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Ein Tag mit ... Cro

„Den Sexismus dieser Veranstaltung zu verdrängen ist unmöglich.“—Was passiert, wenn ein Deutscher Popstar für die ganze Familie wie Cro im Schwabenland mit der Presse im Schlepptau auf Big Pimpin macht?

von Sascha Ehlert
28 Oktober 2016, 10:28am

Alle Fotos: Chimperator

(Dietrich) Mateschitz, der reichste Mann Österreichs, besitzt ganze Hangars voller Flugzeuge. Sein Lieblingsflieger aber ist eine rot-blau-chrom-farbene Douglas DC-6, gebaut kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Einsam wartet die Maschine auf dem verwaisten Flugfeld des weiterhin unfertigen, neuen Berliner Flughafens. Auf mich, auf uns, auf Cro. Der ist natürlich wieder mal zu spät, weil er immer zu spät kommt. Was er und sein Umfeld gerne betonen. Es passt zum öffentlichen Bild des ewig jugendlichen Tunichtguts, der eigentlich nichts macht außer in der Luft rum gucken, malen und ab und zu paar Songs. Ein Traumleben, unbekümmert, das wirkt an Cro so anziehend. Denn passend dazu klingt auch seine Musik: federleicht. Sollen die anderen sich in Melancholie und Pathos suhlen, Cro zelebriert weiter das Jungsein und versteckt sein wahres Ich hinter einer Maske. Man kennt Carlo Waibel nicht, obwohl es längst eine „Biografie" und jetzt auch einen Kinofilm gibt. Auch im Cro-Kinofilm „Unsere Zeit ist jetzt"​ bleibt der Panda in erster Linie eine Projektionsfläche, eine Maske ohne Vergangenheit, mehr ein Symbol fürs Jungsein als eine greifbare Person.

In der DC-6 sitzen mittlerweile ein gutes Dutzend Menschen, die meisten verkatert: Gestern war in Berlin die erste Filmpremiere von „Unsere Zeit ist jetzt". Die Schauspieler hängen in den plüschigen Vintage-Sitzen. Sonst im Flieger: Labelmitarbeiter, Mateschitz-Angestellte, prominente HipHop-Interviewer, ein Instagram-Profi (der sich selbst unsicher ist, warum er auf diese Reise eingeladen wurde) und ich—oder kurz: die Youtuber-/ Influencer-/ Reporter-Fraktion. Nach einer halben Stunde steigt Cro, dann sein Bodyguard Freddie, dann seine Entourage in den Flieger. Man dreht eine Runde im Flugzeug, eifriges Händeschütteln. Cro trägt keine Panda-Maske aber dafür ein komplett Creme-weißes Outfit und drüber einen (Fake?) Pelzmantel, grinst und sagt: „So lebt es sich also als Filmstar." Ich werde im Laufe des Tages nicht allzu viel mit ihm reden, habe aber nicht das Gefühl, dass er sich groß verändert hat, seitdem ich ihn 2011, zwei Monate vor „Easy", zum ersten Mal traf. Charmant, gut gelaunt, alles was hinter der Oberfläche lauern könnte gut verschleiert. Das nun ein ganzer Kinofilm auf seiner Kunstfigur basiert, mit großem Budget und Til Schweiger (leider nicht mit an Bord) in der Rolle des abgehalfterten, lasterhaften Alt-Pandarappers, scheint ihn nicht weiter zu jucken. Während er entspannt mit seiner Band auf der Couch lümmelt, staksen diejenigen, denen nicht übel ist—eine Maschine aus den Vierzigern fliegt deutlich unruhiger als ein moderner Urlaubsflieger—nach und nach Richtung Cockpit, um das einmalige Erlebnis sozialmedial zu verwerten.

