Ich war bei einer Berliner Depeche-Mode-Sexparty

Warum ihr immer einen schwarzen Slip bei euch haben solltet und was man auf „Master and Servant"-Partys in Berlins berühmtestem Swinger Club sonst noch so lernen kann.

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Mai 22 2015, 1:54pm

Titelfoto: Nicht die Autorin. Foto: emelec | Flickr | CC BY 2.0

Als Depeche-Mode-Fan der ersten Stunde—ich durfte 1986 bereits im Schulkindalter in der West-Berliner Deutschlandhalle einem Konzert beiwohnen—habe ich keine Sekunde gezögert, als ich gefragt wurde, ob ich eine Depeche-Mode-Party im Sexclub besuchen will, um darüber zu schreiben. Auf der Homepage des „erotischen" Clubs Insomnia in Berlins super Off-Ecke Alt-Tempelhof (direkt an gleichnamiger U-Bahn-Station gelegen) wird die regelmäßig stattfindende „Master & Servant"-Party unter anderem beschrieben als der Ort, an dem „Electrosounds der letzten Jahrzehnte auf Peitschenknallen und sinnliches Liebesspiel [...] SM auf DM, Gothic auf Fetisch und Oldschool auf Newschool treffen". Der Zusammenhang von Depeche Mode und Fetisch wird mit den Texten der Band begründet, die einen immer wieder mit „Sexualität, Schmerz, Liebe, Sinnlichkeit und auch Perversionen konfrontieren."

Meine erste Kaufkassette war Black Celebration—von der Tante in West-Deutschland per Paket geschickt—und „Depeche" begegnete uns damals in den wenigen Teenager-Discos der Mauerstadt permanent. Wir waren New Romantics, das war damals eine abgemilderte Form der Gruftis, die sich dann später und vor allem nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten als Goths vereinigten und noch bescheuerter verkleideten. Kurzum, der Auftrag war so etwas wie mein ultimativer Traumjob. Ich entschloss mich außerdem, mein erstes Herzklopfdate seit einer gefühlten Ewigkeit mit zur Depeche-Mode-Fetisch-Sexparty zu nehmen. Ein wenig wollte ich mir in den Arsch beißen für Letzteres, aber ich entschloss mich, es als Mutprobe für den Fortgang unserer frischen Liaison zu sehen. Mein modelartig gewachsener Begleiter kam also um acht Uhr abends zu mir, um sich sein Styling der Nacht aus meinem Klamottenfundus zusammen- und meines mit auszusuchen.

Um meinem Rechercheauftrag nachzugehen, wollte ich alles über sein Verhältnis zu DM wissen. Er konnte nur wiederholen, dass er aus dem Osten käme, zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade mal zehn Jahre alt war und demzufolge keine besondere Beziehung zu der Band aufbauen konnte, er aber deren Kultstatus—im Osten besonders präsent—ohnehin längst versuchen wollte zu ergründen. Drei Stunden, ein paar Drinks und viele Küsse später hatten wir uns in Leder geschmissen. Er: enge Hose, enges Shirt, fast all meinen schweren Rock'n'Roll-Silberschmuck plus SM-Reitgerte mit Nieten; Ich: enger Mantel, darunter noch engerer Rock mit sexy Unterkleid und halterlosen Strümpfen, Lackstilettos mit Chromabsatz. Knutschend ins Taxi, händchenhaltend ins Insomnia für zehn Euro Eintritt. Taschen, Telefone, Fotoapparate mussten wir abgeben.

Der Eingangsbereich wirkte wie der einer normalen Disco, bis auf die Damen an der Kasse, die uns anhielten, uns doch bitte unserer Kleidung zu entledigen, um freizügiger zu wirken. Da mein Begleiter und ich für uns als einzig interessantes Element der Party das Motto „Master & Servant" im Wechsel durchziehen wollten, wollte ich zunächst nicht einsehen, weshalb ich als female Master—die Reitgerte hatte ich ihm längst aus der Hand geklaut—halbnackt gehen sollte. Vor allem, da ich ahnte, eine der wenigen weiblichen Gäste der Nacht zu sein, die sich in ihrer Freizeit der aktiven Ausübung von figurformendem Sport widmeten.

