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Popkultur

Auf eine Schüssel Ramen und drei Teigtaschen mit Hannibal Buress

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Comedian über Bill Cosby, seine Karriere und Schweiß.

von Rachel Syme
10 Mai 2016, 4:00am

Photos by Elizabeth Renstrom

Im Zeitalter von On-Demand-Streaming-Diensten haben wir alle unsere ganz persönlichen Comedy-Heilmittel gegen jene melancholischen Momente am Nachmittag, in denen wir eine Injektion aus Freude direkt in unsere Blutbahn brauchen. Hier ist mein Blues-Rezept: Ein GIF von Hannibal Buress, wie er in Anzug und Krawatte die Rampe der Grand Central Station hinuntertanzt, während er mit den Händen wie ein Muppet fuchtelt und mit den Füßen einen Shuffle ausführt.

Obwohl der Clip nur ein paar Sekunden dauert, hat mit Buress' schwachsinniges Herumstolzieren (das aus einer Szene in Broad City stammt, in der sich die Gruppe beeilt, um zu einer Hochzeit am Land zu kommen) beinahe endlose Freude bereitet. Das hat einiges mit dem Überraschungselement zu tun: Buress' Charakter—ein typischerweise eher beherrschter Zahnarzt namens Lincoln und der einzige heterosexuelle Mann in Broad City—durchbricht nur sehr selten die Spinner-Barriere.

Wenn Abbi und Ilana bis zum Anschlag aufgedreht sind und auf einer konstanten 10/10 stehen, hält Buress seine Lincoln-Figur auf einer konstanten 3; ihn einmal locker zu erleben, ist so selten, dass es fast einen Schock auslöst, wenn es dann doch mal passiert. Die beste Comedy kommt aus tiefer Beherrschung und Buress weiß das—er hält so vieles zurück, dass sich Loslassen nach Katharsis anfühlt.

Dieselbe Art langsam aufflammender Dankbarkeit habe ich auch empfunden, als ich Buress zum Mittagessen im Ramen Yebisu in Williamsburg, seinem Wohnort, getroffen habe. Es war ein grauer Tag von der Sorte, die dir alleine dadurch die Lebensenergie raubt, dass du an ihm das Haus verlässt und entsprechend energielos und unterkühlt kam Buress an unserem Ramen-Treffpunkt an. Als wir uns hinsetzten, fiel sofort auch noch mein Aufnahmegerät aus. Als Buress die aufkommende Panik in meinem "Das ist ein Albtraum"-Gesichtsausdruck bemerkte, tat der das wahrscheinlich Netteste, was man in der Situation machen kann: Er lachte. Und wie immer, wenn Buress lacht, wie auch so oft in seinen Stand-up-Programmen, tat er es mit seinem ganzen Gesicht und einem lauten, kehligen Gackern. Ich wusste, wir würden uns gut verstehen.

Wie ich im Lauf unseres Essens herausfinden sollte, gehen die Wolken, die über Buress hängen, trotzdem weit über die klassische wetterabhängige Stimmungsschwankung hinaus. Auf der einen Seite hat Buress einen Punkt in seinem Leben und seiner Karriere erreicht, wo die Dinge besser laufen als je zuvor: Einen Tag nach seinem 33. Geburtstag veröffentlichte Netflix sein Comedy-Special Camisado—ein Traum für jeden Comedian unserer Generation, wo Menschen in glorreichem Einklang dein Programm streamen und dabei ihre Bongs und Doritos stets in Reichweite haben. Was Stand-up angeht, hat Buress, der in seiner Heimatstadt Chicago mit Comedy begann, den Olymp erreicht. Das einzige offene Ziel ist eine Vorstellung im Madison Square Garden (die er übrigens definitiv anstrebt).

Über Nacht wurde Buress zur Gallionsfigur der Gerechtigkeit—eine Rolle, die er nie spielen wollte.

