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So denken alte Menschen über die Liebe

Schmetterlinge im Bauch sind der größte Blödsinn, Männer sind nicht alle Luder und Sex ist das A und O in einer Beziehung.

von Verena Bogner
25 Mai 2015, 4:00am

Titelbild: The U.S. National Archives via photopin

Ich habe keine Ahnung von Liebe. Seit Jahren verschwende ich meine Zeit mit sinnlosen Affären und schlage mich mit Bekanntschaften herum, von denen ich genau weiß, dass sie mich wahrscheinlich niemals glücklich machen werden. Trotzdem gibt es fast nichts Besseres als diese irrationale, jugendliche Verliebtheit, die einen in der einen Sekunde völlig kalt lässt und in der nächsten verrückt macht.

Weil ich wissen wollte, ob es diese irrationale, große und märchenhafte Liebe, nach der wir dank diverser Fernsehserien angeblich alle suchen, überhaupt wirklich gibt, und was Liebe denn eigentlich für Menschen ist, die genug Erfahrungen mit dem Thema gesammelt haben, habe ich mit drei Damen in einem Seniorenheim gesprochen.

VICE: Gibt es die große Liebe überhaupt?
Frau Kreil (73): Das geht bei mir sehr schnell. Ja, die große Liebe gibt es.

Und Sie haben sie gefunden?
Frau Kreil: Ich habe sie gefunden und verloren. Ich bin zweimal geschieden.

Und woran erkennt man die große Liebe?
Frau Kreil: Die große Liebe erkennt man eigentlich erst im Alter. Als junger Mensch bildet man sich die große Liebe höchstens ein, würde ich sagen.
Frau Müller (75): Ich hatte auch eine große Liebe, aber die ist leider schon vor 35 Jahren gestorben. Ich glaube schon, dass man auch als junger Mensch die wahre Liebe erkennen kann.

Was haben Sie im Laufe Ihres Lebens über die Liebe gelernt?
Frau Kreil: Im Alter wird man einfach gelassener.
Frau Huber (73): Das find ich auch, die Gelassenheit kommt erst mit dem Alter.
Frau Kreil: Wenn man jung ist, verliebt man sich und glaubt sofort, es ist die große Liebe. Als junger Mensch ist man immer schnell narrisch verliebt ...
Frau Huber: ... aber später kommt man drauf, dass es doch nicht das Richtige ist. Mit den Jahren sieht man dann alles aus einem anderen Winkel. In der Jugend ist man einfach ungestüm und will mit dem Kopf durch die Wand.

Wie drücken Sie Ihre Liebe aus?
Frau Kreil: Ich bin eigentlich nicht mehr so liebend. Ich finde, der ultimative Liebesbeweis ist es, einfach für jemanden da zu sein. Ich hatte Jahre, in denen ich sehr gebraucht wurde, und ich finde, das war Opfer genug. Das ist Liebe.
Frau Huber: Liebe bekommt irgendwann einfach einen anderen Stellenwert—also mit zunehmendem Alter. Speziell in den letzten Lebensjahren sieht man vieles anders.
Frau Kreil: Also, da geb ich Ihnen völlig Recht. Ich hab das zweimal erlebt, dass sich alte Menschen verliebt haben und wie die Teenager Händchen gehalten haben.
Frau Huber: Das find ich aber lieb.
Frau Kreil: Also, ich finde das bewundernswert. Das wünscht sich ein jeder, nur findet man so etwas einfach nicht so leicht.
Frau Huber: Ich glaube, da geht es nicht nur ums Finden, sondern auch ums Denken. Inzwischen geht das alles übers Hirn. Man überlegt, man vergleicht und wiegt ab—in meinen Augen bekommt die Liebe wie gesagt einen komplett anderen Stellenwert, wenn man älter wird.
Frau Kreil: Und die Männer haben sich auch wahnsinnig verändert—durch diese ganze Emanzipation.
Frau Huber: Ja, die traditionelle Trennung gibt es einfach nicht mehr. Wenn ich zurückdenke, hat mein Mann nie einen Müllsack runtergetragen. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich mir heute meine Kinder anschaue—der Mann meiner Tochter kocht, hilft ihr beim Aufräumen und ich freu mich für sie. Die machen das einfach gemeinsam.

Vermisst man im Alter auch diese irrationale Liebe, die man als junger Mensch empfindet?
Frau Kreil: Da kann ich nicht mitreden. Ich bin zweimal geschieden und war mit beiden Männern irrsinnig gut befreundet.