Club Sandwiches und Champagner wären jetzt dem Anlass angemessen, denke ich. Während sich die viermotorige Propellermaschine ruckelnd und zuckelnd auf Flughöhe schraubt, fangen die Stewardessen an, Red Bull und Wasabi-Nüsschen zu verteilen. Rock'n'Roll à la Germany. Basti, einer der Gründer der langjährigen Stuttgarter Indie-HipHop-Instanz Chimperator, bei der Cro unter Vertrag steht, kündigt an, man habe sich für die Stunden vor der Filmpremiere was Besonderes ausgedacht. Er erzählt von einer Villa, von einer traumhaften Aussicht und von gegrilltem Fleisch. Ich träume von einem Whirlpool voller Dom Pérignon.

Als wir in Stuttgart-Echterdingen gelandet sind, erwartet uns auf dem Rollfeld bereits eine ganze Flotte schwarzer Vans mit getönten Scheiben. Das wiederum sieht nach Hollywood aus. Eine halbe Stunde später schraubt sich unser Wagen die Serpentinen am Rande des Stuttgarter Kessels hoch. Dann parken wir auf einer kleinen Straße in einem Viertel, das wie eine schwäbische Version der Hollywood Hills anmutet. Der Blick auf die Stadt ist tatsächlich famos, als ich aussteige blicke ich zudem auf eine Architekten-Villa im Post-Bauhaus-Stil. Rooz allerdings steuert rückwärts, die Kamera vor dem Gesicht, eine Einfahrt auf der anderen Straßenseite an. Vor dem Gebäude stehen Sicherheitsleute. Der Bau selbst ist eher so Marke Fertighaus, zwei äußerlich schmucklose Stockwerke, am Hügel gebaut. Eine Mietvilla. Es riecht nach gegrilltem Fleisch. Als ich nach der Toilette frage, weist man mir den Weg ins Souterrain, wo ich unvermittelt in eine Gruppe junger Frauen stolpere. Die kommen gerade aus einem Zimmer auf dem steht: „Umkleide GIRLS". Zwei weitere Mädchen verlassen das Zimmer, im Bikini. Der Eingang zur Toilette befindet sich einen Raum weiter, im Badebereich. Dort: ein mit Wasser gefüllter Whirlpool, ein etwas größerer Swimming Pool, eine Sauna, ein großes Himmelbett und noch mehr junge Damen in Badekleidung. Die meisten sehen aus, als wären sie höchstens 21. „Seid ihr gemietet oder freiwillig hier?" möchte ich eigentlich fragen, aber allein der Gedanke fühlt sich ungehörig an, also auf zum Grill. Zwischenfazit: Es kann nur besser werden.

Eine halbe Stunde später kreisen Joints. Die Cro-Entourage gammelt am Rande auf Sitzbänken und Liegen, es gibt Alkohol—kein Champagner, aber immerhin: Wodka mit Spezi. Das sollte helfen, um die Szenerie zu ertragen. Es ist wie in der 5. Klasse: Hier die Mädchen, da die Jungs. Während die Damen ihr bestes geben, um Spaß zu haben, mit Wasserpistolen ballern und planschen, gucken die Jungs betreten ins Rund. Also bis auf Carlo und Freddie. Ersterer sitzt im Whirlpool und scherzt mit den Mädchen, sein Bodyguard versucht uns mittels Super Soaker und aufmunternden Sprüchen zum Mitmachen zu animieren—zwecklos. Offenbar bin ich nicht der einzige, der sich inmitten des herbei inszenierten Rapvideo-Szenarios schräg fühlt. Vielleicht stören auch einfach wir Medienvertreter, auf jeden Fall hat das hier nicht viel mit Sex und Koks-geschwängerten Exzessen aus irgendwelchen Rockstar-Lebensbeichte-Büchern zu tun. Eher mit einem Kindergeburtstag von Zöglingen reicher Eltern. Ich wünsche mir, dass endlich IRGENDETWAS passiert. Der Rapper Danju schaut traurig ins Leere.

