Die Montagsdemo ist unangenehm geworden

Letzte Woche bin ich auf der Montagsdemo vor Langeweile fast eingeschlafen, diesmal haben mich eine Menge alte und neue Nazis davon abgehalten.

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Mai 6 2014, 2:21pm

Letzte Woche haben wir zum ersten Mal über die Montagsdemo bzw. Mahnwache am Brandenburger Tor berichtet.  Danach hat sich rausgestellt, dass diese friedlichen, hippiesken Vollblutdemokraten auch ein Gesicht zeigen können, das sehr anders ist.

Man beschwert sich zwar unentwegt darüber, dass die Veranstaltung in den Medien totgeschwiegen wird, aber wenn man darüber berichtet, dann soll das gefälligst nur in ihrem Sinne sein. Sonst folgen Beschimpfungen, der Rauswurf wird verlangt oder nicht ganz subtil mit einer Kugel im Kopf gedroht.

Man kann die Teilnehmer dieser Demos grob in drei Gruppen einteilen. Einmal (und das ist mit Sicherheit der größte Anteil) sind da die guten deutschen Bürger, die irgendwie total scheiße finden, was da gerade in der Ukraine vor sich geht. Man ist so’n bisschen spirituell und freut sich total, wenn man jemand anderen trifft, der auch so’n bisschen spirituell ist. Und Frieden ist doch auch total cool. Alle wollen doch Frieden. Das Problem an dieser Sichtweise ist dann allerdings die zweite Gruppe. Das sind Neonazis, NPD-Funktionäre, Verschwörungstheoretiker und (mehr oder weniger) subtile Antisemiten, die versuchen, den diffusen Friedenswunsch der Mehrheit in hässliche Bahnen zu lenken. Der herrschende Konsens, der von der dritten Gruppe, den Organisatoren und Rednern, auf diesen Demos bestimmt wird, scheint zu sein, dass das Konzept von Links und Rechts überholt ist, und dass doch einfach alle zusammen für den Frieden arbeiten sollen. Um ehrlich zu sein, bezweifele ich aber, dass sich mein Konzept von Frieden mit dem eines NPD-Anhängers deckt, was auch ziemlich schnell das Problem in dieser Argumentation aufzeigt.

René Bethage ist ein ehemaliges NPD-Mitglied, war lange Zeit Pressesprecher der Partei und hat eine Menge der NPD-Demos in Berlin angemeldet.

Gestern zumindest war dieser Zusammenhang ziemlich klar zu sehen. Die Menge (geschätzte 700, damit weit weniger als letzte Woche) war gut durchmischt mit Böhse Onkelz-Pullis und Eisernen-Kreuz-Tattoos. Gespräche unter den Teilnehmern liefen in etwa so ab: „Alter, lies mal die Bücher, das sind alles die Freimaurer.“ – „Also OK, dass 9/11 ein Inside Job war, ist ja klar. Dazu gibt’s ja auch Videos auf YouTube. Aber mit solchen Geschichten wie den Freimaurern machen wir diese Bewegung doch unseriös.“

Zuerst spricht Pedram Shahyar. Sein Beitrag wurde schon im Vorfeld angekündigt und diskutiert. Er war lange Jahre eine der wichtigsten Stimmen bei Attac, forscht zu politischen Bewegungen und reist zu internationalen Protesten. Sein Auftritt markierte einen der ersten Redebeiträge eines prominenten Linken. Leider bleibt er recht vage, klar sagt er, dass er seine Nichte zur nächsten Demo mitbringen will und er deswegen nicht will, dass Nazis da sind, aber trotzdem geht es auch bei ihm eher darum, dass doch alle miteinander reden und ein „Prinzip der Freundschaft“ herrschen soll. Er spricht von der Naivität einer jungen Bürgerbewegung und darüber, dass eben gerade diese Naivität viele Möglichkeiten birgt. An seiner Rede ist per se wenig auszusetzen, trotzdem erscheint sie mir an diesem Ort, vor diesem Publikum und mit diesen Organisatoren fragwürdig.

