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Dmitrij, 25, stirbt und lässt alle auf seinem Blog dabei zusehen

Er dachte, er hätte den Krebs besiegt. Jetzt ist er zurück: Tumor im Kopf, Metastasen in der Wirbelsäule. Dmitrij bereitet sich auf seinen Tod vor.

von Stefanie Diemand
15 August 2016, 8:28am
Dmitrij studiert in Marburg Psychologie | Alle Fotos: privat

Am 1. Februar 2016 stellt Dmitrij eine Botschaft auf seinen Blog:

"Hallo. Ich heiße Dmitrij Panov und ich werde bald sterben. Klingt komisch, ist aber so."

Vier Jahre zuvor, Anfang Dezember 2011 in Marburg. Dmitrij ist 20 Jahre alt. Draußen schneit es, aber in den Räumen der Klinik gibt es keine Jahreszeiten. Dmitrij wartet alleine im Untersuchungszimmer, ist noch erschöpft von seiner Untersuchung im Kernspintomographen. Fast eine halbe Stunde lag er in der Röhre des beigen Geräts. Der Arzt braucht nur wenige Sekunden für seine Diagnose.

"Hirntumor", sagt er. Bösartige Zellwucherungen im Gehirn.

Dmitrij wählt die Nummer seiner Mutter und sagt: "Wir wissen, was es ist." Auch die Mutter freut sich. Endlich wissen sie, was los ist.

Dmitrij studiert in Marburg Psychologie. Zum Arzt war er gegangen, als er die täglichen Schmerzen im Rücken nicht mehr zu ertrug. Als das Gefühl, kotzen zu müssen, zum Dauerzustand wurde. Der Orthopäde tippte auf Verspannungen, die Physiotherapeutin schickte ihn zum Hausarzt.

Es dauert einen Monat, wegen der Schmerzen fühlt es sich länger an, bis er schließlich beim Neurologen im Wartezimmer sitzt. Dmitrij spielt Tetris, stapelt hoch, fällt plötzlich bewusstlos zu Boden. Er wacht im Uniklinikum Marburg wieder auf. Operation am nächsten Morgen. Er freut sich darauf, auch auf die Bestrahlungen danach. Endlich keine Schmerzen, kein Kotzen und Umfallen mehr, glaubt er. "Wir kümmern uns darum", hat der Arzt gesagt.

Nach der Bestrahlung ist ihm schlecht.

Er muss sich übergeben.

"In den Tagen danach lernte ich die Vorzüge von starken Narkosemitteln (diese Bilder!) und Blasenkathetern (Pinkeln gehen ist was für den Pöbel) kennen, machte wieder einmal meine ersten Schritte und schlich nach 10 Tagen wieder durch die Welt. Es folgten Bestrahlung (meh) und Chemo (egal) und jahrelang war alles gut.
Wäre nicht schlecht, wenn es an dieser Stelle enden könnte."

Dmitrij legt ein Urlaubssemester ein. Am Anfang geht er alle sechs Wochen zur Bestrahlung. Irgendwann nur noch alle paar Monate. Bei den Visiten versucht er, immer genau eine Frage zu stellen. Mehr ist nicht drin, der Arzt hat nicht viel Zeit für ihn. Manchmal fragt der Arzt ihn, wie es ihm geht.

Falsch gesetzter Katheter. Eigentlich soll hier Flüssigkeit in den Körper rein und nicht das Blut rauslaufen

Dmitrijs Antwort dauert ihm aber zu lange, er bräuchte zehn Sätze, um zu beschreiben, wie sich das anfühlt, was er gerade erlebt. Der Arzt unterbricht ihn schon nach dem ersten. Einmal ist nach der Blutabnahme eines Arztes Dmitrijs Pyjamahose voller Blut. Entschuldigt hat sich keiner.

Cisplatin NC 0,5 mg/ml - bei ausgedehnten Tumoren und Metastasen
Irgendein Medikament, an das ich mich nicht erinnere.

Nach zwei Jahren ohne Krebs macht Dmitrij sich keine Sorgen mehr. Als krebsfrei gilt man aber eigentlich erst nach fünf Jahren.

Er nimmt sein Psychologiestudium wieder auf, trifft sich mit Freunden zum Zocken. Schaut Dutzende Filme, spielt an der Uni Theater und besiegt bei The Legend of Zelda den Spinnenparasiten Ghoma. Er diskutiert im Forum von Moviepilot über Filme, trifft Forenuser im echten Leben. Die Community war ihm immer wichtig. Als er krank wurde, verbreitete sich die Info schnell über Facebook. Menschen, die er nur aus dem Netz kannte, mit denen er zuvor nur wenige Nachrichten ausgetauscht hatte, riefen ihn an. Dmitrij hat 680 DVDs. Er liebt Kill Bill, Moonrise Kingdom, den südkoreanischen Klassiker Oldboy. Irgendwann, wenn er tot ist, gehören diese Filme jemand anderem. Entschieden hat er schon, dass eine Mitbewohnerin seine Küchenutensilien bekommt.

