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Der „Kokain-Killer“ von Amsterdam

Weil ihnen weißes Heroin als Kokain verkauft wurde, sind bereits mehrere Touristen gestorben. Sind das bewusste Morde oder hat der Dealer einfach keine Ahnung?
Max Daly
London, GB
4.12.14

Diesen Winter macht ein Killer in der Hauptstadt der Niederlande Jagd auf Touristen. Ein Mann—von der Polizei auf 35 bis 40 Jahre geschätzt—radelt durch Amsterdam und verteilt tödlichen Stoff. Bis jetzt hat er drei junge Briten auf dem Gewissen und die Vergiftung von 14 weiteren ahnungslosen Menschen geht ebenfalls auf sein Konto. Das Bizarre an dem Fall ist jedoch die Tatsache, dass die Polizei davon ausgeht, dass der Killer keine Ahnung hat, welchen Schaden er durch sein Handeln anrichtet.

Bald steht Silvester an und deswegen werden auch wieder Tausende Touristen auf der Suche nach durchzechten Nächten voller orangener Perücken, Drogen und Dosenbier in Amsterdam einfallen. Deshalb wird in der Stadt mit Hochdruck nach diesem „Kokain-Killer" gesucht. Das  ​Ko​kain, das der mysteriöse Mann an Touristen verkauft, ist in Wahrheit nämlichtödliches, weißes ​H​eroin.

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Letzte Woche flogen zwei junge Männer aus Plymouth nach Amsterdam, um ihren 21. Geburtstag zu feiern. Am Dienstag wurden die Beiden, Shaun und Bradley,  ​tot in ihrem Hotelzimmer aufgefunden. Neben ihnen lag ein Beutel mit weißem Pulver, das sich später als weißes Heroin herausstellen sollte.

Ich habe mich mit Steve Courage unterhalten, der 15 Jahre lang mit Shaun befreundet war. Er erzählte mir, dass Shaun keine wirkliche Erfahrung mit dem Konsum von Drogen hatte. Shaun dachte, dass er „in Amsterdam vielleicht ein bisschen Gras rauchen wird, aber nichts Härteres."

Forensische Untersuchungen lassen die Polizei darauf schließen, dass der Dealer, der Shaun und Bradley das weiße Pulver verkaufte, im Laufe der letzten beiden Monate noch mindestens 14 weitere Menschen in Amsterdam vergiftet hat.  ​Ein 22-jähri​ger starb im Oktober, nachdem er zusammen mit einem Freund halb bewusstlos neben einem Kanal gefunden wurde. Besagter Freund wurde wiederbelebt und konnte so noch gerettet werden.

Wenn man schon mal Pulp Fiction oder Queer as Folk gesehen hat, dann weiß man auch, dass das Schnupfen von weißem Heroin in normalen Kokain-Dosen äußerst tödlich sein kann—vor allem, wenn dazu noch Alkohol im Spiel ist.

„Weißes Heroin sieht wie Kokain aus und wird als solches verkauft. So denkt man, dass wirklich Kokain geschnupft wird. Dann folgt Atemversagen",  ​erklärte ​Rob van der Veen, ein Sprecher der Amsterdamer Polizei. „Wir versuchen, diesen Fall so schnell wie möglich zu lösen. Wir setzen viele verdeckte Ermittler ein, um den Täter zu finden."

Mittlerweile hat die Polizei sogar LED-Warnhinweise aufgestellt: „Extremely dangerous cocaine is sold to tourists." Dazu werden auf Amsterdams öffentlichen Plätzen und im Hauptbahnhof Flugblätter verteilt, die die Leute dazu auffordern, die Dealer auf der Straße wegen der drohenden Gefahr zu meiden.

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Es gibt Hinweise auf die Identität des Dealers. Die Polizisten vermuten, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, weil es sonst noch mehr Vergiftungen gegeben hätte. Durch die Befragungen der Überlebenden fanden die Beamten heraus, dass er das weiße Heroin (in Europa schwerer zu bekommen als braunes Heroin) trotz seines hohen Werts zum Kokain-Preis verkauft—also fast dreimal so günstig wie normal.

Drogendealer sind im Grunde auch nur Geschäftsmänner und deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein teures Produkt wissentlich als ein günstigeres verkauft wird. Es kann aber auch sein, dass dem Dealer nicht bewusst ist, was er da vertickt, oder dass er wirklich die Absicht hat, Leute zu töten.

Entweder ist der Kokain-Killer also einfach nur ein Trottel—so wie es die Polizei vermutet—, oder er ist ein ominöser „Death Dealer", der Menschen absichtlich durch eine Überdosis umbringen will.  ​Dr. Adam​ Winstock, Suchtexperte und Gründer der ​Global Drug Sur​vey, sagte, dass es wegen des hohen Werts von weißem Heroin sehr unwahrscheinlich sei, dass ein Dealer auf Amsterdams „erfahrenem" Drogenmarkt seine Waren durcheinander bringt.

„Wenn man bedenkt, dass die meisten Dealer wahrscheinlich nicht so dumm sind und ihren Stoff ohne Gegencheck einfach so verkaufen, dann bleibt uns nur noch die erschreckende Vorstellung, dass da wirklich jemand absichtlich weißes Heroin als Kokain an den Mann bringt und deshalb Leute sterben", ​erzählte er de​r BBC.

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Floor van Bakkum arbeitet in der Jellinek-Klinik, einer Suchttherapie-Einrichtung in Amsterdam, und sagt, dass die „Death Dealer"-Theorie durch das Medienecho weiterhin eine Option darstellt.

