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Homophobie, HIV und Vorurteile: Die Welt des LGBT-Boxens

Ursprünglich hatte ich mit dem Boxen aus der Lust am Sport angefangen. Leider habe ich das Gefühl, damit weitermachen zu müssen, um mich verteidigen zu können.
29.2.16

Der Autor (rechts) bei einem Kampf | Foto: Joel Ryder

2010 neigte sich gerade dem Ende zu und ich arbeitete als 23-jähriger Bar-Boy im Londoner Stadtteil Soho, als während einer anderweitig ziemlich öden Tagschicht plötzlich ein rothaariger Mann in Sportkleidung in unser Pub gestürmt kam und lauthals verkündete, dass er Schwulen das Kämpfen beibringen will. Die Begeisterung der beiden älteren Stammgäste, die gerade ihr Mittagsbierchen tranken, hielt sich eher in Grenzen. Unbeirrt von der mauen Resonanz wendete er sich dann allerdings an mich und hielt mir voller Stolz ein Poster vor die Nase: „Searching for the King of the Ring."

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Dermot war hetero, Boxpromoter und sah in Schwulen einen noch unberührten Markt. Wahrscheinlich auch aus gutem Grund, dachte ich mir. Ich habe zwar immer schon gerne Sport gemacht, aber Boxen hatte bei mir nie den Eindruck erweckt, dass ich in dieser Sportart sonderlich willkommen wäre, war sie doch eine ganze patriarchale Ecke entfernt von den Discolichtern, Drag-Queens und Rihanna-Songs der Schwulenszene. Ich machte ein paar scherzhafte Bemerkungen über mein Gesicht und Dermot verließ den Laden, um seine Mission anderswo fortzuführen.

Eine Woche später gab es eine Mahnwache auf dem Trafalgar Square, um an den Jahrestag von Ian Baynhams Ermordung zu erinnern. Der 62 Jahre alte Baynham hatte die Hand seines Partners gehalten, als er von dem 20-jährigen Joel Alexander niedergeschlagen wurde. Als er dann am Boden lag, hatte Ruby Thomas, 19, wiederholt auf seinen Kopf eingetreten.

Am Tag nach der Mahnwache schickte Dermot eine E-Mail. Nach mehreren Monaten Training in diversen Sportstudios bestritt ich im April 2011 meinen ersten Kampf beim Pink Collar Boxing in der Scala, King's Cross. Es war der erste und, so weit ich weiß, einzige rein schwule Boxabend in London.

Pink Collar gibt es zwar nicht mehr, aber mittlerweile trainiere ich im Knockout LGBT Boxing Club in Holloway. Im Sommer 2014 wurde ich dann auch mal wieder daran erinnert, warum ich das Boxtraining so ganz generell vielleicht keine schlechte Idee ist. In einer Freitagnacht gegen Mitternacht küsste ich einen Jungen in Shoreditch. Eine Gruppe kahlrasierter Typen in einem Auto schien diese Zuneigungsbekundung nicht wirklich gut zu heißen und schon flog eine volle Bierdose knapp an unseren Köpfen vorbei. Der Fahrer stieg dann aus und fing an, bedrohlich auf uns zuzugehen.

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Da ich mit jemandem unterwegs war, den ich beschützen wollte, kam ich dem Typen auf halbem Weg entgegen. Als er sich plötzlich, ganz unerwartet von einem Homosexuellen konfrontiert sah, murmelte er nur noch halbherzig „scheiß Schwuchtel", stieg wieder ins Auto und fuhr davon. Trotz des ganzen Trainings, das ich absolviert hatte, stand ich unter Schock, zitterte und hatte einfach nur das Gefühl, großes Glück gehabt zu haben. Es ist wirklich schwer zu begreifen, wie einen jemand, der dich überhaupt nicht kennt, so sehr hassen kann.

Aber nicht jeder hat so ein großes Glück wie ich. Homophobe Übergriffe sind einer der Hauptgründe, warum der Knockout-Organisator, -Sprecher und -Geschäftsführer Phil Bradby überhaupt beim Boxsport gelandet ist.

„Mit Mitte 20 war ich auf einen Drink in einer Schwulenbar im Southend", erzählt er mir. „Dieser Typ auf der anderen Straßenseite sah, wie ich aus der Bar kam, und fing an, homophobes Zeug zu rufen. Dann kam er zu mir rübergerannt und fing an, auf mich einzuschlagen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verteidigen soll, und ich wollte die Situation ja auch nicht verschlimmern. Ich stand also nur da und ließ mich verprügeln."

„Ein Jahr später wurde ich wieder überfallen und trug ein blaues Auge davon. Es wurde so schlimm bei mir, dass ich aus Angst vor weiteren Angriffen gar nicht mehr ausgehen wollte. Eines Tages dachte ich mir aber einfach: ‚Das ist doch lächerlich. Du bist zu jung, um dich dein ganzes Leben lang auf der Couch zu verstecken.' Und so meldete ich mich bei einem Karatekurs an. Mittlerweile habe ich Karate, Muai Thai und klassisches Boxen trainiert. Es gibt einem auf jeden Fall mehr Selbstbewusstsein, wenn man weiß, dass man sich verteidigen kann—falls jemand irgendwas versuchen sollte."

