Auf der Suche nach dem Filmproduzenten, der seine Freunde um Millionen betrog und nun auf der Flucht ist

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Auf der Suche nach dem Filmproduzenten, der seine Freunde um Millionen betrog und nun auf der Flucht ist

Es gibt immer noch keine Spur von dem deutschen Felix Vossen, der durch ein Schneeballsystem knapp 30 Freunde ausgenommen hat und nach dem mittlerweile auch das FBI fahndet.
23.11.15

Am Morgen des 3. März 2015 verließ der 41-jährige Deutsche Felix Vossen seine Wohnung in der Jermyn Street mitten in London und verschwand.

Er hatte all seine Sachen in seiner Wohnung gelassen, als habe er gehofft, sein Verschwinden würde von den Freunden und Angehörigen, die Millionen Pfund in seine Geschäfte investiert hatten, unbemerkt bleiben. Er stieg am London City Airport in ein Flugzeug nach Zürich, wo er dasselbe Ritual durchführte: Er hinterließ seine dortige Wohnung, als habe er vor, irgendwann zurückzukehren.

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Vossen sendete nach seinem Verschwinden ein paar letzte Nachrichten. Eine ging an die Frau, mit der er 20 Jahre lang eine On-Off-Beziehung geführt hatte, Model und TV-Moderatorin Sophia Raafat. „Es tut mir sehr leid", schrieb er. „Ich wollte dir niemals wehtun und habe immer gedacht, ich könnte alles am Ende noch hinbiegen, aber stattdessen wurde es einfach immer schlimmer."

Die anderen Nachrichten gingen an Kollegen in seiner Filmproduktionsfirma Embargo Films, wo er neben seiner angeblichen Arbeit als Händler US-amerikanischer Tech-Aktien eine aufkeimende Karriere als Produzent hatte.

Die Leute fingen vor 14 Jahren an, Felix Vossen Geld zu geben, und seine Investoren waren immer Angehörige oder Freunde (laut meinen Quellen nahm er nur Geld von Leuten, die er kannte). Vossen sagte seinen Kunden und Freunden, seine Firma arbeite „mit einer risikoarmen Strategie an kurzfristigen Investition an der New Yorker Börse". Die stand in einem Pressedokument, das seine Opfer veröffentlicht haben und in dem von extrem guten Renditen von 18 bis 20 Prozent für kurzfristige Anlagen die Rede war. Selbst Menschen, die sich mit dem Finanzwesen auskannten, überzeugte er mit dieser Taktik.

„Er bot nie weniger als 15 Prozent Kapitalertrag, was jetzt nicht die Welt ist, aber wenn man in Großbritannien lebt und die Banken bieten einem ein halbes oder Viertelprozent an, dann ist das sehr attraktiv", sagt Tom Trotter, ein pensionierter Sicherheitsberater, der fast seine gesamten Ersparnisse an Vossen verloren hat, VICE gegenüber in einem Telefoninterview.

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Vossen ist wie vom Erdboden verschluckt. 26 seiner Investoren haben sich zusammengeschlossen, um nach ihm zu fahnden. Sie haben eine Kampagnen-Website erstellt, ein YouTube-Video veröffentlicht , in dem sie um Unterstützung bitten, und mit einer erfolgreichen Klage wegen Veruntreuung haben sie eine Gerichtsanordnung erwirkt, laut der er ihnen 45 Millionen Pfund [ca. 64 Millionen Euro] zahlen muss. Der High Court of Justice in England and Wales hat seine Konten in London, der Schweiz und New York eingefroren. Das FBI und die Betrugsabteilung von Scotland Yard ermitteln im Fall seines Verschwindens und in der Schweiz wurde ein Haftbefehl auf ihn ausgestellt. Doch Vossens Kollegen haben der Daily Mail erzählt, er habe kurz vor seinem Verschwinden eine Faszination dafür entwickelt, wie Verbrecher auf der Flucht mithilfe von plastischer Chirurgie und Prothesen der Festnahme entkommen können, also besteht eine realistische Möglichkeit, dass das Gesicht, das vor acht Monaten London im Flugzeug verlassen hat, inzwischen ziemlich anders aussieht.

