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Es ist mir peinlich, aus Bayern zu kommen

Die CSU will muslimischen Jurastudentinnen verbieten, während der Ausbildung Kopftuch zu tragen. Und wieder kommt alles hoch, was ich an meiner Heimat hasse.

von Sofia Faltenbacher
01 Juli 2016, 9:00am

Alles am richtigen Platz, so wie es immer war, Veränderung nicht erwünscht |  Foto: imago | Westend61

"Kommst du aus München", fragte mich letztens eine Bekannte. "Ja", antwortete ich zerknirscht. Den letzten Rest Dialekt habe ich mir gerade abtrainiert. Aus Schmarrn wurde Blödsinn, statt "was Gscheit's zu essen" sage ich jetzt "was Größeres zu essen". Es war die Art, wie ich "echt" ausgesprochen habe, die mich diesmal zu erkennen gegeben hat. Mist.

Es gibt einen Grund dafür, dass ich nicht als Bayerin erkannt werden will. Die Leute nördlich des Weißwurstäquators verbinden mit meinem Bundesland Menschen, die mit Maß in der Hand auf der Bierbank schunkeln, Besserwisser-Attitüde und Bierzelt-Populismus von CSU-Politikern. Intolerant, rückwärtsgewandt, bäuerlich. Leider bestätigt die bayerische Regierung gerade wieder jedes Klischee.

Das Verwaltungsgericht Augsburg hatte am Donnerstag einer muslimischen Jurastudentin erlaubt, während ihrer Ausbildung, dem Referendariat, ein Kopftuch zu tragen. Die Begründung der Richter machte eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit klar: Rechtsreferendare müssen nicht "weltanschaulich-neutral" sein. Sie dürfen einen Glauben haben und den kann man auch sehen. Aber was macht der Freistaat Bayern: Er geht gegen das Urteil in Berufung. Die CSU möchte keine zukünftigen Richterinnen und Staatsanwältinnen mit Kopftuch sehen. Als ob Bayern sonst Wert auf weltanschauliche Neutralität legen würde.

In jedem einzelnen Klassenzimmer, in dem ich meine Schulzeit verbracht habe, hing ein Kreuz. Das ist offensichtlich OK. Aber ein Kopftuch bei einer Rechtsreferendarin erweckt den "Eindruck der Voreingenommenheit", so der zuständige CSU-Justizminister. Was will man auch erwarten von einem Bundesland, in dessen Präambel das Wort "Gott" vor dem Wort "Würde" kommt.


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Ja, es gibt coole Leute in München, tolle Kunstprojekte, gute Technoveranstaltungen. Das ist nicht der Punkt. Es ist das Setting. Mit dem "Mia san mia"-nur-unser-Bier-Patriotismus konnte ich nie etwas anfangen. Schafkopfen, gutes Bier, Fußball – gerne. Aber woher kommt dieser bekennende Heimatstolz schon bei 16-Jährigen? Zum Beispiel beim Public Viewing eines FC-Bayern-Spiels: Burschen in Schweinsteiger-Trikots, promille-glasiger Blick, die Hand am Herz: "Bayern, unser Team, unser Bier, unsere Berge!" Das ist ja alles so schrecklich schön. In diesem Bundesland, in dem selbst die Punks, die vor der Sparkasse in München abhängen, ab und an reingehen und sich 50 Euro aus dem Automaten ziehen. Wer abgeranzt in die U-Bahn steigt, wird von alten Damen mit schneeweißem Haar und Perlen am Hut schief angeschaut.

In Bayern wird Unangepasstheit bestraft. So sehr, dass sich kaum mehr Unangepasstes entwickelt. Links zu sein in München heißt, nach dem CSD am Stand der Linken ein paar Kondome mitzunehmen. Statt ein Haus zu besetzen, geht man lieber zu einem Vortrag. Die Menschen in München tragen Frisuren, im Rest Deutschlands hat man einfach nur Haare. Wenn ich mit acht Jahre alter Jogginghose und Schlabbershirt durch Schwabing spaziert bin, fühlte ich mich als Störfaktor in dieser Welt aus Perfektion.

