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Der VICE Guide to Geistige Gesundheit

Bei den Begriffen für psychische Erkrankungen sorgfältig zu sein, ist kein Political-Correctness-Wahn – es ist ein Ausdruck von Menschlichkeit

Im Anbetracht der Schlagzeilen im Bezug auf die Depressionen von Andreas Lubitz stellt sich die Frage, ob wir im öffentlichen Umgang mit psychischen Erkrankungen wirklich Fortschritte gemacht haben.
2.5.15

Foto: SBS

Es dauert oft nicht lange, bis etwas, das eben noch ein heißes Thema war, erkaltet. Als der amerikanische Talkshow-Host Jon Stewart vor ein paar Monaten bekannt gab, seinen Vertrag bei der Daily Show nicht verlängern zu wollen, wiesen ein paar der Abgesänge bereits darauf hin, dass es anfangs vielleicht erfrischend gewesen sein mochte, wie er die Idiotie von Fox News aufs Korn nahm, das inzwischen aber ungefähr ein genauso alter Hut war, wie eine Sammlung der Patzer von George W. Bush.

Mit der fortdauernden Debatte über die Political Correctness und ob man es damit inzwischen zu weit getrieben habe, verhält es sich genauso. Trotz der schweren Geschütze, die da immer wieder im Namen der Meinungsfreiheit aufgefahren werden, ist es schwer, noch neue Argumente zu finden. Eine Gruppe von Menschen wird sich immer wieder aufregen, weil sie sich zensiert fühlt; während eine andere Gruppe von Menschen sich über den unsensiblen oder gehässigen Gebrauch bestimmter Begriffe entrüsten wird.

Wenn es aber um das Wohl der Gesellschaft geht, hilft uns der Frust über Themen, die permanent wieder auf ähnliche Weise hochkochen, leider nicht weiter. Die Notwendigkeit, Sprache mit Bedacht und auf sensible Weise zu verwenden, ohne dabei das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken, wird uns auch weiterhin beschäftigen, egal wie sehr uns die Debatte darüber inzwischen langweilen mag.

Das trifft in besonderem Maße auf die Art und Weise zu, wie wir über Fragen der psychischen Gesundheit sprechen.

Mobbing und Diskriminierung äußern sich oft in verbaler oder schriftlicher Form und eine Umfrage des britischen Online-Dienstes YouGov fand 2013 heraus, dass „Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen im allgemeinen als die Gruppe angesehen werden, die in Großbritannien der stärksten Diskriminierung ausgesetzt ist." In der Woche, nachdem die Umfrage erschienen war, mussten im ganzen Land in Geschäften Kostüme aus den Sortimenten entfernt werden, bei denen es um Themen wie „Irrenhausbewohner" oder „psychiatrischer Patient" ging.

Ludwig Wittgenstein hat einmal geschrieben: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." In einer Welt, in der wir Sprache praktisch jederzeit mittels des Internets in Umlauf bringen können, haben seine Worte eine sogar noch größere Relevanz. „Sprache ist unserer Art, Dinge zu kodifizieren. Wenn wir die Sprache verändern, verändern wir auch die Wahrnehmung," sagt James Leadbitter, ein Künstler und Aktivist, bei dem eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden ist und der auch unter dem Namen „the Vacuum Cleaner" firmiert.

Eine der häufigsten Beschwerden von Leuten, die finden, dass man es heutzutage mit der Political Correctness übertreibt, ist, dass man ihnen das freie Sprechen verbieten will. Die Idee ist eher, sich Gedanken zu machen, welche Auswirkungen die Sprache auf Menschen hat.

Wir mögen meinen, dass die Tage der „Geisteskranken", „Hysteriker", „Schwachsinnigen" des 19. Jahrhunderts, oder auch der „Behindis" und „Schizzos" jüngerer Tage hinter uns liegen, aber sehr weit sind wir in Wirklichkeit nicht davon entfernt. Die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen hält auch heute noch Menschen davon ab, sich Hilfe zu holen oder offen über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Es hat 12 Jahre ausgeprägter Probleme gebraucht, bis ich mir deswegen Hilfe gesucht habe, und ich denke schon, dass das etwas mit der Sprache zu tun hat. Ich denke, dass ich selbst auch Vorurteile bezüglich der psychischen Gesundheit habe," sagte mir Jan*, bei dem eine Sozialphobie diagnostiziert worden ist.

