Sex

Crystal Meth, HIV und Pornosex: Drei schwule Männer sprechen über Sex auf Drogen

„Dass ich Crystal nehme, weiß niemand aus meinem Freundeskreis, mit dem ich nicht auch Sex habe, und die nehmen's selber."

von Ronny Matthes
01 Dezember 2015, 3:00pm

Dass Party und Drogen zusammengehören, wird sich einigen noch erschließen: Man betrinkt sich vorm Ausgehen gemeinsam mit Freunden, raucht was, zieht eine Line. Im Club wird nachgelegt, Teile geschmissen, bis in den Morgen oder Nachmittag gefeiert. Das Resultat fährt danach neben dir mit handtellergroßen Pupillen S-Bahn.

In der schwulen Community verfestigt sich der Trend, nicht nur Party, sondern auch Sex und Drogen zu kombinieren. Chemsex ist mittlerweile auch dem letzten Provinzhomo ein Begriff. Auf Dating-Apps wie PlanetRomeo, Grindr und Scruff stehen Begriffe wie PnP (Party and Play), slammen (sich Zeug spritzen) und chems-friendly immer öfter in den Profilen sexsuchender Männer. Wir sprechen hier also nicht von einem Joint vorm Ficken, sondern von chemischen Drogen: GHB/GBL, Ketamin, Crystal Meth, MDMA, Mephedron, etc. Die Berichterstattung zu Chemsex in deutschsprachigen Medien nahm zu, nachdem im März 2014 die britische South London Chemsex Study veröffentlicht wurde und die BBC eine Reportage zum Thema sendete. Die Boulevardpresse mit ihrem Lieblingsthema „Drogentote" hatte Futter bekommen und BILD und Konsorten berichteten über tagelange Sexpartys und „Horrordrogen". In der schwulen Pornowelt sind diese Drogen schon längst angekommen: Nicht nur Amateurfilme mit entsprechenden Titeln sind auf Xtube und Co. abrufbar, sondern auch professionell gedrehte Streifen wie SLAMMED (dieser Link ist überraschenderweise NSFW) vom US-amerikanischen Pornolabel Treasure Island. Passend zur UK-Studie über Chemsex unter Männern, die mit Männern Sex haben, spielt der Film aus dem Jahr 2012 in London.


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Forschung zum Thema bestätigt, was Drogenkonsumenten aus Erfahrung kennen: Sind harte Drogen im Spiel, sinkt die Hemmschwelle, auch mal das Kondom wegzulassen und ohne Gummi—bareback—Sex zu haben oder Nadeln zu teilen. Autoren wie Dr. Kevin Clarke vom schwulen Lifestyle-Magazin MÄNNER bringen steigende HIV-Neuinfektionen und vermehrte Ansteckungen mit Hepatitis C in direkten Zusammenhang mit Sex auf Drogen.

Was sind das für Leute, die sich so zudröhnen, dass sie mehrere Nächte auf Sexpartys verbringen und dabei jede Hemmung verlieren und Risiken eingehen, die sie clean nie eingehen würden? Ich habe drei Männer getroffen, die ganz unterschiedlich mit dem Thema Chemsex umgehen. Zwei der Jungs sind mit mir befreundet, den dritten habe ich über die Dating-App Scruff gefunden.

Martin, Anfang 30

Martin und ich sind befreundet, nicht sonderlich gut, aber schon so, dass wir uns ein, zwei Mal im Monat begegnen. Wir treffen uns in seiner Wohnung auf ein paar Bier.

VICE: Wir kennen uns jetzt wie lange?
Martin: Vier Jahre? Fünf Jahre? Fünf.