Halbnackte Models tapsen zwischen angekleideten Typen umher: den Sexismus dieser Veranstaltung zu verdrängen ist unmöglich, auch wenn keiner hier den Damen etwas Böses will. Sexismus kann man auch dem Cro-Film „Unsere Zeit ist Jetzt" ankreiden. Zwar ist einer der Protagonisten eine Frau, aber dafür alle anderen weiblichen Schauspielerinnen in dem Film nur schmückendes Beiwerk: persönlichkeitslos, simpel gestrickt, aber gut aussehend und meistens mit wenig an. Mal abgesehen davon mag der Film tatsächlich gute Unterhaltung für Kids und Teens bieten, das Frauenbild aber bleibt antiquiert und ja, so provinziell wie unser Nachmittag am Pool, der genau wie viele deutsche Filme daran scheitert USA-geprägten Entertainment-Idealen nachzueifern. Mit denen bin ich auch aufgewachsen; definitiv habe ich mit 14 mir auch mal vorgestellt, wie ich mit Jay-Z, Damon Dash und den schönsten Frauen der Welt auf einer Yacht rumhänge, 5.000 Euro-Champagner aus der Flasche trinke. Jetzt, mit 28, finde ich das alles ziemlich unerotisch.

Als ich Carlo später am Abend wiedersehe, trägt er seine Panda-Maske, ist zu Cro geworden. Wobei sich das an diesem Tag kaum trennen ließ, präsentierte sich der Panda doch vor uns Journalisten auch ohne seine Maske als der sorglose Gute-Laune-Bär, den seine Fans lieben. Nah gekommen ist ihm keiner von uns, überhaupt scheint diese Form der Nähe im System Cro nicht eingeplant. Das ist konsequent und auch bewundernswert in einer Pop-Gegenwart, in der die allermeisten Künstler den Bedürfnissen ihrer Fans nachkommen und via Snapchat, Instagram und Interviews ständige Fan-Nähe suggerieren.

Als Cro nun kurz vor der Stuttgart-Premiere von „Unsere Zeit ist jetzt" durch die Reihen der zum Kinosaal umgebauten Lagerhalle schreitet, tuscheln die Kinder und Jugendlichen, die hier dabei sein dürfen. Nachdem Ende des Films, auf dem Weg nach Draußen, blicke ich in viele lächelnde Gesichter.

Es ist mittlerweile fünf Jahre her, dass ich Cro zum ersten Mal interviewt habe. Damals war er ein junger Kerl, der noch nie ein Interview gegeben hatte, dementsprechend unsicher wirkte, sich aber einer Sache sicher war: „Ich will nicht, dass ihr wisst, wer ich bin." Es imponiert mir, dass er diesen Grundsatz bis heute beherzigt. Ich habe Cro seitdem mehrfach in beruflichen Kontexten getroffen und interviewt, aber weiß immer noch eigentlich nichts über den Menschen hinter der Maske. Auf eine diffuse Art, die ich schlecht erklären kann, ist er mir trotzdem sympathisch. Zweifellos bewundere ich auch sein Peter Pan-haftes Auftreten in der Öffentlichkeit. Genau diese zur Schau gestellte Sorglosigkeit wird ihm von seinen Kritikern häufig vorgeworfen und sie ist die einzige Schwäche des Systems Cro, weil sie kein Hinterfragen der eigenen Darstellung zulässt.

Als Cro sich auf der Premierenparty an mir vorbei schlängelt nickt er mir kurz zu. Mir fällt auf: Wir haben heute nur eine handvoll Sätze gewechselt. Ich denke kurz, ich sollte ihn noch irgendwas fragen oder ihn zumindest zur geglückten Filmpremiere beglückwünschen, aber dann ist er schon weg. Er klettert auf einen Tisch, um das rauchende und quatschende Volk dazu zu animieren, jetzt doch mal zu feiern und zu tanzen. Er hat keine Maske mehr auf, aber in Stuttgart scheint mittlerweile ohnehin jeder zu wissen, wie dieser Cro hinter der Maske ausschaut. Zumindest fällt keiner der Anwesenden in Ohnmacht. Während die meisten Partygäste Carlo folgen, bestelle ich mir ein Taxi.

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