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Larissa ist Post-Empire und ich liebe sie dafür

Larissa Marolt ist ein Game-Changer, auch wenn sie das selbst vielleicht gar nicht so genau weiß.
3.2.14

Das Dschungelcamp 2014 ist seit der Zusammenfassung gestern endgültig vorbei und jetzt können wir endlich wieder unbeschwert trinken gehen ohne schon um 9 ständig auf die Uhr schauen zu müssen. Natürlich bin ich ein bisschen traurig darüber, weil es eine Konstante in meinem Leben war, andererseits war es wie jedes andere Jahr auch gegen Ende schon langweilig. Die „Stars“ sind nur mehr wie insolvente Waschlappen herumgehangen und haben wegen jedem Scheiß zu weinen begonnen. Das größte Problem ist aber das Voting-System, das dafür sorgt, dass spätestens drei Folgen vor dem Finale diejenigen weg sind, die ein bisschen Pep in die Sendung bringen (und mit Pep meinen wir natürlich Missgunst). Als nach dem Lästerduo Gabi und Marco dann auch noch die Wild-Card Glatzenpeter das Camp verlassen musste, war die Sendung leider vorzeitig zu Ende, denn die Witze über Tanja Schumann sind nach der 5. Wiederholung genauso langweilig wie Tanja selbst.

Übrig blieb neben einem recht offensichtlichen Trio banale nur die Frage, ob das Dschungelcamp sich als schon Post-Empire herausstellen würde oder doch Fernsehen noch ein Jahr lang nach den ganz klassischen Regeln spielt. Gewonnen hat schlussendlich Melanie Müller, die herkömmlichste aller Kandidatinnen. Die Mischung aus kindlicher Naivität und ost-deutscher Schauspielkunst gewürzt mit einer Prise Sex war so unglaublich durchschnittlich und bieder, wie der überwiegende Großteil der Wohnzimmer, in denen „Ich bin ein Star“ geschaut wurde. Selbst der naivste Zuschauer wird durchschaut haben, dass auch im tiefen Osten am Sonntag weder Schafshirn noch Ziegenpenis kredenzt wird, sondern sich Melanie einfach nur sehr gut auf die Show vorbereitet hat. Sie hat die Dschungelperformance als Dauerwerbesendung für ihr Sexspielzeugportal genutzt und sogar die Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsgetränk—Sex on the Beach—hat irgendwie einstudiert gewirkt. Aber das Lob für eine souverän und aalglatt abgelieferte Leistung gilt natürlich auch genauso für Jochen—nur war die Kombination Kochlöffel und Schürze noch langweiliger als Liebeskugel und Busen. Beide sind zutiefst Empire, genauso wie alle anderen Kandidaten des heurigen Dschungelcamps auch. Bis auf eine Ausnahme: Larissa Marolt.

Die Idee, dass wir gerade einen Paradigmenwechsel erleben, stammt von Bret Easton Ellis, und fast alles was der damals in Newsweek über Charlie Sheen geschrieben hat, trifft auch auf die verrückte Kärntnerin zu. Sie hat von Anfang an auf das System Dschungel geschissen, was den üblichen Teilnehmern so unheimlich war, dass sie immer von außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen gesprochen haben, von denen die Teilnehmer genauso weit entfernt sind wie von einem ausgeglichen Konto. Erst im Laufe der Show haben einige Mitstreiter kapiert, was da gerade passiert—nämlich ein Duell totale Echtheit vs Anpassung ans Format—und haben es so wie Gaby versucht, ihrer Konkurrentin mit Drogengerüchten zu schaden, aber übersehen, dass nichts mehr Empire ist als das. Empire ist das alte System, in dem die Fassade aufrechterhalten werden muss und Fehlverhalten dir schadet. Empire ist nach den Regeln spielen. Post-Empire dagegen ist der Untergang des Starsystems nach alter Hollywood-Manier, ein Punkt, der Ellis sehr am Herzen liegt, weil er sich als Opfer und gleichzeitig Heilsbringer sieht—wenn euch das interessieren sollte, schaut euch doch bitte The Canyons an. Aber in Wahrheit ist Post-Empire weit mehr als das. Es ist ein Paradigmenwechsel, der irgendwann in den 90ern begonnen hat. Trotzdem wäre es genauso Empire jetzt Endemol oder das Internet für den kompletten Zusammenbruch unseres gewohnten Starsytems verantwortlich zu machen. Aber obwohl uns Post-Empire Tag für Tag als Miley, das neue Kanye West Video oder eben Charlie Sheen begegnet und so Teil unseres Alltags ist, hat Post-Empire im deutschsprachigen Raum noch nie so eingeschlagen wie vor zwei Wochen, als Larissa ins Dschungelcamp eingezogen ist.

Am Anfang hat man die Wirkkraft der jungen Frau vor allem im medialen Gegenwind gespürt, den sie erzeugt hat. Die Krone, Bild und Österreich sind langsam, waren in den ersten Tagen auf das Bild von Larissa als Dschungelzicke fixiert und haben sich auf sie als Opfer eingeschossen. Nur Martin Blumenau, dessen Rechtfertigungen die „Perlen des niveaulosen Trashs“ zu schauen ungefähr so Empire sind wie ein heimliches Lieblingslied zu haben, hat schon recht früh erkannt, was da gerade passiert. Oder eher, dass da gerade etwas passiert. Denn leider zieht er die falschen Schlüsse und zaubert eine absurde Politik-Erklärung aus dem Hut, als wäre Post-Empire eine Generationen-Frage. Das ist genauso kurzsichtig wie zu behaupten, es liege am Kärntner Wasser, weil die einzige Person, die vor Larissa einen Hauch von Post-Empire Charme versprüht hat, Stefan Petzner war.

Dabei steht das Dschungelcamp selbst irgendwie zwischen den Stühlen. Einerseits ist bei keinem anderen Fernsehformat so ehrlich vom Geld als einzige Motivation die Rede, andererseits taucht aber auch in ausnahmslos jeder Staffel die idiotische Phrase von der Selbstfindung und der Herausforderung, sich dem Dschungel zu stellen, auf. Larissa spricht aus, was eigentlich jedem mit einem halbwegs intakten Verstand klar sein sollte: Es ist keine erstrebenswerte Sache, grindige Säfte zu trinken, in Kadavern zu wühlen oder sich von Ameisen beißen zu lassen. Genauso absurd ist es, sich einer Ansammlung von abgehalfterten Arschlöchern solidarisch zu verhalten. Die wahre Leistung bestand darin, dem Druck der Gruppe zu widerstehen und schlussendlich als Sieger aus dem Camp hervorzugehen. Und genau das hat Larissa gemacht. Deshalb war das Dschungelcamp 2014 doch ziemlich super, auch wenn uns am Samstag das Empire auf den ersten Blick ins Gesicht gepisst hat.