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Andere Mitglieder von Knockout erzählen, dass sie einfach mal was anderes ausprobieren wollten. „Ich wollte meinen Frust abbauen", sagt der 36-jährige Damian Giles, der in eine Depression verfiel, nachdem sein Vater an einer Gehirnverletzung gestorben war. „Ich wollte mich aber auch mit etwas herausfordern, das niemand von mir erwarten würde—ich gelte gemeinhin immerhin als äußerst friedfertig. Dort habe ich dann eine aufrichtige Gruppe schwuler Männer kennengelernt, von denen ich mittlerweile viele als gute Freunde bezeichnen kann."

Gegenwind bekam der Club ausgerechnet von anderen Schwulen. In Onlinekommentaren wurde den Mitglieder vorgeworfen, Heteroverhalten nachahmen zu wollen oder selbsthassende Schwule zu sein, die einem bestimmten Männlichkeitsbild nacheifern würden.

„Das ist ein perfektes Beispiel für Homophobie, Gehässigkeit und Hänseln in der Schwulenszene", sagt der 26-jährige Modejournalist Darcy Rive. „Es ist wirklich enttäuschend, dass manche Schwule, jetzt wo die Gemeinschaft in der Gesellschaft endlich ein paar Rechte hat, das Gefühl haben, dass wir uns nach bestimmten Kriterien akzeptierter homosexueller Verhaltensweisen definieren müssten. Jedes Hobby ist ein Hobby—egal, ob es jetzt von Heteros, LGBTs oder genderqueeren Menschen ausgeübt wird."

„The Professor" | Foto: Richard Sawdon Smith

Die verschiedenen Mitglieder von Knockout trainieren also alle aus unterschiedlichen Gründen, aber was ist mit den Schwulen, die wirklich in den Ring steigen wollen? Dürfen wir vorstellen: „The Professor".

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„Ich habe mir immer schon gerne Boxen im Fernsehen angeguckt und fantasierte vom Glamour des Rings und der Fähigkeit auch mal einen Kampf gewinnen zu können—ich wollte diesen Siegergürtel haben!", sagt der 52 Jahre alte Professor Richard Sawdon Smith, Dekan der Fakultät für Kunst und Medien an der Norwich University of the Arts. „Aber ich habe mir auch Fragen zu der dahinter liegenden Motivation gestellt, und woher mein Verlangen, jemanden zu schlagen oder selbst geschlagen zu werden, kommt. Mein Freund Simon Watney lieferte mir dann ein paar interessante Einblicke, was es bedeutet ein HIV-positiver Schwuler zu sein: ‚Ich finde nicht, dass wir Gewalt in unserem Leben ständig aus dem Weg gehen können oder sollten—das gilt von Geburt an, egal wie gefährlich es auch werden kann … Für viele von uns reaktiviert HIV eine Menge düsterer Gedanken über unsere Beziehung zu unseren Köpern und Sehnsüchten, was direkt zum neusten Boxprojekt zu führen scheint.'"

„The Professor" rechts mit seiner Rechten | Foto: Bradley Chippington

Richards Status als HIV-Positiver hätte sich dann aber fast als großes Hindernis für seine Karriere im Ring herausgestellt.

„Meinen vierten Kampf sollte ich gegen einen jungen Hetero namens David machen. Ein schwuler Freunde von ihm hatte ihm bei Facebook geschrieben, dass er vielleicht den Kampf gegen mich überdenken sollte, da ich HIV-positiv bin", erzählt Richard. „Ich traf David auf einen Kaffee und erklärte ihm, dass sich noch nie jemand beim Boxen mit HIV angesteckt hat; dass ich mich niemals für einen Kampf gemeldet hätte, wenn ich darin ein Risiko sehen würde. Ich erklärte ihm auch, was es bedeutet, als ‚nicht nachweisbar' zu gelten. David bat noch um etwas Bedenkzeit, aber am Ende willigte er zu dem Kampf ein—und ich habe ihm den Arsch versohlt!"

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„Gewalt formt und begeistert unsere Gesellschaft", sagte der britische Dramatiker Edward Bond 1972—und dieser Satz scheint bis heute nichts an seiner Richtigkeit eingebüßt zu haben. In vielerlei Hinsicht ist Gewalt eng mit dem Druck verbunden, ständig diese unrealistische „starke" und emotional unterdrückte Version eines Mannes spielen zu müssen.

Es ist schon traurig, dass ich immer noch eine Notwendigkeit zum Boxen sehe, die über eine reine Liebe zum Sport hinausgeht. Die Zahl homophober Übergriffe ist in London im letzten Jahr um ein Drittel angestiegen. Die Geschichte lehrt uns, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn die Menschen sich in ihrer eigenen Lebenssituation unsicher fühlen, der Hass auf Minderheiten wächst. Innerhalb der letzten beiden Wochen wurde ein schwuler Teenager in North Yorkshire brutal angegriffen und einem Mann in London wurden in seiner eigenen Wohnung lebensgefährliche Verletzungen hinzugefügt. Ich will mich verteidigen.

Das Boxen macht mich, oder irgendjemand anderen, aber nicht mutiger. Wahrer Mut zeigt sich wahrscheinlich in der eigenen Selbstsicherheit und dem Respekt vor anderen, nicht derjenige zu sein, der als Erstes zuschlägt.