Warum glauben wir, Pädophile hätten ein bestimmtes Aussehen?

Wir haben versucht, den Stereotypen um pädophile Sexualstraftäter auf den Grund zu gehen.

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Feb. 10 2015, 9:40am

Roy Whiting, der Sexualstraftäter, der für den Mord an der Schülerin Sarah Payne inhaftiert wurde.

Stell dir vor, es ist Weihnachten und ihr spielt Pictionary. Jetzt stell dir vor, jemand—vermutlich nicht deine Oma—hat dir die Aufgabe gestellt, einen Pädophilen zu zeichnen.

Was würdest du skizzieren? Wahrscheinlich eine Kombination von Klischees, die zusammen den typischen alten Perversen ergeben: ein Trenchcoat mit komischen Flecken drauf, übergroße Brille, strähniges, schütteres Haar und ein gruseliges, anzügliches Grinsen.

Graffiti über sexuellen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. (Foto: Wikimedia |

Milliped |CC BY 3.0)

Operation Yewtree hat angefangen, ein schreckliches Licht ins Dunkel des Ausmaßes des sexuellen Kindesmissbrauchs in Großbritannien zu bringen. Schätzungen zufolge beläuft sich die Zahl der britischen Pädophilen auf schockierende 250.000, wobei einige Studien darauf hindeuten, dass ein Prozent aller Männer sexuelle Gefühle gegenüber Minderjährigen haben. Ich fragte die Soziologin Dr. Sarah Goode, Autorin von Paedophiles in Society (Pädophile in der Gesellschaft), ob das etwas damit zu tun haben könnte, wie wir uns die Täter vorstellen, wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht.

„Ich denke, uns ist so halbwegs klar, dass Menschen, die so aussehen wie wir, sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlen", sagte Dr. Goode. „Das Problem ist, dass dieses Wissen uns so unangenehm ist, dass wir es vorziehen, so zu tun, als drehe es sich um ‚diese seltsamen Ungeheuer da drüben'".

„Wir machen sie zu entfernten Figuren—der komisch aussehende Typ am Ende der Straße. Und das hat uns nicht geholfen, Risiken zu verstehen oder Kinder zu schützen. Ich denke, dass einige dieser Märchen-Versionen monströser Pädophiler—und all diese „Stranger Danger"-Informationsvideos, in denen Kinder vor Fremden gewarnt werden—eigentlich dazu da waren, dass Erwachsene sich besser fühlten."

Bevor ich das Klischee komplett von der Hand wies, dachte ich über die Technik des „Facial Profiling" nach. Können wir von den schnellen, fast augenblicklichen Urteilen, die wir über Fremde fällen, etwas Nützliches lernen? Etwas, das uns vielleicht helfen kann, die wirklichen Gefahren zu verstehen, denen Kinder ausgesetzt sind?

Menschen glauben schon sehr lange, kriminelle Neigungen in den Gesichtern Anderer erkennen zu können. Die Pseudowissenschaft der Physiognomie hat ihre Wurzeln im antiken Griechenland und wurde vor der Aufklärung wiederbelebt. Der italienische Gelehrte Giambattista Della Porta glaubte, das innere Temperament einer Person habe tatsächlich einen Einfluss auf die Erscheinung ihres Gesichts.

In seinem Buch, De humana physiognomia (1586), illustrieren Holzschnitte von Tieren die Charaktereigenschaften, die sich in jedem menschlichen Gesicht wiederfinden, wie etwa die „bullenhafte" Aggression der armen, hässlichen Sau im Bild unten.

Eine Seite aus Giambattista Della Portas 'De humana physiognomia.' (Bild: Wikimedia Commons)

Zwar belächelte man solche Vorstellungen im 19. Jahrhundert, als die Leute noch glaubten, die Welt sei ein großer Tisch, aber inzwischen bildet sich eine neue Art Physiognomie heraus. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die instinktiven moralischen Urteile, die wir basierend auf Gesichtsausdrücken fällen, vielleicht nicht völlig irrig und bescheuert sind. Als Forscher der Cornell University in New York Menschen eine Reihe ausdrucksloser Fotos von weißen Männern in ihren Zwanzigern präsentierten, stellten sie fest, dass die Teilnehmer in der Lage waren, verurteilte Verbrecher mit einer Genauigkeit zu erkennen, die über dem statistischen Zufallswert lag.

Es scheint so, als sei das Merkmal, an dem sich Beobachter instinktiv orientieren, ein hohes Breite-zu-Länge-Verhältnis im Gesicht, was auf einen hohen Testosteronspiegel hindeutet. Laut der Studie ist es also möglich, dass eine größere Neigung zu aggressivem Verhalten—und zur Missachtung von Regeln—sich in der Breite des Gesichts offenbart.

Ein Bild aus Prof. Cheryl McCormicks Studie

Cheryl McCormick, eine kanadische Professorin für Neurowissenschaft, hat ebenfalls Studien durchgeführt, die das Breite-zu-Länge-Verhältnis als Biomarker für Aggression zeigen. Ich fragte sie, was diese Forschungsergebnisse bedeuten.

„Wir waren ein wenig besorgt um den Vergleich zu den frühen Physiognomikern", gab sie zu. „Aber wir stellten fest, dass die blitzschnellen Urteile von Person zu Person so übereinstimmten, dass eine gute Korrelation zwischen der relativen Breite des Gesichts und den Eindrücken, die bei anderen entstehen, existiert.

