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Drogenpolitik nicht genügend. Setzen.

Es ist ein Zustand mit den "neuen psychoaktiven Substanzen" a.k.a. Badesalz a.k.a. Pflanzendünger a.k.a. Schweineentwurmungsmittel. Ein noch größerer Zustand ist es mit dem dazugehörigen Gesetz.
20 August 2013, 12:45pm

Foto via Flickr

Gestern Nachmittag übertönte ungewohntes, unschönes Geschrei die fast ebenso atonale, aber dafür gewohnte Straßenmusik, die sonst den ganzen Tag lang durch mein Arbeitszimmerfenster dringt. Anscheinend hatte es sich jemand zum Ziel gesetzt, eine hippieesk gedudelte Straßengitarristen-Version von „Let it Be“ durch unheiliges Röhren zu übertönen.

Ich machte mich sogleich auf den Weg nach unten, um diesen Helden der angewandten Musikkritik in Augenschein zu nehmen – aber was ich dort vorfand, war ein bis über die Halskrause zugedröhnter Irrer, der oben ohne sein kaputtes Fahrrad durch die Fuzo schob und gerade Streit suchte. Seine gesungene „Kritik“ brachte er im Abstand von 20 Zentimetern vom Gesicht des Musikanten entfernt an und deutete mit der freien Hand auf Kopfhöhe von Passanten Faustschläge an. Zum Glück war er aber viel zu dicht, um echten Schaden anzurichten, und so ließ man ihn ziehen, gehüllt in ein Douglas Adams'sches Other-People's-Problems-Feld.

Ich hab dem Typen kein Haar ausgerissen um es wirklich feststellen zu können,  was den guten Mann geritten haben muss, aber es handelt sich wohl um eine der Rauschgift gewordenen Folgeerscheinungen des Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetzes von 2012, dem aktuell letzten in der an Betriebsunfällen nicht armen österreichischen Drogenpolitik. Dieser Betriebsunfall betrifft aktuell - zumindest, soweit der oberflächliche Augenschein was hergibt - Graz mehr als andere österreichische Städte. Ein Sozialarbeiter hier erzählte mir kürzlich, er mache die "Badesalze" (siehe weiter unten) dafür verantwortlich, dass er in letzter Zeit mehrere junge Leute richtiggehend dabei zusehen konnte, wie sie innert weniger Wochen paranoide Psychosen entwickelten - "viel schneller als wenn sie zum Dauerkiffen anfangen. Eine mögliche Erklärung, wie dieser Betriebsunfall zu stande gekommen ist, folgt hier:

All die schönen und die weniger schönen Rauschmittel (außer Alk), die es „immer schon“ gab, waren in Österreich auch „immer schon“ (bzw. aktuell nach dem Suchtmittelgesetz von 1997) verboten.

Aber die Menschheit will sich zudröhnen. Ganz einfach weil das Leben seit Anbeginn der Tage genügend gute Gründe dafür bietet.

Die Wissenschaft, beste und nobelste aller Unternehmungen der Menschheit, schreitet unaufhaltsam fort. Konkret: Es wurde so um die Jahrtausendwende ziemlich simpel, das Suchtmittelgesetz zu umgehen, indem an der chemischen Struktur vorhandener Substanzen so herumgedoktort wurde, dass das Ergebnis gerade nicht mehr illegal war. Was natürlich den Nachteil mit sich brachte, dass Substanzen in Umlauf kamen, über deren genaue Wirkung und Langzeitfolgen keine Erfahrungswerte vorlagen. Adieu LSD, adieu Speed, hallo Legal High...

Foto via Flickr

Eine der letzten Substanzen, die, als "Dünger" oder "Badesalz" in Umlauf gebracht, noch nach dem alten Suchtgiftgesetz behandelt und als einzelne Substanz verboten wurde (nämlich im Jahr 2010), war Mephedron.

