FYI.

This story is over 5 years old.

Popkultur

Was endlich verschwinden muss, damit wir weiter kommen

Es müssen einige Sachen sterben, damit wir endlich vorwärts kommen. Denn wenn es so weitergeht, enden wir als schlecht angezogene narzisstische Lokalnationalisten, die nie wieder lachen und schlechte Comedyshows anschauen.
1.11.13

Keiner weiß genau, was im Hier und Jetzt, an irgendeinem Punkt zwischen Postmoderne (was auch immer das heißen soll) und dem, wie die Zukunft genannt werden wird, eine wirklich sinnvolle Beschäftigung wäre.

Stattdessen denken wir über Fragen nach wie: Soll ich meine Selfies rahmen lassen? Mich in 3D ausdrucken? Oder ein iPhone unter die Haut pflanzen?

Und weil wir uns so ernst nehmen, ist Datenschutz natürlich ein sehr wichtiges Thema, über das man sich herrlichst aufregen kann. Man sollte unsere Daten wohl schützen. Oder wenigstens muss unsere Regierung zum Schutz gezwungen werden, oder eine andere Regierung, oder wer auch immer es halt kann. Also niemand, weil das keiner kann.

Anzeige

Also haben John Gray und der Typ vor dem Club morgens um sieben, der die Pillen mit Löffeln gefressen hat und dir erklärt, dass es sowieso nichts wirklich Originelles mehr gibt, recht. Doch abgesehen von der Tatsache, dass seitdem eine minimale, anhaltende Orientierungslosigkeit wie ein verbogener Wetterhahn in unserer Seele hockt, hat sich auch dadurch keine neue Erkenntnis eingestellt.

Während sich also die vor Kurzem noch bewunderten Digital Natives langsam in bemitleidenswerte Digital Savages verwandeln, gehen wir einer weiteren sinnlosen Beschäftigung nach, und niemand hat auch nur den blassesten Schimmer, was wirklich eine gute Idee wäre.

Daten zu schützen, hört sich auf jeden Fall schon einmal sinnvoll an. Denn das, ist wie zu sparen. Ziemlich deutsch und später hat man mehr davon.

Damit in Deutschland aber wieder ein Schritt vor den anderen gesetzt werden kann—anstatt dass sich Start-ups jeden Scheiß ausdenken
(zum Beispiel wie du endlich ins Berghain kommst)—, müssten einige Dinge abgesaugt, weggehungert oder ausgekotzt werden, die unserer Kultur Adipositas verursacht haben.

Um also nicht nur vertrottelt und verfettet auf den nächsten Ed Snowden warten zu müssen, sollten wir uns von folgendem Ballast befreien:

Abgöttische Neunziger

Warum müssen sie sterben?
Nach dem langen 19. und dem kurzen 20. Jahrhundert, wie der Historiker Eric Hobsbawm die Zeit von der Französischen Revolution bis zum ersten Weltkrieg und von da bis 1989 nannte, gab es knapp vor dem Ausbruch des 21. Jahrhunderts am 11.9.2001 dieses schmale historische Fenster von circa zwölf Jahren, das ausgezeichnet war. Denken wir. In dieser Blase, nach dem Ende der Geschichte und vor ihrem Reboot, hat irgendwie alles einfach gestimmt. Wer sich Mitte der Neunziger Teenager, oder wenigstens Kind, nennen konnte, erlebte in diesem unbescholtenen Tal der Zeit in Deutschland eine fast ungerecht gute Jugend. Man konnte die Bravo lesend mit 14 bei der ersten Liebe übernachten und aus einem Guss leben. Wer Musik hören wollte, hörte HipHop, wer sich so anziehen wollte, trug Gangsterklamotten, wer sich für visuelle Kunst interessierte, sprühte Graffiti, wer tanzen wollte, machte Breakdance, und wer verdammt nochmal zusätzlich sportlich war, konnte im Sommer skaten und im Winter snowboarden. Und alles passte zusammen. Unsere Eltern waren kriegsunversehrt, die Revolution verlief unblutig, die Jugend glitt über die Sollbruchstelle des größten Poppers aller Zeiten und während das jahrzehntgroße Fläschchen aufschnappte, waren alle jung und high in einer neuen Welt.
Wieso ist das eine verteufelte Vorstellung, die sterben muss?

Was passiert, wenn sie sterben?

Anzeige

Die Neunziger waren das beste Ding jemals, aber sie sind vorbei. Wir müssen aufhören, uns auf den Lorbeeren auszuruhen, die im Tauwetter nach dem Kalten Krieg so wunderschön gewuchert sind. Vielleicht wird es ein Jahrhundert lang nie wieder so unbeschwert, aber selbst davon sind ja schon 13 Jahre abgesessen.

