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DIE SKAMMERZ ISHU

Die drei besten Kunstfälscher der Welt leben in Berlin

Michael, Semjon und Eugen Posin sind aus Sibirien nach Berlin gekommen und fälschen ganz legal fast alles, was das Herz begehrt. Für uns haben sie ein Bild von August Macke kopiert. Das Endergebnis lässt sich nicht mehr vom Original unterscheiden.
28.2.14

Die Posin-Brüder in der nachgebauten Gefängniszelle im Keller ihres Kunstsalons. Semjon (69), Eugen (66) und Michael (65). Alle fotos von Grey Hutton.

Michael, Semjon und Eugen Posin sind Mitte der 80er aus dem damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) kurz nacheinander nach Berlin gekommen. Die drei Brüder studierten an der damals sehr renommierten Russischen Kunstakademie, wo sie lernten, wie die alten Meister zu arbeiten. Sie verbrachten den Großteil ihrer Zeit in der Eremitage und studierten Pinselstrich und Komposition von Künstlern wie Michelangelo, Francisco de Goya oder Rembrandt. Die über 60.000 Werke des Museums galten natürlich als Schätze der Sowjetunion, aber trotzdem war der sozialistische Realismus künstlerische Staatsräson der UdSSR. Zum großen Missfallen der Posins. Die drei fanden bereits in den 70ern und 80ern keinen großen Gefallen daran, Stalin in immer neuen Posen nachdenklich über die Taiga blicken zu lassen oder sowjetische Genossen und Genossinnen bei ihrem Tagwerk abzubilden. Sie hatten in den Klassikern ihre Berufung gefunden und spezialisierten sich auf das Kopieren. Langsam aber sicher wurden sie so den Machthabern ein Dorn im Auge und man bat sie einen nach dem anderen eindringlich, das Land zu verlassen. Angekommen sind sie in Berlin-Neukölln, wo sie bis heute alles fälschen, was das Herz begehren kann.

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Der Kunstsalon Posin liegt in Neukölln in einer kleinen Seitenstraße. Von außen wirkt er ziemlich unscheinbar, aber sobald ich den Raum betrete, schauen mir die großen Meister entgegen. Matisse, van Gogh, Monet hängen an der Wand und im Raum steht eine Staffelei mit der Mona Lisa. Die Wände hängen voller Kunst, mit Ausnahme einer: Hier hängen die Erinnerungsfotos. Die Posins mit Johannes Paul XII, die Posins mit Wowereit und so weiter und so weiter. Das gesamte Leben der Brüder dreht sich um die Kunst. Ich frage Eugen, wann er angefangen hat zu malen, und er kann sich nicht mal mehr richtig daran erinnern. Vielleicht mit drei Jahren, meint er. Eine Familie gegründet hat keiner der drei: „Über eine eigene Familie, Kinder oder eine Frau habe ich noch nie nachgedacht“, sagt Michail. „Gott hat uns diese Gabe geschenkt, und wir haben uns für diesen Weg entschieden. Die Kunst ist das, wofür wir leben. Seit unserer Kindheit gab es für uns nichts anderes als die Kunst. Etwas anderes war nie denkbar.“ Und das glaube ich ihm sofort. Natürlich sind die drei vollkommen unterschiedliche Menschen, aber schon nach wenigen Minuten ist klar, dass sie eine wirklich einmalige Beziehung haben. Sie gleicht ein wenig der, die man sich bei einem alten Paar vorstellt, nur verteilt auf drei Personen. Alle drei sind Kettenraucher, jeder von ihnen hat an allen Tagen, an denen ich sie besuche, immer dieselben Klamotten an. Die drei sind auf nette und bodenständige Art exzentrisch. Als ich sie zum ersten Mal treffe, sind sie reserviert und reden wenig. Je länger ich da bin, desto mehr tauen sie auf, aber trotzdem erzählen sie mir nicht alles, was ich wissen will. Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere oder einfach daran, dass sie ihre Arbeit so verinnerlicht haben, dass sie gar nicht mehr in Worte fassen können, was sie da eigentlich tun. Die Kunst und das Malen ist für die Brüder so essenziell, dass es ihnen schwerzufallen scheint darüber zu reden.

