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Meine Mitbewohnerin ist 85

OK, ab und zu macht sie aus unerfindlichen Gründen das WLAN aus, aber im Gegensatz zu früheren Mitbewohnern klaut sie mir kein Essen und lässt keine Socken herumliegen.

von Matteo R.
11 Dezember 2015, 4:10pm

Eine Dame, die Isides Freundin sein könnte, aber es wahrscheinlich nicht ist | Foto von Andie Schmied aus Tel Avivs Omas haben echt mehr Spaß als du

Beethovens 4. Sinfonie hört man eigentlich ständig aus dem Wohnzimmer klingen—das ist Isides Lieblingsstück. Es ist jetzt drei Monate her, seit ich bei ihr eingezogen bin. Ich habe mein eigenes Zimmer und mein eigenes Badezimmer (auch wenn Iside manchmal gerne darin duscht), aber wir teilen uns die Küche und eine ausgeprägte Vorliebe für Lachs. „Ich gehe zu einem Konzert. Warum gehst du nicht nach draußen und schnappst etwas frische Luft?", fragt sie mich. Ich antworte, dass ich noch Arbeit zu erledigen habe, und wünsche ihr einen schönen Abend.

Ich bin 20 Jahre alt und vor Kurzem für meinen Job nach Mailand gezogen. Wie alle Menschen in meinem Alter brauchte ich unbedingt eine billige Unterkunft. Ein Stammgast des Hotels, in dem ich arbeitete, kam aus Mailand, also fragte ich ihn um Rat. Er meinte, er würde sich mal umhören und mir Bescheid sagen, falls er etwas fände, das meinem Budget entspricht. Ein paar Tage später kam er zurück und sagte mir, er hätte schon etwas für mich gefunden. „Die Mutter eines Freundes lebt alleine in einem riesigen Haus in der Stadt—du kannst dort einziehen", verkündete er. „Die einzige Sache ist ... die Dame ist 85", fügte er hinzu.

Ich hielt das trotzdem für eine großartige Gelegenheit—vor allem weil ich keine Miete zu zahlen brauchte, sondern lediglich meiner Vermieterin hier und da ein paar kleine Gefallen tun musste. Schlimmer als in London konnte es sowieso nicht werden. Dorthin bin ich gezogen, nachdem ich mit der Schule fertig war. Ich wollte etwas Neues. Mein Mitbewohner war allerdings ein Drogendealer und so verbrachte ich die meisten Nächte damit, mit BBC-Dokumentationen auf YouTube gegen Panikattacken anzukämpfen, während um mich herum die Ratten raschelten und durch die Tür der Geruch von verbrannter Folie drang.

Das Haus in Mailand wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und befindet sich in einem reichen Wohnviertel. Iside war früher Geschäftsführerin einer Firma, ihr Mann ist vor zehn Jahren gestorben.

Ich erinnere mich noch an den Geruch von Orange, Zimt und Honig, der in der Wohnung hing, als ich sie zum ersten Mal betrat und wie viel Angst ich davor hatte, ihren beigen Teppich schmutzig zu machen. Iside zeigte mir mein Zimmer, das Badezimmer und die Küche. Sie verhielt sich dabei sehr förmlich—fast wie eine Immobilienmaklerin.

Alles in der Küche war in verstörend perfekter Ordnung. Ihre Töpfe waren der Größe nach sortiert. Silberbesteck, Kristallgläser, Gemälde und Möbel, deren Verkaufswert ich beim bestem Willen nicht zu schätzen vermag, dekorierten den Raum. Im Wohnzimmer stand ein großes Sofa direkt vor dem Kamin, ein riesiges Bücherregal mit alten Einaudi-Notenblättern, einem Kaffeetisch aus Glas mit Whiskey-Flaschen und direkt daneben eine Statue, die so groß war wie ich. Als ich vor dieser Statue stand, wurde mir klar, dass die kommenden Monate ein Ausflug in Absurditäten, in Klassenneid und fehlgeleitete Nostalgie sein würden.