Und dann wäre da noch seine Präsenz im Fernsehen. Er ist eines der Highlights in Broad City—einer Show voller Highlights—und als Sidekick mischt er so ziemlich jede Szene der absurden Eric Andre Show auf. Im vergangenen Jahr wurde seine eigene Show Why? with Hannibal Buress auf Comedy Central erstausgestrahlt—ein riesiger Erfolg, nachdem zuvor bereits vier Fernsehdeals geplatzt waren. Außerdem versucht sich Buress auch im Filmgeschäft: Vergangenen Dezember hat er in Daddy's Home gemordet und hatte einen Auftritt im Indie-Action-Film Band of Robbers, der im Januar erschienen ist. Und Buress hat noch mehr Referenzen zu bieten: Er bekleidet eine Rolle im Baywatch-Film, in dem auch Dwayne Johnson und Zac Efron mitspielen, hat aber laut eigenen Aussagen sein Shirt die ganze Zeit über anbehalten. Nebenbei reist er mit einem DJ, seinen Freunden und Musikern durch die ganze Welt, füllt große Locations in ganz Amerika. Ein Problem dabei ist, dass er ziemlich oft Flüge verpasst—genauer gesagt zwei von fünf, wie er mir erzählt. Als wir uns trafen haben, war er gerade aus Tokio zurückgekommen; von einer Last-Minute-Show, die in weniger als einem Tag ausverkauft war.

Aber wie immer gibt es da natürlich auch noch die andere Seite der Medaille. Als Buress gerade versuchte, glitschige Teigtaschen mit seinen Essstäbchen zu essen ("Ich habe mit diesen Dingern wirklich zu kämpfen. Vielleicht muss ich mir eine Gabel besorgen."), fragte ich ihn, wie aufregend er all diese großartigen Entwicklungen in seinem Leben findet—und war sehr überrascht, als er mir gestand, dass er schon mal glücklicher war. "Ich glaube, ich war am glücklichsten, kurz bevor mein anderes Special [Live from Chicago] erschienen ist. Ich war einfach in bester Laune. Ich habe diesen Podcast namens Champs mit Neal Brennan und Moshe Kasher gemacht und ich war einfach gut drauf. Ich hatte damals einfach weniger Verantwortung."

Was Buress jedoch nicht erwähnt hat, ist, dass März 2014—also der Zeitpunkt, als Live from Chicago erschienen ist—sieben Monate B.C. lag: Before Cosby. Falls ihr von der Verbindung zwischen Cosby und Buress noch nichts gehört habt, hier die Kurzfassung: Im Oktober 2014 wurde ein Video auf YouTube gestellt, das Buress zeigt, wie er einen Witz über Cosbys sexuelle Übergriffe macht. Der Ausschnitt beginnt damit, dass Buress Cosby dafür anprangert, dass er jungen schwarzen Männern erklärt, wie sie sich zu verhalten haben, wenn er selbst eigentlich keine moralischen Ansprüche hat: "Du vergewaltigst Frauen, Bill Cosby ... Googlet mal ‚Bill Cosby Vergewaltigung'. Das ist kein Witz. Der Scheiß hat mehr Suchergebnisse als mein eigener Name." Das Video hat sich so lange im Internet verbreitet, bis es vom Fernsehen aufgegriffen wurde und letzten Endes dazu führte, dass betroffene Frauen ihr Schweigen gebrochen haben. Cosby verlor daraufhin eine NBC-Show; alte Folgen seiner Show wurden nicht mehr wiederholt. So wurde Buress über Nacht zur Gallionsfigur der Gerechtigkeit—eine Rolle, die er nie spielen wollte. Zumindest hat er jetzt mit Sicherheit mehr Suchergebnisse auf Google.

Als ich ihn fragte, ob er sich selbst googeln wolle, zog er sein Handy heraus und klickte auf ein Suchresultat. In einem Artikel wurde behauptet, er habe eine geheime zionistische Agenda. "Letzten Monat bin ich in Chicago vor jungen jüdischen Führungskräften aufgetreten", sagte er in Hinblick auf seine Aufführung bei den Jewish United Fund's Young Leadership Division. "Und hier ist noch eine von diesen total absurden Verschwörungstheorien, die glaubt, ich sei ein Geheimagent."

Alle Verschwörungstheorien, die in Folge der Cosby-Affäre entstanden, amüsieren und schocken Buress noch immer. "Die Leute glauben, ich habe aufgrund dessen meine Fernsehsendung bekommen", sagte er. "Aber das wäre unmöglich. Der Fernseh-Deal wurde im Juli 2014 abgeschlossen und das andere kam im Oktober heraus. Danach wollte ich die Show fast nicht mehr machen."

