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Es ist an der Zeit, das Experimentieren mit der Todesstrafe zu verbieten

Ein Arzneimittelmangel zwingt amerikanische Bundesstaaten, sich mit geheimen, unerprobten Mixturen für die Giftspritze zu behelfen. Der langsame, grausame Tod des Insassen Clayton Lockett in Oklahoma zeigt, was passiert, wenn beim staatlich...

von Grace Wyler
05 Mai 2014, 2:24pm

Oklahomas Todeskandidaten Clayton Lockett (links) und Charles Warner. (Foto via Oklahoma Department of Corrections)

Eine Verfassungskrise über Oklahomas geheime Methoden tödlicher Injektionen fand vergangenen Dienstag mit der verpfuschten Hinrichtung des verurteilten Mörders Clayton Lockett ihren letzten grausamen Höhepunkt. Ein unerprobter Drogencocktail, der den Gefangenen eigentlich schnell und reibungslos umbringen sollte, führte dazu, dass dieser sich stöhnend auf der Liege krümmte und die Staatsbeamten gezwungen waren, die Exekution zu unterbrechen und eine zweite, die für die gleiche Nacht angesetzt war, aufzuschieben. Lockett starb letztendlich an einem heftigen Herzinfarkt, volle 43 Minuten nach der ersten Injektion.

Schon seit Wochen hatte sich das Desaster angekündigt, in dem diese Doppelexekution enden sollte. Schuld daran ist ein landesweiter Mangel an den nötigen Mitteln für die Giftspritze. So sahen sich die Behörden Oklahomas gezwungen, einen anderen Cocktail für die Hinrichtung Locketts und eines anderen Insassen, Charles Warner, zusammenzumischen. Dabei entschieden sie sich für eine experimentelle Mixtur von drei tödlichen Substanzen, die zuvor noch nie bei Hinrichtungen angewendet worden waren. Anwälte erhoben Einspruch, um die Exekutionen aufzuschieben, und griffen damit ein Gesetz des Staates an, das dafür sorgt, dass Informationen über die Mittel und ihre Anwendung geheim gehalten werden. Der oberste Gerichtshof Oklahomas willigte letzte Woche ein, die Hinrichtungen aufzuschieben, bis das Problem gelöst sei. Die Gouverneurin von Oklahoma, Mary Fallin, entschied jedoch in einem beispiellosen Anfall von Missachtung der Unabhängigkeit der Justiz, dass die Entscheidung des Gerichts ungültig sei, und machte politisch Druck, um die Hinrichtungen voranzutreiben.

Das chaotische Ringen um die Gesetzgebung des Staates zog landesweit Aufmerksamkeit auf sich und wurde zum Sinnbild einer Debatte darüber, ob zum Tode verurteilte das Recht haben, grundlegende Informationen über die Mittel zu bekommen, die benutzt werden, um sie umzubringen, und darüber, ob die einzelnen Bundesstaaten die Möglichkeit haben sollten, diese Informationen geheim zu halten, und somit jede Art von Beobachtung durch Vertreter der Medizin, Gerichte oder der Öffentlichkeit zu unterbinden. Als Locketts Hinrichtung am Dienstagabend um 18 Uhr begann, wusste niemand, bis auf die Beamte, die die tödliche Exekution durchführten irgendetwas darüber, wo die Mittel herkamen, wie sie verändert worden waren und ob sie überhaupt funktionieren würden.

Inzwischen ist der schreckliche Ausgang bekannt. Um 18:23 Uhr begann ein Mediziner mit der Einleitung der ersten von drei geplanten Injektionen an Lockett. Bei dieser handelte es sich um das Betäubungsmittel Midazolam, einem schnell wirkenden Benzodiazepin, das auch oft in der Medizin verwendet wird. Zehn Minuten später erklärte der Doktor Lockett für bewusstlos. Die nächsten beiden Mittel, Vecuronium und Kaliumchlorid, die zu Lähmung und Herzstillstand führen sollen, wurden nacheinander verabreicht.

Das war der Punkt, an dem es anfing, schief zu laufen. Nach Zeugenaussagen begann Locketts Körper zu zucken und man hörte ihn Wörter murmeln. Hier ist der Bericht der KFOR-Reporterin Courtney Francisco, die sich als Zeugin im Beobachterraum befand:

18:28 – Insasse zittert, Laken bebt. Er atmet tief.

18:29 – Insasse blinzelt und knirscht mit den Zähnen. Bewegt den Kopf.

18:30 – Gefängnispersonal kontrolliert, ob der Insasse bei Bewusstsein ist. Der Doktor sagt: „Er ist nicht bewusstlos.“ Der Inhaftierte sagt: „Bin ich nicht.“ Weibliche Vollzugsangestellte sagt: „Mr. Lockett ist nicht bewusstlos:“

18:33 – Doktor sagt: „Er ist bewusstlos.“ Vollzugsangestellte sagt: „Mr. Lockett ist bewusstlos.“

Die anderen beiden Mittel werden Lockett verabreicht:

18:34 – Der Mund des Insassen zuckt. Kein Zeichen von Atmung.

