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Wie es ist, wenn man mit 300 Menschen auf einem maroden Fischerboot über das Mittelmeer flieht

Wir sprachen mit der Deutsch-Syrerin Maya Alkhechen über ihre gefährliche Flucht über das Mittelmeer. Sie erzählte uns von ihrer Angst während der Überfahrt, dem Gemeinschaftsgefühl der Menschen auf dem Boot und was passiert, wenn man sich mit mehr als...

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Maya Alkhechen

Nachdem sich Joachim Gauck nach seinen Äußerungen zu mehr deutschen Auslandseinsätzen im letzten Monat als „Kriegshetzer“ und „Dschihadist“ beschimpfen lassen musste, punktete unser christlicher Bundespräsident diese Woche mit einer Aufforderung zu mehr Nächstenliebe. Auf dem Berliner Symposium zum Flüchtlingsschutz forderte er am Montag, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen und den Menschen die Einreise erleichtern solle, damit sich nicht mehr so viele von ihnen auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen. Den meisten von ihnen bleibt schlicht nichts Anderes übrig. Erst am Wochenende hat die italienische Marine [30 Leichen](http:// http://www.tagesschau.de/ausland/fluechtlinge-114.html) auf einem Boot entdeckt, das mit rund 600 Menschen aus Afrika kam. Die Toten waren offensichtlich erstickt.

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Gauck ging es in seiner Rede besonders um das Schicksal der syrischen Flüchtlinge, die mit 2,4 Millionen Menschen inzwischen die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe weltweit stellen. Zwar hatten Bund und Länder im Juni beschlossen, weitere 10.000 Syrer aufzunehmen, doch im Hinblick darauf, dass 76.000 Anträge eingegangen sind, erscheint diese Zahl nicht sonderlich hoch.

Maya Alkhechen gehört zur großen Mehrheit der 32.000 syrischen Flüchtlingen, die es über das Mittelmeer nach Deutschland geschafft haben. Für Maya war es der Weg nach Hause, denn sie ist seit ihrem sechsten Lebensjahr in Essen aufgewachsen und hat dort Abitur gemacht. Mit 21 ging sie nach Syrien, weil sie als Geduldete in Deutschland weder studieren noch eine Ausbildung anfangen durfte. Nachdem sie sechs Jahre in Damaskus gelebt hatte, brach 2011 der Bürgerkrieg in Syrien aus. Als sich die Lage dort immer weiter verschlimmerte, beschloss sie schließlich, mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern zu fliehen. Erst nach Ägypten, dann weiter auf dem illegalen Weg nach Deutschland. Maya und ihre Familie verbrachten sieben Tage und sechs Nächte zusammen mit über 300 anderen Menschen auf einem maroden Schlepperboot mit kaputtem Motor, bis sie in Italien ankamen. Dabei kam sie sich die ganze Zeit vor wie in einem Actionfilm. Nur das es eben keiner war.

VICE: Wann habt ihr euch dazu entschlossen, Syrien zu verlassen?
Maya Alkhechen: Als der Bürgerkrieg immer schlimmer wurde. Wir haben in Damaskus in der Nähe [eines Stützpunkts der syrischen Armee] gewohnt. Als es losging mit der Revolution—zu Anfang war es ja eine friedliche Revolution—, habe ich gesehen, wie die Demonstranten aus der Moschee rausgekommen und in Richtung unseres Hauses gelaufen sind, dann kamen die Soldaten aus der [Kaserne] und haben auf die Demonstranten geschossen. An dem Tag sind mehrere junge Männer ums Leben gekommen. Zwei, drei gehörten zu der Familie meines Mannes. Deswegen bekam dann auch mein Mann Probleme, obwohl er bei der Demonstration gar nicht dabei gewesen war. Er wurde zweimal verhaftet. Das zweite Mal als er im Knast war, kam es zu Zusammenstößen zwischen den Rebellen und der Armee, und die Kugeln flogen durch unsere Wohnung durch, vom Wohnzimmer bis in die Küche. Da habe ich gemerkt, es geht nicht mehr, und wir müssen hier sofort weg.

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War es klar, dass du zurück nach Deutschland gehst?
Ja, meine Eltern und mein Bruder leben ja in Deutschland. Mein Bruder hat alles versucht, um mich auf legalem Weg zurückzuholen, aber das hat nicht geklappt. Wir sind dann erst einmal nach Ägypten. Dort bin ich zur deutschen Botschaft gegangen. Ich wollte mit dem Botschafter persönlich sprechen, aber sie sagten, ich solle besser anrufen. Dann rief ich an, und sie sagten: „Schreiben Sie lieber eine E-Mail.“ Dann habe ich eine Mail geschrieben und ihm meine Situation geschildert, dass ich auf der Flucht bin und dass ich wieder nach Hause will, und bat um ein persönliches Gespräch. Daraufhin kriegte ich eine maschinelle Antwort „Sie dürfen erst Asyl beantragen, wenn Sie auf deutscher Erde sind.“ Das heißt, ich konnte nur illegal einreisen.

