Lydia Lunch will in dein Schlafzimmer

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, wir lieben unsere Mütter. Aber wenn wir uns eine andere aussuchen könnten, Lydia Lunch wäre unsere erste Wahl. Wir sprachen mit Lydia über die Bedeutung von Literatur für ihr Leben.

|
08 August 2013, 7:54am

Foto von Veronica Ibarra

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich liebe meine Mutter. Aber wenn ich mir eine andere aussuchen könnte, Lydia Lunch wäre meine erste Wahl. Sie begann in den späten 70ern, aus den Prinzipien schonungsloser Offenheit und Selbstbestimmung heraus, einen Amoklauf von Karriere in Gang zu setzen. Denk an irgendeinen bedeutenden Künstler der amerikanischen Postpunk-Ära—sie hat mit ihm zusammengearbeitet. Denk an irgendeine Methode der Grenzüberschreitung—sie kann sie dir beibringen. Lydia ist ein nie ruhender Vulkan, der bis heute in kurzen Abständen glühende Lebensenergie ausspuckt. Ich will gar nicht anfangen, all die Sachen aufzuzählen, die sie als Musikerin, Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Spoken-Word-Künstlerin undwasweißichnochalles bereits geschafft hat. Dafür fehlt der Platz. Lunch-Neulinge lesen am besten erst mal ihren tristen, autobiografischen Roman-Exzess Paradoxie—Tagebuch eines Raubtiers und die Textsammlung Will Work For Drugs (beide erschienen bei Mox und Maritz). Danach kann man sich dann dem Kochbuch widmen, das sie im letzten Jahr veröffentlicht hat. Ja, du hast richtig gelesen, ein Kochbuch. Auch dieses Rollenklischee der Mütterlichkeit hat sie einer Coolness-Revision unterzogen. Ende August spielt sie übrigens zwei Shows mit ihrem Allstar-Line-up Retrovirus in Hamburg und Berlin. Wir sprachen mit Lydia über die Bedeutung von Literatur für ihr Leben.



VICE: Von den meisten Leuten wirst du als Musikerin wahrgenommen, die auch schreibt. Wie nimmst du dich selber wahr? Welche Ausdrucksform ist dir wichtiger? 
Lydia Lunch:
Pass auf, ich habe über 200 Songs geschrieben, Dutzende Alben veröffentlicht, drei Jahrzehnte durchgetourt, mit verdammten Musikgenies zusammen gearbeitet, aber all das bedeutet mir nicht so viel wie das Publizieren von Büchern. Vielleicht weil es ein einsamer Sport ist. Beim Schreiben, aber auch in der Vorstellung, dass es dann jemand in seinem Schlafzimmer lesen wird. Ein unglaublich persönlicher Prozess.  
 
Welche literarischen Erweckungsmomente gab es in deiner Kindheit und Jugend?
Mit 12 begann ich, Tagebuch zu schreiben. Nebenbei las ich so viel wie möglich von Henry Miller, Hubert Selby Jr., Jean Genet, Antonin Artaud, Marquis de Sade, Nietzsche, Freud und CG Jung. Ich weigerte mich, den Scheiß zu lesen, denen sie uns in der Schule andrehen wollten. Stattdessen schrieb ich meine eigenen Geschichten. Ich verließ dann die Schule in der zehnten Klasse und zog nach New York. 

Später wurdest du zu einer Größe in der Spoken Word-Szene New Yorks. Erzähl mir etwas darüber.
Nun, als ich dort ankam, existierte Spoken Word als Genre noch gar nicht. Das war nach der Beat Generation, nach Patti Smith und vor den Poetry Slams. Ich begann in den frühen 80ern Shows zu organisieren und Leute auf die Bühne zu stellen, die dann dort zehn Minuten vorlasen. Nick Cave hatte zum Beispiel seinen ersten Spoken Word Auftritt an einem dieser Abende. Oder Vincent Gallo und Becks Mutter Bibbe Hansen. Sie war einer der Warhol Superstars und Tochter des Fluxus Künstlers Al Hansen. Ich habe etliche Künstler zu Lesungen gezwungen, haha.

Kannst du ein literarisches Werk herausheben, das einen besonders großen Einfluss auf dich hatte?
Tropic of Cancer von Henry Miller. Es ist so vulgär, so echt, poetisch, philosophisch und wütend. Kurz gesagt: Es ist perfekt. Hubert Selby Jr.’s Last Exit to Brooklyn und Requiem for a Dream waren auch sehr bedeutend. Weil sie mir klarmachten, dass ich schreiben muss, egal was, wie viel und egal, wer es lesen würde. Vor etlichen Jahren las ich mit ihm und Henry Rollins in Deutschland. Eine tolle Erfahrung.

Was liest du zurzeit, was kannst du empfehlen?
Ich lese kaum noch fiktive Texte. Interessiert mich einfach nicht. Wie auch immer, ich würde Craig Clevengers The Contortionist’s Handbook und Dermaphoria empfehlen. Alles vom unglaublich amüsanten und einfach brillanten Jerry Stahl. Ich mache so Phasen durch. Ich beginne mich für einen Autoren oder ein Thema zu interessieren und lese dann alles darüber, bis es ausgereizt ist. Momentan beschäftige ich mich mit Quantenphysik. Das Dekodieren von Verhalten auf einer molekularen Ebene. The Field von Lynne McTaggart. Memory in the Cells von Luiz Angel Diaz. Darin geht es um das Dekodieren von Zellen, um Schmerzimpulse freizusetzen.

Worauf man trotz deines Namens vielleicht nicht sofort kommen würde: Du hast ein Kochbuch herausgebracht. Wie kam es dazu?
Ich nenne dir nur ein Kapitel als Beispiel: Do Me A Quickie (meals in 15 minutes for fueling up that cute teenage boy you picked up in the bookstore) Du siehst also: Es ist nicht die typische langweilige Rezeptsammlung. Jemandem eine Mahlzeit zuzubereiten ist eine der intimsten Angelegenheiten überhaupt. Es ist magisch. The Need to Feed, so heißt das Buch, ist sexy, anzüglich und voll von schmutzigen Witzen. Hat echt Spaß gemacht, das zu schreiben. Es ist eine sexy, rebellische Variante dessen, was viel zu oft nur als Hausarbeit verstanden wird. Jedem der sagt, er hätte keine Zeit zu kochen, entgegne ich: Ich habe keine Zeit zu sterben. 

Worum geht es in deinem nächsten Buch?
Um Blutlust und Rache.

Mehr aus der FICTION ISSUE 2013:

Eine Kurzgeschichte von Sibylle Berg: Sohn & Ball

Eine Kurzgeschichte von Elfriede Jelinek: Wir müssen weg

Liebesrezepte aus dem Kamasutra