18:35 – Bewegung des Mundes.

18:36 – Der Kopf des Insassen bewegt sich von Seite zu Seite, er hebt ihn von der Liege.

18:37 – Insasse hebt seinen Kopf und seine Beine leicht von der Liege. Insasse versucht, etwas zu sagen, und murmelt etwas, während er seinen Körper bewegt.

18:38 – Mehr Bewegung des Insassen. Der Insasse atmet nun schwer und scheint zu kämpfen.

18:39 – Insasse versucht zu sprechen. Er sagt „Man“ und scheint zu versuchen, aufzustehen. Doktor kontrolliert den Insassen. Weibliche Vollzugsangestellte sagt: „Wir werden jetzt vorübergehend das Sichtfenster schließen.“ Das Gefängnistelefon klingelt. Der Gefängnisdirektor Robert Patton nimmt den Anruf entgegen und verlässt den Raum—drei Staatsangestellte folgen ihm.


Kurz nach 18:40 kam Patton, der Direktor von Oklahamas Gefängnisbehörde, in den Beobachterraum, um den Anwesenden mitzuteilen, dass eine Unterbrechung für Locketts Hinrichtung angeordnet worden sei. Nach einem Statement von Jerry Massie, dem Sprecher der Behörde, starb Lockett etwa 25 Minuten später, gegen 19:06, an einem Herzstillstand. „Wir glauben, dass eine Vene des Insassen verletzt worden war und die Mittel nicht so wirkten, wie sie es hätten tun sollen“, schrieb Massie. „Der Gefängnisdirektor orderte einen Abbruch der Hinrichtung an.“

Details darüber, was genau in der Zelle passiert ist, und warum es so furchtbar falsch lief und was genau falschgelaufen ist, bleiben noch immer im Dunkeln. Am Mittwoch kündigte Fallin eine Untersuchung des Hinrichtungsprotokolls des Staates an, die von Oklahomas Beauftragten für Öffentliche Sicherheit durchgeführt werden sollte, und orderte eine Aussetzung der Hinrichtung des zweiten Insassen, Warner, an. (Sie betonte außerdem, dass sich der Staat bei der Hinrichtung von Lockett korrekt verhalten habe). Donnerstagmorgen bestätigten Staatsbeamte, dass Locketts Körper für eine unabhängige Autopsie nach Dallas gebracht worden war. „Ich glaube an den Rechtsweg. Und ich glaube auch, dass die Todesstrafe eine angemessene Strafe für diejenigen ist, die gegenüber ihren Mitbürgern und ihren Mitbürgerinnen abscheuliche Taten begehen“, sagte Fallin. „Ich glaube aber auch, dass ein Staat sicher gehen muss, dass die Abläufe und das Vorgehen einer Hinrichtung reibungslos funktionieren.“

Die zentrale Frage, die Locketts Tod aufwirft, dreht sich um die geheime, und nicht erprobte Kombination von Mitteln, die der Staat bei der Hinrichtung eingesetzt hatte. Generell geht es auch um die geheime Herkunft der Mittel, die für die tödlichen Injektionen im ganzen Land eingesetzt werden. In den letzten Jahren hat die politische Kontroverse um die Todesstrafe dazu geführt, dass Pharmaunternehmen und Ärzte sich zunehmend von dieser Praxis distanzieren. Deswegen müssen nun jedoch Staatsbeamte bei der Verabreichung von Giftspritzen zunehmend improvisieren.

Bis 2010 gab es für die Hinrichtung mit der Giftspritze ein Standardverfahren, das vor allem auf der Verabreichung von Thiopental fußte. US-Firmen hörten aber auf, das Betäubungsmittel zu verkaufen—zum Teil auch aus dem Grund, dass es nicht besonders geschäftsfördernd ist, Teil der Todesstrafenindustrie zu sein. Der letzte amerikanische Hersteller, Hospira, stellte Anfang 2011 die Produktion ein, und später im gleichen Jahr verhängte die Europäische Union ein Exportverbot von Thiopental als Teil ihrer weltweiten Bemühungen, die Todesstrafe abzuschaffen.

Während nun die Bestände immer weiter schrumpften, mussten die Staatsbeamten alternative Todescocktails entwerfen, indem sie entweder eigene Injektionsmischungen anfertigten oder die Aufgabe an Apotheken geben, die Arzneimittel nach eigener Rezeptur zusammenstellen können und von den meisten Regulierungen der Arzneimittelzulassungsbehörde nicht betroffen sind. Und da die meisten professionellen Mediziner nun mal nichts mit angeordneten Tötungen zu tun haben wollen, fällt die Aufgabe, mit neuen tödlichen Rezepturen aufzukommen, den Bürokraten der Regierung zu.