Als ich den Aufruf auf Facebook gepostet habe, mir zu schreiben, wenn man für ein Interview zum Thema Chemsex unter Schwulen bereitsteht, hätte ich nicht gedacht, von dir Post zu bekommen. Du siehst nicht aus, wie man sich das typische Crystal-Meth-Opfer vorstellt.
[Lacht] Arschloch. Mit Crystal hab ich auch erst vor einem halben Jahr angefangen. Das war so die krasse Grenze—alles andere kannst du nehmen, G [GHB; Anm. d. R.], Keta, MDMA, aber Crystal war bei mir echt tabu.

Warum?
Klar hört man Storys. Einmal drauf und nicht mehr wegkommen, krasse Come-Downs und sowas. Und ich habe immer an Spritzen gedacht. Da wusste ich gar nicht, dass man das Zeug auch ziehen kann. So hat das dann auch angefangen, ich dachte, das wäre eine Line Speed. War's dann aber nicht. [Lacht]

Für mich ist der Sex dann wie ein Porno. Du bist derbe geil, du kannst ewig ficken, und selbst wenn du sonst nicht der Bottom bist, auf Crystal kriegst du alles rein.

Woran hast du das gemerkt?
Das knallt krasser. Speed ist ein Scheißdreck dagegen. Ist aber ein angenehmes High. Ich erinnere mich noch gut, weil ich beim ersten Mal auf T [kurz für Tina, wie Crystal gerade unter Schwulen oft genannt wird; Anm. d. R.] nackt im Pool geschwommen bin und mit keine Ahnung wie vielen Typen gefickt hab. Das war bis dahin der beste Sex, den ich je hatte.

Und den willst du dann noch mal.
Den willst du dann immer. Ich hab das Zeug dann angefangen zu rauchen, das hat noch geiler geklatscht. Das ist übrigens das, was du bei Pornos oft hörst, wenn die Typen am Anfang husten. Die haben dann vorher eine Pfeife geraucht. Das geht jedenfalls direkt rein. Also wenn du eine Vorstellung willst, wie das ist, auf Tina zu ficken, guck mal so einen Porno, wo die Jungs rauchen. So ist das wirklich. [Lacht] Klingt vielleicht albern, aber für mich ist der Sex dann echt wie ein Porno. Du bist derbe geil, du kannst ewig ficken, und selbst wenn du sonst nicht der Bottom bist, auf Crystal kriegst du alles rein. Das klingt immer nach Klischee, aber du hast halt echt keine Hemmungen mehr. Meine erste Faust hatte ich auf Crystal drin. Und ich bin eigentlich immer eher aktiv.


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Was sind das für Dates, bei denen du Crystal rauchst?
Da geht's um Sex, also nur Sex. Ich glaub, mit den meisten Typen würde ich auch nicht viel anderes machen. Ich würde sagen, 90% der Dates mach ich online, also GayRomeo oder Scruff. Das geht auch zack-zack, die meisten haben ja im Profil stehen, was sie wollen. Wenn du also wen hast, der auf Chems steht, checkst du, ob's optisch passt, wer was hat und wohin es geht. Ich hab zum Beispiel immer ein Fläschchen G im Kühlschrank, das ich dann mitbringe.

Was macht das?
Das macht dich geil. Also pornodarsteller-geil. Und du hast alle lieb. Aber du bist auch ein bisschen träge, ich hab dann nicht mehr so wirklich Bock, mich zu bewegen. Also meistens nehme ich ein paar Pipetten, wenn ich gefickt werden will, weil ich davon total offen werde. Oder halt mit Ecstasy zusammen, das ist auch eine gute Kombi.

Mit GHB assoziiere ich immer die komatösen Berghain-Leute, die in irgendwelchen Ecken wegdämmern.
Du darfst es halt echt nicht übertreiben. Und auch aufpassen mit Alkohol, also nichts dazu trinken, sonst kann das schon schiefgehen. Ich hab auch ein, zwei Mal überdosiert und bin dann weggepennt. Deswegen auch lieber Crystal. Ich trink halt auch echt gerne und das kannst du auf G nicht machen. Auf Crystal geht das auf jeden Fall, merkst du dann gar nicht. Ähnlich wie auf Speed oder Koks.