Witzloser Spaß

Warum muss er sterben?
Die deutsche Comedyszene muss sterben. Ich habe keine Ahnung, ob Franzosen oder Inder oder irgendjemand außer Briten und Amerikanern lustige Stand-up-Komiker haben. Wer sich an die bekloppten Fressen von Anke Engelke und Bastian Pastewka noch erinnern kann, muss zwar sofort erbrechen, aber er hat seine Antwort. Nur um es uns nochmal vor Augen zu führen. Diese Scheiße ist passiert. Sie passiert noch. Und wer die Sendung Ladykracher für ein Format über explodierende Tampons hält, liegt damit nicht falsch. Genauso blutig und schamlos geht es zu. Auch Helge Schneider kann das auf Dauer nicht wieder rausreißen. Wie viele Witze Mario Barth noch über Geschlechts- und Straßenverkehr reißen kann, weiß nur das Kotorakel auf seinem Dachboden. Wenn Bülent Ceylan der Preis der Integration ist, ist er zu hoch. Was passiert, wenn es keine Comedyszene mehr gibt?
Das entstandene Peinlichkeitsvakuum wird das wirklich Amüsante des Alltags wieder sichtbar machen. Die verkorkste Vorstellung, dass Humor eine aufklärerische Mission oder eine andere bekloppte Aufgabe erfüllen müsste, wird verschwinden. Ungestellter Spaß wird diese Aufgabe übernehmen.

Der deutsche Traum

Warum muss er sterben?
Wer Patriot sein will, aber nicht darf, wird Lokalpatriot. Wer das ist, ist meistens auch Tatort-Patriot. Es ist schwer erträglich, jeden Sonntag wieder über die Existenz von Orten wie Münster aufgeklärt und über deren Verbrechen belogen zu werden. Das Verbrechen ist nicht der hirnrissige Doppelmord am Firmenpatriarch des Gewindeherstellers durch seine uneheliche Halbschwester—es ist Münster selbst. Und wenn Deutsche zu Recht keine Nationalisten sein können, weil sie Nationalsozialisten waren, dann brauchen sie auch nicht auf Ludwigshafen stolz zu sein oder auf München. Diese Städte waren schon 1923 brauner als braun. Was passiert, wenn es den Tatort nicht mehr gibt?
Die Menschen werden nicht länger über die Scheinrealität jeder einzelnen mittelgroßen Stadt informiert sein. Konstanz und Wiesbaden bleiben das, was sie sind: unbekannt und speziell. Nichts ist verloren. Vielleicht kann Deutschland aufhören, sich auf jeden föderalen Futzel zu konzentrieren, und ein bisschen Europa springt hoffentlich dabei heraus.

Kokain

Warum muss es sterben?
Es ist ein Klischee, aber ein Klischee, das einfach nicht aus der Welt zu schaffen ist. Doch in der Kunst wie im Leben bedeutet Kokain das absolute Ende jedweder Subtilität, Intelligenz und Unschuld. Natürlich wurden ein paar großartige Kunstwerke über und auf Koks geschaffen, doch wann kam es wirklich mal vor, dass große Kunst aus einem Koks-Schneesturm hervorging? Als Scorsese Taxi Driver drehte, ging es noch, aber als er richtig dabei war, bescherte er uns New York, New York. Kokain ist das, was jeden, den du liebst, beschissen(er) macht. Die Leute werden aufgeblasen, paranoid und gehen bankrott—moralisch, finanziell und emotional. Kokain hat aus so manchen Menschen ein Symbol des sinnlosen Exzesses gemacht. Man müsste meinen, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Man müsste meinen, dass die ganzen Behind The Music-Specials und Christoph Daum die Leute abgeschreckt haben. Doch nach wie vor fällt jede Generation von Partygängern auf dieses schrecklich banale Coolness-Ideal herein. Ja, Drogen werden immer eine wichtige Rolle bei kulturellen Entwicklungen spielen, aber im Moment dient Kokain einzig und allein dazu, diese Entwicklung zu hemmen. Kokain ist der Nadelstreifenhut der Drogenszene—ein hässliches Überbleibsel aus den 90ern, das niemand außer Sammlern und alternden Dauersingles noch cool findet. Was passiert, wenn es tot ist?
Junge Leute werden plötzlich ein Gefühl der Klarheit und Weitsicht empfinden, das ihnen aus unerklärlichen Gründen jahrelang fehlte. Die Zeiten sind ein für allemal vorbei, in denen sie sich als Sterne mit Verfallsdatum wahrnahmen oder dachten, es sei die Bestimmung der menschlichen Rasse, sich in einer nervtötenden, aber unausweichlichen Pantomime künstlicher Aufstiege und Niedergänge zu beteiligen und zu einem pulverigen Tod in irgendeiner Klatschspalte zusammenzuschrumpfen. 60 Jahre Regenwetterrepublik

Wieso muss der Gram sterben?
2009 war ich bei der Feier zu 60 Jahren Bundesrepublik und ja es hat geregnet. Aber halt nicht 60 Jahre lang. Doch genauso haben sie alle dreingeschaut. Vielleicht funktioniert der Betrieb BRD ja wirklich nur so gut, weil alle immer unzufrieden sind, doch einfach mal die Fresse zu einem Lächeln zu verziehen, wäre nach der Anomalie von sechs Jahrzehnten Frieden in unserer Geschichte auch irgendwie angebracht.
Besonders weil ja alles eh den Bach hinunterzugehen scheint und man bald wohl recht hat, wenn man erklärt, früher sei alles besser gewesen. Es müssen ja nicht gleich kalifornienähnliche Zustände herrschen, aber der ständige negative und ernsthafte Unterton, der fast überall in Deutschland herrscht, wo die Leute nicht gerade betrunken beisammen sitzen, ist einfach zum Kotzen. Und wenn man darüber nachdenkt, liegt es eigentlich nur daran, dass man selber immer denkt, man kommt zu kurz und die Anderen haben's besser als man selbst. Und wenn schon. Freude für andere kann auch glücklicher machen (und schöner).
 
