Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
News

Der Aufstand in der Türkei ist noch lange nicht vorbei

Die Polizei provoziert die Leute immer weiter. Besonders nachdem der Demonstrant Ahmet von einer Gasgranate getroffen wurde und gestorben ist. Auch jegliche Homosexuellenbewegungen werden im Keim erstickt.

von Matern Boeselager
12 September 2013, 11:09am

In der Nacht zum Dienstag ist der 22-jährige Ahmet Atakan bei Protesten in der Stadt Antakya in der Südtürkei ums Leben gekommen. Er wurde offenbar von einer aus nächster Nähe abgefeuerten Gasgranate getroffen (die türkischen Polizisten haben während der Gezi-Proteste ihre Gasgranaten routinemäßig als Geschosse eingesetzt). Der Gouverneur von Antakya behauptete, Ahmet sei von einem Dach gefallen, obwohl der Obduktionsarzt diese Möglichkeit ausgeschlossen hat. In der Folge kam es auch in der Istanbuler Innenstadt wieder zu Demonstrationen, die von der Polizei in altbewährter Manier mit Tränengas und Knüppeln zerstreut wurden. Staatspräsident Abdulla Gül hat mittlerweile eine Untersuchung von Ahmets Tod angekündigt. Da ich im Moment in Berlin bin und nicht mehr vor Ort, habe ich meinen Freund Gönen angerufen, um herauszufinden, wie gerade die Stimmung in Istanbul ist.

VICE: Hey Gönen, wie sieht es gerade in Istanbul aus?
Gönen: 
Jetzt gerade ist es eher ruhig, nur auf den Taksim-Platz gehen immer wieder Leute protestieren. 

Vor allem wegen des toten Jungen in Antakya, oder?
Das ist einer der Gründe, aber es gibt noch andere Sachen. Hast du das mit den bemalten Treppen mitgekriegt [eine bemalte Treppe wurde wieder grau gestrichen, weil die türkische Polizei befürchtete, es löse eine Homosexuellen-Protestaktion aus]? Das war schon ein kleiner Aufreger. Aber jetzt ist mit Ahmet die sechste Person gestorben und niemand übernimmt Verantwortung dafür, weißt du? Sie beschuldigen keinen einzigen Polizisten und machen keine Untersuchung, deshalb werden die Leute wütend. Es geht ja um unsere Menschenrechte: Man kann hingehen und dann von einem Polizisten zusammengeschlagen werden und niemand reagiert. Deshalb gab es wieder Proteste, die Leute werden richtig wütend. Was noch dazu kommt, ist, dass sie eine Autobahn durch die Technische Universität des Mittleren Ostens (ODTÜ) in Ankara bauen wollen und dafür jetzt Bäume fällen und so weiter. Deswegen wird auch viel protestiert.

Die geplante neue Straße soll tatsächlich durch den Campus der ODTÜ in Ankara führen, wo ihr ein Wald zum Opfer fallen würde. Der Wald auf dem Campus gilt —wie der Gezi-Park in Istanbul —als eine der letzten Grünflachen der Stadt. Die Demonstrationen gegen sein Verschwinden wurden von der Polizei rücksichtslos niedergeschlagen. Am Sonntag war es in Ankara auch wieder zu Protesten gekommen, als Alewiten gegen den Bau einer doppelten Sunni-Alewi-Moschee protestierten, die sie für eine zwangs-assimilierende Maßnahme halten.

Warst du schon auf dem Platz?
Nein, aber ich habe es mir gestern live im Fernsehen angesehen. Man kann das auch online schauen, das macht so eine Agentur, ich kann dir den Link schicken. Wenn irgendwas los ist, haben die immer einen Typen mit Kamera da, der einen Live-Stream macht. Na ja, also zu den Protesten: Von meinen Freunden geht im Moment auch keiner zum Taksim. Es ist noch keine Massenbewegung wie im Juni.

Aber es gab schon wieder Zusammenstöße, bei denen die Polizei Tränengas auf die Leute geschossen hat.
Ja, Tränengas und Gummigeschosse, wie man das kennt. Also, das sind schon viele Leute, aber mehr so Studenten und vor allem linke Gruppen, habe ich das Gefühl. Aber ich glaube, dass es bald wieder richtig losgehen wird, weil die Universitäten nächste Woche wieder öffnen. Dann fangen die ganzen Kurse wieder an und die Leute kommen alle aus ihren Heimatorten zurück nach Istanbul. Wie gesagt, ich glaube, nächste Woche wird es deutlich mehr Proteste geben.

Wie war es denn im letzten Monat? War das Thema noch sehr präsent, wird noch viel über Gezi-Park geredet?
Ja, es war oft in den Nachrichten, aber es war nicht so groß wie vorher. Also, die Leute haben nicht gesagt: „Yeah, lasst uns auf den Taksim gehen und demonstrieren!“ In allen Universitäten wurden kleine Räte gebildet, wo sich die Leute treffen und diskutieren und neue Ideen austauschen. Wir werden sehen, wie das nächste Woche weitergeht.

Treffen sich die Leute immer noch in den Parks?
Nein, das ist jetzt mehr in den Universitäten passiert. Außerdem waren eben echt viele Leute für die Ferien weg, es war schon wieder ziemlich Normalität eingekehrt. Wir werden sehen. Aber die Regierung provoziert die Leute immer wieder mit kleinen Sachen.

Wie das Verbot, in Kiosken nach 22 Uhr Alkohol zu verkaufen.
Ja, genau. Aber das ist ja erst seit gestern in Kraft. Das haben die Leute noch nicht so bemerkt. Ich habe mit einem Kioskverkäufer geredet, der war echt richtig sauer. Die verkaufen den meisten Alkohol nach 22 Uhr, das bedeutet für die einen enormen Verlust. Gestern habe ich es noch nicht ausprobiert, aber wenn ich heute ausgehe und ein Bier will, dann wird das schwierig.

Geh lieber jetzt los und kauf dir ein paar.
Ja, so wird das wohl laufen müssen. Wenn die Leute das erstmal merken, werden sie bestimmt noch mal richtig sauer.

Danke Gönen!

Fotos von Olcay Kabaktepe, Nazim Serhat Firat and Osman Nuri Iyem

Mehr zum Thema:

The VICE Reports – Folge 13: Politische Protestformen

Türkische Protestmusik gegen Erdoğan

Der Bruder eines getöteten türkischen Demonstranten packt aus