Wie oft nimmst du Drogen beim Sex?
Mittlerweile eigentlich immer. Nicht immer Mischkonsum, aber schon immer etwas. Also so einmal die Woche bestimmt, zweimal manchmal. Das ist auch in etwa, wie oft ich mir ein Sexdate klarmache.

Ohne Drogen ist es langweilig?
Ich sag mal so: Mit ist es wirklich viel, viel geiler als ohne. Ich glaub nicht, dass sich das jemand vorstellen kann, wenn der das noch nicht probiert hat.

War das schon so, bevor du mit Crystal angefangen hast?
Also da gab's auf jeden Fall auch so Nächte, in denen ich auf diversen Sachen war, aber ich würde sagen weitaus weniger als jetzt. Ich hatte damals auch noch einen Freund, mit dem habe ich zwar auch zusammen was genommen, also meistens G oder mal 'ne Line Speed oder Koks, aber das war eher die Ausnahme. Kostet ja auch. Da war schon viel Vanilla [harmloser Sex, „Kuschelsex"; Anm. d. R.], aber ich war damals auch noch nicht so drauf wie heute, dass ich auch auf—ich sag mal—härtere Sachen stehe.

Ich hab dann einfach keinen Bock mehr zu checken, ob der Typ auch wirklich ein Kondom drüber hat.

Das Klischee vom Crystal-Meth-User ist ja, dass der Konsum in einer Lebenskrise beginnt. Wenn du jetzt sagst, du hattest damals noch einen Freund, hängt die Trennung dann mit dem Konsum zusammen?
Keine Ahnung, ob das so direkt miteinander zu tun hat, glaub ich nicht. Aber nachdem das mit meinem Freund zu Ende war, habe ich natürlich erstmal rumprobiert, also auch sexuell. Wir waren nicht super offen, also wir haben schon zusammen mal jemanden mitgenommen oder eingeladen oder so, aber das ist alles immer zusammen passiert. Als dann Schluss war, da war das dann erstmal eine ganz neue Welt, endlich mal wieder flirten, Typen abschleppen, mal auf 'ne Sexparty gehen. Auf so einer Party habe ich dann auch das erste Mal Crystal gezogen. Aber das war jetzt keine bewusste Entscheidung, dass ich gesagt habe; „Hey, ich probier jetzt mal Crystal aus!" Das ist eher passiert.

Wissen deine Freunde davon?
Außer die, mit denen ich auch rummache, nein. Ich glaube, du bekommst ganz schnell die Reaktion, die du am Anfang hattest: „Du siehst ja gar nicht so aus wie ein Junkie." Da hab ich keinen Bock drauf. Ich glaube schon, Leute wissen, dass ich ab und zu diverse Sachen nehme. Ich gehe ja auch mit Freunden aus, da ist das ja offensichtlich. Aber dass ich Crystal nehme, weiß jetzt so gesehen niemand aus meinem Freundeskreis, mit dem ich nicht auch Sex habe, und die nehmen's selber.

Man hört immer wieder, dass Sex auf Chems oft unsafe ist.
Ja, das ist der Effekt, den ich vorhin meinte, wenn ich zum Beispiel auf G bin. Ich hab dann einfach keinen Bock mehr zu checken, ob der Typ auch wirklich ein Kondom drüber hat. Du bist halt geil in dem Moment und willst dann auch in dem Moment ficken. Und ganz ehrlich, ohne Gummi ist es halt auch echt geiler. Am Anfang, als ich mit Chems losgelegt habe, hab ich schon noch versucht, drauf zu achten, dass es safe ist. Vor vier Monaten hab ich dann meinen positiven HIV-Test bekommen. Ich mein, mir geht es gut damit, und ich wusste auch irgendwie schon, dass ich mir was gefangen habe, aber das war schon erstmal ein Dämpfer. Aber irgendwie dann auch eine Genugtuung, du hast es halt weg und mit den Medikamenten heute brauchst du da auch keine Angst mehr haben. Ich bin mittlerweile unter Nachweis [nach einiger Zeit in einer wirksamen Therapie ist im Blut kein HIV mehr nachweisbar, die Viruslast ist dann unter der Nachweisgrenze; Anm. d. Red.] und nehm jetzt eigentlich gar kein Kondom mehr. Bisher geht das auch gut, ich hatte jetzt einmal einen Tripper, aber das war's auch. Diese Horrorszenarien mit Hepatitis C und so sind, glaube ich, übertrieben, da muss man schon Nadeln zusammen benutzen oder irgendwie anders mit Blut in Kontakt kommen.