Anders als zuvor lebt er in dieser Zeit nicht.

Im April 2015, ein Jahr bevor er offiziell als gesund gilt, ist er wieder beim Arzt. Diagnose: ein Rückfall, gleicher Tumor an der gleichen Stelle. Wieder Operation, Bestrahlung, Chemo. Alles OK. Krebs kann man heilen. Die fünf Jahre beginnen von vorne. Alle sechs Wochen geht er zum Kontroll-MRT.

Dmitrij mit Markierungen für die Strahlentherapie

Ende 2015, sein Nervenwasser wird untersucht. Er hat Hirnmetastasen. Eine Operation bräuchte man gar nicht erst zu versuchen. Die Ärzte leiten eine Chemotherapie ein. Es tut weh. Wegbekommen wird man die Metastasen nicht. "Aber wir möchten Ihnen noch so viel Lebensqualität wie möglich ermöglichen", sagen die Ärzte. Es spricht keiner mehr von Chancen, nur noch von Maßnahmen.

Er war nicht überrascht. "Ich wusste es", sagt er. Und irgendwann: "Das passt schon." Keine OP bedeutet für ihn, dass er Weihnachten mit seiner Oma feiern kann. Ihren Geburtstag hatte er wegen einer Chemotherapie verpasst.

Liquorpunktion. Die Nadel sticht in den Lendenwirbel. Dmitrij gerät bei jedem neuen Schmerz in Panik.

Am 1. Februar um 2 Uhr morgens stellt er seinen ersten Blogeintrag ins Netz.

"Hallo. Ich heiße Dmitrij Panov und ich werde bald sterben. Klingt komisch, ist aber so."

"Sterben mit Swag" nennt er sein Online-Tagebuch. Alle vier Tage schreibt er einen neuen Beitrag. Er will zeigen, dass das Unheilbare, das Unabwendbare gar nicht so schlimm ist. Er will etwas hinterlassen.

Dmitrij hat Medulloblastom WHO IV. "Kindertumore" nennt man solche Geschwüre, weil sie meist nur bei sehr jungen Menschen vorkommen. Bei Erwachsenen und jungen Erwachsenen wie Dmitrij sind sie kaum erforscht. Der Tumor sitzt am Kleinhirn. "Hindert, wenn er groß genug ist, das Hirnwasser am Abfließen oder drückt aufs Sehzentrum, beeinflusst Gleichgewicht und so weiter", sagt Dmitrij. Die Ärzte müssen experimentieren. Dmitrij will stark wirken. Er sagt, es gehe ihm gut.

1x Vergentan - Wirkstoff zur Behandlung von Erbrechen (Antiemetikum)

2x Inlyta - Behandlung von fortgeschrittenem Nierenkrebs

2x Erivedge - für erwachsene Patienten mit symptomatischem metastasiertem Basalzellkarzinom

2x Hydrocortisone - gegen entzündliche und allergische Hauterkrankungen

Vor 25 Jahren bringt seine russische Mutter Dmitrij in der Sowjetunion als einziges Kind zu Welt. Die Nabelschnur liegt um den Hals. Das Kind atmet nicht. Vier Stunden Reanimation.

Jetzt wird sie dieses Kind verlieren. Sie wohnt 50 Kilometer entfernt in der hessischen Kleinstadt Herborn. Wenn Dmitrij mit ihr telefoniert, ist er schnell genervt. Nach Hause möchte er nicht mehr ziehen: "Dort gibt es nicht einmal richtiges WLAN." Seine Familienverhältnisse seien "ansich ganz gut". Nur manchmal könnte er zu seiner Mutter etwas weniger zickig sein, gibt Dmitrij zu.

Wird der Katheter einer Infusion nicht schnell genug gewechselt, kann auch mal Blut fließen

Nach der Klinik geht er zurück in seine WG. Dort lebt er mit seiner besten Freundin Sabine. Sein Studium nimmt er nicht wieder auf.

Er schaut Filme, spielt Games bis zum Endboss durch. Er probt mit seiner Theaterklasse Ernst sein ist alles von Oscar Wilde. Er geht bei der Premiere wackelig auf die Bühne. Spielt und hält bis zum Applaus durch. Sie bringen ihn von der Bühne direkt ins Uniklinikum.