„Das Ganze ist uns ein Rätsel. So etwas haben wir noch nie erlebt", erzählte sie mir. „Wenn man weißes Heroin zum Kokain-Preis verkauft, dann hat man im Wirtschaftsunterricht offensichtlich nicht gut aufgepasst. Über die wahren Beweggründe können wir hier nur spekulieren. Aber die öffentlichen Warnungen sind jetzt schon seit einem Monat zu sehen—man sollte also meinen, dass der Kokain-Killer inzwischen Bescheid wissen müsste, dass er da Heroin verkauft. Ich kann mir das alles nicht erklären."

Falls da wirklich ein „Death Dealer" in den Straßen Amsterdams unterwegs sein sollte, der mit voller Absicht Touristen töten will, dann wäre er der erste seiner Art. Es gibt zwar schon einen Haufen Geschichten über Drogendealer, die mit gepanschter Ware bestimmte Käufer umbringen wollten, aber fehlende Beweise lassen das Ganze eher als einen Großstadtmythos erscheinen.

Ich habe mich mit Professor Ross Coomber unterhalten, dem Autor von Pusher Myths: Re-situating the Drug Dealer. In diesem 2006 veröffentlichten Buch räumt er mit der alten Geschichte des „bösen Drogenhändlers" auf.

„Mir ist kein wirklicher Fall bekannt, bei dem ein Dealer willentlich ein tödliches Mittel verkauft hat", erzählte Coomber—und der hat sich immerhin mit der Geschichte des Drogenhandels in den letzten 90 Jahren beschäftigt. „Normalerweise ist es die Polizei, die alle möglichen dramatischen Vermutungen über die Geschehnisse auf dem Drogenmarkt anstellt. So ist es mal ganz schön zu sehen, wie die Aussage der niederländischen Polizei—der Dealer habe keine Ahnung, was er da verkauft—auch wirklich sinnvoll ist."

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Coomber ist ein Anhänger der „Kokain-Opportunisten"-Theorie.

„Nicht alle Drogenhändler handeln mit rationalen und wirtschaftlich sinnvollen Absichten", erklärte er mir. „Manche Leute, die irgendwann beim Verkauf von Drogen landen, sind Opportunisten ohne wirkliche Ahnung von der Materie. Folgendes Szenario halte ich für sehr wahrscheinlich: Jemand, der mit dem Drogenhandel nichts am Hut hat, kommt vielleicht durch Zufall an das Heroin. Er hält es für Kokain und verkauft es probeweise in Clubs, in Cafés oder in Bars—deshalb sind auch Touristen die primären Opfer. Damit macht er dann weiter und ist sich gar nicht bewusst, was er da eigentlich anstellt."

Coomber hält die Vorstellung für abstrus, dass es jetzt ein gemeingefährlicher, mit weißem Heroin bewaffneter Soziopath oder ein alteingesessener Dealer, der mit „Hot Shots" absichtlich einen oder mehrere Menschen umbringen will, auf Touristen abgesehen hat.

„Falls es dem ‚Death Dealer' wirklich ums Töten geht, dann hat er sich eine ziemlich ineffiziente Methode ausgesucht", sagte er. „Wenn er wirklich absichtlich Drogen als Waffen einsetzt, dann würde er wohl eher etwas Giftiges in richtiges Kokain mischen, denn die Leute wollen ja schließlich auch Kokain. Es ist nicht sehr schlau, die Kunden mit einer komplett anderen Droge hinters Licht zu führen, denn eine ‚Geschmacksprobe' würde sofort Aufschluss geben. Und warum sollte man nicht einfach eine Pistole verwenden? Die ist effizienter und zuverlässiger. Man weiß, womit man es zu tun hat, und was vielleicht noch wichtiger ist, man sendet damit eine deutlichere Botschaft."

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In Ländern wie Kambodscha, wo die reinere Form von Heroin billiger ist als Kokain, sind schon ähnliche Todesfälle vorgekommen. 2009 starben zwei Touristen in ihrem Hotelzimmer, nachdem sie weißes Heroin durch einen Geldschein geschnupft hatten. 2012 kam eine 27-Jährige während ihren Flitterwochen in Phnom Penh ums Leben, nachdem sie weißes Heroin gezogen hatte, das sie für Kokain hielt.

In all diesen Fällen ist es viel wahrscheinlicher, dass die Täter keine „Death Dealers", sondern einfach nur die oben erwähnten Kokain-Opportunisten waren. Das Gleiche kann auch über die aktuellen Geschehnisse in Amsterdam gesagt werden: Der Kokain-Killer ist lediglich ein Anfänger mit wenig bis keinem kriminellen Hintergrund, der irgendwie an eine wertvolle Menge Heroin gekommen ist, das er für Kokain hält.

Man kann jetzt nur noch hoffen, dass dieser Typ etwas von der Angst mitbekommt, die in seiner Stadt vorherrscht.

„Shaun war lustig, sportlich und ein echt guter Kumpel", erzählte mir Steve Courage. „Ich hoffe, dass demjenigen, der Shaun und Bradley durch die verkauften Drogen auf dem Gewissen hat, klar wird, was er da tut. Ihm muss bewusst werden, welches Leid er mit seinem Handeln verursacht. Drogendealer sollten doch zumindest wissen, was sie da verkaufen."

„Shaun und Bradley sind zwar tot, aber diese schrecklichen Ereignisse werden immerhin anderen Menschen die Augen öffnen, die in ihnen unbekannten Städten Drogen von Fremden kaufen."