Warum slammst du nicht?
Ich bin oft bei Partys, wo geslammt wird, und das ist bestimmt auch ein geileres High, so wie das aussieht, aber ich hab einfach Schiss vor Spritzen. [Lacht] Und das ist auch so der letzte Schritt zum Junkie-Sein. Wenn du injizierst, hast du echt ein Problem. Also zumindest sehe ich das für mich so.

Würdest du sagen, du hast ein Drogenproblem?
Würde ich jetzt so nicht sagen. Zum Problem wird das für mich, wenn ich nicht mehr richtig funktioniere, also wenn ich nicht mehr arbeiten kann oder anfange, das auch unabhängig vom Sex zu nehmen, um dann halt zu funktionieren. Aber ich würde für mich schon eher das Label Freizeitkonsument beanspruchen. Wenn's so weit ist, sag ich dir aber Bescheid. [Lacht]

Andreas, Anfang 30

Ich kenne Andreas von Partys, auf denen er halbnackt rumspringt und mehr Zeit auf dem Klo verbringt als auf der Tanzfläche. Mit seinem Konsum ist er immer sehr offen umgegangen, aber es hat nie den Eindruck erweckt, dass er ein Problem damit hätte. Seit einigen Monaten geht Andreas nicht mehr aus und hat auch auf einer Social-Media-Plattform gepostet, dass er sich aus dem Partyleben verabschiedet. Wir treffen uns in einem veganen Restaurant in Berlin-Kreuzberg. (Ohne Scheiß.)

VICE: Ich hab dich das letzte Mal nur in einem Jockstrap in einem Club gesehen.
Andreas: Oh Mann. Ja, klar. Das war so hedonistische Heilsfront.

Du hast mich angeschrieben und meintest, dass du dir nicht ganz sicher bist, ob du mit mir über Chemsex reden willst, weil du gerade erst mit chemischen Drogen aufgehört hast.
Ja, weil das noch ziemlich frisch ist. Andererseits find ich's gut, wenn auch mal eine andere Geschichte erzählt wird als dieses ewige „Drogen sind harmlos und machen Spaß". Das hab ich genug im Freundeskreis gehabt. Klar machen Drogen Spaß, aber harmlos—da können wir gerne drüber reden.

Du hast wann damit aufgehört?
Vor ziemlich genau drei Monaten.

Warum?
Du fragst das jetzt so, als ob ich dir da eine einfache Antwort drauf geben kann. Also, das hat eigentlich drei Gründe. Erstens mal bin ich vor drei Monaten ziemlich krank geworden. Beim Arzt kam dann raus, dass das nicht nur eine Syphilis war, sondern auch eine akute HIV-Infektion. Und dann hab ich mich dummerweise auch noch verknallt. [Lacht] Und drittens ging's mir einfach richtig scheiße, also körperlich. Jetzt nicht direkt wegen der Krankheit, sondern auch schon vorher, das hat sich dann aber verstärkt.

Wenn man drauf ist, das ist halt anders als—ich sag jetzt mal—normal Sex zu haben. Das gehörte für mich zusammen, G und Sex und Sex und G.

Was hast du vor deiner Drogenpause ...
Keine Pause, ich plane da kein Ende.