„Die Gemeinschaft derer, die im medizinischen Bereich arbeiten, hat sich in der Vergangenheit immer wieder dagegen ausgesprochen, mittels medizinischer Maßnahmen herauszufinden, wie man diese Hinrichtungen sicherer und effektiver durchführen könnte“, sagt Douglas Berman, ein Experte für Verurteilungsgesetze an der Ohio State University. „Deshalb versuchen die Bürokraten und die Gefängnisbehörde sich diese Alternativen, ganz ohne medizinisches Expertenwissen, selbst auszudenken.“

Der ganze Prozess findet unter größter Geheimhaltung statt: Die Staaten versuchen, brauchbare Alternativlösungen zu präsentieren, wobei die Herkunft der Drogen allerdings verschwiegen wird. Eine Studie der Associated Press fand heraus, dass die große Mehrheit der 32 Staaten, in denen die Todesstrafe praktiziert wird, Gesetze verabschiedet hat, nach denen sämtliche Informationen über tödliche Injektionsmischungen sowie deren Vertreiber geheingehalten werden müssen. In manchen Staaten gingen Mitarbeiter der Gefängnisbehörde sogar soweit, dass sie mit dem Auto in die Wüste fuhren und in einem geheimen Austauschhandel ganze Koffer voll Sodium Thiopental erhielten. Andere tauchten in Apotheken außerhalb der Landesgrenzen mit haufenweise Bargeld auf, um keine offiziellen Spuren zu hinterlassen.

Diese Heimlichkeit dient zum Einen dazu, die Vertreiber des Giftes zu schützen, zum Anderen aber auch dazu, Gegnern der Todesstrafe und Anwälten der Verteidigung mit entsprechenden Informationen nicht direkt in die Hände zu spielen. „Es wird vermutet, dass die Informationen dazu genutzt werden könnten, Hinrichtungen zu verhindern, wenn die Staaten mehr Transparenz auf diesem Gebiet erlauben würden“, sagt Berman. „Andererseits verliert die Regierung dadurch, dass sie mit solchen Methoden versucht, die Verfahren abzukürzen, natürlich auch immer mehr das Vertrauen der Bevölkerung.“

Da es natürlich keine Möglichkeit gibt, einen tödlichen Giftcocktail zu testen, müssen die Insassen der Todeszellen als Laborratten für die vom Staat selbstzusammengebrauten Injektionsdrogen herhalten. Das Ergebnis ist besorgniserregend. Im Januar schrie der zum Tode verurteilte Michael Wilson: „Ich habe das Gefühl, dass mein ganzer Körper brennt!“, nachdem ihm eine weitere vorher nicht getestete Mischung verabreicht worden war. Diese enthielt Pentobarbital, ein Sodium-Thiopental-Ersatz, der unzulänglichen Reinheitsbestimmungen unterliegt, und in verunreinigter Form extreme Schmerzen verursachen kann. Einige Tage später kam es in Ohio zu einem ähnlichen Vorfall, als der Todeskandidat Dennis McGuire als Folge einer tödlichen Injektion „nach Luft schnappte und sich vor Schmerzen krümmte“—15 Minuten lang. Die Giftmischung, die Clayton Lockett erhielt, war vorher nur einmal in Florida für eine Hinrichtung benutzt worden. Allerdings war die Dosis des Beruhigungsmittels Midazolam dort fünfmal so hoch gewesen wie im Fall von Lockett am 29.April. Die Herkunft und die Effizienz des verwendeten Drogencocktails waren unbekannt, alles, was die Verantwortlichen des Gefängnisses in Oklahoma bekannt gaben, war, dass die Zutaten aus offiziell zugelassenen Apotheken stammten.

Niemand—nicht einmal der härteste Verfechter der Todesstrafe—will, dass so etwas passiert. „Es gab in der Vergangenheit so viele Fälle, in denen die Staaten etwas falsch gemacht haben“, sagt Berman. Die Hinrichtung Clayton Locketts am 29. April, ergänzt er, „war nur ein—sehr eindrucksvolles—Beispiel.“ Bei all der Heimlichtuerei, die die Experimente mit tödlichen Injektionen umgibt, ist es vollkommen unmöglich, herauszufinden, was die Staaten genau falsch machen. Gleichzeitig machen die Gefängnisbehörden weiter wie bisher und weigern sich zuzugeben, dass sie keine Ahnung davon haben, was sie eigentlich tun.

„In einer Sache sind sich alle einig: Wenn du die Todesstrafe willst, musst du vorsichtig sein“, sagt Berman. „Aber je weniger Transparenz es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass etwas schief läuft.“

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