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Sex

Die Rückkehr des Penthouse-Magnaten

Kurz bevor Bob Guccione endgültig in Vergessenheit geraten ist, wurde sein spektakulärer Nachlass in ein paar alten Lagerhallen gefunden.
11 Oktober 2013, 7:25am

Es passierte an einem dunklen Februarabend. Jeremy Frommer, ein ehemaliger Wall-Street-Händler, der später Unternehmer und Banker wurde, hatte mit seiner Tochter einen erfolgreichen Tag bei einer Lager-Auktion hinter sich. Sie hatten alle Einheiten gekauft, bis auf eine. Nun fuhr er—allein—zu einer zwielichtigen Lagerhalle nach Long Island, um einen russischen Unternehmer zu treffen, der ihn bei dieser letzten Einheit überboten hatte.

Beim Lager angekommen sah Jeremy den Inhalt der Einheit, die der Russe gekauft hatte, ausgebreitet: Haushaltsgegenstände, Trödel und Geschirr. Im ersten Moment war er enttäuscht. Er hatte gehofft, unter den Gegenständen etwas wertvolles zu finden: Die fehlenden Teile einer einzigartigen Kollektion, die Jeremy in einer angrenzenden Einheit erworben hatte. Doch davon war nichts zu sehen.

Dann sah er die Kisten, die in der Nähe der Mülltonnen aufgestapelt waren. Sie waren gefüllt mit Dias. Der russische Unternehmer dachte, „die Dias seien Abfall und kümmerte sich nicht um sie“, erzählte mir Jeremy. In eiliger Verhandlung kaufte er die gesamte Lagereinheit für 2.000 Dollar in bar, lud die Waren in seinen Geländewagen und fuhr atemlos zur nächsten Tankstelle, um die Kisten zu durchwühlen. Es war ein Schatz, den er sich nie hätte erträumen können: die persönlichen Fotos von Bob Guccione, Verlagsmagnat und Gründer des _Penthouse_-Imperiums.

Die Summe von dem, was Jeremy an diesem Tag erworben hatte, belief sich auf einen beträchtlichen Teil von Gucciones ehemaligem Besitz: Hunderte Dias, Fotos und persönliche Briefe. Raritäten aus den Penthouse_-Annalen. Eine japanische Filmrolle von _Caligula, der dionysisch-pornografischen Mamut-Filmbiographie, die 1976 gegen enorme Widerstände produziert wurde. Den Höhepunkt bildeten Telefonnummern, die Jeremy zum wahrhaften Jackpot führten, der bei einem Gläubiger in Phoenix herumlag: dem gesamten Guccione-Nachlass.

Den hat Jeremy inzwischen ebenfalls aufgekauft.

Heute besitzt Jeremy zusammen mit seinem Geschäftspartner, dem Filmproduzenten Rick Schwartz, ein weltweit einzigartiges Medienkunstwerk: die Guccione-Kollektion. Es ist das Lebenswerk eines Kunst-Pornografen, einem missverstandenen Millionär, der 30 Jahre lang aus der Verlagslandschaft emporragte, bis sein Unternehmen General Media Inc. 2003 bankrott ging.

Am bekanntesten ist Bob Guccione wahrscheinlich für Penthouse, doch er war ein Universalgenie. Zu seinen weniger bekannten Leistungen zählen die Veröffentlichung und Gestaltung von OMNI, einem kanonischen Science-Fiction-Magazin, die Produktion von Filmen, das Sammeln von Kunst, der Kampf für Redefreiheit, das Aufdecken verschiedener Skandale, die Malerei und die Förderung Hunderter Schriftsteller und Künstler. Er besaß die größte Privatresidenz in Manhattan—ein 2.500 m2 großes Grundstück in der East 67th Street, in der sich, neben anderem Luxus, eine 19 Meter hohe Marmorsäule befand, in die sein Porträt eingemeißelt worden war.

Guccione verkehrte mit einigen der interessantesten Köpfe des 20. Jahrhunderts, doch trotz seines öffentlichen Rufs als offene Hemden und Goldketten tragender Frauenheld war er ein beinahe pathologischer Einsiedler. Anders als seine berühmteren Kollegen im Pornogeschäft war Guccione kein Mann der Öffentlichkeit. Weit davon entfernt, ein Versatzstück der Playboy-Mansion mit zahlreichen Partys zu sein, war sein Haus ein in jeder Hinsicht ein verlassenes Königreich.