Was hast du genommen, bevor du aufgehört hast, Drogen zu konsumieren?
G, Koks, MDMA, das Übliche. [Lacht] Aber größtenteils G. Ich war immer der, der mit der Pipette durch den Club gelaufen ist und die Leute zum Nachlegen überredet hat.

War das für dich mit Sex verbunden oder warum hast du das beim Weggehen genommen?
Das war eindeutig sexuell. Du hast auf G die ganze Welt lieb und alle sind wahnsinnig sexy. Und beim Weggehen lernst du halt die meisten Leute kennen. Ich bin nicht so der Typ, der vorm Laptop sitzt und ewig chattet. Dafür tanze ich auch viel zu gerne. Wenn ich drauf war, war ich immer echt happy und horny. Ich hab teilweise auf dem Dancefloor Typen den Schwanz geblasen und solche Scherze. Das ging dann so weit, dass ich mich am nächsten Tag davor geekelt hab, wenn mir das erzählt wurde, weil die Typen dann wohl doch nicht so sexy waren, wie ich dachte.

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Wenn dir das erzählt wurde, das heißt, du hast dich nicht selbst dran erinnern können?
Eher selten, auf G hatte ich oft komplette Filmrisse.

Und du hast es trotzdem weiter genommen?
Ja, schon, weil wenn man drauf ist, das ist halt anders als—ich sag jetzt mal—normal Sex zu haben. Das gehörte für mich zusammen, G und Sex und Sex und G.

In manchen Momenten hast du einfach nicht auf dem Schirm, dass du jetzt ein Kondom nehmen solltest oder dass es vielleicht nicht ganz so klug ist, wenn der Typ seinen Schwanz in dich reinsteckt.

Du hast erwähnt, dass es dir auch körperlich nicht gut ging. Hatte das mit deinem Konsum zu tun?
Ich denke schon, also zumindest mein Arzt sagt ja. Ich hatte große Probleme mit Reizmagen. Ich habe dann trotzdem weitergemacht, halt mit Magenschutz, Pantoprazol. Das ist aber trotzdem schlimmer geworden, ich habe halt so weiter gemacht wie vorher. Teilweise habe ich den Drink wieder ausgekotzt, wenn ich ihn gerade runter hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das vom G kam.

Wie oft hast du was genommen?
Immer, wenn ich aus war. Also mindestens einmal die Woche. Sonntagnachmittag Berghain, immer, das stand nicht zur Debatte. Schön gefrühstückt und schon im O-Saft die erste Pipette. Im Hain war ich dann auch viel im Darkroom, obwohl da sonntags immer eher Resteficken war, da gibt's bessere Locations. Aber wie gesagt, wenn du drauf bist, kümmert dich das nicht so sehr, ich habe da, glaub ich, echt mit jedem gefickt.

Safe oder bare?
Immer safe. [Lacht] Also, zumindest die Male, an die ich mich erinnere. [Lacht] Nein, mal im Ernst, keine Ahnung. Ich denke nicht immer. Also nicht, dass mir das nicht wichtig war, aber in manchen Momenten hast du einfach nicht auf dem Schirm, dass du jetzt ein Kondom nehmen solltest oder dass es vielleicht nicht ganz so klug ist, wenn der Typ seinen Schwanz in dich reinsteckt und du nicht weißt, wie der aussieht, was der hat, ob der überhaupt ein Gummi drüber hat. Das war meistens in Darkrooms das Problem. Bei Sexdates habe ich da schon mehr drauf geachtet, da, würde ich sagen, war ich zu 90% safe.

Du hast dann eine Syphilis bekommen und was war dann?
Syphilis kannst du ja auch ohne Arzt erkennen. Ich hatte halt eine eindeutige Stelle am Schwanz und dachte: „Fuck, musst du halt durch." Ich hatte vorher schon mal eine und weiß, wie das wehtut. Du bekommst eine Spritze in den Arsch und kannst dann erstmal zwei Tage nicht mehr laufen. Mein Arzt hat dann auch auf andere STDs [sexuell übertragbare Infektionen; Anm. d. Red.] getestet und dabei ist dann halt rausgekommen, dass ich mich relativ frisch mit HIV angesteckt hatte. Das war ein ziemlicher Schock für mich.