Bei der Frage, wer aggressiv sein könnte, neigen wir dazu, zu stereotypisieren und zu verallgemeinern, aber die Frage drängt sich dennoch auf: Woher kommt die Stereotype? Ich versuche, skeptisch zu sein, aber ich denke nicht, dass wir solch eine Übereinstimmung in den Ergebnissen gefunden hätten, wenn unsere spontanen Urteile nicht einen wahren Kern hätten."

„Es ist wahrscheinlich nur wichtig, wenn man einen Fremden vor sich hat, denn in unser Evolutionsgeschichte mussten Menschen „fight-or-flight" Spontanurteile fällen ... es wird ein Vorteil gewesen sein, auf Nummer Sicher zu gehen."

Auch wenn wir annehmen, dass das Breite-zu-Länge-Verhältnis uns etwas darüber offenbart, wie geneigt ein Mensch ist, rücksichtslos seinen Gelüsten nachzugehen, so sagt es uns nichts über Pädophile im Speziellen. Allerdings gibt es einen Forscher, der die Gehirne von Pädophilen untersucht, und seine Forschung hat ihn davon überzeugt, dass sie wirklich ein wenig anders programmiert sind als der Rest von uns.

Dr. James Cantor ist ein klinischer Psychologe mit dem Spezialgebiet Sexologie. Unter Verwendung von neurologischen Bildgebungsverfahren fand er heraus, dass männliche Pädophile signifikant weniger weiße Zellen haben. Dieses Bindegewebe ist für die Kommunikation einzelner Hirnregionen untereinander verantwortlich. Ihre Anziehung zu Kindern könnte das Ergebnis einer falschen Verknüpfung zwischen den Hirnregionen sein, die für sexuelle Reaktionen und für elterliche, fürsorgliche Instinkte verantwortlich sind.

Seltsamerweise fand er auch heraus, dass Pädophile meist unterdurchschnittlich groß und mit drei Mal höherer Wahrscheinlichkeit links- oder beidhändig sind.

„Die Linkshändigkeit ist nicht direkt kausal", erklärte Dr. Cantor. „Denn Linkshändigkeit ist ein Phänomen, das einzig auf Mustern beruht, die dafür sorgen, dass eine Hirnhälfte dominant ist. Die Tatsache, dass sie hier auftaucht, ist lediglich ein Echo davon und ein Hinweis darauf, dass [bei Pädophilen] vor der Geburt einige Dinge anders ablaufen."

Wäre es also eine komplett falsche Schlussfolgerung, einen unheimlichen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Linkshändigkeit zu sehen?

„Ja, das wäre völliger Blödsinn—die Zahl der Linkshänder, die pädophil ist, wäre ein winziger Bruchteil eines Prozents", so Dr. Cantor.

Also ist es beim Profiling von Verbrechern definitiv unnütz?

„Ja. Es ist mehrere Größenordnungen davon entfernt, uns etwas Bedeutungsvolles über eine bestimmte Person zu sagen, also gibt es darin auch nichts, dass es uns erlaubt, bedeutungsvolles Profiling durchzuführen."

Ian Watkins, Sexualstraftäter und früherer Frontmann der Lostprophets

Schließlich fragte ich John Brown, Kinderschutzexperte bei der wohltätigen Organisation gegen Kindesmissbrauch NSPCC, ob er glaubt, dass es gemeinsame Nenner gibt, die uns nützliche Verallgemeinerungen erlauben. Er erwähnte „eine Vorgeschichte ohne langfristige, einvernehmliche Beziehungen mit Erwachsenen" bei Sexualstraftätern. Deutet das nicht darauf hin, dass etwas dran ist am Klischee des einsamen Verlierers am Ende der Straße?

„Nun, sie sehen vielleicht aus wie der einsame Verlierer am Ende der Straße, aber vielleicht auch eben nicht", sagte Brown, Leiter des Programms gegen sexuellen Missbrauch bei der Wohltätigkeitsorganisation. „Sie können eine Reihe kürzerer Beziehungen haben, und so verschaffen sie sich Zugang zu Kindern. Wie Menschen aussehen oder sich kleiden, sagt nichts über ihre Neigungen aus."

Zwar war ich über vage relevante Forschung gestolpert, aber ich stellte fest, dass da wirklich nichts dran ist am Pädophilen-Spähen. Dr. Goodes Aussage bleibt wahr: diese schreckliche Neigung könnte in Menschen existieren, die genauso aussehen wie wir. Wenn wir also akzeptieren, dass Menschen kaum etwas gegen ihre Neigungen tun können—dass Menschen sich nicht aktiv dafür entscheiden, Pädophile zu sein—müssen wir vielleicht ein bisschen umdenken, wenn es darum geht, mit der Bedrohung umzugehen.

Dr. Goode, Dr. Cantor und John Brown finden alle, wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf das Präventionsprojekt Dunkelfeld in Deutschland richten. Dieses Behandlungszentrum für Menschen, die mit ihrer sexuellen Anziehung zu Kindern kämpfen, bietet Gesprächstherapie und Libido-reduzierende Medikamente um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass auf die Neigung Handlungen folgen.

Das klingt für mich nach Fortschritt. Auf jeden Fall ist es ein vernünftigerer Ansatz als so zu tun, als sei Pädophilie Freaks mit Stielaugen vorbehalten, die am Schultor Süßigkeiten verteilen. Wir sollten all das hinter uns lassen und in Zukunft etwas Konstruktives tun.

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