Penthouse begann als erstklassige Zeitschrift. Die Nacktaufnahmen, von denen anfangs viele von Guccione selbst geschossen wurden, waren romantisch, mit Schatten und Lichtverhältnissen, die an Caravaggio erinnerten, und diffus wie die Strumpfhose, die der Fotograf über die Linsen spannte. Guccione schätze die Fotografie, vergötterte Design und betrachtete sich selbst als Künstler. Er malte und gab sein Geld für Kunstwerke aus—für Modglianis, Picassos und üppige impressionistische Meisterwerke.

In den 1990er-Jahren wurde es schwerer, sexy Fotos und Zeitschriften an eine Öffentlichkeit zu verkaufen, die sich an frei zugängliche Pornos im Internet gewöhnte. Penthouse war dazu gezwungen, die Strumpfhosen von den Linsen zu ziehen. Die Beleuchtung wurde verändert. Da die Sexakte deutlicher wurden, wurde das Licht heller und ähnelte eher der grellen Beleuchtung eines Sexshops als der malerisch weichen Optik, die einst das Markenzeichen der Penthouse-Bilder war. Die Models zeigten von nun an mehr. Die Fotografen „vergaßen, wie es war, mit Filmen zu arbeiten“, berichtete mir Gucciones langjährige Assistentin Jane Homlish. „Alles war hart, grob, kalt ... wir konnten die Standards künstlerischer Schönheit nicht mehr aufrecht erhalten.“

Gerade als die ehemals boomende Zeitschrift wegen des Aufstiegs der Onlinepornografie eine Niederlage einstecken musste, setzte Guccione Millionen von Dollar durch Fehlinvestitionen in den Sand—von Kernfusion bis hin zu einem zum Scheitern verurteilten _Penthouse_-Casino in Atlantic City. Sein Unternehmen konnte sich nicht wieder davon erholen. Als Bob Guccione 2010 an Lungenkrebs starb, war sein Reichtum verschwunden. Sein am Hudson River gelegenes 300.000m2-Grundstück in Rhinebeck, New York, wurde zwangsversteigert; seine berüchtigte Residenz in Manhattan wurde zwangsgeräumt. Sogar seine Familie hatte sich quasi gegen ihn gerichtet. Die Überreste seiner materiellen Existenz waren im Wind zerstreut, verwaist und von Gläubigern in Besitz genommen. Als Jeremy Frommer den folgenreichen Lagerschrank kaufte, war der einsiedlerische Magnat schon auf dem besten Weg in die Vergessenheit.

Unter anderen Umständen wäre er es wahrscheinlich noch immer. Wenn Frommer die neben den Müllcontainern stehenden Dia-Kisten in jener Nacht in Long Island nicht bemerkt hätte, gäbe es vielleicht keine Guccione-Kollektion. Oder sie würde ganz anders aussehen, da diese Art von Archiv letzten Endes niemals vollständig oder objektiv sein kann. Es mag möglich sein, jede einzelne Baseballkarte zu kaufen oder komplette Sets von Actionfiguren aufzustellen. Wenn es aber um eine Person geht, wird die Suche weder ein Ende haben, noch wird es den einen richtigen Weg geben, sie zu verfolgen. Alles, was jemals von Bob Guccione berührt wurde, ist für Jeremy und Rick von Interesse. Die Sammlung ist wie ein Zoom auf ein Fraktal: eine irrsinnige, endlose Suche nach Nacktbildern, Cocktailservietten, Kontoauszügen und Geschichten. Wie viele Dinge braucht man, um das Leben einer Person zu beschreiben? Um das Wesen einer Person zu verstehen, die von so Wenigen gekannt wurde, aber so viel produziert hat?

Vor einigen Monaten sah ich mir die Guccione-Kollektion an, die sich in einem Lager hinter einem Pharmagroßhandel in Englewood, New Jersey, befindet. Als ich gerade bis zum Ellenbogen in einem Aktenschrank mit Kunstdias steckte, tauchte Jane Homlish auf: die Frau, die über 30 Jahre mit Bob zusammengearbeitet hatte. Die Augen der sympathischen, praktische Sneaker tragenden Frau in den Sechzigern leuchteten auf, als sie von ihrer ungewöhnlichen Karriere als Vertraute, Mitarbeiterin und Assistentin von Bob erzählte. Während seiner Verlegerkarriere managte Jane Gucciones Geschäfte, organisierte Termine und Fotoshootings, überstand seine Launen und umsorgte die Penthouse-Pets, die sexy und alterslos die Seiten des Penthouse durchzogen.