Hast du nicht damit gerechnet?
Damit rechnen ist das eine, damit leben das andere. Ich hab schon gedacht, dass das Risiko da ist, aber ich hab's in dem Moment nicht vermutet. Ich dachte, das ist Syphilis und das war's. Dass das im Doppelpack kommt, hat mich ziemlich unerwartet getroffen. Ich habe dann auch mit dem Feiern aufgehört, weil ich die erste Zeit ziemlich depressiv war. In der Zeit hat sich ein guter Freund um mich gekümmert und das war dann die Offenbarung: „Krass, da macht jemand was für dich, ohne was dafür zu wollen." Das klingt so kitschig [Lacht], aber das war eine ganz andere Form von Zuneigung, was ich vorher gewohnt war. Ich habe mich dann auch ziemlich verknallt oder bin's noch immer. Aber da ist auch noch viel Unsicherheit, keine Ahnung, ob ich das wirklich will.

Hast du seitdem auch schon mal clean Sex gehabt?
Ja, mehrmals. Das ist aber echt nicht so einfach, weil du auf diesen Apps echt zugeballert wirst mit Chem-Zeug. Ich muss zugeben, dass mir das noch schwerfällt. Ich hatte neulich ein Sexdate mit einem Typen, der war im Chat ganz angenehm. Der kam dann zu mir und hat gefragt, ob es OK ist, wenn er kurz eine Pfeife [Crystal Meth; Anm. d. Red.] raucht. Das hat mich ziemlich fertig gemacht, ich habe das dann abgebrochen. Seitdem habe ich explizit im Profil stehen, dass ich mich als Ex-Junkie definiere und keine Leute date, die Drogen nehmen.

Oliver, 41

Oliver als Chems-User zu identifizieren, war nicht schwer. Sein Profilname auf Scruff ist eindeutig. Im Beschreibungstext stehen die Abkürzungen BB, T, PnP—bareback, Tina, Party and Play. Wir treffen uns im Berliner Tiergarten, einem weitläufigen Park, der bei Cruisern beliebt ist, gehen spazieren und unterhalten uns, während ein paar Meter weiter in den Büschen auffallend viele Männer herumschleichen.

Oliver: Das ist hier Cruising-Area, sind aber auch viele Stricher hier.

VICE: Gehst du auch manchmal hierher?
Im Sommer ja, aber jetzt wär mir das zu kalt. Lieber bei Typen in der Wohnung.

Während unseres gesamten Spaziergangs hat Oliver sein iPhone in der Hand und zeigt mir, welcher Typ wie nah ist. Er benutzt Scruff nicht nur zur Sexsuche, sondern kauft auch seine Chems bei Typen, die er datet.

Was gibst du in der Woche für Drogen aus?
Keine Ahnung, das müsste man mal hochrechnen. Ich kaufe ja jetzt nicht einmal die Woche immer ein bisschen. Kommt auch drauf an, was. Pulver [Crystal Meth; Anm. d. Red.] hol ich zum Beispiel mehrmals die Woche.

Wie viel bekommst du für 20 Euro?
So zwei Portionen, kommt drauf an, wo ich kaufe. Aber normalerweise für ein gutes High so zehn Euro.

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Und du spritzt das Zeug?
[Lacht] Rauchen stinkt. Nee, klar, geslamt ist am besten. Ist auch irgendwie sexy. Also die ganze Ästhetik mit der Spritze und dem Ritual. Das ist ja nicht so wie bei den Heroin-Junkies, dass du dir das durch irgendwelche Kippenfilter ziehst. Ich hab mein eigenes Set.

Oliver zeigt mir ein echt schickes Etui mit Spritzen und einem kleinen Fläschen mit weißem Pulver.