In Ägypten zu bleiben, stand für euch nicht zur Debatte?
Ich habe versucht, dort zu leben. Ich habe mich immer wieder beworben und die Gespräche liefen gut, die waren ganz begeistert von meinen Sprachkenntnissen, aber sie durften keine Syrer einstellen. Für meinen Mann waren die Chancen noch schlechter. Dann waren unsere Ersparnisse auch so gut wie aufgebraucht, und ich hatte drei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe in Ägypten und dann sitze ich in zwei, drei Monaten mit meinen Kindern auf der Straße oder ich fahre zurück nach Syrien und damit sozusagen in den sicheren Tod oder ich wage den illegalen Weg nach Deutschland. Bei dieser letzten Möglichkeit hatte ich wenigstens ein bisschen Hoffnung.

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Wie seid ihr an die Schlepper geraten?
Mein Mann hat zufällig davon erfahren. Dann haben wir das besprochen und uns dazu entschieden. Und sobald man auch nur dahin tendiert, dass man das machen will, geht alles ruckzuck. Wir haben uns am Samstag entschieden und am Montag ging das Schiff. Wir mussten uns beeilen und durften nichts mitnehmen außer den Sachen, die wir anhatten.

Wie viel habt ihr für die Überfahrt gezahlt?
2.500 Dollar pro Person. Weil wir nicht mehr genug Geld hatten und ja auch noch was für die Weiterfahrt nach Deutschland brauchten, hat mein Mann sich von seinem Bruder Geld geliehen. Als ich am Ende in Essen ankam, hatte ich keinen einzigen Euro mehr.

Was war das für ein Boot, mit dem ihr gefahren seid?
So ein kleines [Fischerboot], das vielleicht auf 30 Besatzungsmitglieder ausgelegt war, und wir waren 310. Ungefähr ein Viertel Syrer und drei Viertel syrische Palästinenser. Wie viele wir wirklich waren, haben wir erst in Italien erfahren.

Wie lange wart ihr unterwegs?
Man hat uns gesagt, die Fahrt würde drei Tage dauern, sie hat dann aber sieben Tage und sechs Nächte gedauert. Das Problem war, dass der Motor von diesem Boot kaputt war. Das heißt, man fuhr zwei Stunden und hielt dann zwei, drei Stunden wieder an. Kurz bevor wir auf italienischem Gebiet waren, funktionierte er dann gar nicht mehr, dann haben wir so fünf, sechs Stunden gewartet, bis wir entdeckt wurden und noch mal zwei Stunden, bis ein italienisches Schiff uns schließlich an Bord genommen hat.

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Was habt ihr gegessen?
Die Schleuser haben jedem morgens ein kleines Stück Brot mit Schmierkäse gegeben und mittags wurde Reis gekocht mit Kartoffel- oder Karottensuppe oder so, aber es gab für jeden nur zwei Löffel. Ich habe sechs Kilo abgenommen. Mein Mann und meine Kinder haben auch abgenommen, wir waren alle am Ende.

Wie muss man sich das Leben an Bord vorstellen, und wie hast du das ausgehalten?
Du sitzt da und kannst kaum deine Füße bewegen. Ich konnte mich in diesen sieben Tagen nicht ein einziges Mal hinlegen. Du schläfst im Sitzen und du schläfst auf deinem Nachbarn, ob du den kennst oder nicht. Das ist natürlich ungewohnt, aber gleichzeitig hat das etwas Besonderes, denn plötzlich sind die Menschen eins. Leute, die du nicht kennst, stehen dir auf einmal sehr nah. Ich habe auf dieser Fahrt viele Freunde gefunden, zu denen ich auch jetzt noch Kontakt habe. Die Menschen sind dann anders. Man weiß, man ist im gleichen Boot, und dann versucht man, aufeinander aufzupassen.

Ich hatte schon eine Mittelohrentzündung und dazu kam, dass ich seekrank wurde. Ich habe mich die ersten fünf Tage nur übergeben. Alle waren seekrank, und weil wir so eng beieinander saßen, haben wir es fast nie geschafft, über den Rand des Bootes zu kotzen. Meine Kinder saßen auf meinem Schoß und haben sich über mich übergeben. Ich bin froh, dass wir uns keine Krankheit eingefangen haben. Aber es war schlimm. Wirklich sehr, sehr schlimm. Es gab eine Toilette für 310 Personen, die immer besetzt war. Und wenn du da drin warst, hast du dir gewünscht, du hättest lieber in die Hose gemacht, weil es so schrecklich war und du sofort kotzen musstest.