Vor seinem Verschwinden war Felix Vossen ein stämmiger Mann mit dickem braunem Haar, das er manchmal kurz und manchmal lang trug. Er war um die Taille und Hüfte ein wenig füllig und trug teure Kleidung, Hemden mit Kaschmirpullovern und hochwertigen Jeans. Er ist Gelegenheitsraucher und hat eine breite Nase, mit der er aufgrund seiner schiefen Nasenscheidewand ständig schnieft. Mehrere Bekannte von ihm, mit denen ich mich über sein Verschwinden unterhalte, erzählen mir von der Lücke zwischen seinen Schneidezähnen, seiner dröhnenden Stimme und seinem starken deutschen Akzent beim Englischsprechen. Sie erwähnen außerdem, wie „charmant" er ist—ein Charme, der 26 seiner Freunde und Angehörige dazu verleitete, ihm ihre Ersparnisse zu überreichen, in dem Glauben, er werde das Geld für sie gewinnbringend investieren.

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Ein Opfer war Katherine Crawley, deren Geschichte ziemlich typisch ist. Die ehemalige Dokumentarfilmerin lernte ihn in London kennen, als beide in den 20ern waren und in denselben Kreisen verkehrten.

„Ich mochte ihn sofort. Er war ein charmanter Typ—sehr intelligent. Ich habe unsere Unterhaltungen sehr genossen", sagt sie VICE, während sie bei ihrer Mutter in Mexiko zu Besuch ist. „Er schien ein sehr ehrlicher Kerl zu sein … und da habe ich ihm einfach vertraut."

Dass Katherine Vossen Geld für Investitionen geben sollte, sei ziemlich bald erwähnt worden, nachdem die beiden eine Freundschaft aufgebaut hatten, sagt sie. Zu diesem Zeitpunkt habe er bereits seiner Freundin und deren Freunden dabei geholfen, ihr Einkommen mit seinem Finanz-Zauber zu vergrößern.

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Die Zwei lernten sich kennen, als Katherine eine sehr schwierige Phase durchmachte. Ihr Vater hatte ihre Mutter verlassen, als sie 17 war, und die Scheidung war kompliziert und schmerzhaft. Vossen war für sie da, ein „sehr liebevoller und beruhigender" Freund während einer unglücklichen Zeit. Diese Nähe brachte Katherine dazu, Vossen ihrer Mutter Barbara vorzustellen, so dass Vossen schließlich „ein Teil der Familie" wurde.

Nicht all seine Investoren waren Finanz-Anfänger. Madhu Grover, die eine riesige Summe verloren hat, hat einen MBA in Finanzwesen und hat jahrelang an der Börse und für Banken gearbeitet. Sie sagt, Vossens Strategie „ergab Sinn" und er habe theoretisch gute Entscheidungen getroffen.

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Allerdings ist Madhu überzeugt, dass Vossen niemals wirklich investierte, sondern einfach Geld zwischen verschiedenen Konten herumschob, um seine Spuren zu verwischen—ein typisches Merkmal sogenannter Pyramiden- oder Schneeballsysteme. Sie macht sich Vorwürfe, dass sie nicht besser aufpasste, als er mit seinen Rückzahlungen in Verzug geriet, und weil sie seine allgemeine Unzuverlässigkeit kaum zur Kenntnis nahm. Doch wie alle Opfer von Vossen war sie verletzlich: Der schlechte Gesundheitszustand ihrer Tochter hatte sie dazu gezwungen, aus dem Börsengeschäft auszusteigen.

Felix Vossen war ein erfolgreicher Mann mit einem privilegierten Leben. Er mietete teure Wohnungen, lebte bequem, aber ohne Exzess und machte oft Jagdausflüge oder Auslandsurlaube mit Freunden, die ihm die endlosen Ausreden zum Verbleib ihres Geldes glaubten. So war er nun einmal: ein wenig desorganisiert, aber sicher kein Betrüger, oder?

2010 gründeten Vossen und ein paar Geschäftspartner eine Filmproduktionsfirma, Embargo Films, die den Film The Crime — Good Cop//Bad Cop sowie Miss You Already, eine Tragikomödie mit Drew Barrymore, finanzierte. Dadurch gewann er noch mehr Glaubhaftigkeit und Kontakte. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass seine Partner bei Embargo Films wussten, was er trieb, doch es hatte vor seinem Verschwinden Spannungen am Set gegeben, weil er die versprochenen Mittel nicht rechtzeitig bereitgestellt hatte.

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„Selbst Profis, die ihm im Filmgeschäft begegneten, wie Buchhalter und Anwälte, haben gesagt, er sei der letzte Mensch gewesen, den sie je des Betrugs verdächtigt hätten", sagt eines der Opfer, das anonym bleiben wollte. „Er schien alle in seinen Bann zu ziehen."

