Woran erkennt man einen Veganer?

Dein Vorsatz für 2015 ist, vegan zu leben? Kein Problem, das macht dich nicht zu einem Arschloch.

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03 Januar 2015, 5:00am

Shirt: Skreened

Vor einiger Zeit bekam ich eine sehr aufgebracht wirkende E-Mail, die sich auf einen von mir geschriebenen Artikel über ein Restaurant bezog. In dem Artikel erwähnte ich, dass ich kein großer Fan von protzigen Lokalen bin. Meine vegane Lebensweise habe ich ebenfalls erwähnt. Das schmeckte dem jungen Verfasser der E-Mail gar nicht. „Du machst dich über überheblich agierende Leute lustig, während du selbst vegan lebst?", schrieb er. „Verpiss dich."

Ich schaute mir die Facebook-Kommentare des besagten Artikels noch einmal an. Der junge Mann war mit seiner Meinung nicht allein.

In einem der Kommentare werde ich als „Arschloch" bezeichnet, weil ich veganes Essen bestellt habe. Auch fiel der Ausdruck „verdammter Hipster".

Ein anderer Kommentar liest sich folgendermaßen: „Du bist ein verdammtes Stück Scheiße und solltest gefeuert werden. Jeder hasst dich."

Ich werde nicht oft als selbstgefälliger Esser bezeichnet. Das Bild oben zeigt mein heutiges Mittagessen: ein ziemlich beschissen aussehendes Fake-Meatball-Sandwich. Zum Frühstück verputzte ich eine Packung Chips. Heute Abend werde ich bei Taco Bell essen. Mal abgesehen vom Weglassen der tierischen Produkte sieht meine Ernährung aus wie die eines besonders wählerischen Kindes (oder die eines erwachsenen Skateboarders).

Als ich 20 wurde, versuchte ich, zumindest einmal am Tag einen Salat oder irgendwelches anderes gesundes Zeug zu essen. Für mich gehört das zum Erwachsensein irgendwie dazu. Allerdings stehe ich nicht voll und ganz hinter dieser Sache. In einer perfekten Welt würde ich eigentlich nichts anderes als Fleisch und Käse in oder auf irgendeiner Art von grauen Kohlenhydraten essen.

Aber wir leben nunmal nicht in einer perfekten Welt. Wir leben in einer Welt, in der das leckerste Essen wortwörtlich aus Tod und Leiden besteht.

Deswegen verzichte ich auf Fleisch und jegliche tierische Produkte—genau diese Dinge machen einen richtig traurig. Ich muss euch wohl nicht mehr zeigen, wo Fleisch und Milch herkommen, denn die Videos hat inzwischen schon jeder gesehen. Deshalb weiß auch jeder, dass das Ganze wie eine verdammter Albtraum voll mit abgesengten Schnäbeln, ins Gehirn geschossenen Bolzen und auf dreckigen Böden herumzuckenden Leichen anmutet.

Wir sind uns doch alle einig, dass das ziemlich beschissen ist, oder? Man kann mit Sicherheit sagen, dass der industrialisierte Massentod nicht wirklich cool ist, egal ob man nun die Endprodukte der Fleisch- und Milchindustrie konsumiert oder nicht. Ich könnte mich hier noch weiter über solche Dinge wie die von der Fleischindustrie verursachten Treibhausgase, die verseuchten Gewässer oder den Darmkrebs auslassen, aber das wäre nicht wirklich fair—ich habe nämlich an nichts von dem gedacht, als ich mich für die vegane Ernährungsweise entschied.

Ich sage nicht, dass ich durch meine Rücksicht auf die Tiere irgendwie ethisch bewusster agiere als du. Niemand handelt komplett ethisch. Menschen sind Krebs. Alles würde besser aussehen, wenn wir tot wären. Ich tippe diese Zeilen auf einem von fossilem Brennstoff angetriebenen Laptop, der Konfliktmineralien enthält und wahrscheinlich unter Arbeitsbedingungen zusammengebaut wurde, die sich doch erheblich von meinen Arbeitsbedingungen unterscheiden.

Dazu trage ich ein T-Shirt, für das ich sechs Dollar bezahlt habe. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie genau es hergestellt, verschickt und mir dann verkauft wurde, aber ich kann mir gut vorstellen, dass irgendjemand in dieser Kette die Arschkarte gezogen hat, wenn das Ganze nur sechs Dollar kostet. Und das ist schon richtig beschissen. Ich trage ein Shirt, wegen dessen Herstellung es einigen Menschen sicherlich ziemlich schlecht geht und das unserem Planeten einigen Schaden hinzufügt und ich weiß dann nicht einmal, wo genau es herkommt und wie es produziert wurde. In der heutigen Welt ist es unmöglich, sein Leben zu leben und dabei nicht täglich irgendwelche moralisch verwerflichen Dinge zu tun.