Einige ältere Damen, voll floral- und tribaltätowiert, entkleideten sich allerdings ebenfalls, um ihre Gladiatorensandalen und ihre Leder-Harnische an den leicht ausgemergelt wirkenden Körpern besser präsentieren zu können. Der schöne Mann und ich stiegen also die Treppen hoch, auf den Dancefloor. Eine grünliche Lasershow, ähnlich der spektakulären 80er-Jahre-Lichtdeko im Metropol, in dem Westbam seine ersten Auftritte hatte, begrüßte schmerzhaft unsere Netzhäute zu wummernden DM-Songs. Ich hatte Angst um mein tolles Date: schlechter Musikgeschmack kann auf mich zumindest extrem abtörnend wirken. Was, wenn er DM als „totalen Schrottsound ewig Gestriger" und mich als Hängengebliebene identifizieren würde?

Ich beschloss: erstmal eine Nische suchen und akklimatisieren. Männer beobachten, die ohne Tanzschrittkenntnisse (eh überbewertet), aber dafür mit Verve, oben ohne und mit Schotten-Minirock zum Disco-Industrial-Sound stampften. Richtig begeistert sang keiner mit, auch hatten die Gäste keine ausgefeilte Choreographie zu den ständig wiederkehrenden Songs parat. Und niemand hatte sich in seiner Outfitwahl am DM-Band-Styling orientiert, alle eher so an „sommerliches Schwarz". Auf einer stabilen Lederschaukel kuschelte ein uninspiriert wirkendes Paar. Trotzdem waren auch schöne Momente zu erblicken: süße, verliebte, in Gummi/Lack/Plastik/H&M-Spitzentops gekleidete Pärchen, die sich außerhalb des Musik-Rhythmus, aber in ihrer eigenen Welt zu den einfachen, schwerlich nicht zu treffenden Beats tanzartig bewegten. Ein Aufgang zu einer Galerie, auf der es laut Aussage eines Umstehenden „später abgehen" würde, allerdings „nur für Paare", war noch durch eine rote Kordel vor dem erhofften Besucherandrang geschützt.

Auf der anderen Seite des dunkelroten Vorhangs roch es nach Chlor. Wir fanden den geräumigen, leeren Duschbereich und einen Whirlpool mit einem Native-Style tätowierten Fetischfan, der von zwei Damen in preiswert anmutenden Dessous gekonnt ignoriert wurde. Ich beschloss, auf einer Massageliege Platz zu nehmen, die sich hinter einem Vorhang verbarg. Ich wollte mit meinem Begleiter, der bisher auf der Depeche-Mode-Sex-Dance-Fetischparty die ganze Zeit über zuckersüß meine Hand gehalten hatte, knutschen.

Nach einer Weile wurden wir allerdings mutiger und nahmen den voll verstellbaren Gyn-Stuhl um die Ecke in Beschlag. Zum Glück galt mein letzter Griff beim Aus-dem-Haus-gehen einem schwarzen Slip, den ich auch sogleich (noch im Treppenhaus) unterstreifte—so bekamen die Voyeure, die sich kurz nach Aufnahme unserer leicht sexy Aktivität um uns gesellten, zumindest keinen allzu intimen Einblick. Kaum hatte mein Date seine unglaublich zärtliche und liebevolle Gyn-Stuhl-Untersuchung (wir kennen uns erst seit drei Wochen) begonnen, entdeckten wir auch schon drei sackartig anmutende Umrisse im Rotlicht. Scheinbar ein Grund für meinen Begleiter, das kostenlose Schauspiel für Einsame sofort zu beenden. Er hatte die Blicke gespürt, und sie hatten ihn gestört. War er eifersüchtig? Wie niedlich! Oder besser noch: Wollte er unsere gemeinsame junge Intimität schützen? Wie unglaublich toll! Wollte er mich einfach nur für sich haben? Wie noch sehr viel besser!

Geflasht und in schlechtester Voraussetzung für das internationale Swinger- und Sex-Party-Motto „alles kann, nichts muss" schauten wir uns weiter um. Auf eine Zigarette in den Raucherbereich, in dem überdimensionale Penisse in Leuchtfarben raumergreifend mehrdimensional die Wände schmückten. Dort trafen wir einen sich in Badehose fläzenden Herrn aus Algerien, der sich nah an uns legte (auf einer dieser abwaschbaren Liegeflächen, klaro). Auf Arabisch erklärte er mir, dass er Depeche zuvor noch nie gehört hatte, er aber gerade aufgrund eines Motorradunfalls (er zeigte viele frische Narben) in Deutschland zur Behandlung sei und jeder in Algerien Sex so wie er lieben und alle algerischen Berlin-Reisenden das Insomnia kennen würden. Mein Begleiter und ich wünschten dem internationalen Gast viel Spaß und Erfolg und trollten uns zur Bar.

