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Musik

Chelsea Wolfe hat nichts zu lachen

Sie ist interessanterweise besonders in Metalkreisen beliebt, vielleicht, weil sie ab und zu eine Burzum-Nummer covert.

von Deborah Katona
08 Mai 2012, 10:35am

Die These, künstlerische Schöpfung sei bedingt durch ihre Umgebung, kann einen manchmal in die Irre führen. Zwei Alben hat Chelsea Wolfe bereits veröffentlicht. Auf keinem wirst du auch nur die Andeutung ihrer Herkunft aus dem widerlich sonnigen Kalifornien finden. Sie inszeniert sich lieber als hexen- bzw. elfenartiges Gothic-Fräulein mit Hang zu Melancholie und schwermütigen Texten. Zugegeben, man kann das natürlich als überdeutliche Standortbestimmung lesen. Denn wie sonst soll man ein Leben in L.A. ausgleichen, wenn nicht durch die Flucht ins Reich der Finsternis? Wolfes Folk-Variante erfreut sich interessanterweise besonders in Metalkreisen großer Beliebtheit, was vielleicht damit zusammen hängen könnte, dass sie hin und wieder mal eine Burzum-Nummer covert. Aber auch ansonsten wurde sie in den letzten Monaten zum It-Girl der eher schattigen Genres hochgejubelt. Ein Grund zur Freude ist so ein Hype natürlich noch lange nicht. Zumindest nicht für Chelsea Wolfe.

VICE: Du hast nicht so viel zu lachen, oder?
Chelsea Wolfe:
Naja. Wenn es natürlich passiert, dann macht mir Lächeln nichts aus. Aber ich pose zum Beispiel nicht gerne für Bilder. Ich verhalte mich lieber normal—oder besser gesagt: bin einfach ich. Fake-Lächeln ist schrecklich.

Aber das wäre witzig bei dir, weil es keiner erwartet. Ich meine, du hast den Titel „witchy goth music princess“ bekommen.
Ich weiß, dass Leute alle Künstler definieren müssen. Für den Künstler selbst ist es sehr schwierig, Kontrolle darüber zu behalten. Ich empfinde mich selbst nicht als „witchy goth“. Aber es gibt sicherlich mehrere Gründe für den Titel: Die visuelle Ästhetik zum Beispiel, die mir gefällt. Die assoziieren Leute wohl mit Hexe und Gothic.

Aber du provozierst diese Assoziationen zur Düsternis doch.
Nein, wirklich nicht! Ich interessiere mich für die meisten Dinge nicht, die Leute mit mir in Verbindung bringen. In meinem normalen Leben bin ich eine ziemlich glückliche, ausgeglichene Person. Meine Inspiration finde ich in düsteren Dingen. Für mich ist das sehr realistisch und ich denke, dass die Welt wirklich so ist. Es passieren beschissene Dinge—sowohl in deinem eigenen Leben als auch in fremden Ländern. Dieser Art der Dunkelheit fühle ich mich verbunden. Aber mit mir läuft nichts falsch in dem Sinne, dass ich mich für okkultes Zeug interessiere. Ich trage einfach gerne schwarz—besonders auf der Bühne. Das schafft Klarheit.

Früher hast du einen Schleier auf der Bühne getragen ...
Ja, es ging mir dabei um die Ästhetik. Ich wollte aussehen, als würde ich gerade trauern und wäre sehr traurig über alles, was ich gerade singe. Es sollte meine Musik visuell repräsentieren. Ich mag Kopfbedeckungen, Gesichtsschmuck und solche Sachen. Aber dann wurde es irgendwann fast zu etwas, ohne dass ich nicht mehr auftreten konnte. Ich habe kein Lampenfieber, bin der Gesellschaft gegenüber aber sehr ängstlich und nicht so gerne unter Leuten. Auftritte finde ich manchmal ziemlich schwierig. Deswegen brauchte ich den Schleier als Barriere zwischen mir und dem Publikum. Im Endeffekt wurde mir aber klar, dass ich darüber hinweg kommen muss.

Stehst du auf Extreme?
Ich mag Kontraste. Meine Texte können zum Beispiel sehr schroff und realitätsnah sein und nichts beschönigen. Aber dann mische ich das mit einer leichteren Melodie, damit es nicht so hart klingt. Ich kann mich sowieso nicht für ein Genre entscheiden. Ich habe mit Folkmusik angefangen, aber auch mit Rock'n'Roll und elektronischer Musik. Ich denke, mein nächstes Album wird alle Aspekte der Musikstile vereinen, die ich mag. Im Moment benutzen viele Musikerinnen Inhalte, die als „düster“ angesehen werden. Ich war aber schon immer so und würde mich selbst keiner Bewegung zuschreiben. Ich spiele normalerweise auch nicht mit Künstlern zusammen, die sich in solchen Gruppen aufhalten. Ich bin schon immer meinen eigenen Weg gegangen.

Du bezeichnest dich als Eremit.
Ja, aber es wird besser. Ich versuche auch, mich in Gesellschaft wohler zu fühlen. Aber ja, ich bin in gewisser Weise ein Einzelgänger. Ich war schon immer ziemlich schüchtern.

Wie war es in der Schule?
Ach, öffentliche Schulen sind doch eh totaler Scheiß. Ich war mit den ganzen Außenseitern und Losern befreundet.

Warst du ein Streber?
Hm, Durchschnitt, Ich war richtig schlecht in Mathe, aber gut in Englisch.

In deinem Song „Mer“ heißt es: „How can you live with yourself?“
Ja, der Song dreht sich um die Scheiße, die auf der Welt vor sich geht—in der Politik, im eigenen Leben, überall. Kinder, die als Sexsklaven arbeiten müssen, zum Beispiel. Dinge, die in meinem Kopf herumgeistern und die mich frustrieren. Aber es fühlt sich so an, als könnte ich nichts dagegen tun. Deswegen lebe ich mein Leben einfach so weiter. In dem Song geht es um die Frustration, die dabei entsteht.

Rosa Luxemburg soll ja der Meinung gewesen sein: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Ich will mich schon auch in Gruppen oder so einbringen, so weit mir das möglich ist. Aber es geht da um eine generelle Frage. Ich dachte beim Songschreiben nicht unbedingt an mich, sondern eher an die Leute, die schon mächtige Positionen inne haben und dann ihre Augen vor der Elend verschließen. Ich kann einfach nicht glauben, dass in einem Land wie Amerika noch immer Armut existiert.

Chelsea Wolfes Apokalypsis ist bei Pendu Sound erschienen.

Fotos von Grey Hutton