Stuff

The Clit List: Ein Pornoverzeichnis für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben

Wie bekommst du dein Sexleben zurück, nachdem jemand Sex als Waffe gegen dich verwendet hat?

von Amelia Abraham
27 August 2016, 4:00am

Illustration von Ella Strickland de Souza

Wenn du Pornos schaust, hast du das bestimmt auch schon erlebt: Du schaust nach Dingen, die dir sexuell gefallen, und stattdessen landest du bei etwas Verstörendem. Date Rape, Gang Bang, brutale Blowjobs—wenn wir ehrlich sind, zeichnet sich ein großer Prozentsatz der konventionellen Pornografie dadurch aus, dass es sich dabei um den schlimmsten Albtraum der meisten Frauen handelt. Für Opfer sexueller Gewalt ist das Risiko besonders groß, durch das Gezeigte erneut traumatisiert zu werden. Wenn jemand Sex als Waffe gegen dich eingesetzt hat, wird Sex zu einem empfindlichen Thema.

The Clit List ist eine Online-Datenbank von Pornos, die Frauen dabei helfen sollen, sich nach einem sexuellen Übergriff wieder wohl in ihrer Haut zu fühlen. "Wir hatten wirklich den Eindruck, dass es so etwas braucht", sagt Pavan Amara, deren Organisation My Body Back hinter dem Projekt steht. Amara wurde als Teenager vergewaltigt und sagt, sie habe danach einen Ort gebraucht, an dem sie thematisieren konnte, welche Folgen diese Erfahrung für ihre Sexualität hatte. 2014 gründete sie deswegen My Body Back. Die Organisation veranstaltet Workshops, bei denen Überlebende sexueller Gewalt alles Mögliche besprechen können: "Masturbation, wie man wieder ein Gefühl der sexuellen Selbstbestimmung bekommt, und wie man herausfindet, was man mag und was nicht."

Ein Thema, das dabei immer wieder aufkam, waren Pornos. "Die Frauen wollten ihre Sexualität erforschen können, ohne sich dabei unsicher fühlen zu müssen", sagt Amara. "Aber wenn sie das mit Pornos versucht haben, haben sie stattdessen nur Sachen gefunden, die frauenfeindlich, gewalttätig und furchtbar waren. Oft wird dabei Vergewaltigung gezeigt, als sei das eine völlig normale Sache. Ich sah da eindeutig Handlungsbedarf, also haben wir eine Liste von Pornos erstellt, die Frauen sicher anschauen können, ohne Gewalt und ohne Dinge, die uns erniedrigen."

Aktuell bemüht sich Pavan, das Archiv der Clit List zu erweitern. Und das ist gar nicht so einfach, inmitten der Flut von Zahnspange tragenden "Teens" oder "MILFs", die wahlweise "destroyed" oder "pounded" werden. Doch auch wenn viele offensichtlich erniedrigende Videos außen vor bleiben, gibt es bei einem Projekt wie The Clit List natürlich das Problem, dass Menschen unterschiedlich gestrickt sind. Was Frauen erregend oder verstörend finden, kann stark von ihren persönlichen Erfahrungen mit Vergewaltigung, Missbrauch und sexueller Gewalt abhängen. Wie kann die Clit List wissen, was genau ihre Nutzerinnen als traumatisch empfinden?

So wirklich kann sie das natürlich nicht. Also moderieren die Frauen stattdessen die Liste gründlich und schreiben Trigger-Warnungen in die Rezensionen unter dem Video. Trigger-Warnungen sind zu einem verschrienen Konzept geworden, mit dem Internet-Trolle gerne spöttisch um sich werfen, doch eigentlich haben sie einen sehr ernsten und vernünftigen Ursprung. Überlebende von Gewalterfahrungen leiden oft an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die sich zum Beispiel in Flashbacks äußern kann. Anblicke oder Geräusche, die an das ursprüngliche Trauma erinnern, gehören häufig zu den Auslösern dieses schmerzhaften Wiedererlebens.

Zusätzlich zu den Trigger-Tags gibt es da noch Ella, die die Clit List mitverwaltet. Sie hat die letzten paar Monate damit verbracht, Pornos zu schauen und detaillierte Zusammenfassungen des Gezeigten zu schreiben. In Rezensionen erklärt Ella dann den Inhalt, die Themen, welche Phrasen die Darsteller benutzen und welche sexuellen Handlungen sie durchführen.