Eine Studie, die 2007 unter Kindern im Schulalter durchgeführt wurde, ergab, dass „die Bereitschaft junger Leute, sich Hilfe zu suchen, durch Maßnahmen erhöht werden kann, die gegen ihren Mangel an faktischen Informationen über psychische Krankheiten, aber auch gegen ihre starken negativen emotionalen Reaktionen auf Personen mit mentalen Erkrankungen gerichtet sind." Die Studie ergab außerdem, dass relativ häufig Wörter wie „gestört," „behindert," „zurückgeblieben," oder „abartig" verwendet werden.

Man muss aber nicht extra in Schulen gehen, um zu beobachten, wie mit Begriffen um sich geworfen wird, wie mit Wasserwerfern auf friedliche Demonstranten. Nachdem die depressive Krankengeschichte von Andreas Lubitz, dem Co-Piloten des Germanwings-Flugzeugs, das in den Alpen an einer Felswand zerschellte und 149 Menschen in den Tod riss, ans Licht kam, brüllte eine Schlagzeile in der britischen Sun: „Verrückter im Cockpit," während die Daily Mail fragte, „Warum zum Teufel durfte er fliegen?" Piers Morgan, der amerikanische Chefredakteur der Mail Online, der niemals eine schreckliche Tragödie mit einer Gelegenheit verwechseln würde, für seine persönliche Marke zu werben, insistierte, dass niemand, der Medikamente gegen Depressionen nimmt, je ein Flugzeug lenken dürfen sollte. „Offen gesagt ist es mir egal, ob der 28-jährige Co-Pilot Andreas Lubitz verrückt, böse oder traurig war," schrieb er.

Es gibt diese fatalistische Vorstellung, der sich Leute wie Morgen verschrieben haben und mit der Sprache, die sie verwenden, propagieren: Dass etwas wie eine Depression einen nie wieder loslässt und einen als unfähig brandmarkt, je wieder irgendetwas auf die Reihe zu kriegen, und zwar für den Rest des Lebens. Ganz ähnlich wie die Leute, die darauf bestehen, dass sich alle Muslime für die Taten islamistischer Extremisten, die sie nie getroffen haben, entschuldigen, oder sie erklären sollten, dämonisieren Morgan und seinesgleichen große und extrem diverse Teile der Gesellschaft. Das Ergebnis ist natürlich, dass die Stigmatisierung nur noch größer wird.

Die Lubitz-Schlagzeilen sind nichts wirklich Neues. Als Frank Bruno im September 2003 auf Grundlage des britischen Mental Health Act in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wurde, lautete die inzwischen berühmte Schlagzeile der Sun: „Bonkers Bruno Locked Up" („Durchgeknallter Bruno weggesperrt") – eine Zeile, die die damalige Chefredakteurin Rebekah Brook inzwischen selbst zu extrem findet, seitdem sie nicht mehr in der Redaktion arbeitet.

„Sprache ist unserer Art, Dinge zu kodifizieren. Wenn wir die Sprache verändern, verändern wir auch die Wahrnehmung."

Andere Prominente haben in den letzten Jahren eine ähnliche Behandlung erfahren. „Was zum Teufel ist mit Amanda Bynes los," fragte der Gawker, was vielleicht angesichts der Tatsache, dass Clicks Geld sind und alles war mit psychischen Erkrankungen zu tun hat Neugier erweckt, wenig verwunderlich ist. Britney Spears ist als „komplett verrückt" („screaming mad") bezeichnet worden und Danniella Westbrook lässt anscheinend „durchgeknallte Twitter-Tiraden" los. Aber auch diese kurzen Beispiel kratzen nur an der Oberfläche des Problems.

Andrew Scull ist Psychatrie-Historiker und Autor des kürzlich erschienenen Buchs Madness in Civilization, das die Kulturgeschichte der Verrücktheit vom alten Palästina bis heute untersucht. Er sagte mir, dass „Sprache hier eine Art Falle ist," weil die Verrücktheit seit tausenden Jahren „ein Stigma mit sich trägt und dieses Stigma eine der Arten ist, wie Leiden entsteht." Schlagzeilen wie „Bonkers Bruno" sind, wie Scull sagt, gute Beispiele dafür. Verschiedene Kulturen haben dieses Stigma oft abhängig von Moden und äußeren Umständen verbreitet. „Im frühen 18. Jahrhundert gab es eine Menge Witze und Parodien auf Kosten von ‚hysterischen' Patienten und Menschen, die an einem ‚Spleen' litten," sagte mir Scull um ein Beispiel zu geben.

