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Sex

​Warum ich trotz Verhütung panische Angst vor einer Schwangerschaft habe

Trotz doppelter Verhütung rede ich mir monatlich Schwangerschaftssymptome ein und sehe mein selbstbestimmtes Leben an mir vorbei ziehen.
18.3.16
Eine Person, die Angst hat, schwanger zu werden (Symbolbild)
Titelbild: Nadja Tatar | flickr | CC BY 2.0

Seit ich so etwas wie ein Sexualleben habe, habe ich Angst davor, schwanger zu werden. Ich nehme seit Jahren die Pille und verhüte zusätzlich auch so gut wie immer mit Kondom—nicht, weil ich denke, dass ein Kondom der ultimative Schutz vor einem Baby in meinem Bauch ist, sondern weil es auf der materiellen Ebene irgendwie eine Barriere darstellt, die das gefährliche Sperma (im Idealfall) nicht durchdringen kann.

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Meine Angst geht so weit, dass ich mir monatlich Schwangerschaftssymptome einrede und wenn mir einmal kurz ein bisschen übel ist, gehe ich sofort davon aus, dass ein kleiner Dämon in meinem Bauch heranwächst. Dann teste ich sofort panisch die Empfindlichkeit meiner Nippel (warum eigentlich?) und obwohl alles genau wie immer ist, denke ich, dass sie womöglich ein bisschen empfindlicher sind als sonst.

Einmal hatte ich eine leicht gelbliche Zunge—von meinem Mundwasser, wie sich später herausstellen sollte. Ich habe so lange die Ursachen dafür gegoogelt, bis ich auf einer von 100 Seiten gelesen habe, dass auch Schwangere manchmal gelbliche Zungen haben und in meinem Kopf war mein Schicksal bereits besiegelt. Selbst dann, wenn ich das ganze Monat über kein einziges Mal Sex hatte, bange ich, wenn die Regel vor der Tür steht und bin erleichtert, wenn sie dann endlich kommt.

Natürlich ist mir klar, dass ich völlig paranoid bin. Und ich weiß auch, dass die Wahrscheinlichkeit, trotz doppelter Verhütung und bei mittelhäufigem Sex schwanger zu werden, sehr gering ist und nur übernatürliches Supersperma meine ängstlichen Eizellen befruchten könnte. Nichtsdestotrotz kehrt der Horror in meinem Kopf jedes Monat wieder und ich werde zum Schwangerschafts-Hypochonder.

Wahrscheinlich liegt meine panische Angst daran, dass ich mir in den nächsten zehn Jahren einfach nichts Schlimmeres vorstellen könnte als ein Kind zu bekommen. Erstens habe ich keinen Freund, dessen Nachkommen ich austragen möchte. Zweitens will ich nach dem momentanen Stand der Dinge und meines Lebens so lang als möglich mein Ding durchziehen und nicht verantwortlich für ein kleines Lebewesen sein, in dessen Leben ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann eine traumatisierende Rolle spielen werde. Wenn man Mutter wird, verändert sich alles—der Alltag, die Lebensplanung, der Körper. Und ich bin für nichts davon bereit.

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Dr. Sigrun Roßmanith, Fachärztin für Psychiatrie, psychotherapeutische Medizin und Neurologie in Wien schätzt die panische, irrationale Angst vor einer Schwangerschaft so ein: „Man hat Angst vor Wandlung, Angst, die Kontrolle zu verlieren und man weiß auch nicht, was einen bei einer Schwangerschaft erwartet. Es kann auch die Angst davor sein, sich einzulassen und nie mehr los zu kommen und festgenagelt zu sein. Ist man schwanger, ist die eigene Lebensplanung vom Gefühl her vernichtet, weil ein Kind oft mit Unfreiheit verbunden wird. Mit der Schwangerschaft geht eine gewisse Verbindlichkeit einher, man kann nicht nur ,ein bisschen' schwanger werden. In uns Frauen ist das tief verwurzelt, dass man dran hängt, wenn man schwanger ist."