Angeblich haben sie niemals Meinungsverschiedenheiten, was die Ausführung eines Gemäldes angeht. „Das gibt es nicht“, sagt Michail. So etwas Ähnliches sagt er auch, als ich wissen will, ob es denn jeweils Spezialgebiete gäbe: „Jeder von uns hat die gleichen Fähigkeiten, und es gibt keine Konkurrenz unter uns. Wir haben immer dieselben Ansichten über ein Werk und interpretieren es gleich. Wir haben keine Spezialgebiete.“ Extra für diese Ausgabe malen sie für uns ein Gemälde von August Macke, Stickende Frau auf Sessel. Es ist ein Porträt von Mackes Frau Elisabeth. Leider verstehe ich kein Russisch, aber manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass nicht immer alles so einvernehmlich läuft, wie die drei es mir gegenüber behaupten. Ich erlebe auch den seltenen Fall, dass sie zusammen an einem Bild arbeiten, was normalerweise nie vorkommt, außer wenn es sich um sehr große Gemälde handelt. Immer wieder gibt es Pausen. Eugen ist derjenige, der am meisten malt (er ist auch die Stimme der drei). Die anderen beiden kommen oft dazu und geben ihre Kommentare ab oder springen selber ein.

Nur einige der Gemälde, die überall im Salon hängen und an den Wänden gelehnt stehen

Angesichts der Familiengeschichte der drei ist es kein Wunder, dass am Ende etwas dabei herausgekommen ist, was nicht gerade durchschnittlich ist. Ihr Vater war Japanologe und möglicherweise Spion, aber das gehört zu einem der Themen, über das die drei nicht unbedingt gerne reden. „Verurteilen kann man das nicht, damals war schließlich jeder irgendwie ein Spion.“ Irgendwann war das jedoch vorbei, der Vater entging nur knapp der Erschießung, aber musste drei Jahre lang ins Gefängnis, und die gesamte Familie wurde nach Sibirien verbannt. „Sibirien ist kein Ort zum Aufwachsen, es ist wie ein Loch“, sagen sie heute, wenn sie von dieser Zeit erzählen. Die Mutter der drei war Polin und sprach fünf Sprachen fließend, und die Eltern schlugen sich in Sibirien als Sprachlehrer durch. Während der Vater Sibirien bis zu seinem Tod nie mehr verlassen durfte, zogen die Brüder zum Studium nach St. Petersburg, wo sie zehn Jahre lang studierten, „vier Jahre an der Kunsthochschule und sechs Jahre an der Kunstakademie“. Ein Kunststudium im sowjetischen Russland—das bedeutete nicht, Videos von sich selbst zu drehen, wie man in die Ecke kackt oder einen Haufen Altmetall zusammenzuschweißen, sondern einen harten, anstrengenden Drill. Die Brüder verbrachten ihre Zeit in den Museen der Stadt, wo sie ohne Unterlass kopierten. Sie beschäftigten sich mit Geschichte, Leben und Technik jedes Künstlers, bis sie es eben schafften, seine Bilder auf die perfekteste Art und Weise auf die Leinwand zu bringen. Hierin entwickelten sie eine Meisterschaft wie kein anderer. Christoph Stölzl, der ehemalige Kultursenator von Berlin und früherer Museumsdirektor sagt, dass er 70 Prozent der Posin-Werke nicht als Fälschung erkennen würde, wenn er sie zum Gutachten vorgelegt bekommen würde.