Die Geschichte der Terminologie der psychischen Gesundheit zeigt auch, dass Wörter unkritisch verwendet werden, bis eine bestimmte Verwendung des Wortes den Kipppunkt erreicht und inakzeptabel oder unmodern wird. Und was auf die Umgangssprache zutrifft, stimmt auch für die medizinische Fachsprache und ich habe mit verschiedenen Personen gesprochen, die Schwierigkeiten mit den Diagnosen haben, die ihnen über die Jahre gestellt worden sind. Oft hatten diese Schwierigkeiten mit der Sprache oder den der Sprache innewohnenden Konnotationen zu tun. „Störung" ist ein Wort, das immer wieder als Problem thematisiert wird. Schizophrenie ist ein Begriff, der im Moment als hochproblematisch diskutiert wird. Ein kürzlich im Daily Beast erschienener Artikel macht auf eine allgemeinere Problematik aufmerksam:

„Wenn man sich die vielen Begriffe für psychische Erkrankungen vor Augen führt – und zwar die, die von Ärzten verwendet werden, ebenso wie die rabiaten Beleidigungen, die in der allgemeinen Bevölkerung kursieren, fällt auf, wie viele davon auf etwas hindeuten, das gebrochen oder unorganisiert ist: derangiert oder verrückt (das englische Wort „crazy" kommt ursprünglich von dem ebenso abwertenden Wort „cracked", also zerbrochen) sein, eine Schraube locker oder nicht alle Tassen im Schrank haben, durch den Wind oder aus den Angeln gehoben sein."

Eine Art mit der negativen Wirkung bestimmter Wörter umzugehen, ist sie auf die Art umzudeuten, wie es schwarze Amerikaner mit dem Wort „Nigger" gemacht haben. Die Bewegung von Personen, die unter psychiatrischen Behandlungen gelitten haben, verwendet Worte wie „Krüppel" und „geisteskrank" als Etiketten, die man mit Stolz tragen kann. Amy*, die unter einer Depression leidet, sagte mir: „Ich benutze Sprache oft auf schnippische Weise, weil ich finde, dass diese Respektlosigkeit den Worten ihre geheime Macht nimmt."

Sie gibt zu, dass das auch heißen kann, dass sie die Stigmata der Gesellschaft einfach verinnerlicht hat, aber sie sagt, es fühle sich besser an, „als genervt zu sein." Leadbitter sagt, dass „es Zeiten gegeben hat, wo ich wirklich krank war und der umgangssprachliche Gebrauch von Begriffen wie ‚verrückt', ‚durchgeknallt' und ‚irre' wirklich weh getan hat," sagt mir dann aber auch: „Ich kann mir diese Sprache aneignen. Ich kann sagen, ‚Ja, ich bin verrückt.'" Natürlich gibt es auch Leute, die das anders sehen und finden, dass diese Begriffe düstere, viktorianische Zeiten heraufbeschwören.

Wichtig ist aber vor allem, dass diejenigen mit persönlichen Erfahrungen mit dem Thema der psychischen Gesundheit und Menschen, die sich der entsprechenden Realitäten bewusst sind, diese Debatte führen. Eine der häufigsten Beschwerden von Leuten, die finden, dass man es heutzutage mit der Political Correctness übertreibt, ist, dass man ihnen das freie Sprechen verbieten will. „Wenn man den Leuten vorschreibt, wie sie bestimmte Wörter benutzen sollen oder nicht, reagieren sie oft nicht gut darauf. Die Idee ist eher, sich Gedanken zu machen, welche Auswirkungen die Sprache auf Menschen hat," sagt Leadbitter.

Was man unter Freunden sagen kann, ist aber oft nicht dasselbe, was man unter Fremden oder in der Öffentlichkeit sagen kann. Die Medien, die in unserer Gesellschaft, unabhängig von ihren momentanen finanziellen Problemen, einen großen Einfluss ausüben, können ihre Titelseiten nicht wie ihr eigenes Wohnzimmer behandeln. Wir mögen Angst davor haben, wie andere Leute denken und empfinden. Wir mögen Angst davor haben, wie wir selbst denken und empfinden. Wir mögen die vermeintliche Verletzlichkeit anderer schwer erträglich finden.

Diese Dinge mögen alle so sein, aber es ist ebenfalls wahr, dass Sensibilität und Warmherzigkeit in der Art, wie wir Sprache gebrauchen, keine gefühlte Einschränkung unserer freien Entfaltung sein sollte, sondern eine schlichte Geste der Menschlichkeit.

*Name geändert