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Als Flüchtlingsbetreuer wünsche ich mir eine differenziertere Debatte

Probleme und Herausforderungen mit Asylsuchenden dürfen nicht unter den Tisch fallen. Wir brauchen eine differenzierte und unvoreingenommene Sicht auf die Situation.
Procyk Radek / Shutterstock.com

Das Bezeichnendste an der aktuellen Debatte über Flüchtlinge in Österreich ist, dass sie von jenen dominiert wird, die nie mit den betreffenden Personen in Berührung kommen. Da sitzen Wichtigtuer aller Couleurs in TV-Diskussionen und niemand von ihnen ist mit den Problemen konfrontiert, denen Flüchtlinge im Alltag begegnen. Da sitzt Eva Glawischnig, die irgendwas von Willkommenskultur faselt und negative Aspekte der unkontrollierten Zuwanderung völlig ignoriert, neben Heinz-Christian Strache, der in den Flüchtlingsbewegungen die Vorboten der Apokalypse sieht. Daneben sitzt, nicht zu vergessen, der prototypische Politikwissenschaftler, der plötzlich zum Flüchtlingsexperten aufsteigt und noch viel mehr theoretisiert als es die Politiker ohnehin schon tun.

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Experte ist heute anscheinend jeder, der einen Flüchtling mit dem Auto aus Ungarn nach Österreich gebracht oder über Facebook seine Bestürzung über die herrschenden Zustände geäußert hat.

Als vor kurzem der Asylgipfel in Wien tagte, dürfte allen Beteiligten und Beobachtern klar gewesen sein, wohin die Reise gehen wird: Keine einzige NGO durfte an dieser illustren Runde teilnehmen—ein katastrophales Zeichen an alle freiwilligen Helfer, aber vor allem an Menschen wie mich, die ihr Geld damit verdienen, geflüchteten Menschen in ihren Unterkünften zu betreuen.

Ich arbeite nun schon seit mehreren Monaten hauptberuflich in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien, davor war ich in der Gewaltprävention tätig. Als die „Flüchtlingsströme" ihren Höhepunkt erreichten und sämtliche Medien ein äußerst dystopisches Zukunftsbild zeichneten, beschloss ich in diesen Bereich zu wechseln.

In meiner Unterkunft schwankt die Zahl der Asylwerber zwischen 150 und 200 Personen. Wir sind kein Notquartier mehr, sondern eine sogenannte Grundversorgungseinrichtung. Bei uns gibt es alles von alleinstehenden Frauen bis hin zu Großfamilien mit sieben Personen.

Unsere Bewohner bleiben meistens für einige Monate, bis sie eine eigene Wohnung bekommen, das Quartier wechseln oder in seltenen Fällen abgeschoben werden. Meine Kollegen und ich arbeiten im Schichtbetrieb. Das bedeutet, dass mindestens zwei Betreuer vor Ort sind—tagsüber sind wir meist zu fünft, nachts zu zweit, hinzu kommt noch die unregelmäßige Unterstützung von freiwilligen Helfern.

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Meine Kollegen und ich, von denen auch mehrere Muttersprachler in Arabisch oder Farsi sind, erledigen bis auf Reinigungsarbeiten und Reparaturen technischer Art alles: Wir nehmen Bestellungen auf, verteilen die Mahlzeiten, beraten unsere Bewohner in allen möglichen Lebensfragen und bestellen einen Großteil der Administration im Haus. Eine richtige Arbeitsteilung existiert nicht, jeder macht irgendwie alles und die Hierarchien sind alles andere als klar definiert, was auch regelmäßig zu Ärger und Frustration unter Kollegen führt.

Meine persönlich schlimmste Zeit erlebte ich Mitte September, wenige Wochen nach Unterzeichnung meines Dienstvertrages. Die Flüchtlingszahlen wuchsen von Tag zu Tag und die Behörden hatten die Situation nicht einmal mehr annähernd unter Kontrolle. Busse voller Menschen wurden zu uns gebracht, ohne Vorankündigung, ohne auch nur einmal nachzufragen, ob wir überhaupt einen Platz für diese Menschen haben, geschweige denn ihre Versorgung auch garantieren können.

Während dieser schwierigen Phase schmissen viele freiwillige Helfer entnervt das Handtuch.

