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Zwischen Hoffnung und Elend: Die Glasgower Slums der 80er Jahre

Die lange verschollenen Fotos des französischen Fotojournalisten Raymond Depardon, die die armen Gegenden Glasgows dokumentieren, werden jetzt endlich für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

von Raymond Depardon, Interview: Anaïs Brémond
07 April 2016, 4:00am

Alle Fotos: bereitgestellt von Raymond Depardon | Magnum

Im Jahr 1980 bekam der Fotojournalist Raymond Depardon von einer britischen Zeitung den Auftrag, Bilder in Glasgow zu schießen. Damals wusste der Franzose noch nichts über die schottische Großstadt und sprach dazu kein einziges Wort Englisch.

Das Resultat war dann eine poetische und gleichzeitig düstere Fotoserie, die den damaligen Alltag in einigen der heruntergekommensten Gegenden Glasgows perfekt einfängt. Die Motive sind dabei Ballspiele zwischen verbarrikadierten Häuserfassaden, Familienausflüge entlang trostloser Betonwände sowie Rentnerpärchen, die gegenüber von ausgebrannten Ruinen auf den Bus warten.

Depardons Arbeiten sind in Frankreich doch recht bekannt. Als Mitglied der Magnum-Fotoagentur dokumentierte er den Algerienkrieg, nationale Befreiungskämpfer in Tschad, angolanische Straßenkinder sowie die nigerianische Wüste. Die Fotos aus Glasgow hat man jedoch nie veröffentlicht und sie verstaubten 30 Jahre lang bei Depardons zu Hause. Jetzt werden die Bilder im Zuge der Strange and Familiar-Ausstellung allerdings endlich für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns mit Depardon über seine Erfahrungen und über das Thema Armut zu unterhalten.

VICE: Wie bist du damals Anfang der 80er in Glasgow gelandet?
Raymond Depardon: Ich war für eine deutsche Zeitung in Beirut unterwegs. Danach kam die Sunday Times auch mich zu und wollte, dass ich den Kontrast aufzeige, der damals in Glasgow herrschte—also zum einen den Alltag der Reichen und zum anderen den Alltag der Armen.

So zog ich schließlich durch die reichen Gegenden der schottischen Großstadt, aber etwas wirklich Interessantes kam mir dabei nicht vor die Linse. Ich sah mich auf Golfplätzen und in Teehäusern um, hatte jedoch einfach kein Glück. Ich meine, der Reichtum war dort nicht so offensichtlich, sondern eher diskret. Natürlich existierte ein wohlhabendes Bürgertum, aber ein Kaschmir tragender Typ im Mini Cooper neben einem Golfplatz macht eben noch lange kein gutes Foto.

Glaubst du, dass du als Fremder dort irgendwelche Vorteile hattest?
Vor diesem Auftrag hatte ich nur im Nahen Osten und in Afrika gearbeitet. Deswegen war Glasgow für mich eine komplett neue Erfahrung. Ich denke schon, dass ich meine Umgebung deshalb anders wahrgenommen habe. Alles war einfach so neuartig. Ich habe dann versucht, die Arbeit nicht zu kompliziert anzugehen. Außerdem wollte ich unbedingt vermeiden, alle Eindrücke fotografisch festzuhalten. Natürlich hat es mir dann schon geholfen, dort ein Fremder zu sein, weil ich so eine gewisse Distanz wahren konnte. Ich hatte fast ein wenig Angst vor den Leuten—aber auf eine gute Art und Weise. Dazu habe ich kein Wort von dem verstanden, was sie zu mir sagten.

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Kannst du dich noch an die Leute erinnern, die du während des Auftrags kennengelernt hast?
Insgesamt habe ich zwei je zehn Tage andauernde Trips gemacht. Als Erstes lernte ich ein paar Kinder kennen, die mich direkt bei der Hand genommen und durch ihre Gegend geführt haben. Damals war es noch OK, fremde Kinder zu fotografieren. Zwar konnten wir nicht miteinander reden, aber an sich war das kein Problem, denn wir brauchten keine Worte, um uns zu verständigen. Für sie war es sowieso wie eine Art Spiel, von mir abgelichtet zu werden.

Wie haben die Menschen allgemein reagiert, als du sie fotografiert hast?
Sie waren alle extrem freundlich und ich hatte so auch viele Freiheiten. Im Vergleich zum Nahen Osten und den mit AKs bewaffneten Männern, die mir das Fotografieren verboten hatten, war Glasgow allgemein ein wahrer Segen.