Mal gehen die einen Schmerzen weg und andere kommen dazu. Wirbelsäule, Becken, Hintern, Beine—lokalisieren kann er den Schmerz teilweise nicht mehr.

"So langsam wird wieder das Gefühl stärker, dass ich nie wieder aus dieser Klinik rauskomme. Zu viele Möglichkeiten, dass es schlimmer werden könnte. Komme ich damit klar? Sicher noch nicht. Hauptsächlich bin ich genervt, weil die Ärzte (mal wieder) auf sich warten lassen. Rücken schmerzt, Beine auch, der Arsch versucht's immer wieder, immerhin tropft die Infusion fröhlich weiter. Ja, könnte schlimmer sein. Will mir aber meine Reaktion nicht ausmalen, wenn es das noch wird." (29. April 2016)

Die Kommentare der Leser helfen, wenn die weißen Klinikwände ihn zu erdrücken drohen.

Dmitrij wird wieder operiert, soll wieder vier bis sechs Wochen lang bestrahlt werden. Es ist von Querschnittslähmung die Rede. Kommt er jemals wieder nach Hause? Sabine ruft bei einem Pflegedienst an. Dmitrij schreibt sein Testament. Die Filme brauchen neue Besitzer.

Was mir früher wichtig war und heute nicht mehr:
Studium
Sex (Juli 2016, "Ask Me Anything" auf reddit)

Er kommt in die Rehaklinik, nicht ins Hospiz. Denn sofort sterben wird er wohl nicht. Eine Prognose, wie viel Zeit ihm bleibt, möchte er nicht haben. Was ihm Angst macht? Nicht der Tod. Manche Menschen sterben mit 100 Jahren—unglücklich. Er wird keine 30 Jahre alt. "Aber mein Leben ist erfüllt gewesen", sagt er. Vermissen werde er nichts, eine Weltreise sei doch unnötig. Na gut, etwas ärgere ihn schon: Dass er nicht noch einmal in Bonn war, bei dem All-You-Can-Eat-Chinabuffet in der Nähe vom Penny. Und die vielen noch nicht veröffentlichten PC-Spiele nicht zu vergessen.

"Letztes Mal schrieb ich, ich hätte nicht mehr wirklich Angst vor dem Sterben. Vielleicht meinte ich eher: vor dem Tod. Sterben, da ist ja noch etwas Leben drin, und manchmal glaube ich, habe ich etwas Angst vor dem Leben." (11. Mai 2016)

Bad Zwesten, Mai 2016, ein sonniger Tag in Hessen. Im Park der Rehaklinik gehen die Bewohner spazieren, liegen auf der Wiese. Dmitrij liegt in seinem Zimmer auf der neurologischen Station, schaut einen Film und kann sich kaum bewegen. Die Klinik hat zwei Trakte. Einen für die, die im Kopf nicht ganz richtig sind, und einen für die, die körperlich aufgebaut werden müssen. Er ist sich nicht sicher, in welchem Teil er eigentlich ist.

Er schaut Filme, spielt Games und guckt aus dem Fenster. Waldblick. Er interessiert sich nicht dafür. "Es geht mir einigermaßen", sagt er wie immer und beginnt zu stöhnen. Der Rücken macht ihm Sorgen. Er wendet sich mehrmals, findet keine bequeme Position, bleibt irgendwann einfach liegen. Wie lange kann jemand nur auf dem Rücken liegen? Die Infusion will nicht richtig durchlaufen. Er ruft die Schwester. Sie fragt nach seinem Befinden.

"Einigermaßen gut", sagt er.

Er hat mehrmals am Tag Physiotherapie, denn die Beine wollen noch nicht so, wie sie sollen. Seit der dritten Diagnose, seit dem multifokalen Rezidiv, das in der Wirbelsäule gestreut hat, seitdem eine Metastase in einem Wirbelkörper gewachsen ist, kann er manchmal nichts mehr sehen, rund eine halbe Stunde lang nicht.

"Vormittag/Mittag wahrscheinlich die heftigsten Schmerzen meines Lebens, seit etwa einer Stunde geht's (dank zusätzlich Paracetamol wegen Fieber). Volles Paket also, in jeder Hinsicht. Gerade auch noch lange nicht optimal, aber kann schon mal sitzen und muss nicht dauernd vor Schmerzen schreien. Hoffentlich hält sich das nicht, erstens wollte ich hier wirklich mal raus, zweitens weiß ich nicht, ob ich das ein zweites Mal durchhalte." (4. Juni 2016)

Seit dem 9. Juni 2016 ist Dmitrij wieder zu Hause. Wenn er stirbt, muss Sabine den letzten Blogeintrag für ihn posten. Postum.

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