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Der eingewachsene Zehennagel: Die Bezirkowitsch-Rede von der Anti-Hofer-Demo im Wortlaut

Statt über Hofer spricht Maximilian Zirkowitsch über einen eingewachsenen Zehennagel—und doch über so viel mehr.
20.5.16

Foto von VICE Media

"Sehr geehrte Antifa!

'Kein rechtsextremer Burschenschafter als Bundespräsident!' Ich glaube, dazu ist alles gesagt. Deswegen möchte ich noch über ein mir sehr wichtiges Thema sprechen:

Ich habe einen eingewachsenen Zehennagel. Sie kennen das bestimmt alle. Es tut sehr weh. Viele von uns hatten schon einmal einen eingewachsenen Zehennagel oder kennen jemanden, der oder die schon einmal einen eingewachsenen Zehennagel hatte. Gerade Männer tendieren dazu, die Körperpflege abwärts der Knie zu vernachlässigen. Und dann sitzt man zuhause, hat es sich vor dem Fernseher gemütlich eingerichtet und wurschtelt an den eigenen Zehen herum. Irgendwo steht ein Hautflankerl weg, ein Nagel ist eingerissen, man kletzelt an einer verhornten Stelle herum oder untersucht eine Blase, die man von den neuen Schuhen oder dem letzten Spaziergang hat.

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Es ist ein bissi grauslich, aber Sie kennen das alle. Weil man es sich so bequem eingerichtet hat will man nicht wegen der Kleinigkeit aufstehen und die Nagelschere, die Feile, die Hornhautraspel und den Zehenhobel holen. Man macht das selber. Ohne Werkzeug. Es stört nicht, aber es irritiert. Also stierlt man mit den Fingernägeln und kletzelt. Natürlich reißt die Haut ein. Das ist ärgerlich, aber weil der Film, den man gewählt hat, gerade spannend ist, bleibt man sitzen.

Vor dem Schlafgehen wird man sich der Sache annehmen, denkt dann aber selbstverständlich nicht mehr daran. Sie kennen das. Am nächsten Tag ist das Nagelbett rot. Man weiß, was zu tun ist, tut es aber nicht. Irgendwie wird das schon wieder. Socke drüber und ab in die Schuh! Man hat besseres zu tun. Vielleicht geht es von allein weg, wenn man es ignoriert. Das ständige Herumzupfen und Pfriemeln hat es nur schlimmer gemacht.

Nach zwei Tagen ist die Entzündung größer geworden. Sie leuchtet nun knallrot und hat dunkle Stelle eingeschlossen. Das sind die Sockenfussel. Mit einer Pinzette und einem Dingsi versucht man jetzt, die Fussel rauszuziehen, aber es geht nicht. Die Fremdkörper sind eingewoben. Jetzt muss sich die Sache beruhigen. Am nächsten Tag ist die halbe Zehe von einer klebrigen, rötlich-gelblichen Kruste bedeckt.

Unter der Schwellung erkennt man blaue Flecken. Natürlich könnte man sich jetzt eingestehen, dass man etwas falsch gemacht hat, aber was würde das ändern? Man kann die Zehe einfach dicht in Salbe packen, mit einer Tinktur beträufeln, vielleicht die Zeit aufwenden, ein Fußbad zu nehmen. Das ist vergeblich. Die Entzündung sitzt tief. Der Nagel hat seine gewöhnliche Wuchsrichtung verändert und wächst jetzt spitz ins Nagelbett. Zumindest fühlt es sich so an. Es ist sehr unangenehm.

Was tun mit unserer Zehe? Wenn wir nicht wollen, dass bald überall das wilde Fleisch wächst, müssen wir operieren.

Eigentlich tut es weh, aber man redet in einer Mischung aus Scham und Pflichtbewusstsein nicht davon. Mittlerweile sind die rötlich-gelblichen Krusten braun. Die Zehe ist rotblau angelaufen und tendiert stark ins Blau-Violette. Jede Berührung schmerzt, jeder Schritt bereitet Unbehagen und man ist mürrisch. Wenn jetzt eine oder einer deppat kommt, kann er oder sie was erleben, dass die Funken spritzen! Gute Ratschläge brauch ma ned! Selber schuld, was hat man sich auch jemandem mit der grauslichen Zehe anvertraut.

Es ist allerdings faszinierend. Eingehend betrachtet man den Zeh. Eiter tritt aus und es stinkt. Die Socken bei 90° waschen oder gleich verbrennen? Es ist wie bei einem toten Vogel im Wald, den man beim Spaziergang entdeckt, vielleicht genau bei dem Spaziergang, bei man sich diese Scheißblase geholt hat, die an allem schuld ist. Man weiß, er verrottet und alles mögliche Getier tut sich an ihm gütlich. Die Unterseite ist bestimmt voller Maden. Trotzdem nimmt man ein Steckerl und dreht den Vogel um. Tot, grauslich, geil.

Was tun mit unserer Zehe? Wenn wir nicht wollen, dass bald überall das wilde Fleisch wächst, müssen wir operieren.

Dankeschön!"

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