken Lippen und der Firmenname Neger. Alltagsrassismus und was Betroffene dazu zu sagen haben.

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13 Februar 2015, 2:30pm

Für seinen Namen kann Dachdecker Thomas Neger nichts. Deutsche Mundart hat aus seinem frühen Vorfahren „Näher" einst den Neger, der nicht schwarz ist, werden lassen. Dies sagt ein Namensforscher . Mit dem lateinischen „niger" hat der Name nichts zu tun. Thomas erzählt, er sei in der Schule immer gehänselt worden. Doch zum Glück war da immer noch sein Opa, der singende Dachdecker Ernst Neger, Sänger des Mainzer-Fastnachts-Evergreens „Humba Täterä". Dessen Einfluss habe schnell für Ruhe gesorgt. Einer Legende gewährt man in der Karnevalshochburg gerne auch mehr Narrenfreiheit.

Ernst Neger hat das Dachdecker-Unternehmen einst im Stadtteil Mombach gegründet und ist nun seit 26 Jahren tot. Doch das Firmenlogo, das er sich in Zeiten ausdachte, als hierzulande noch die meisten über Blackfacing lachten, ist geblieben. Laut seinem Enkel sehen viele Mainzer sicher dreimal am Tag die Karikatur eines afrikanischen Eingeborenen mit Dachdecker-Hammer, großen Ohrlöchern und dicken Lippen, daneben der Schriftzug „NEGER". „Ab und an hat es mal einen irritiert, aber Proteste gab's nie", sagt der Chef.

An Laternenpfosten stadtweit prangen nun seit ein paar Tagen Aufkleber mit dem Konterfei von Thomas Neger, seinem Firmenlogo und dem Satz „Rassismus ein Gesicht geben". Ein paar Aktivisten haben die Sticker über Mainz verteilt. Er sei immer offen gewesen für Gespräche, um Details am Logo zu ändern, erinnert Thomas Neger. Aber nun, fügt er hinzu, sollen sich die „hinterfotzigen und feigen" Täter auf eine Schadenersatzforderung im fünfstelligen Bereich gefasst machen.

David (30) lässt das kalt. Den Aufkleber könne er zwar auftreiben. „Aber wer die Aktion gebracht hat, das weiß ich nicht", behauptet er. David nennt sich selbst einen „Gutmensch" und führt eine Facebook-Seite mit dem Namen „Das Logo muss weg - Für eine Welt ohne Rassismus" und dem Aufkleber als Profilbild. Seit einer Woche existiert die Seite. 205 Likes zählt sie bislang.

„Ich glaube nicht, dass es ihm hilft, wenn er vor Gericht zieht. Zumal die Frage wäre, ob es wegen des Logos nicht sehr einfach zu begrü nden wäre, ihn einen Rassisten zu nennen. Denn das ist halt rassistisch", findet David und fordert, dass die Medien schwarzen Menschen mal ein bisschen mehr Beachtung schenken sollten, wenn diese sich dazu äußern.

Eine Menge zum Thema zu sagen hat Jacky (37). Seine Mutter sei aus Eritrea, sein Vater Araber. Jacky lädt in „Werner's Backstube" in der Mainzer Innenstadt und erzählt, dass er nahe Rostock einst von Skinheads mit Baseballschlägern aus einer Disko gejagt wurde. Man müsse ihn schon „scheiß Neger" nennen, als dass er sich beleidigt fühlen würde. Über das Logo muss Jacky schmunzeln. „Ehrlich gesagt find ich's nicht rassistisch. Eigentlich ist es doch lustig. Lass doch den Herrn Neger gehen", winkt er ab. Allerdings sehe er sich auch eher als konservativen Ausländer.

Mike (36) hat afroamerikanische Wurzeln und stammt aus New Jersey. Beim Gedanken an das Logo verzieht er das Gesicht: „Wenn schon der Familienname an das schlechte Wort erinnert, warum zur Hölle gibt man sich dann ein Logo, das einen Schwarzen zeigt?" Ihm sei klar, dass sich hierzulande viel getan habe. „Dennoch wird mir beim Gedanken an das Wort ganz anders", sagt er.