Mit 20 Jahren hatte sie, als ehemalige Empfangsdame von General Media, plötzlich mit Immobilien, nächtelangen Redaktionssitzungen und Abendessen mit Frank Sinatra zu tun. Sie war das erste Mitglied der Guccione-Sekte und ist noch immer, so scheint es jedenfalls, ihre eifrigste Predigerin.

„Er war sehr kompliziert und sehr interessant“, erzählte mir Jane. „Er war ein echtes Unikat. Ich hätte niemals 30 Jahre für ihn gearbeitet, wenn ich ihn nicht absolut faszinierend gefunden hätte.“ Alle arbeiteten hart daran, jede _Penthouse_-Aufnahme gemäß Gucciones erotischer Vision auszurichten, Bilder auszuwählen, Schlagzeilen zu schreiben, Farben auszusuchen, die Cartoons umzuschreiben—doch Guccione war kein Tyrann. Um die Langeweile zu überwinden, spielten sie lachend Verstecken in der Villa, und wenn die Sonne aufging, bereitete Guccione ihr eine Riesenportion Spaghetti zu.

„Wir sprachen über tiefgehende Themen“, berichtete Jane über ihre Beziehung. „Als er mich anstellte, waren seine ersten Fragen: ,Glaubst du an Gott? Was ist dein wahres Ziel im Leben? Hast du schon über unser Dasein nachgedacht?‘“ Aufgrund dieser innigen Verbindung war Jane extrem loyal. Als das Internet Penthouse schließlich in die Knie zwang, war es Jane, die die schmerzvolle Aufgabe übernahm, die Bilder von den Wänden zu nehmen und sie zu verkaufen. Als Guccione starb, war sie völlig aus der Bahn geworfen, so als ob sie aus einem lebenslangen Traum aufgeweckt worden wäre. „Nachdem ich sieben Tage die Woche bis vier oder fünf Uhr morgens in seinem Haus gearbeitet hatte und diese Arbeit mein Leben war“, sagte Jane, „war ich wieder zurück in der Außenwelt. Es fiel mir sehr schwer, mich anzupassen.“

Jeremy und Rick stießen im Zuge ihrer Arbeit auf Jane—ihre Handschrift zog sich durch die ganze Sammlung—und führten sie zum Abendessen aus. Der Wert ihres Einblicks und ihrer persönlichen Verbindungen war sofort klar. Jeremy stellte sie auf der Stelle ein, als Kuratorin seines Schatzes und ihrer früheren Lebensgrundlage. Als sie ins Lager kam und das überwältigende Stück ihrer Vergangenheit in Kisten vor sich ausgebreitet sah, brach sie in Tränen aus. „Ich war wie ein Baby, als ich herkam“, erzählte sie mir. „Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich entschuldigte mich bei allen, weil ich so unkontrolliert schluchzte.“

Für Rick, dessen Filmkarriere als Assistent von Harvey Weinstein bei Miramax begonnen hatte, ist Jane eine Seelenverwandte. „Ich erkannte in ihren Augen und in ihren Anekdoten die Idee, für eine berühmte Person zu arbeiten, und alles, was damit zusammenhängt“, sagte er. „Die vielen Arbeitsstunden, die Hingabe, die Loyalität, der ganze Wahnsinn. All das tat sie, und dann nahm alles ein schreckliches Ende, für ihn und für sie.“ Bis zu dem Moment, als Jeremy und Rick sie von der Pferdefarm in New Jersey wegholten, auf der sie zwischenzeitlich gearbeitet hatte, „dachte sie, die Geschichte sei beendet. Sie dachte, sie wäre bereits im dritten Akt angekommen—doch wie sich zeigte, war es erst der zweite.“

Jetzt, wo sie sich vom ersten Schock erholt hat, scheint Jane wieder in ihrem Element zu sein: als Matriarchin von allem, was mit Bob Guccione zu tun hat. Es ist fast, als wäre sie Teil des Nachlasses. Sie sitzt mit Jeremy, Rick und ihrem Team beim Durchsehen der endlosen Flut an Dias, Briefen, Fotos und Ephemera und setzt alles an die richtige Stelle in der Geschichte. Jane sieht aus wie eine normale Frau mittleren Alters, doch sie erinnert sich fehlerfrei an alle Einzelheiten der _Penthouse_-Produktion. In der Kombination mit Gucciones neurotisch genauer Dokumentation (er war ein akribische Sammler) schreibt sich das Guccione-Vermächtnis quasi von selbst. „Wir hatten das ganze Rohmaterial“, sagte Rick, „das durch Janes Prisma ging und am anderen Ende archiviert wieder herauskam.“

Rick und Jeremy haben ihre eigenen Prinzipien, nach denen sie in dieses Unternehmen investieren und sich an ihm beteiligen. Natürlich geht es auch darum, Geld zu verdienen, doch die Guccione-Kollektion wurde für die Eigentümer zur persönlichen Angelegenheit und der Mann selbst zur Obsession.

