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Den härtesten Entzug der Welt machst du in einem Kloster in Thailand

In Tham Krabok, Thailands klösterlichem Äquivalent zur Betty-Ford-Klinik, überwinden Abhängige ihre Sucht, indem sie wie Mönche leben und eine „reinigende" braune Flüssigkeit trinken, die sie jeden Tag exzessiv erbrechen lässt.

von Duncan Forgan
01 Juni 2015, 2:37pm

Alesha zuckt zusammen, während ein Mönch eine verstaubte Flasche entkorkt und sie über ein kleines Glas erhebt. Er gießt 25 Zentiliter einer zähen, braunen Flüssigkeit in das Glas. Alesha—ein Heroinabhängiger auf Entzug—schwitzt in der frühen Nachmittagssonne und muss würgen, bevor er die fies aussehende Mischung runterschluckt. Er spült sie mit warmem Wasser aus einem Edelstahleimer runter. Ein oder zwei Minuten später kauert er auf allen Vieren und erbricht den Inhalt seines Magens heftig in einen offenen Abfluss.

Dieses grauenvolle Ritual findet in Tham Krabok, Thailands klösterlichem Äquivalent zur Betty-Ford-Klinik, täglich statt. In der Anstalt, die 150 Kilometer nördlich von Bangkok in der Provinz Saraburi liegt, werden seit über 50 Jahren Abhängige behandelt. Sie wird als härteste Entzugsklinik der Welt angesehen.

Das Kloster bietet wenig Annehmlichkeiten. Die Unterkunft und der Entzug sind kostenlos, aber das Leben dort ist spartanisch. Die täglichen Rituale beginnen mit frühmorgendlichem Bodenkehren um halb fünf. Es gibt nur eine Mahlzeit pro Tag, die um sieben Uhr morgens serviert wird. Jeden Abend um halb sieben werden angeführt von den Mönchen rituelle Gesänge vollführt. Alle tragen die gleiche, einfache Uniform, die von den Mönchen zur Verfügung gestellt wird, und verzichten während des Aufenthalts auf ihr persönliches Hab und Gut. Mindestaufenthaltszeit sind sieben Tage, aber manche bleiben bis zu einem Monat.

Bekannt ist das Kloster besonders für seinen braunen Trank, dessen Zutaten ein streng gehütetes Geheimnis sind und der den Patienten jeden Tag nach dem Essen verabreicht wird, um massive Anfälle von „reinigendem" Erbrechen hervorzurufen.

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Die Verabreichung des pflanzlichen Brechmittels wird von Katrisha überwacht, einer älteren ausländischen Nonne in Tham Krabok, die aus London stammt. Katrisha war 20 Jahre heroinabhängig und hat selbst von der braunen Substanz profitiert. Während die Empfindung eines Heroinrauschs in der Wahrnehmung eines Abhängigen himmlisch ist, waren die ersten Tage ihres Entzugs in Thailand wahrhaft höllisch.

„Du wirst hier wirklich mit dir selbst konfrontiert, es gibt keine Ausflüchte wie im Westen", sagt sie. „Ich war lange Zeit auf Heroin, also war es kein einfacher Prozess. Ich habe mich nie für die westliche Art des Entzugs interessiert, mit Methadon oder anderen Medikamenten. Ich wollte nicht eine Droge mit einer anderen ersetzen, um es mir einfach zu machen."

Wenn sie aufhört, so hat sie sich selbst gesagt, dann für immer. „Jeden Tag meine Eingeweide in einen offenen Abfluss zu kotzen, während ich mich vom Heroin entwöhnt habe, war furchtbar. Absolut schrecklich. Aber es war echt, also habe ich mich durchgebissen."

Die unorthodoxen Methoden und die spirituelle Atmosphäre haben Tham Krabok weltweite Berühmtheit eingebracht, teilweise, weil sie so effektiv sind. Laut eines Berichts, der die Heilungsraten von 65 Langzeitdrogensüchtigen, die in das Kloster gegangen sind, analysiert hat, haben 90 Prozent der Leute, die nach Tham Krabok gekommen sind, das Programm beendet. 60 Prozent von ihnen waren auch ein Jahr später noch sauber. Das sind eindrucksvolle Statistiken, verglichen mit den Genesungsraten in westlichen Entzugszentren, die eher bei 30 bis 40 Prozent liegen. Die Genesungsrate für Teilnehmer bei den Programmen der Anonymen Alkoholiker, die die westlichen Entzugseinrichtungen dominieren, liegt sogar nur bei fünf bis zehn Prozent.