Aber hatten Sie seitdem Schmetterlinge im Bauch?
Frau Kreil: Also, das ist überhaupt der blödeste Ausdruck, den ich jemals gehört habe, aber das sagt ja jetzt jeder. Man hat entweder Kribbeln oder man zittert, aber warum sollte ich Schmetterlinge im Bauch haben? Entschuldigen Sie, aber das musste ich einfach mal sagen.

Na gut, dann drücke ich es anders aus. Gibt es dieses Kribbeln im Alter noch?
Frau Kreil: Mir wird es nicht mehr passieren, aber es wäre schon schön.
Frau Huber: Mir ist es auch schon länger nicht passiert, dass ich so aufgeregt war. Mit meinem Mann war's am Anfang auch nicht die große Liebe, aber das war auch ein bisschen Berechnung meinerseits. Ich wollte damals einfach raus aus meinem Elternhaus und das ging nur durch einen Mann. Aber mit den Jahren ist das so eine innige Liebe geworden, das muss ich schon sagen—obwohl wir aus einer Überlegung heraus geheiratet haben.

Und wie denken Sie über Sex? Was haben Sie darüber im Laufe Ihres Lebens gelernt?
Frau Huber: Mein Mann war schwer krank und irgendwann wollte er wissen, wie es mit dem Sex aussieht, wenn eine Frau nicht von seiner Krankheit weiß. Bei uns ist damals nämlich nicht mehr viel gelaufen. Dann bin ich draufgekommen und unsere Ehe ist draufgegangen. Ich hab ihm gesagt, er soll glücklich werden und er wär zwar immer wieder angekommen—bis ich ihm gesagt habe, dass ich kein Laufhaus bin, wo man kommt und geht, wie es einem beliebt. Dann hab ich ihn förmlich rausgeworfen. Das war dann sein Pech. Ich wollte mich selbst einfach nicht mehr zurücknehmen.
Frau Kreil: Da muss man einfach in der Situation sein. Eine Freundin von mir hat ihren Mann auch deswegen rausgeschmissen, weil er sie betrogen hat.
Frau Huber: Ja, da war einfach alles verletzt—mein Ego, mein Stolz. Und das Vertrauen war sowieso gebrochen und wenn ich zu einem Menschen kein Vertrauen mehr hab, kann ich nicht mit ihm zusammenleben. Zumindest ist das bei mir so. Er hätte mir dann auch ein unmoralisches Angebot gemacht und vorgeschlagen, dass ich mir den Sex ja auch auswärts holen könnte, wenn ich will. Dann hab ich ihm eine Ohrfeige gegeben und ihm gesagt, dass er sofort verschwinden soll.
Frau Kreil: Also ich muss sagen—ich hatte das Glück, dass ich meine beiden Männer sehr günstig entsorgt habe. Mein erster Ex-Mann hat wieder geheiratet und Kinder bekommen. Überhaupt finde ich Patchwork-Familien gut. Aber von dem Mann habe ich mich ja einvernehmlich getrennt, da war ja keine Kränkung da.
Frau Huber: Man kann da sowieso nicht verallgemeinern. Man kann nicht sagen, dass alle Männer Luder sind, genauso wenig wie alle Frauen welche sind. Aber es gehören halt auch immer zwei dazu.

Wie wichtig ist Sex generell für die Liebe?
Frau Huber: Absolut wichtig.
Frau Kreil: Ich glaube auch.
Frau Huber: In einer Ehe gehört das absolut dazu—es ist fast das A und O. Ich als Frau könnte mir eine Ehe ohne Sex nicht vorstellen.
Frau Kreil: Also das war der Grund der Scheidung von meinem ersten Mann. Ich war zwar schwanger von ihm, aber er war ein fürchterliches Muttersöhnchen—davon rate ich auch jeder ab, sich so einen anzulachen. Das war einfach unerträglich, dass wir keinen Sex hatten. Als ich noch mit ihm verheiratet war, habe ich einmal auf einem Ball einen Franzosen kennengelernt, der herrlich getanzt hat, charmant war und ausgeschaut hat wie Alain Delon. Den hab ich dann einmal getroffen und ich war sogar in seiner Wohnung. Das war schon haarscharf. Dann habe ich mich scheiden lassen, weil ich wusste, wenn mein Mann kein Interesse hat, würde ich ihn irgendwann betrügen. Und außerdem war ich damals erst 24 Jahre alt. Da trenne ich mich lieber freundschaftlich, bevor ich dann die Böse bin.

Erklärt Verena auf Twitter die Liebe: @verenabgnr


Titelbild: The U.S. National Archives | Flickr