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Amoklauf

Wie wir in München die Nacht des Amoklaufs erlebten

Die Schüsse, die mein Freund hörte, hat es nie gegeben. Doch die Angst war real—ein Problem unserer Zeit.

von Laura Meschede
23 Juli 2016, 10:36am

Als Erstes kommt die Eilmeldung, da bin ich noch ganz ruhig. Schüsse im Olympia-Einkaufszentrum also, in München. "Oh", denke ich und tippe die Nachricht in eine meiner WhatsApp-Gruppen. Für die, die es noch nicht mitbekommen haben.

Was sagt Twitter? Schüsse am OEZ, weiß ich schon. Und: Taxifahrer sollen den Stachus meiden. Moment: den Stachus?

"Täter wohl noch nicht gefasst. Meldung: Stachus meiden. What the fuck?", schreibe ich. "Ich habe gehört, es sei auch was am Odeonsplatz", schreibt Mari. "U-Bahnen lahmgelegt", schreibt Andrea. Twitter sagt: Schüsse auf dem Festivalgelände des Tollwood.

Inzwischen kommen die Nachrichten auf drei verschiedenen Kanälen, WhatsApp, Telegram, Facebook. Ich bin Mitglied in fünf Telegram-Gruppen und vier WhatsApp-Gruppen, in fünf dieser neun ist es schon Thema.

Dann, plötzlich: "Er ist hier. Hilfe. Omg." Max schreibt das. 35 Menschen lesen mit. Meine größte WhatsApp-Gruppe. Bestürzte Nachrichten im Sekundentakt. Max? MAX??? Schweigen. Dann eine Sprachnachricht. Man hört: heftiges Keuchen. Max Stimme: "Wir sind im Rewe. Im Tal. Er ist hier drin", sagt er. Das Tal ist eine Einkaufsstraße in der Münchner Innenstadt. Max schluchzt eher, als dass er spricht. Seine Stimme überschlägt sich. "Oh, mein Gott", wiederholt er immer wieder. Ende der Sprachnachricht.

Foto: imago | ZUMA press

Es ist der Moment, in dem ich in Panik gerate.

Vor wenigen Tagen erschien eine Studie, nach der 73 Prozent der Deutschen Angst vor Terrorismus haben. Das sind 21 Prozent mehr als letztes Jahr—und vielleicht ein paar Prozent weniger als heute. Nach dieser Studie hat schon vor einigen Tagen der Terrorismus den Deutschen am meisten Angst eingeflößt, weit mehr als "schwere Erkrankung" oder "Krieg mit deutscher Beteiligung".

In den Köpfen findet der Terror schon seit Jahren statt. Gemalt durch Tausende Medienberichte, rechte Hetze und Debatten über rechte Hetze. Das Bild vom irren Islamisten, der wild um sich schießt, hat sich in unseren Köpfen eingebrannt. Am 24. Juni hat die Bundesregierung ein Anti-Terror-Paket verabschiedet. Anonyme Prepaid-Karten wurden verboten, der Verfassungsschutz kommt leichter an Daten, verdeckte Ermittler dürfen schneller eingesetzt werden. Am 20. Juli trat in Russland ein neues Anti-Terror-Gesetz in Kraft, vorgestern verlängerte Frankreich den Ausnahmezustand bis Anfang 2017. Verhindern diese Maßnahmen Anschläge? Es spielt kaum eine Rolle. Gegen Angst lässt sich nicht argumentieren. Am Freitagabend um 18:30 Uhr frage ich mich, ob der Terror jetzt in München angekommen ist.

Der Nahverkehr ist ausgesetzt. Die Polizei rät, öffentliche Plätze zu meiden. "Was wir wissen—und was nicht" wird deutschlandweit zu einer der beliebtesten Rubriken in Online-Medien. Wir wissen: gar nichts. Bei Twitter wissen die Leute schon mehr: Der Islam persönlich scheint es gewesen zu sein, der Täter vermutlich kürzlich erst aus Syrien geflohen. Was genau er gemacht hat? Wo wird jetzt alles geschossen? Egal. Das Telefonnetz ist überlastet, alle paar Minuten kommt ein neuer Anruf in Abwesenheit auf meinem Handy an, verspätet durchgestellt. Ein auf Twitter kursierendes Foto zeigt blutüberströmte Leichen in einem Einkaufscenter, ein Video den Schützen vor dem OEZ in die Menge schießen, ein anderes eine Explosion, wo genau, keine Ahnung.

Was, wenn meine Freunde unter den Opfern sind? Der Terror, so fühlt es sich an, ist jetzt ganz nah.

"Geht nach Hause", schreibe ich meinen Freunden. Monatelang habe ich gegen die Terrorangst angeredet, Statistiken zitiert, nach denen man noch eher von einem herabfallenden Ast erschlagen als von einem Terroristen erschossen wird. Nach der Sprachnachricht habe ich plötzlich auch Angst: Was, wenn meine Freunde unter den Opfern sind? Der Terror, so fühlt es sich an, ist jetzt ganz nah. Auf den Straßen vor meiner Haustür starren alle auf ihre Handys, das OEZ ist eine halbe Stunde entfernt von hier, der Stachus auch, aber via Twitter und WhatsApp stehe ich trotzdem quasi daneben. Scheinbar.