Doch im Laufe der Jahre scheffelte er Millionen. Vossen war es immer gelungen, seine Spuren zu verwischen, und er baute ein System der Täuschung auf, mit dem er sicherstellte, dass niemand allzu lange kein Geld sah—doch diesen Trick konnte er am Ende wohl nicht mehr aufrechterhalten.

Ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung war, gab es laut Katherine Crawley im Januar. Vossen hatte im Vorjahr ihre Mutter überredet, ihm das Geld zu geben, das sie als ihr „Hausgeld" beschrieb, um eine lukrative kurzfristige Anlage damit zu machen. Er versprach, die Hälfte des Betrags sobald wie möglich zurückzuzahlen. Es wurde Januar und Katherines Mutter sah keinen Cent von dem Geld. Zwei Monate lang telefonierten Vossen und Barbara fast jeden Tag.

„Meine Mutter bekam zu diesem Zeitpunkt schon große Panik—sie schrie ihn an und weinte am Telefon", sagt Katherine.

Barbaras Bank bot daraufhin an, nachzuforschen, warum diese große Zahlung nicht ankam.

„Das erzählte sie Felix, und es bereitete ihm große Sorgen", sagt Katherine. „Ich würde sagen, das war das erste Mal, dass sein Verhalten für uns völlig unerwartet kam und wir uns deswegen sehr unwohl gefühlt haben."

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„Miss You Already — Hollywood producer disappears with millions", ein Video, das eine Gruppe von Vossens betrogenen Investoren auf YouTube hochgeladen hat

Seit Vossens Verschwinden ist für die Betrogenen kaum etwas gut gelaufen. Viele seiner Opfer wollen nicht namentlich genannt werden, weil sie öffentliche Bloßstellung und weiteren Schaden befürchten, und es gibt unter ihnen große Uneinigkeit, wie das Geld am besten wiederzubeschaffen ist—und inwieweit die Öffentlichkeit in diesen Prozess eingebunden werden sollte.

Tom Trotter ist der Meinung, sie hätten mit einer aggressiveren Kampagne mehr Erfolg gehabt und sie hätten sobald wie möglich an die Öffentlichkeit gehen und nicht bis letzten Oktober warten sollen. Auch ist man sich uneinig, ob eine Belohnung für Erfolg bringende Hinweise versprochen werden sollte. Privatermittler sind als zu teure Option verworfen worden.

Felix Vossen könnte überall sein, und er hat sich alle Mühe gegeben, keinen Hinweis darüber zu hinterlassen, wohin er geflohen sein könnte und wie viel Geld er zu dem Zeitpunkt noch zur Verfügung hatte. Laut Kreditkartenabrechnungen, die in der Woche nach seinem Verschwinden bei Embargo Films eintrafen, hatte Vossen einen Lagerraum, mit dessen Leerung er eine Umzugsfirma beauftragt hatte. Außerdem bezahlte er sie dafür, „genau um die Zeit seines Verschwindens eine Menge Dokumente zu vernichten".

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Ob Vossen für immer auf der Flucht bleiben kann, ist eine Frage, auf die bisher niemand eine Antwort hat, doch aktuell scheint er damit gut zu fahren. Er wurde in der gesamten Zeit erst einmal gesichtet, und dieser Vorfall wird noch von der Polizei untersucht, weswegen sie dazu keinen Kommentar abgeben kann.

Seine Opfer sind sich uneinig, was die Wahrscheinlichkeit einer Festnahme angeht. Manche meinen, natürlich werde Vossen irgendwann gefunden, immerhin sei es das 21. Jahrhundert und es gebe immer einen Weg, jemanden zu verfolgen, ob durch ausgegebenes Geld, verwendete Telefone oder besuchte Websites. Irgendwann muss Vossen doch einen Fehler machen!

Andere sind da nicht so optimistisch.

Für viele dreht sich alles nun um den langen Prozess, ihr Leben wieder aufzubauen. Sie werden ständig von der Erinnerung an Felix Vossen heimgesucht, einen Mann, den sie geliebt und in ihr Leben gelassen hatten und der sie dafür manipuliert und betrogen hat. „Ich träume ziemlich häufig von ihm", sagt Katherine Crawley. „Ich sehe in meinen Träumen, wie er lächelt. Sein Gesicht war wie zum Lächeln gemacht."