Die Versorgungslage war äußerst angespannt und jeder Beamte war froh, so wenig wie möglich mit diesen Leuten und uns zu tun zu haben. Telefonanrufe wurden ignoriert, auf Mails wurde nicht geantwortet, wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Motto, nach dem die Beamten und zuständigen Stellen arbeiteten, war Flüchtlinge irgendwo auszuladen und damit ihre Pflicht getan zu haben. Während dieser schwierigen Phase schmissen viele freiwillige Helfer entnervt das Handtuch.

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Diese Situation hat sich zwar etwas entspannt, aber nur am Rande verbessert. In vielen Flüchtlingsunterkünften herrschen aus Mangel und Überlastung des Betreuungspersonals schwierige Arbeitsbedingungen. Konflikte unter den Bewohnern stehen an der Tagesordnung.

Diese können aufgrund der herrschenden Stresssituation sehr schnell eskalieren: Ein kleiner Stoß oder ein falsches Wort können sich durchaus zu einer Massenschlägerei entwickeln. Meiner Meinung nach hat das verschiedene Gründe. Zum einen liegt es an den fehlenden Freizeitangeboten, die wie die Deutschkurse im Haus fast ausschließlich von freiwilligen Helfern organisiert werden müssen (den Staat Österreich kümmert so etwas nicht) und zum anderen an der quälenden Ungewissheit über Aufenthalt und Nachzug. All das spielt sich zusätzlich auf engstem Raum ab. Privatsphäre gibt es so gut wie keine. Für uns Betreuer ist diese Arbeit ein Drahtseilakt. Auf der einen Seite wollen wir den Bewohnern so gut es geht verständnisvoll zur Seite stehen, auf der anderen müssen wir die Hausordnung notfalls auch mit Polizeigewalt durchsetzen.

Die Regeln sind streng, Raum für Interpretation ist kaum gegeben, außer wir drücken auf eigene Gefahr ein oder manchmal auch beide Augen zu. Ein absolutes No-Go ist Gewalt unter Bewohnern oder gegen Betreuer, aber genau hier gestaltet sich die Umsetzung gelegentlich sehr schwierig.

Gewalt gegen Frauen in Flüchtlingsunterkünften ist ein Problem, das, wie ich finde, zu wenig thematisiert wird. Vor allem in afghanischen Familien wird Gewalt als Mittel der Erziehung oder der Disziplinierung von Ehefrauen angesehen. Frauen bringen diese Form der häuslichen Gewalt gegenüber Kindern und sich selbst nur sehr selten zur Anzeige. Hier die Frau von Zimmer 5, die wieder mit einem blauen Auge zur Frühstücksausgabe erscheint, das Kind von Zimmer 25 mit blutig geschlagenen Lippen oder die Frau, die man für drei Tage nicht am Gang sieht, weil sie aufgrund der Schläge durch ihren Mann kaum aufstehen kann. Beobachten wir solche Vorfälle, informieren wir selbstverständlich die Polizei, der sind jedoch meistens die Hände gebunden. Aussagen wie „Das sind Flüchtlinge, was sollen wir da machen?", „Da kommt ja sowieso nichts dabei raus" oder „Wenn wir diese Familie trennen, stehen wir morgen im Falter" sind keine Seltenheit.

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Wird ein Hausverbot über den Ehemann ausgesprochen (was aufgrund der erwähnten Gewalt durchaus passiert), muss er die Unterkunft verlassen. Damit ist die Familie aber auf sich alleine gestellt, was unausweichlich wieder zu Problemen führt. Ohne Mann fühlen sich viele Frauen ausgeliefert und überfordert. Konsequenzen sind Essensverweigerung, Depressionen bis hin zum Selbstmordversuch. Die alltäglich ausgeübte Gewalt wird von vielen Frauen als Normalität empfunden und nicht unbedingt negativ assoziiert. Wir Betreuer versuchen mit einer gehörigen Portion schwarzen Humor der psychischen Belastung entgegen zu wirken, was nicht immer allen gelingt.

Waren es Anfangs noch überwiegend Syrer, die bei uns eingezogen sind, hat sich das mittlerweile geändert. Rund 40 Prozent unserer Bewohner kommen aus dem Iran und Afghanistan, 20 Prozent aus dem Irak, der Rest aus Syrien. Das liegt daran, dass die meisten Syrer so schnell wie möglich weiter nach Deutschland oder Schweden gereist sind. Österreich war für viele dieser Leute maximal eine Notlösung, um nicht nach Osteuropa zurück zu müssen.