Mit der Zeit wurden Iside und ich etwas vertrauter miteinander. Sie begann, sich weniger förmlich zu verhalten, und auch ich legte nach und nach meine Schüchternheit ab. Wir fingen sogar an, gemeinsam an ihrem langen Esstisch aus dunklem Kirschholz zu Abend zu essen. Ich sitze dabei an einem Ende des Tisches und sie am anderen—über uns hängt ihr Kristallleuchter. Wir unterhalten uns über Literatur, Philosophie und Reisen. Einmal sind wir sogar gemeinsam auswärts Mittagessen gegangen und bei einem Sandwich und einem Glas Orangensaft fragte sie mich, ob ich nicht ihre Biographie schreiben wolle. Sie ist jetzt zwar keine Baddie Winkle, aber mit Iside abzuhängen, ist trotzdem ziemlich aufregend.

Natürlich ist nicht alles immer eitel Sonnenschein. Sie hat diese kleinen Eigenheiten, die man von einer Person in ihrem Alter erwartet: Probleme mit moderner Technologie und irrationale Sorgen—sie kontrolliert immer das Verfallsdatum auf der Milchpackung, weil sie davon überzeugt ist, dass „diese Frau in dem Laden" etwas gegen sie hat. Sie empört sich außerdem ständig über das Verhalten von jüngeren Menschen. Aber was habe ich auch erwartet, als ich mich dazu entschied, mit einer 85-jährigen Dame zusammenzuziehen?

Ich hatte noch nie eine besondere Vorliebe für Senioren—aber das könnte auch daran liegen, dass ich vorher einfach noch nie so viel Zeit mit einer Person aus dieser Altersgruppe verbracht habe. Meine Großmutter mütterlicherseits ist bei einem Autounfall gestorben, als sie etwa so alt war wie ich jetzt, und ihr Mann hat die letzten zwanzig Jahre in einer geschlossenen Anstalt verbracht. Meine anderen Großeltern wohnen im Ausland und daher sehe ich sie normalerweise nur einmal im Jahr.

Ich werde ihr nie ein Enkel und sie mir nie eine Großmutter sein, aber ihre Freundschaft hat mich gelehrt, das Leben aus einem anderen Winkel zu betrachten. Mir ist auch klar geworden, dass ich Vorurteile hatte, als ich an die Sache heranging. Ich hatte geglaubt, dass ich so etwas wie ein Pfleger sein, sie in die Stadt begleiten und Besorgungen für sie machen müsste, doch dem ist nicht so.

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Selbst heute, wenn ich mit Leuten in meinem Alter darüber spreche, reagieren sie immer auf dieselbe Art: „Warum zum Teufel tust du denn sowas?", fragen sie. Sie nehmen an, ich sei so eine Art Sozialarbeiter, aber so sehe ich das Ganze eben nicht. Meine persönliche Freiheit ist durch meine Wohnsituation kein bisschen eingeschränkt. Ich sehe sie hauptsächlich abends, ich musste noch nie Einkäufe tragen und ich habe auch noch nie ihre Dritten auf dem Waschbeckenrand gefunden. Am Wochenende geht sie mehr aus als ich. Und anders als einige meiner früheren Mitbewohner, klaut sie mir auch kein Essen oder lässt ihre getragenen Socken rumliegen.

Sie sieht mich, glaube ich, als einen höflichen jungen Mann, der ihr langsam ans Herz wächst. Sie hat fünf Enkelkinder, aber sie sagt, sie sei keine gute Großmutter. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Mutter zu sein. Jetzt auch noch einen auf Großmutter zu machen, ist mir zu viel", sagte sie mir einmal. „Natürlich liebe ich meine Enkelkinder und wir sehen uns ziemlich oft, aber ich bin nicht die Art Oma, die ständig anruft. Ich will mich jetzt auf mich selbst konzentrieren", fuhr sie fort.

Wenn wir uns unterhalten, versucht sie mir nicht beizubringen, wie ich zu leben habe—auch wenn sie mir schon einmal zeigen wollte, wie man eine gute Suppe macht. Sie hat kein Problem damit, alt zu sein, und sie redet selten über die Vergangenheit. Sie sagt, sie will sich lieber auf die Zukunft konzentrieren und auf die Orte, an die sie noch reisen will. Und im Gegensatz zu mir hat sie auch keine Angst vor dem Sterben. „Wovor soll ich denn Angst haben? Das Leben passiert einfach und du kannst dir sicher sein, dass Angst es nicht aufhalten kann", sagt sie mir regelmäßig. Das von einer Frau zu hören, die jeden zweiten Tag das WLAN ausschaltet, weil „der Router ist zu heiß, das könnte einen Brand verursachen"—das hat einfach was.