Geschichtsexkurs: Der schönste Satz aus dem Standard-Artikel, der kurz vor diesem Verbot erschien: „Mitglieder der Jungen ÖVP Graz hatten in der Vorwoche beobachtet, wie ‚in der Zeit zwischen 18.00 und 20.00 Uhr etwa fünf Jugendliche in der Minute’ in das Geschäft gingen und Mephedron erwarben.“ Man liest's und stellt sich mit Freuden vor, wie die selben Mitglieder der jungen ÖVP nach erfolgreicher Hilfssherriff-Phantasie-Auslebung zum Wirt'n auf drei bis fünf ganz legale Achterl gegangen sein müssen. Und wie sie dort auf das Verbot aller Drogen anstießen.

Wie schon Paul Muad'Dib Atreides wusste: das Spice muss fließen. Das Geschäft mit den „Badesalzen“ und „Kunstdüngern“ ging munter weiter, bloß enthielten die nun anderes Zeug als ausgerechnet Mephedron. Geschäftstüchtige Laborassistenten irgendwo in der Welt konnten sich für kurze Zeit mit dem Abfüllen von Forschungschemie-Abfällen dumm und deppert verdienen (zumindest hoffen wir das stark für sie). Bloß was da verklopft wurde, variierte stark. Vom Schlafmittel über die trickreichen chemischen Variation des verboteten Mephedron, bis hin zu synthetischem Koffein oder auch mal einem Entwurmungsmittel für Schweine war fast alles dabei, was an chemischen Verbindungen stabil ist und sich als Pulver verkaufen lässt.

Nun könnte man sagen: Wenn die KonsumentInnen blöd genug sind, sich Sachen reinzupfeifen, deren Wirkung so vorhersehbar ist wie das Spielzeug beim Überraschungsei – fein. Darwin Awards await. Oder man – das heißt, die gesetzgebende Körperschaft der Republik Österreich, der Nationalrat, in all seiner Weisheit – sucht nach einem Weg, das ganze Klumpert auf einmal zu verbieten. Dieses Letztere zeitigte ein Ergebnis, und zwar das erwähnte „Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz“.

Natürlich haben nicht ALLE Badesalze auch eine berauschende Wirkung.

Dieses Gesetz besagt sinngemäß, dass es dem Gesundheitsministerium freisteht, nicht nur einzelne Substanzen, sondern ganzen chemische Substanzgruppen per Verordnung als "psychoaktiv" zu deklarieren (selbst, wenn einzelne Substanzen in der Gruppe dies de facto nicht sind) und damit zu verbieten. Wer diese Substanzen dann nachweislich zu einem anderen Zweck besitzt (zum Beispiel eben zum Schweine-Entwurmen), hat nix zu befürchten. Doch werden sie verkauft oder besessen, um „zur Erreichung einer psychoaktiven Wirkung im menschlichen Körper angewendet“ zu werden, so ist das verboten.

Wir fassen zusammen (und uns an den Kopf): Die bekannten, "klassischen" Drogen waren zwar mitunter auch kein Lercherl, aber man weiß über sie (Nutzer-, Bullen- und Medizinerseitig) zumindest Bescheid. Österreich fuhr lange Jahre eine so sinn- wie einfallslose Prohibitionspolitik gegen sie. Aus dem Versuch, diese Prohibitionspolitik – nicht nur hierzulande – zu umgehen, resultierten neue Drogen über die aber niemand so genau Bescheid weiß. Weder was die Dosierung, das High noch die Langzeitwirkung betrifft. Diese Substanzen sind  jetzt, legal oder illegal, halt leider in der Welt und werden auch nicht mehr einfach so verschwinden. Die Lösung: Ein Gesetz, das den Vollzugsorganen telepathische Fähigkeit unterstellen muss (wie sonst wollten sie die Intentionen von Leuten erkennen), wenn es Sinn ergeben soll. („Was wolltest du mit dem Dolche, sprich?“ – „Erdäpfel schälen. Was schert es dich?“) Hurrah! Wieder was verboten! Ein weiterer Geschäftszweig für die Mafia!

Die einfachere Lösung wäre natürlich: Den ganzen Scheiß – von der Kiffe bis zum H – erlauben, gegebenenfalls apothekerpflichtig machen, jedenfalls ein Lizenz-System für alle Produzenten von kontrollierten Substanzen einführen und die Preise damit unten halten. Keine Mafia – kein Problem.

Wer dann noch glaubt, sich Schweineentwurmungspillen in die Nase ziehen zu müssen, ist eh gestraft genug.

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