Ella wollte bei dem Projekt mitmachen, weil sie bereits mit Frauen gearbeitet hat, die Vergewaltigungsüberlebende sind. Dabei stellte sie fest, dass niemand versuchte, diesen Frauen bei der Wiedererlangung ihrer Sexualität zu helfen, oder Pornos bereitzustellen, die nicht patriarchal und voller Gewalt sind. "Pornos sind nicht mehr nur für Männer", sagt sie. "Viele Frauen schauen sich Pornos an. Warum gibt es also nicht mehr Dienste für Frauen?"

Auch Ella hat persönliche Erfahrungen, die sie motivieren, das Projekt zu unterstützen. "Ich war jahrelang in einer missbräuchlichen Beziehung. Zum Glück endete sie dann irgendwann, aber danach war ich eine Weile ziemlich verloren, was mein Körperbild und meine Sexualität anging." Ellas Freundin schlug ihr gewisse Pornos vor, aber auch Fotografie, Literatur und Kunst, die sie vielleicht sexy finden könnte. "Meine Freundin war so lieb und hat die Dinge für mich gesichtet, weil sie wusste, dass bestimmte Sachen mich triggern würden."

Ella erklärt, Pornos von selbsterklärten feministischen Produzentinnen wie Erika Lust seien eine naheliegende Wahl für die Liste, doch hier gebe es häufig ein kostenpflichtiges Abo. Also soll auf der Liste auch Material von Seiten wie PornHub verlinkt sein. Außerdem wird es Kategorien für Literatur, Fotografie, Kunst sowie Ratgeber und Tutorials geben.

Viele werden an dieser Stelle sicherlich kritisieren, dass The Clit List für ein Gewerbe wirbt, das man als unethisch bezeichnen könnte—oder dem Wesen nach frauenfeindlich. Ich frage Amara, was sie davon hält. "Bei uns wird es nur Sachen geben, die ein feministisches Ethos befolgen. Nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch hinter den Kulissen", sagt sie.

Für Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, könnte dieser Dienst sehr hilfreich sein. Eine Frau, die anonym bleiben will, sagt mir: "Nachdem ich vergewaltigt wurde, hatte ich das Gefühl, er hätte mir meine sexuelle Unabhängigkeit geraubt. Ich wusste nicht mehr, was ich mag. Ich habe einen Partner gebraucht, um erregt zu werden, also habe ich nach Pornos geschaut. Aber was ich gesehen habe, hat mich um hundert Schritte zurückgeworfen. Ich bin danach in ein tiefes Loch gefallen, weil es die Vergewaltigung wieder heraufbeschworen hat."

Pavan sagt, der nächste Schritt seien Informationen und Rezensionen zu Sextoys. "Viele Frauen finden Spielzeug nach einem Übergriff hilfreich", erklärt sie. "Manche Frauen sind sehr angespannt, wenn sie dann versuchen zu masturbieren. Die Vibrationen der Sextoys können helfen, die Beckenbodenmuskeln zu entspannen und damit ein Einführen erleichtern. Auch Gleitmittel kann helfen."

Die Frauen hoffen außerdem, die Plattform interaktiv zu machen. "Wir wissen, dass Frauen sehr unterschiedlich sind", sagt Pavan, "also nehmen wir auch Texte von Frauen an, die einen Gastbeitrag schreiben wollen." Zum Beispiel: "Einige Nutzerinnen haben uns gesagt, dass sie an BDSM interessiert sind, also werden wir das in Zukunft unter die Lupe nehmen. Wir müssen gut aufpassen, dass die Frauen sich aller Tatsachen bewusst sind, bevor sie sich damit befassen, damit es ihnen nicht schadet."

Macht sie sich auch bei anderen Themen Sorgen über die potentiellen Schäden? "Nicht wirklich. Ich habe das Team von My Body Back im Rücken, und das sind Expertinnen in diesem Bereich. Sie werden mir helfen sicherzugehen, dass wir Frauen stärken und ihnen nicht noch mehr Schaden zufügen."