Später am Abend werden sich die Fotos und Videos zu großen Teilen als Fakes herausstellen. Ebenso wie die meisten Anschlagsorte. Die Informationen über Social Media haben uns nicht informiert. Nur in Panik versetzt.

In der Einkaufsstraße zwischen Marienplatz und Stachus sind alle Geschäfte verriegelt und voll mit Menschen. Davor: Polizisten mit Maschinengewehren. Es ist jetzt 21:30 Uhr. Keine Entwarnung. "Die Leute trauen sich hier nicht raus", sagt ein Angestellter an der Tür zu einem Spielzeugladen. "Und, wo sollen sie auch hin? Es fährt ja nichts." Vor einer Stunde hätte er Feierabend gehabt, stattdessen verteilt er umsonst Getränke an alle, die sich in seinen Laden geflüchtet haben. "Ich habe die Angst in ihren Gesichtern gesehen, das war wie im Film", sagt er. Seine Stimme ist müde und schleppend. Möchte ich reinkommen? Nein? "Dann lauf aber immer an der Wand entlang, zum Überblickbehalten. Und nicht in Gruppen", sagt er. "Den Tipp habe ich von der Polizei."

Weitere Informationen hat die Polizei in diesem Moment auch nicht. Am Marienplatz steht ein Beamter vor einem großen Absperrseil und lässt niemanden Richtung Stachus durch. "Warum?", frage ich. "Ist der Stachus nicht gesperrt?", fragt er. "Nein", sage ich, "da komme ich gerade her." – "Oh", sagt der Polizist. Er sichert trotzdem weiter, Zweifel in den Augen.

Telefonat mit Max, der inzwischen weiß, dass der Angreifer vom Stachus nicht mit ihm im Supermarkt war. Dass es ihn nicht gab.

Telefonat mit Max, der inzwischen weiß, dass der Angreifer vom Stachus nicht mit ihm im Supermarkt war. Dass es ihn nicht gab. "Wir hatten gerade die Info auf Twitter bekommen, dass es Schüsse am Stachus gibt", sagt er. "Und ich stand an der Kasse im Supermarkt fünf Minuten entfernt, da kommt plötzlich einer reingerannt und schreit: 'Er kommt!'"

Max, so erzählt er, lässt daraufhin alles fallen und rennt, mit ihm die anderen Supermarktgäste. Regale fallen um, Gedrängel, Kinder schreien. Er versteckt sich im Kühlraum, quetscht sich mit einem Freund zusammen in den Schrank unter einer Spüle, ihm gegenüber macht ein Mann einen Abschiedsanruf bei seiner Mutter. Alle sind sicher: Wir sterben jetzt. Zwischen Tiefkühlrippchen und Schweinesteaks.

Foto von Max aus dem Supermarkt: "Alle sind sicher: Wir sterben jetzt." | Foto: privat

Max sendet die Sprachnachricht an unsere WhatsApp-Gruppe. Draußen ruft ein Mann etwas auf Arabisch. Max, Antifaschist und vorurteilsfrei, wie er dachte, sagt: "Und ich war mir sicher, dass das der Täter ist." Kurze Denkpause. "Das ist doch unglaublich", sagt er dann. "Ich bin gegen solche Vorurteile und trotzdem hatte ich diesen Gedanken. Wir alle hatten ihn. Weil sich diese Bilder seit dem 11. September so festgesetzt haben. Auch in meinem Kopf."

"Ich habe so oft davon gelesen, seit dem 11. September. Diese Bilder waren überall und plötzlich schienen sie wahr geworden zu sein", sagt er. "Wahnsinn, wie der Mensch funktioniert."

Der Angreifer am OEZ, das erfahren wir nachts um 2 Uhr in der Pressekonferenz der Polizei, war ein 18-jähriger Einzeltäter. Die anderen Angreifer hat es wohl nie gegeben. "Für uns waren sie real", sagt Max. 2.300 Polizisten waren im Einsatz. Zahlreiche Notrufe und Hinweise auf Schießereien an anderen Orten sind in der Nacht eingegangen. Erhärtet hat sich keiner. Massenpaniken wie im Rewe im Tal gab es an Dutzenden Orten, am Hauptbahnhof, am Stachus, im Hofbräuhaus.

War es Terror, was gestern in München passiert ist? Es spielt kaum eine Rolle. In den Köpfen der Münchner war es Terror. Und gegen Angst lässt sich kaum argumentieren.

Was bleibt? Trauer um die Toten. Ein Treffen des Sicherheitskabinetts. Vielleicht ein neues Anti-Terror-Gesetz, früher oder später. Die Maschinerie aus Angst und Hass läuft weiter, über Social Media, in den Zeitungen, in den Talk-Shows. Gestern Abend habe ich gespürt, wie sehr wir ein Teil von ihr sind. Das bleibt.