Viele in unserer Unterkunft würde ich daher als „in Österreich gestrandet" bezeichnen. Die Geschichten, der hier Gestrandeten ähneln sich je nach Herkunftsland sehr. Spricht man mit Syrern über ihren Fluchtgrund, fällt in erster Linie ein Name: Baschar al-Assad. Den Islamischen Staat erwähnt zumindest uns gegenüber fast niemand, eher noch die kurdischen Syrer und Iraker. Das ist insofern bemerkenswert, weil in unseren Boulevard-Medien der Islamische Staat als die Wurzel allen Übels und alleiniger Fluchtgrund dargestellt wird. Einer unserer Bewohner meinte dazu: „Der IS ist zwar wahnsinnig, aber er lässt uns zumindest unsere Häuser."

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Die relativ hohe Anzahl an Flüchtlingen aus dem Iran führt auch gelegentlich zu Konflikten mit den afghanischen Nachbarn. Viele Afghanen verstehen nicht, warum eine Generation gut ausgebildeter Menschen aus einem Land flieht, das weder in einem kriegerischen Konflikt verwickelt ist, noch katastrophale Wirtschaftsdaten aufweist. Sie sehen die Iraner als Schmarotzer und Nutznießer der derzeitigen Situation. Ich sehe das etwas differenzierter. Wer im Iran aneckt, ist gesellschaftlich erledigt. Das Regime duldet keinen Widerspruch, daran wird auch auch die Aufhebung der Sanktionen wenig ändern, darin sind sich unsere Bewohner einig.

Religion spielt unter unseren Bewohnern, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nur eine sehr untergeordnete Rolle. Viele muslimische Frauen verzichten auf das Kopftuch und das wird von den anderen Bewohnern auch akzeptiert. Wir haben auch Christen und Bahai unter unseren Bewohnern. Die meisten Konflikte, die einen religiösen Hintergrund vermuten lassen, entpuppen sich letzten Endes als Streitigkeiten aufgrund persönlicher Abneigung. Religion als Vorwand für menschliches Versagen. Ein Klassiker.

All diese Probleme entsprechen der Realität. Die Realität ist auch, dass 8 von 10 unserer Bewohner im Haus mit Begeisterung mit anpacken und sich ganz selbstverständlich an die Regeln halten.

Wie das AMS übrigens zu dem Schluss kommt, dass viele Flüchtlinge so gut ausgebildet sein sollen, ist mir ein Rätsel. Kaum einer unserer Bewohner besitzt Dokumente, die einen bestimmten Bildungsgrad oder Studienabschluss nachweisen könnten. Viele afghanische Frauen in unserer Unterkunft können zudem weder Lesen noch Schreiben, nur die wenigsten verfügen über einen Hochschulabschluss oder über eine fundierte Ausbildung, die mit österreichischen Standards vergleichbar wäre. Viele mussten ihr Studium oder ihre Ausbildung auch aufgrund des Krieges abbrechen. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass wir es hier mit dummen Menschen zu tun haben, aber hier steht uns allen noch ein steiniger Weg bevor, um diese Leute in den Arbeitsmarkt integrieren zu können.

All diese Probleme entsprechen der Realität. Die Realität ist auch, dass 8 von 10 unserer Bewohner im Haus mit Begeisterung mit anpacken und sich ganz selbstverständlich an die Regeln halten. Ihre Dankbarkeit und Freundlichkeit erinnern mich immer wieder daran, dass mein Job auch wunderbar sein kann. Damit das so bleibt, muss man diese Leute aber auch fordern und ihnen eine Struktur und Perspektive bieten.

Meine Empfehlung an alle selbsternannten Experten im Fernsehen und in den Zeitungen da draußen lautet daher: Sprecht Probleme an und lasst sie aufgrund der Lebenssituation der Flüchtenden nicht unter den Tisch fallen. Unsere Willkommenskultur darf nicht blind sein gegenüber Verfehlungen von Schutzsuchenden, aber es liegt in unserer Verantwortung, diese Menschen so gut es nur geht zu unterstützen. Sie sollen auch hier eine faire Chance haben, erfolgreich zu sein und etwas zu dieser Gemeinschaft beitragen können. 2016 wird eine Herausforderung.