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Ihr Arbeitsprozess unterscheidet sich von dem von Kopisten. Zuerst ist es mir fast unangenehm, sie darauf anzusprechen, weil ich fürchte, sie durch die Bezeichnung „Fälscher“ zu beleidigen. Aber das ist überhaupt nicht so. Kopieren ist nicht das, was sie wollen: „Bei einer Kopie wird alles ganz genau abgezeichnet und jeder Strich nachgemalt. Eine Fälschung ist eine Wiederholung, welche sehr genau gearbeitet wird. Vom Hintergrund bis zur Fertigstellung.“ Und es geht bei Weitem nicht nur darum, die Farbe auf die Leinwand zu bringen. Die Brüder lesen alles, was sie zu dem jeweiligen Künstler in die Hände kriegen können. Bevor sie anfangen zu malen, machen sie sich mit allem vertraut, was von der Person überliefert ist. Dieser Prozess kann unter Umständen schwierig sein, besonders wenn es um einen Maler geht, der schon jung gestorben ist oder über den es einfach keine überlieferten Quellen gibt: „Es gibt auch Bestellungen von unbekannten Künstlern, die man sehr schwer interpretieren kann.“

Aber nicht nur das, sie bewegen sich auch sozusagen direkt im Leben der Maler: „Der historische Kontext ist wichtig, ich muss wissen welche Briefe er zu dem Zeitpunkt geschrieben hat. Ich muss diese Stimmung haben und so wird ein Bild neu geboren“, erklärt Michail. Das Endergebnis ist viel mehr als eine bloße Kopie. Deswegen können die Brüder auch Bilder malen, die eigentlich nicht existieren, also völlig neue Bilder im Stil der alten Meister. Sie können sich so gut in einen Künstler hineinversetzen, dass sie Gemälde produzieren können, die vermutlich vor den meisten Gutachtern als neue, bisher unentdeckte Cezannes, van Goghs und Kirchners durchgehen könnten. Und auch die Arbeitsweise unterscheidet sich stark von der des Kopierens. Die Künstler zeichnen nicht Pinselstrich für Pinselstrich ein Gemälde ab, sondern sie versetzen sich in den Maler oder die Malerin hinein und malen genauso schnell, detailliert oder eben oberflächlich wie er oder sie: „Impressionisten muss man immer schnell malen, genau in dem Tempo, indem es der Künstler gemalt hat. Wir kopieren die Bilder nicht, wir machen die Bilder noch mal neu, wie eine Reinkarnation. Eine Kopie, so was macht ein Fotoapparat. Kopien sind ein Betrug und wir betrügen nicht.“

Der Empfangsbereich des Kunstsalons. An der Wand hängen Fotos der Brüder mit Politikern und dem vorletzten Papst und über allem wacht die Mona Lisa.

Die Posins sind, was ihren Künstlerbegriff angeht, Relikte aus dem 19. Jahrhundert, dem Historismus, einer Zeit, in der der Künstler zum letzten Mal ein Universalgenie war. Ein Alleskönner, der jede Technik beherrschte und jeden Stil kopieren konnte. Das zeigt sich auch in ihrer Selbstdarstellung auf ihrer Website. Sie bieten: „Alte Meister, Impressionisten, Expressionisten und weiterer Kunstrichtungen entsprechend Kundenwunsch; Restaurierung alter und neuer Gemälde; Ikonenmalerei.“ Ansonsten auch: „Bilderrahmen, Bemalung und Restauration von Möbeln aller Stilrichtungen, Interieurgestaltung, Wand- und Deckenmalerei, Fresken, Glasmalerei, Sgraffito usw. Anfertigung persönlicher Porträts als Büste und Skulptur.“ Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum sie nicht wirklich in Gefahr geraten, sich auf illegale Abwege zu begeben: Die drei Männer haben nicht das eine Spezialgebiet und können nur den einen alten Meister kopieren, sondern sind in der Lage, alles zu fälschen und so gutes Geld zu verdienen.