Trotz seiner Vorbehalte fuhr Buress mit Why? fort, einer halbstündigen Plattform, die teils aus Straßen-Interviews, teils aus einer Varieté-Show bestand—gab aber zu, dass er nicht mit ganzem Herzen bei der achten Folge dabei war. Er entschied sich gegen eine Rückkehr für eine zweite Staffel. "Es war uneinheitlich, unkonzentriert", sagte er über die Show. "Ich hatte Angst. Es war diese verrückte Medienaufmerksamkeit, die ich nicht mochte."

Genau das ist das Dilemma, wenn etwas in der Ära des modernen Stand-ups viral geht. Die Branche ist aktuell so aufgebaut, dass in ihr nur eine Handvoll Stars Platz haben. Da gibt es die arbeitenden Comedians, von denen du schon gehört hast—Aziz Ansari, Amy Schumer, Louis CK, Chris Rock—und dann gibt es noch alle anderen. Es ist ein Gewerbe voll von Stripperinnen und Schwerarbeitern, die in Shows spielen, in Podcasts zu Gast sind und versuchen, einen Raum zu füllen und ein Aushängeschild zu bekommen, ehe sie groß rauskommen. Buress war aufgrund seines extrem seltenen Stand-up-Talents kurz vor dem Durchbruch—bevor die Schlagzeilen kamen. Aber es ist nur zu verständlich, wie diese Aufmerksamkeit eine Person auf dem Weg zum Erfolg beeinflussen kann.

Als er seine Ramen schlürfte, dachte Buress darüber nach, dass er aufgrund von Cosby-Gate beinahe aufgehört hatte, Comedy zu machen. Er machte sich Sorgen, dass die Aufmerksamkeit, die er dafür bekam, mehr mit den Zugriffszahlen seines Videos als mit seiner Comedy zu tun hatte. "Ich erinnere mich noch daran, als ich eine Review von Daddy's Home sah, die mich als den 'Cosby-Outer Hannibal Buress' bezeichnete. Und ich so: Ernsthaft? Aber so ist es einfach." Buress machte also weiter. So wie mit seinem fröhlichen kleinen Tanz in der Grand Central Station findet er immer neue Wege, sich die Macht der Überraschung zunutze zu machen. Er kann leise, zurückhaltend und gemäßigt sein, langsam über die Bühne gehen, und dann, aus dem Nichts, explodiert er und sein Publikum ist begeistert. In der Hochzeitsszene in Broad City bleibt Buress' Charakter im Bahnhof stehen, blickt nach oben zu den himmlischen Deckenmalereien und sagt: "Heilige Scheiße, dieser Ort ist wirklich majestätisch." Er ist ein Gefäß für unerwartete Offenbarungen und auch, wenn man häufig nicht weiß, was er als nächstes sagen wird, weiß man doch, dass es treffend, überraschend und wahr sein wird.

Natürlich nimmt Buress die seltsamen Ereignisse von 2014 zur Kenntnis und wird sie wohl auch noch einige Zeit als Teil seiner Karriere mit sich herumtragen. Er weiß auch, dass es inzwischen in sich selbst lustig geworden ist. Sein Netflix-Set beinhaltet einen Teil, in dem er davon erzählt, wie schwer es ihm fällt, Fremden zu vertrauen. Er unterstreicht diese Aussage, indem er sagt: "Hat Cosby euch geschickt?"

Sein übriges neues Material, das ebenfalls die für ihn typische Mischung aus treffender sozialer Beobachtung und absurder Enthüllungen beinhaltet, konzentriert sich aber mehr auf seine Angst vor dem Altern und die Tatsache, dass er seine 20er, in denen er viel Party gemacht hat, langsam hinter sich lässt (obwohl er mir erzählte, dass er immer noch jede Nacht bis 3:00 oder 4:00 Uhr morgens ausgeht, wenn er auf Tour ist). Sein Hauptkritikpunkt an seinem eigenen Programm ist, dass er dabei zu viel schwitzt. "Ich weiß nicht, weshalb ich in diesem Special besonders verschwitzt aussehe", sagte er. "Seht mir dabei zu, wie ich älter und verschwitzter werde."

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