Pedro (19) und Emma (17)

Vor dem Mainzer Hauptbahnhof traut sich Emma (17) erst nicht recht zu antworten. Ihre Mutter sei Deutsche, ihr Vater aus Ghana. „Das sieht natürlich jeder anders. Aber ich finde das Logo rassistisch", sagt sie schließlich. Pedros (19) Mutter kommt aus Angola, sein Vater aus dem Kongo. Er schmunzelt ebenso wie Jacky: „Für mich ein absolutes No go. Schon merkwürdig."

Thomas Neger sagt, er würde das Logo verändern, sollten sich schwarze Mitbürger bei ihm beschweren. David mit der Facebook-Seite ist zwar nicht schwarz, hat den Kontakt zu Neger aber gesucht. „Von ihm kam aber nie eine Reaktion", erzählt er. Komisch, findet David, jetzt wo die Sache mit den Aufklebern in Mainz die Runde mache, signalisiere Neger auf einmal Gesprächsbereitschaft.

David würde sich nach wie vor gerne mit dem Dachdecker unterhalten und fürchtet sich auch nicht, dass man ihn dann verdächtigt, mit der Sticker-Aktion etwas zu tun zu haben. „Ich möchte Herrn Neger helfen. Wir könnten für ihn einen Wettbewerb für ein neues Logo ausschreiben", fordert David. Er gibt allerdings auch zu verstehen, dass er und die Aufkleber-Aktivisten es nicht bei der Kritik am Logo belassen wollen: „Ziel ist es, die Rassismus-Debatte in Deutschland voranzubringen. Im Vergleich zu den USA hat diese hierzulande bislang kaum stattgefunden."

Screenshot von thomas-neger.de

Auch Saba Nur Cheema sieht Nachholbedarf. „Als Ernst Neger die Idee dazu hatte, sah man in Tim und Struppi -Büchern und Pippi Langstrumpf noch völlig überzeichnete Eingeborene. Es gab den Sarotti-Mohr und etliche andere Beispiele", sagt Nur Cheema, die sich für die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main mit Rassismus in Alltagssprache und -symbolik beschäftigt. Ihre Meinung zum Logo ist deutlich: „Es ist auf jeden Fall rassistisch. Ich würde Herrn Neger zwar niemals Rassismus unterstellen, er sollte sich jedoch Gedanken um Absicht und Wirkung seines Logos machen."

Das sieht Neger nicht ein. „Ich habe so viel Zuspruch von Leuten aus Mainz bekommen und vor allem auch von schwarzen Freunden und Mitarbeitern, denen das Logo nichts ausmacht. Ich finde, dass die Täter das Gegenteil bewirken und die Debatte über Rassismus mit ihrer Aktion ins Lächerliche ziehen", wütet der Dachdecker.

Diejenigen dunkelhäutigen Menschen in Deutschland, die Thomas Neger beipflichten, sind laut Tahir Della aber in der Minderheit. Della ist Pressesprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und gibt somit der Mehrheit eine Stimme: „Ich kenne das Logo. Mir kann keiner erzählen, dass ihm dessen Wirkung nicht bewusst ist. Es ist rassistisch, nicht nur im Zusammenhang mit dem Firmennamen."

Während der Sarotti-Mohr inzwischen zu einer Art Michael Jackson in Pluderhosen mutiert ist, Tim und Struppi ihre Abenteuer nicht mehr im kolonialen Belgisch-Kongo, sondern in einem fiktiven, freien Zaire erleben und man über Blackfacing zwar noch auf Karnevalsumzügen in Leipzig lacht aber nicht in Mainz, hat dort auch die Narrenfreiheit im Fall des Unternehmens Neger ihre Grenzen. „,Das war damals so', rufen die Leute immer als Verteidigung", sagt Sprachforscherin Saba Nur Cheema.

„Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" heißt es am Samstag wieder im ZDF, wie schon seit 52 Jahren. Thomas Neger wird dann wieder als Nachfolger seines Opas dessen „Humba Täterä" singen. Daran wird sich nichts ändern. Ob der kleine Dachdecker-Eingeborene auf den Straßen von Mainz aber vielleicht schon bald Geschichte ist, wird sich zeigen.

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