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Ihrer Arbeit sind allerdings legale Grenzen gesetzt. Nach §64 des Urheberrechtgesetzes erlischt das Copyright eines Werkes 70 Jahre nach dem Tod seines Schöpfers. Das heißt, nur Künstler, die vor 1944 gestorben sind, dürfen legal kopiert und danach diese Kopie verkauft werden. Aber allzu großes Interesse an moderner und postmoderner Kunst haben die drei sowieso nicht, abgesehen von den technischen Schwierigkeiten, die das Kopieren einiger neuerer Werke mit sich bringen würde: „Es gibt Künstler, die man praktisch nicht kopieren kann, wie beispielsweise Jackson Pollock. Man könnte zwar ein ähnliches Bild schaffen, aber man kann es nicht kopieren.“ Digitale Kunst oder Medienkunst beispielsweise finden sie auch eher problematisch. Ihrer Meinung nach sollte man diese Werke nicht als Kunst im klassischen Sinne bezeichnen. Sie hängen eher einem konservativeren Kunstbegriff an, nämlich dem der meisten Kunstlehrer der Mittelstufe, wenn sie sagen: „Kunst kommt von Können.“ Ein Künstler muss eben seine Materialien und seine Technik beherrschen. Und deswegen reicht es nicht, ein Video zu machen, oder eine Rauminstallation, wenn man nicht zunächst in der Lage ist, ein klassisches Gemälde zu malen.

Die drei verdienen gutes Geld mit ihrer Arbeit. Preislich fangen sie bei 1.000 Euro an für ein kleines, einfacheres Werk, und nach oben gibt es keine Grenzen. Aber über die Möglichkeit, an diese Zahlen noch ein paar Nullen anzuhängen, indem sie ihre Super-Malkräfte für das Böse einsetzen und anfangen, ihre Werke als Originale auf den Kunstmarkt zu bringen, haben sie noch nie nachgedacht. Auch hier wollen sie nicht in die Details gehen, als ich sie danach frage, aber tatsächlich gab es nur einmal einen Fall, in den sie am Rande verwickelt waren. Am 28. Juli 1994 wurden zwei Bilder von William Turner und eins von Caspar David Friedrich aus der Frankfurter Kunsthalle Schirn gestohlen, bis dahin der größte Kunstraub der Nachkriegszeit. 2001 erhielten die Brüder den Auftrag, genau diese Werke zu fälschen. Ihre Fälschungen wurden daraufhin von einem Betrüger auf alte Leinwände gezogen und einem privaten Sammler in Antwerpen zum Kauf angeboten. Für 20 Millionen Euro. Die ganze Geschichte flog allerdings auf, und man konnte die Fälschungen auf die Posins zurückführen, aber von Anfang an war klar, dass die drei sich an alle Gesetze gehalten hatten.

Obwohl die Mona Lisa in verschiedenen Versionen im Kunstsalon hängt, ist sie bei Posin-Sammlern nicht das beliebteste Werk. Van Gogh und Monet stehen auf dieser Liste ganz oben. „Monet kann ich mittlerweile besser malen als er selbst“, sagt Eugen. Sammler gibt es auf der ganzen Welt, und viele von ihnen haben sie noch nie gesehen.

Mittlerweile haben die drei außer ihrem Laden in Neukölln auch noch ein eigenes Museum. Zu verdanken haben sie das Gerold Schellstede, dem Seniorchef eines Möbelhauses in Großräschen in Brandenburg. Er entdeckte das Trio nach einem Focus-Bericht in den 90ern. Irgendwann hatte er 40 Bilder der Brüder gekauft, und ergriff die Möglichkeit, in einem Seehotel, an dem er Teilhaber ist, ein Fälschermuseum zu eröffnen.

Als ich zum ersten Mal bei den Brüdern war, gab es gerade die ersten Berichte über den Gurlitt-Schatz und wir kamen immer wieder darauf zu sprechen, weil ja gerade die vorher unbekannten Gemälde ziemlich genau aus der Zeit stammen, die für die Brüder interessant ist. Die drei sind sich sicher, dass in Zukunft noch einige solcher Schätze auftauchen werden: „Ich denke, dass es noch viel mehr Kunst gibt, die noch nicht entdeckt wurde. Weit mehr, als man sich vorstellen kann.“ Es gibt also aller Voraussicht nach da draußen noch eine Menge Bilder, die nur darauf warten, gefälscht zu werden.

August Macke, Stickende Frau auf Sessel. Die Posins malen extra für diese Reportage dieses Bild. Normalerweise arbeitet jeder für sich an einem Bild. Diesmal sind sie zu dritt. Immer wieder stehen sie davor und murmeln auf Russisch über den Fortschritt (vermutlich, oder vielleicht beschweren sie sich auch).

Alle Fotos von Grey Hutton