Eigentlich dachte ich, dass es nur mir so geht und sich nur mir allein beim Gedanken an ein Baby in meinem Bauch meine Vagina von innen verschließt. Aber klickt man sich durch diverse Onlineforen, in denen sich Frauen austauschen, merkt man schnell, dass dem nicht so ist und Schwangerschaftsphobie—in der Fachsprache Tokophobie genannt—so einige Frauen quält. Haufenweise schreiben Frauen verzweifelte Einträge darüber, wie sehr sie sich davor fürchten, trotz Verhütung schwanger zu werden, dass sie trotz ausführlicher Hintergrundinformationen ängstlich geblieben sind und dadurch letzten Endes auch ein bisschen die Lust am Sex verloren haben. I Feel You, Sister. Auch Frauen aus meinem Umfeld kennen das Problem. Eine Freundin von mir malt sich die schlimmsten Horrorszenarien aus, wenn sich ihre Tage auch nur ein kleines bisschen verzögern: „Wenn ich nicht sofort zur gewohnten Zeit meine Tage bekomm, male ich mir schon aus, wie ich mich in 50 Grad heißes Badewasser lege, um jeden möglichen Zellhaufen in meinem Uterus abzutöten."

Auch Dr. Eva Lehner-Rothe kennt dieses Problem aus ihrer Tätigkeit als Gynäkologin, wie sie gegenüber VICE sagt: „Ich kann diese Angst durchaus bei einigen Patientinnen beobachten. Medizinisch ist diese Angst nicht erklärbar—zum Beispiel durch Hormonschwankungen oder ähnliches. Trotzdem verstehe ich diese Angst vor einer Schwangerschaft. Ich glaube, viele haben solche Panik davor, weil es ihnen nicht in ihre Lebensplanung passt, was meiner Meinung nach ein vernünftiger Zugang und immer noch besser als eine ungewollte Schwangerschaft ist. Ich muss aber auch sagen, dass man sich heutzutage schon auf die hormonelle Verhütung verlassen kann. Das werden Sie jetzt wahrscheinlich nicht gern hören, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht."

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Wenn ich ganz rational überlege, kann ich mir die Wahrscheinlichkeit, dass ich in nächster Zukunft ein Baby bekomme (oder genau in diesem Moment schon eines in mir habe, Gott bewahre) so ungefähr ausrechnen. Der Pearl-Index (ein Indikator für die Wirksamkeit von Verhütungsmaßnahmen) der Pille liegt zwischen 0,1 und 0,9. Der Pearl-Index von Kondomen zwischen 0,6 und 12. Da ich diese beiden Methoden kombiniere, geht die Wahrscheinlichkeit, dennoch schwanger zu werden, so ziemlich gegen null. Da Kinderkriegen aber generell ein ziemlich emotionales Thema zu sein scheint, ist es mit dem Nachschlagen von Zahlen auch nicht ganz so einfach abgetan.

Auch eine Arbeitskollegin weiß, wie man sich fühlt, wenn man sich permanent vor einer Schwangerschaft fürchtet: „Ich bin natürlich aufgeklärt, aber immer wenn ich meine Tage einen Tag später bekomme, ticke ich total aus, obwohl ich eigentlich ja weiß, dass ich nicht schwanger sein kann. Ich rede mir dann ein, dass ich ein Ziehen im Unterleib spüre und mich glücklicher als sonst fühle—genau die Symptome, die mir meine Schwester während ihrer Schwangerschaft immer beschrieben hat. Und dann beginnt bei mir schon das Kopfkino: Ich mit dickem Bauch; Wie sag ich es meinem Freund, meinen Eltern oder in der Arbeit? Dann male ich mir aus, wie mich mein Freundeskreis langsam verstößt, weil ich nur mehr über Babys rede."

Dr. Lehner-Rothe rät Frauen, die unter einer irrationalen, panischen Angst vor Schwangerschaft leiden, schlichtweg eine sichere hormonelle Verhütungsmethode zu wählen und auch Entspannungstechniken anzuwenden: „Auch, wenn es abgedroschen klingt—ich rate, auf einem entspannteren Level durchs Leben zu gehen. Bei manchen kann die panische Angst vor einer Schwangerschaft nämlich zu Zwangsneurosen führen. Sie denken an nichts anderes mehr und haben auch keine Lust mehr auf Sex—was die Lebensqualität der Frauen einschränkt."

Natürlich besteht immer das Risiko, dass etwas schief geht. Dennoch kann es nicht gesund sein, sich permanent selbst zu stressen—vor allem dann nicht, wenn man nach bestem Wissen und Gewissen verhütet. Das soll nicht heißen, dass man das Thema Schwangerschaft auf die leichte Schulter nehmen soll—aber zumindest, dass man sich mit seinen Befürchtungen und Ängsten an der Realität orientieren soll. Und irgendwann kommt ja vielleicht doch die Lebensphase, in der ich mich nicht mehr vor Babys grusele—und bis diese Eventualität eintritt, werde ich wohl noch die eine oder andere Entspannungstechnik anwenden müssen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr


Titelbild: Nadja Tatar | flickr | CC BY 2.0