In anderen Worten: Ich bin ein Arschloch. Und das bist du auch. Es geht mir völlig am Arsch vorbei, was du wann und wo isst. Wie bereits angesprochen ist es mir abgesehen von dem ganzen Mord-Ding quasi vollkommen schnuppe, was ich in mich reinstopfe. Also werde ich definitiv keine Zeit damit verschwenden, über deine Essgewohnheiten nachzudenken.

Ich glaube, dass nur sehr wenige Menschen mit der Tatsache klarkommen, dass ein Tier für ihr Essen sterben musste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele der Leser dieses Artikels in der Lage wären, einen McRib zu essen, wenn sie den ganzen Herstellungsprozess vom Großziehen der Kuh über das Schlachten und Ausnehmen des Tieres bis hin zum Entfernen der Überreste mit einem Hochdruckreiniger und dem Formen eines Pattys aus dieser ganzen Pampe selbst übernehmen müssten. Ein paar von euch könnten das aber sicherlich auch—und das ist OK.

Wenn jemand seinen moralischen Standpunkt gegen etwas von uns zum Ausdruck bringt, das wir selbst nicht wirklich gut finden, dann glauben wir sofort, dass sich diese Person eine abschätzige Meinung über uns bildet. Deswegen hassen wir auch Hippies, „Freeganer", Gwyneth Paltrow oder Besitzer von Elektroautos—sie wecken in uns das Gefühl, dass sie über uns urteilen. Und wenn man denkt, dass jemand über einen urteilt, dann verhält man sich wie Arschloch.

Es gibt auch das Klischee des Veganers mit erhobenem Zeigefinger—der, der in dem oft gehörten „Wie erkennt man einen Veganer auf einer Party?"-Witz angesprochen wird. Ich weiß jetzt nicht genau, ob es eine Nebenwirkung meiner Anti-Arschloch-Einstellung ist, aber so ein Moralapostel-Veganer ist mir noch nie über den Weg gelaufen. Diskutierfreudige Fleischesser treffe ich jedoch ständig. Das ist dann meistens die Art Mensch, die Ron Swanson von Parks and Recreation zitiert und das „Prinzip" Speck witzig findet.

Diese Leute haben eine nicht enden wollende Anzahl an Fragen bezüglich meiner Nährstoff- und vor allem Proteinaufnahme. Ich habe keine Ahnung, warum meine Ernährung für fremde Leute so ein wichtiges Thema ist.

Ich mache eigentlich richtig viel ungesundes Zeug, aber deswegen pinkelt mir auch niemand ans Bein. Ich lebe quasi neben einer Autobahn, trinke mindestens einmal die Woche Bier und bin auch Diät-Limonaden nicht abgeneigt—all dem schenkt man keine Beachtung. Wenn es allerdings um meine Ernährung geht, dann ist jeder ganz plötzlich ein Nährstoffexperte und will wissen, wie ich meinen Bedarf an Proteinen, Vitamin D und Eisen decke. Ich habe keine Ahnung, ob und woher ich das Zeug bekomme. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass du selbst nicht weißt, woher du das alles beziehst. Dein Körper ist noch lange nicht mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt, nur weil du dir statt einem Veggie-Burger einen Chicken-Burger reinfährst.

Das Verwirrendste an der ganzen Antipathie gegenüber Veganern ist die Freude, die die Leute verspüren, wenn besagte Veganer einen Fehler machen. In dem oben erwähnten Artikel habe ich auch ein Bild von meinem Essen eingebaut. Diese Mahlzeit enthielt Ei, was mir aber damals nicht bewusst war. Es passiert halt manchmal, dass man aus Versehen ein tierisches Produkt konsumiert. Ich finde das nicht verwerflich. Allerdings gab es ziemliche viele Leute, die mir mit großer Schadenfreude mitteilten, dass ich versehentlich Ei gegessen hatte.

Wenn jemand Tieren etwas Gutes tun will und dabei dann einen Fehler macht, dann würde ich wohl nicht sofort in Arroganz verfallen und diese Person auslachen. Nach dem Lesen des „I Died Today"-Artikels über den sterbenden Hund habe ich mir nicht „Haha, sie wollten den Hund von dem Tumor befreien und haben es nicht geschafft!" gedacht. Du vielleicht schon, keine Ahnung.

Und nun entschuldigt mich, ich mache mich jetzt auf den Weg, um bei Taco Bell zu essen—aber bitte ohne Käse und mit Bohnen anstatt Fleisch.