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Mein Mann saß leider weiter weg und mein Nachbar, also der junge Mann, der neben mir saß, hat sich die ganze Zeit um mich gekümmert. An eine Nacht kann ich mich sehr gut erinnern. Es war so kalt, und weil ich am Rand saß, sind mir die Wellen in den Nacken geschlagen, und er hat mir seine Jacke gegeben, damit ich nicht erfriere. Wenn ich jetzt im Fernsehen ein Boot oder Schiff oder das Meer oder irgendwas sehe, muss ich immer daran denken. Das sind Dinge, die man wirklich nur im Fernsehen sieht. Wenn ich darüber nachdenke, denke ich, das war ein Film, das war ein Actionfilm. Aber es ist wahr, und ich hab das wirklich erlebt.

An was hast du an diesen sieben Tagen auf See gedacht?
Jedes Mal, wenn der Motor stehenblieb, hatte ich Angst. Sobald der Motor aus ist, fangen die Wellen an, mit dem Boot zu spielen, und dann merkt man, wie gefährlich das alles eigentlich ist. Wenn die Wellen etwas höher sind, weißt du, dass es jeden Moment umkippen kann. Als wir am vierten Tag immer noch nicht da waren, habe ich aufgegeben. Du betest und hoffst, dass es wenigstens schnell geht, wenn du stirbst. Ich hatte meine Kinder auf dem Schoß und dachte nur: „Wie soll ich das machen, wenn das Boot umkippt? Wie soll ich sie an der Oberfläche halten, damit sie nicht ertrinken?“

Und wie hast du dich gefühlt, als ihr schließlich in Italien angekommen seid?
Das war, als wenn man träumt. Wir wurden auf so eine Art Schulhof geführt,und die Leute haben sich hingelegt und einfach auf dem Boden geschlafen, ohne Decke und alles. Das sind Augenblicke, die man nie vergisst. Ich werde diese Bilder immer vor Augen haben. Auch wenn einem jemand erzählt, wie schrecklich das ist, wie traurig und wie gefährlich, wird man das nie wirklich verstehen können, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Egal wie sehr man sich in die Situation hineinversetzt, es ist nie die Realität.

Hattet ihr Angst, auf der Zugfahrt nach Deutschland festgenommen zu werden?
Ich hatte Angst, wir würden in Österreich kontrolliert und dann nicht weiter nach Deutschland kommen. Wir wurden im Zug festgenommen, aber Gott sei Dank erst von der deutschen Grenzkontrolle in Rosenheim. Die haben sich sehr erschreckt, als ich perfekt Deutsch mit ihnen gesprochen und meine Geschichte erzählt habe. Die waren aber ganz lieb, und dann durften wir auch irgendwann weiterfahren—da habe ich mich dann sehr wie zu Hause gefühlt.

Du bist mittlerweile seit acht Monaten wieder in Deutschland. Wie ging es hier für dich weiter?
Wir sind mittlerweile anerkannte Flüchtlinge nach Sozialgesetzbuch §25.2. Ich habe jetzt viele Rechte, kann arbeiten, studieren, eigentlich alles machen, was ich will. Das Problem ist jetzt das Jobcenter, weil die wollen, dass ich arbeite, und nicht, dass ich mich weiterbilde. Dafür würde ich keine Unterstützung erhalten. Dabei würde ich inzwischen sofort einen Studienplatz bekommen, aber ich habe kein Geld, um das alleine durchzuziehen.

Jetzt versuche ich, eine Ausbildung zu bekommen, aber ich muss das machen, was die möchten. Ich wollte Rettungsassistentin werden, aber die meinten, ich würde da keinen Job bekommen, weil ich Kopftuch trage. Dann wollte ich Dolmetscherin werden, aber auch das durfte ich nicht, weil ich als Dolmetscherin angeblich zu wenig verdienen würde und am Ende wieder auf das Jobcenter angewiesen wäre.

Ich will nicht zu Hause sitzen. Ich will etwas machen, aber nach allem, was ich durchgemacht habe, und nach all den Enttäuschungen, die ich in meinem Leben erlebt habe, möchte ich doch was arbeiten, was ich selber liebe und nicht einfach so mache. Ich habe versucht, das der Sachbearbeiterin im Jobcenter zu erklären, aber die meinte nur: „Wir sind nicht da, um Wünsche zu erfüllen.“