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Fotos

Die verstoßenen Kriegsgefangenen

Bis zu 13 Millionen Zwangsarbeiter schufteten für die Nazis und wurden bei ihrer Rückkehr als Vaterlandsverräter geächtet. Nun leben sie in bitterer Armut.

von Fabian Burkhardt
02 Dezember 2011, 12:00am

Bis zu 13 Millionen Zwangsarbeiter plackten zwischen 1939 und 1945 für die Nazis. Über 3 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener starben durch Hunger, Krankheit oder Kälte.
In Armenien, eine der 15 Ex-Sowjetrepubliken, im Südkaukasus gelegen und eines der ärmsten Länder des europäischen Kontinents, leben noch einige von ihnen. Nach Kriegsende 1945 wurden die Rückkehrer in der Sowjetunion als Vaterlandsverräter geächtet, heute leben in Armenien viele in bitterer Altersarmut.

Diese Fotos entstanden im Rahmen der Ausstellung „Armenier und der Krieg 1941 bis 1945 – Erinnerungen an Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit und das Leben danach“, die bis Ende November im Haus der Geschichte des Landes Baden-Württemberg in Stuttgart lief. Wir hatten das Glück, mit den letzten Überlebenden dieser Zeit sprechen zu können.


Angelina
wurde 1931 im armenischen Wanadsor geboren und zog 1940 in das südrussische Noworossijsk um. Die Gegend fiel unter deutsche Besatzungsherrschaft, Angelina wurde mit ihren Geschwistern, Mutter und Großmutter ins Deutsche Reich deportiert, wo sie auf einem Bauernhof in der Nähe von Ilsfeld arbeitete. Heute träumt sie von einer Reise ins türkische Kars, der Heimat ihres Vaters.


Suren, der 1927 geborene Bruder von Angelina, erinnert sich besonders an den beschwerlichen Transport ins Deutsche Reich. Oft kamen die Zivilisten unter Beschuss, ob bei der Schiffsüberfahrt von Anapa auf die Krim, auf den langen Fußmärschen oder in den Güterwaggons, in denen sie „wie Heringe“ eingequetscht verfrachtet wurden. Auch er arbeitete auf einem Bauernhof. Das zerbombte Heilbronn wird er ein Leben lang nicht vergessen können.


Aschot
, Geburtsjahr 1919 bei Idschewan, verrichtete Zwangsarbeit auf einem Bauernhof und in Bergwerken, nachdem er bei der Schlacht um den Festungshafen Sewastopol auf der Krim zusammen mit 97.000 anderen sowjetischen Soldaten in Gefangenschaft geraten war. Um jeden Preis sollte General von Manstein Sewastopol einnehmen. „Die Zahl der Toten und deren Gestank war so groß, dass in Gasmasken gekämpft wurde“, erinnert sich Aschot.


Azat, geboren 1920 bei Gjumri, geht davon aus, dass ihm seine Leidenschaft fürs Zeichnen und Malen das Leben gerettet hat. Er verrichtete als Kriegsgefangener Zwangsarbeit in einem norwegischen Nordpolarhafen, wo er Porträts für die Wachsoldaten anfertigte. Nach der Rückkehr arbeitete er lange Jahre als Chefdesigner für die weltberühmte Brandyfabrik „Ararat“ in Eriwan, von der schon Winston Churchill geordert haben soll.


Grigor behauptet, er fürchte sich vor nichts. 1923 im aserbaidschanischen Baku geboren, geriet er an seinem Geburtstag, am 24. September 1942, im Nordkaukasus in Gefangenschaft, nachdem sein Schützengraben von einem Panzer überrollt worden war. Vier Mal versuchte er, der Zwangsarbeit im Deutschen Reich zu entkommen, beim letzten Versuch konnte er sich britischen Einheiten ergeben. Als er davon hörte, dass ihm bei einer Rückkehr in die Sowjetunion Straflager drohte, gab er zur Antwort: „Sibirien ist auch meine Heimat“. Er wurde jedoch zu zwei Jahren Wehrdienst in der sowjetischen Besatzungsarmee in Ostdeutschland abkommandiert, wo sich die Deutsche Erna in ihn verliebte.