Das Entzugsprogramm entstand in den späten 1950ern, während der eisernen Herrschaft von Sarit Thanarat. Der Diktator war, was Drogen anging, ein Hardliner und unter seiner Herrschaft wurden Tausende Abhängige exekutiert. Als Reaktion darauf haben Mönche in Tham Krabok das Entzugsprogramm entwickelt und erfolgreich dafür gekämpft, es als Mittel zur Heilung von Heroin- und Opiumabhängigen einzuführen. Im Kloster werden auch Alkoholismus und die Abhängigkeit von Methamphetamin behandelt, was durch Yaba zu einem wachsenden Problem in Thailand geworden ist, einem Methamphetamin-Derivat, das sich wörtlich als „Verrücktheitsdroge" übersetzen lässt.

Seit 1959 sind über 100.000 Abhängige durch die Tore des Klosters gegangen, um zwischen goldenen Stupas und einer Sammlung riesiger sanftmütiger Buddhas zu entgiften. Wenn man am späten Nachmittag über das weitläufige Gelände des Klosters läuft, wird die ruhige Umgebung dem furchterregenden Ruf der Einrichtung nicht gerecht. Streunende Hunde liegen faul im Schatten und Mönche in roten Gewändern tuscheln auf dem Weg zu ihren Meditationsversammlungen untereinander. Im Wohnbereich spielen die Patienten Tischtennis oder klimpern Melodien auf ramponierten Akustikgitarren. Die Szenerie ist entspannt und spielerisch—aber es herrscht keine Illusionen bezüglich der mentalen Standhaftigkeit, die nötig ist, um das Beste aus der Erfahrung in Tham Krabok herauszuholen.

„Die körperliche Entgiftung ist nur ein kleiner Teil des Prozesses hier", sagt Mitrachowitsch Jewgeni, ein Koch aus dem weißrussischen Minsk, der in das Kloster gekommen ist, um seine Heroinabhängigkeit zu behandeln. „Die restliche Arbeit musst du in deinem Kopf und durch deine Taten leisten."

Auch wenn Jewgeni den Genesungsprozess als unglaublich schwer beschreibt, sagt er: „die meisten Mönche hier waren selbst früher Patienten, also gibt es ein Gefühl der Empathie und des Verständnisses. Niemand wird mit Samthandschuhen angefasst. Alles andere als das. Aber ich denke, es stimmt, dass die Atmosphäre hier eine Art der Entschlossenheit entstehen lässt, die es möglich macht, Erfolg zu haben."

Für die Psychologie zentral ist der Sajja (Schwur), der vor Beginn der Behandlung abgelegt wird. Angeführt von einem älteren Mönch versprechen die Patienten dabei feierlich, den schädlichen Substanzen zu entsagen. Als heilige Handlung, die—laut buddhistischem Glauben—„mit klarer Sicht auf das Universum" vollführt wird, wird der Sajja extrem ernst genommen. Tatsächlich wird den Patienten nur ein Versuch gewährt, in Tham Krabok zu entziehen, und der Bruch des Schwurs verhindert eine Rückkehr.

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„Du musst dich dem Sajja verpflichten", sagt Vijit Akarajitto, der stellvertretende Abt des Klosters. „Du bittest die Elemente, an deinen Schwur zu glauben, also ist absolut unverzichtbar, dass du auch vollkommen daran glaubst. Wenn du den Glauben hast, dann kann der Sajja dich mit einer eigenen Willenskraft sowie einer machtvollen spirituellen Kraft verbinden. Es kann ein Rettungsboot sein, das dich durch unruhiges Gewässer befördert."

Zurück in ihrem Zuhause am Rande des Klostergeländes genießt Katrisha, die ältere Nonne, die letzten Sonnenstrahlen. Ein Huhn pickt zu ihren Füßen, während sanfte Reggae-Klänge in den stillen thailändischen Abend dringen. Es war ein langer Tag mit Besuchen bei oft zu abgelenkten Patienten, trotzdem spricht sie mit offensichtlicher Befriedigung über das, was sie in Tham Krabok erreichen konnte.

„Ich habe es weit gebracht und ich bin stolz darauf. Ich bin hier wieder zu Sinnen gekommen", reflektiert sie. „Es gibt kein Wunderheilmittel. Du musst wirklich aufhören wollen und darauf vorbereitet sein, alles für dieses Ziel zu geben. Wenn du das nicht bist, dann wirst du scheitern. Wir sehen oft Leute, die das Kloster so behandeln, als wäre es etwas, das man im Leben mal gemacht haben müsste. Sie finden es exotisch, in Thailand einen Entzug zu machen. Die Behandlung funktioniert aber nur, wenn es der Patient ernst meint. Du kannst kein Tourist sein. Du kannst kein Opfer sein. Du musst ein Kämpfer sein."

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