Ich habe bis vor Kurzem gedacht, Crystal sind Kristalle.
Gibt's auch, rauchst du, aber Pulver ist zum Spritzen oder Sniefen.

Und wie lange nimmst du das schon?
Zwei Jahre oder so. Mit Slammen hab ich vor einem guten Jahr angefangen.

Nimmst du auch andere Chems?
Manchmal eine Pille dazu oder eine Line, aber sonst nicht. Lieber einen Joint für 'ne verpeilte Session.

Wie sieht denn so eine „verpeilte Session" aus?
Ich bin lieber zu Besuch bei Gruppen, da sind dann mehrere Typen, so drei, vier, aber auch nicht mehr. Ist schwer zu organisieren, viele wollen dann doch nicht aus dem Haus oder kommen nicht. Ich habe ein paar Paare, mit denen ficke ich regelmäßig, da sind dann auch oft andere Besucher.

Die slammen auch?
Klar, darum geht's.

Ich habe jetzt schon oft gehört, dass es nicht immer um den Sex geht, sondern gerade auch um die Drogen. Also dass nicht nur der Sex im Mittelpunkt von Chemsex steht, sondern auch die Drogen, quasi gleichberechtigt.
Ist komisch gesagt, aber kann schon sein. Ich komm zum Beispiel nicht immer bei so einer Session.

Du hast Sex und spritzt dann nicht ab?
Geht halt nicht immer. Du bist hart und geil und alles, aber du kannst nicht immer kommen. Aber es ist trotzdem geiler als Sex ohne Pulver, selbst ohne Abspritzen. Und du hast diesen Druck weg, also dieses Ziel, dass du zu einem Sexdate gehst, um abzuspritzen. Du gehst dann halt da hin, um verpeilt Spaß zu haben, egal wie das endet.

Ich glaube, die Wenigsten, die druff Sex haben, machen das safe. Das wissen ja auch alle, die da mitmachen.

Du hast gesagt, du nimmst Crystal jetzt seit zwei Jahren. Macht sich das nicht gesundheitlich bemerkbar?
Also jetzt nicht mehr als andere Spaßmacher, würde ich sagen. Ich nehme das ja auch nicht wie die Leute, die das zum Leben brauchen. Kenne aber auch Leute, die dann schon etwas mitgenommen aussehen, das hat aber oft auch andere Gründe, also wenn da noch Krankheiten im Spiel sind.

Bist du gesund?
Positiv [HIV; Anm. d. Red.] seit 2001 und HCV [Hepatitis C; Anm. d. Red.] seit 2009.

Das war also, bevor du angefangen hast, Crystal zu nehmen.
Ja, damals hab ich gar nichts mit Drogen gemacht, das war einfach Pech. 2001 hast du noch ganz andere Medikamente bekommen, das ist mittlerweile echt besser. Die Hep C habe ich mir wahrscheinlich beim Fisten gefangen. Aber mit Chems hatte das beide Male nichts zu tun.

Achtest du auf Safer Sex, wenn du zu so einer Chem-Session gehst?
[Lacht] Ich sag mal so: Kenne dein Risiko. Ich glaube, die Wenigsten, die druff Sex haben, machen das safe. Das wissen ja auch alle, die da mitmachen. Ich hab in meinen Profilen, also hier bei Scruff und bei GayRomeo, auch drin stehen, dass ich niemals Safer Sex mache. Ich geh aber auch offen mit meiner Erkrankung um und sag das den Leuten und wen's nicht stört, stört's halt nicht. Ich krieg dann auch manchmal Nachrichten mit „Virenschleuder" oder „Seuchenamt" oder sowas, aber das juckt mich echt nicht mehr, das sind für mich frustrierte Kerle, die das schreiben. Ich wette mit dir, dass ich mehr Spaß hab als die, und darauf kommt's für mich halt an.


Illustrationen: Sarah Schmitt

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