Ich habe heute mit Pedram gesprochen, um rauszufinden, was er von dieser Bewegung denkt, und das ist, was er dazu zu sagen hatte: „Ich glaube, dass man in Deutschland mit einer sehr puristischen Haltung in diese Demonstrationen reingeht—wenn mir ein Nebensatz nicht gefällt, dann beteilige ich mich nicht. Linke können nicht ihre Teilnahme an Demonstrationen davon abhängig machen, ob auch Nazis hingehen. Die Nazis muss man bekämpfen und ihnen nicht das Feld überlassen. Solche Bewegungen sind immer widersprüchlich und vielschichtig. Dem muss man sich aussetzen und man muss versuchen, das zu verändern, aber sie nicht pauschal politisch verleumden. Sonst argumentiert man in der Tradition der Rechten, die so mit spontanen politischen Bewegungen umgeht.“

Während seinem Redebeitrag unterbricht am Rand die Antifa mit Israel- und Amerika-Flagge, die Ordner versuchen, das ganze zwar zu verhindern, übrigens auch mit Hilfe von Jürgen Graßmann, dessen Begleiter die Aktivisten als Faschisten beschimpft, die Antifas dürfen aber bleiben und verteilen später auf der andern Seite des Brandenburger Tors Alu-Hüte an Rüdiger „BRD-GmbH“ Klasen und seine Leute.

Jürgen Graßmann ist der Kopf hinter dem al-Quds-Tag, einer Veranstaltung, bei der auch gerne mal die Auslöschung von Israel verlangt wird.

Dann darf ein deutscher HipHopper auftreten und erst mal darüber rappen (unmittelbar vor dem Reichstag), dass 1933 der Goldstandard abgeschafft wurde (offenbar das signifikanteste Ereignis in dem Jahr). Das in einem Song über die FED, das amerikanische Zentralbanksystem, das laut den Veranstaltern der Demo der Grund allen Übels ist. Danach nennt er in einem Atemzug John F. Kennedy, Che Guevara, Malcom X, Martin Luther King  sowie Bruce Lee und Michael Jackson. Ihm zufolge alles Kämpfer für den Frieden, die sterben mussten. In einem weiteren Song, betitelt „Wir sind das Volk“, geht es darum, dass „unser Stolz“ nicht gebrochen werden kann, „unser Boden“ an Konzerne verkauft wird und den Politikern gesagt wird, dass „euer Volk jetzt erwacht“. 

Ken Jebsen, der Halbgott der Bewegung und ehemaliger RBB-Journalist, der wegen Antisemitismusvorwürfen seinen Job verloren hat und dessen Auftritt vom Publikum mit tosendem Beifall und von der circa 45-jährigen Dame neben mir mit Jubelsprüngen begrüßt wird, hält eine mäandernde Rede im Kläffstil, bei der es unter anderem darum zu gehen scheint, dass es bei den Ameisen und den Vögeln keine Kriege gibt und auch keine Demokratie. Deswegen ist Demokratie wohl irgendwie blöd, was ihn aber nicht daran hindert, am Ende seinem Publikum zu attestieren, dass es sich bei den Anwesenden um die einzig wahren Demokraten handelt. Außerdem hat er, eigenen Angaben nach, Insiderinformationen über einen kommenden Atomkrieg in der Ukraine ...

Mario Heinz Romanowski gehört ebenfalls zum extrem rechten Spektrum der Reichsbürger, also genau den Leuten, die auf der anderen Seite des Brandenburger Tors behaupten, dass Deutschland kein Staat ist, bzw. eine Fortführung des Dritten Reiches, da niemals ein Friedensvertrag geschlossen wurde.

Währenddessen spitzt sich die Situation in der Ukraine tatsächlich weiter zu und leider ist die Welt nicht so schwarz und weiß, wie es die Montagsdemonstranten es gerne glauben machen. Weder Russland, noch die Separatisten und auch nicht die ukrainische Regierung sind die Guten, die man uneingeschränkt unterstützen sollte. Wir werden sehen, welche Antworten die Montagsdemo nächste Woche gibt.

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