Nina wurde 1929 in Kertsch auf der Krim geboren, ihre Eltern waren 1915 von einem russischen Schiff aus dem Osmanischen Reich auf die Krim evakuiert worden. Sie selbst wurde deportiert, als die Wehrmacht sich von der Krim zurückzog. Bis zum Kriegsende arbeitete sie in einem Wirtshaus in Künzelsau. Heute lebt Nina alleine in Eriwan, ihre einzige Tochter ist nach Kanada ausgewandert. Zum letzten Mal war sie 1988 auf der Krim, seither konnte sie sich die Fahrt nach Kertsch nicht mehr leisten. Ihr größter Wunsch ist es, ihren Lebensabend in ihrem Geburtshaus auf der Krim zu verbringen.


Schakar, Geburtsjahr 1920, geriet gleich zu Kriegsbeginn in Gefangenschaft und verbrachte an die zwei Jahre in einem weißrussischen Lager. Er habe alles getan, was ihm angewiesen wurde, man musste sich unterordnen. „Sie gaben uns gesalzenen Fisch zum Essen, ohne Wasser. Diejenigen, die gesalzenen Fisch aßen, starben alle, ich lehnte ab und aß nur Kartoffelschalen und konnte so überleben. Ich magerte ab, hungerte und konnte kaum laufen, war krank.“ Über einen Gefangenenaustausch kam er in Polen frei. Von der Sowjetunion wurde er zu Lagerhaft verurteilt, erst 1958 kehrte er mit seiner Frau aus der Verbannung im sibirischen Tschita nach Armenien zurück.


Wahe hat trotz seiner strapaziösen Lebensgeschichte ein Ziel: Er will als ältester Mensch der Welt ins Guiness-Buch der Rekorde. Gute Vorraussetzungen hat er schon einmal, er ist ausgezeichnet als ältester Läufer Armeniens und hält sich an eine streng vegetarische Diät. 1920 wurde er in Konstantinopel geboren. In der Kiewer Kesselschlacht geriet er mit rund 600.000 Rotarmisten in Gefangenschaft. Bis Kriegsende verrichte er Zwangsarbeit in einem Ludwigshafener Hüttenwerk. Nach der Repatriierung wurde er zu 15 Jahren Gulag verurteilt, 1955 kehrte er nach Armenien zurück. Sein Lebensmotto: „Ich bin ein Internationalist. Ein Mensch ist ein Mensch, es spielt keine Rolle, ob er Armenier, Russe oder Franzose ist. Der Mensch ist Mensch, mit diesen Worten ist alles gesagt. Hab' ich recht?“


Wanik, geboren 1922 im Bezirk Aschtarak, geriet im September 1941 südlich von Leningrad in Gefangenschaft. Die Kriegsgefangenschaft bezeichnet er als einen Alptraum, er erkrankte an Flecktyphus und einer Lungenentzündung. Er erinnert sich: „Wenn es aus einer Gruppe einen Fluchtversuch gab, dann mussten wir uns in einer Reihe aufstellen. Antreten! [auf Deutsch]. Antreten. Die Wachleute fingen an abzuzählen: 1, 2, 3, Vierter: Austreten! Drei, vier Gefangen wurden so ausgewählt, je nachdem, wie es den Wachleuten beliebte. Diese wurden dann auf der Stelle erschossen. Dreimal ging so der Kelch an mir vorbei. 1,2,3,4. Ich war der Dritte. 1,2, Dritter: austreten, ich war der Zweite.  Sie wollten uns moralisch brechen. „Jetzt bist du dran, jetzt bist du dran.“
Nach der Befreiung und Übergabe an die Sowjets war er bis 1955 im Fernen Osten in Lagerhaft. Seine Lebensgeschichte hielt er in der Autobiografie Leben hinter'm Stacheldrahtzaun fest.

 

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