Wie wäre es ohne ständigen Missmut?
Die Masse könnte sich der Nutzlosigkeit allumfassenden Neids einmal entledigen, die Armen würden nicht mehr betteln müssen, weil alle Mittelständler jeden Tag Oktoberfest feiern und über allen Schloten der Fabriken herrschte Ruh. Schnell würde das gesamte System kollabieren, und man hätte endlich einen echten Grund zur Beschwerde.

Die Social-Media-Eitelkeiten

Warum müssen sie sterben?
Eitle Aufgeblasenheit ist nichts Neues. Von Kleopatra bis hin zu Indira, von Casanova bis hin zu Jay Khan waren Menschen immer selbstgefällige Gockel, die den Rest der Vogelwelt deutlich merken ließen, wo ihr Platz in der Sexkette ist. Das Neue besteht jedoch in der seltsamen Engstirnigkeit des jugendlichen Egoismus: Jungen und Mädchen mit dauerhaft schmollenden Lippen behandeln ihre „Mobile Uploads“-Alben mit einer Andacht, die frühere Generationen nur für ihre Urlaubsfotos von der Copacabana übrig hatten. Natürlich ist es etwas von Grund auf Menschliches, sich eine Extraschicht Make-up aufzulegen oder vorsichtig seinen Fauxhawk zurechtzurücken, aber wenn das Ganze so egozentrisch—und so sonderbar geschlechtlos—ist, wird es lästig. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass die Erfinder der Twitter-Egomanie einfach nie das Haus verlassen. Sie sind Tausende Gleichgesinnte, die einsam vor sich hin leben, sich fortwährend über die Wangenknochen streichen, den richtigen Winkel für ihre Kieferpartie auswählen und ihre eigenen Gesichter so lange fotografieren, bis sie verstörend intim mit ihnen sind. Als ob sie sich künftig selbst beweisen müssten, dass sie einmal so ein Gesicht besessen haben. Warum das noch problematischer ist als die Angewohnheit der vorherigen Generationen, sich in ihrem Zimmer Diskokugeln als Spiegel aufzuhängen? Weil es scheiße ist, als entfremdeter Narzisst sein eigener Sklave zu werden. So viel Zeit allein in seinem Zimmer zu verbringen, verdirbt den Charakter. Irgendwann sind Teenager von streunenden Katzen zu Bonsaikätzchen geworden. Was passiert, wenn es stirbt?
Das weiß niemand, aber wenn es so weitergeht, wird es bald auf allen Spiegeln in Kneipentoiletten und auf jedem Busfenster eine eigene Screengrab-Funktion geben.

Soft Fashion

Warum muss es sterben?
Es gab einmal eine Zeit, in der es in der Mode darum ging, sich so unbequem wie möglich anzuziehen, und sie war großartig. Seien es klamme, steife Teddy-Boy-Lederjacken oder nutzlose weiße Raver-Handschuhe—das ist Mode: die Eier haben, etwas zu tragen, das andere nicht anziehen würden, und es dadurch cool werden lassen. Heute scheinen sich die Leute entschlossen zu haben, sich anzuziehen, als ob sie in der Bettenabteilung statt in einer Mazda-Werkstatt shoppen waren. Einteiler, Uggs, die Hüte, die aussehen, als hätte man sie von einem provisorischen Hippie-Katapult gerissen—all das sind Kleidungsstücke, die Katherine-Heigl-Filmen und Café-Del-Mar-Alben entspringen. Sie beweisen nicht, dass Leute sich wohl fühlen, sie beweisen einfach nur, dass die Leute faul und einfallslos geworden sind. Was machen wir hier? Haben wir aufgegeben? Wenn nicht, warum versuchen wir dann, die Welt wie eine riesige Pyjamaparty aussehen zu lassen? Was passiert, wenn es stirbt?
Die mit Mosaik besetzten Springbrunnen der Einkaufszentren und die Fensterplätze bei McDonald‘s werden wieder bevölkert sein von einschüchternden Jugendlichen mit Kapuzen, Spikes, Plastik, Leder, perforiertem Nylon, Zaunstücken, anderer Leute Spucke und schwierigem Sozialverhalten. Rentner werden sich vor ihnen fürchten und wir werden eine Generation von Jugendlichen haben, die nicht so aussieht, als ob sie gerade aus der Badewanne gestiegen sei.

Mehr zu dem Thema:

So zu tun, als wäre man arm und mittellos, ist unausstehlich

In 25 Schritten zum ultimativen Glück

It's Lavish, Bitch: Der Schnösel, der bei Instagram Zehntausende verbrät