Für Rick, dessen Filmkarriere aus der angeborenen Faszination von den Geschichten anderer Menschen entspringt, ist die Vorstellung, eine Story wie die von Bob Guccione auszugraben—mitsamt ihrem Glanz, den Geheimnissen, der Wirkung und dem Milieu—und sie an eine neue Generation weiterzugeben, eine verlockende Herausforderung. „Ich interessiere mich für Guccione“, erzählte er mir, „doch noch mehr interessiert mich sein Vermächtnis.“ Rick hat zusammen mit dem Regisseur Barry Avrich an einer Dokumentation über Gucciones Leben gearbeitet, Filthy Gorgeous, und entwickelt gerade eine TV-Sendung über Janes Erfahrungen, als junge Frau im Zentrum eines Erotikimperiums zu stehen.

Jeremy hingegen stürzte sich kopfüber in die Archive. „Wir rechnen fest damit, dass sie seine Medaillons und Brusthaare findet“, vertraute mir Rick an. Gucciones Sinn für Kreativität und sein übergroßes väterliches Image erinnern Jeremy an den eigenen Vater, der vor zwölf Jahren gestorben ist. „Bei der Erkundung der Welt Gucciones“, erzählte mir Jeremy, „habe ich auch auf mein eigenes Leben mit meinem Vater zurückgeblickt.“

Wenn du dich so sehr in das Leben eines anderen Menschen vertiefst—dessen Dinge berührst, sein Vermächtnis verteidigst und mit von ihm geliebten Menschen zusammenarbeitest—, dann ist es schwierig, distanziert zu bleiben. Manche glauben, dass von Toten zurückgelassene Objekte einen bestimmten Rest an Energie in sich bergen. Dass sie sprechen können. Jeremy hat begonnen, den Geist Gucciones heraufzubeschwören. Er ist nun ebenfalls Teil der Geschichte. Im dritten Akt.

Die Guccione-Kollektion steckt voller spannender Einzelheiten: unveröffentlichte Nacktfotos von Promis, seltsame kulturelle Artefakte, opulente Science-Fiction-Illustrationen und verrückte Korrespondenzen. Doch ohne den zentralen Protagonisten bleiben die Geschichte und die Marke letztendlich bedeutungslos. Ohne Bob Guccione, oder einen tragfähigen Mythos dieses Mannes, ist all das einfach nur Material. Das ist der Grund, warum es Jeremy, Rick und vor allem Jane so wichtig ist, dass die Person Vorrang vor allem anderen hat.

In seinem Leben fehlte es Bob an einer zusammenhängenden Gruppe Menschen, die seine Interessen schützte. Er war berüchtigt dafür, nie sein Haus zu verlassen. Nur selten beehrte er die Büros von Central Media mit seinem Besuch. Er bestand darauf, die Layouts des Magazins—und oftmals auch die Aufnahmen selbst—in seinem privaten Arbeitszimmer in seinem Anwesen oder in seinem Stadthaus zu machen. Er vertraute sich nur wenigen Menschen an. Aus der Trennung zwischen dem öffentlichen Image und dem Privatleben entwickelte sich in der Öffentlichkeit ein allgemeines Missverständnis des Mannes. Als Verwalter seines Erbes betrachten Jeremy und Rick ihr multidimensionales Projekt als eine Möglichkeit, das Schweigen zu durchbrechen und Gucciones lebenslange Zurückgezogenheit und Monomanie aufzulösen. Unabhängig davon, ob es das ist, was Guccione für sein Nachleben wollte—sie glauben an seine Wiedergeburt. Und ob die Welt es will oder nicht, sie wird stattfinden.

„In seinem Tod“, sagte Jeremy, „werde ich ihn mit Menschen umgeben.“

_Für mehr unveröffentlichtes Archivmaterial, besuche die Guccione Collection-Website, die die verschiedenen Aspekte von Bobs Vermächtnis beleuchtet und neue Kunst im Geiste Gucciones zeigt. _

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