Wir nahmen Sekt auf Eis, halbnackte Paare tanzten herum, irgendwie schien immer die gleiche Kassette zu laufen und die DJs begannen, mir Leid zu tun. Wie viele Jahre kann man eine Partyreihe mit Leidenschaft bespielen, in der jedes zweite Lied von Depeche kommen und jeder dritte Song „Master and Servant" sein muss? Von jeglicher Sexyness waren die Menschen auf dem Dancefloor ohnehin weit entfernt. Sie wirkten wie einfache Menschen, die Freude am komischen Anziehen und Tanzen zu immer gleich wirkender Musik hatten. Keine Wertung! Immerhin hatten sie Spaß und respektierten die Grenzen der anderen Besucher.

Nicht der Gespiele der Autorin. Foto: istolethetv | Flickr | CC BY 2.0

Das frische Obst auf der Etagère an der Bar sah sauber aus, also aßen wir davon, versunken in anachronistischer und sehr zarter Erdbeer-Sinnlichkeit in diesem betont verrucht wirken wollenden (aber überaus sauberen) Tempel der Lust. Ein sehr großer, sehr sportlicher „alter Westberliner" sprach uns an. Sofort quatschten wir über die Discos, in denen „früher" DM lief—Linientreu, Metropol, das Rock It—und darüber, dass er auch viele uralte Bekannte hier immer wieder gerne sehen würde. Aussagen wie „die Musik ist geil, ist ja der Vorläufer von Techno" und „es muss ja nicht immer nur Depeche sein, anderes Industrial geht ja auch klar" ließen wir allerdings unkommentiert stehen und leisteten stattdessen seiner Einladung „nach oben" Folge. Sein Plan war es, sich über uns in den Paarbereich zu schmuggeln, um dort den anderen beim Sex zugucken zu können. „Ihr müsst dann oben beim Eingang nur sagen, dass wir 'nen Dreier machen wollen—müssen wa aber nicht in echt machen, wenn Ihr nicht wollt!" Puh.

Oben angekommen erwartete uns ein offener Korb, in dem dekorativ angerichtete schwarze, sehr schwere, bestimmt 45 Zentimeter lange Riesendildos und auch kleinere, fleischfarbene zum Ausleihen. Die Dildo-Aufpasserinnen bestaunten meine Reitgerte, als sei sie von einem anderen Stern—sorry, was bitte nimmt man sonst zu einer „Master & Servant"-Party mit?—, während ich den oberen Bereich in Augenschein nahm.

Acht große Liegeflächen waren im angenehmen Abstand von circa 2,5 Metern aufgebaut, so dass man keine Angst vor quer schießendem Ejakulat oder enthemmten Squirterinnen haben musste. Zu zweit zogen wir uns auf ein Eckbett zurück und fingen erneut an, miteinander rumzuknutschen. Mittlerweile bereits leicht angetrunken. Als wir wieder aufschauten, schien sich die Szenerie um uns herum komplett verändert zu haben. Auf der quadratischen Liege neben uns hatten sich vier Damen eingefunden, die sich an allen vier Seiten der Liege in gelangweilter Doggie-Position sternförmig von eher kleineren Herren stoßen ließen und so ihre Frisuren ruinierten. Sie wirkten wie Bauch-Beine-Po-Trainierende in Minute 55 der Kursstunde.

Noisey: Diese Playlist ist nicht für Sex geeignet.

Die Herren fassten die Damen zu keiner Zeit liebevoll an, rissen sie aber auch nicht an den Haaren oder straften sie mit Hieben oder auch nur mit der flachen Hand auf den Po. An der Balustrade hatten sich ebenfalls vier (magic number?) Herren aufgestellt, die sich von vier identisch hockenden Ladys die Schwänze lutschen ließen. Die Damen machten betont erregte Porno-Gesichter, die Herren hielten Drinks in den Händen, rauchten und genossen den hervorragenden Blick auf den pixeligen Konzertmitschnitt und die Lasershow, die im Hintergrund liefen.

„Das war die Musik unserer Jugend, da war alles besser. Klar erinnert man sich da gerne dran", erklärte uns der Türsteher noch die Beliebtheit der Party, als wir uns schließlich langsam Richtung Ausgang begaben. „Das mit dem ‚Master and Servant', das interessiert hier ja so gar nicht wirklich." Er selbst ist von den Frauen heutzutage allerdings enttäuscht: „Die Mädels sind nicht mehr wie früher, wenn ich mittlerweile zweieinhalb Stunden ficken kann, machen die schlapp."

Die tiefe Stimme meines Begleiters schnurrte mir „Babe, let's go" ins Ohr, was ich mir nach dem circa 30-fachen Hören von „Masters and Servant" in nur einer Nacht nun wirklich nicht doppelt sagen lassen musste.

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