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Jung zu sein in München hieß: von der Polizei aufgehalten zu werden, weil ich bei Rot über die Straße gegangen bin. Man wird schon mal gefilzt und muss seine eben gedrehte Zigarette aufmachen – damit auch ja nur Tabak drin ist –, nur weil man gerade in einem rostigen Polo durchs Viertel fährt. Der erste Satz, den ein Hamburger einmal zu mir sagte: "Es ist Hamburg, hier gibt es keine Ampeln." Die Polizisten haben andere Probleme: Rockerbanden, die sich beschießen, und Sprengsätze, die an Lamborghinis hochgehen. In München hingegen wartete ich während der Wies'n am Sendlinger Tor auf eine Freundin. Zwei Jungs kamen die Rolltreppe hoch, der eine baute sich vor dem anderen auf, eine hitzige Diskussion, mehr nicht. Aus allen Ecken kamen Polizisten, die beiden wurden auf den Boden gedrückt, ihnen wurden Handschellen angelegt. Handschellen! Und man sollte meinen, während der Wies'n haben die Polizisten Wichtigeres zu tun.

Sage ich, ich komme aus München, rümpfen Menschen die Nase. Als würden Seehofer und Söder meine Werte verkörpern. Ich möchte aber nicht verknüpft werden mit einer Partei, die ihre ganze Energie darauf verwendet, Dinge zu bewahren, die ohnehin nicht zu bewahren sind. Um Globalisierung und Zuwanderung zu stoppen, kämpft sie über Monate für unsinnige und rechtswidrige Symbole, wie eine PKW-Maut, die nur für Ausländer gilt. Sie bezahlt Frauen mit dem Betreuungsgeld dafür, Hausfrauen zu bleiben – völlig egal, ob benachteiligte Kinder es so später noch schwerer in der Schule haben, weil sie zu Hause geblieben sind, statt mit Gleichaltrigen im Kindergarten zusammen zu sein.

Politik ist der Wille zu gestalten, die Welt besser zu machen. Die CSU will aber nicht gestalten, sie will etwas schützen, das vergangen ist. Althergebrachtes muss aufgebrochen werden, wo es Sinn macht. Und es ist dringend nötig, vor allem in Bayern: die Rolle der Hausfrau ist überholt, die Einstellung gegenüber Einwanderung auch, mehr Offenheit ist überfällig, gegenüber Homosexuellen und allen, die nicht ins Bild jener passen, die eingerahmt von Bergen und Kühen in einer Barockkirche heiraten wollen.

Freiheit soll nicht nur für diejenigen möglich sein, die ins "Das haben wir schon immer so gemacht"-Schema passen. Im Jahr 2016 in Ländergrenzen zu denken, ist klein, das sieht man gerade in Großbritannien. In Bundesländern zu denken, ist kümmerlich. Eine einzige Religion zu der wichtigsten, der repräsentativen zu erklären, ist geradezu übergriffig.

"Du kommst aus Bayern – wählst du dann auch die CSU?" | Foto: imago | Ralph Peters

In der Oberstufe regten wir uns in einem Seminar über das Kreuz in jedem Klassenraum auf. Warum ein einziges religiöses Symbol in einer Klasse, in der viel mehr als eine Religion und viele nicht-gläubige Menschen vertreten waren? Am Ende der Stunde hängte ein Schüler das Kreuz ab. Die Klasse klatschte. Wir fühlten uns wie gallische Kämpfer, mitten im feindlichen Regime.

Jetzt, drei Jahre später bin ich aus Bayern weg, lebe in Berlin. Aber ist Bayern ganz raus aus mir? Ein Kumpel und ich sprechen über die Kopftuch-Entscheidung und die Reaktion der bayerischen Regierung. Ich sage: fu-a-chtbar. Er korrigiert mich: "Sofia, es heißt fu-i-chtbar. Man hört, dass du aus Bayern kommst."

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