FYI.

This story is over 5 years old.

Stuff

Wildfremde die sich küssen wollen euch nur Klamotten andrehen

Hinter dem rührenden Kussvideo, das gerade überall geteilt wird, steckt ein dunkles Geheimnis. Jemand manipuliert eure Emotionen und spielt mit eurer Gesundheit.

Mittlerweile sind Facebook-Walls auf der ganzen Welt mit diesem Video vollgekleistert worden, auf dem man angeblich fremde Menschen sieht, die sich zu verspielt-romantischer Dudelmusik zum ersten Mal küssen. Innerhalb von 29 Stunden hat das Video der Künstlerin Tatia Pilieva über 2 Millionen Klicks geerntet und wurde auch von deutschen Online-Redaktionen fleißig verbreitet. Ein Journalist bezeichnete das Video sogar als „romantischer, gefühlvoller und echter als so mancher Zwei-Stunden Hollywood-Schinken.

Anzeige

Das stimmt leider nicht. Wie ein findiger Blogger schnell herausgefunden hat, ist das Video eine Werbeinitiative des Modelabels Wrenstudio, dessen Klamotten die coolen jungen Leute auch anhaben. Es handelt sich also um eine maßgeschneiderte Kampagne, die auf Shareability getrimmt und dann über die Webseite Gawker auf die Welt losgelassen wurde. Damit ist es also genau das gleiche wie die supergeile Edeka-Kampagne, nur dass die deutlich als solche zu erkennen war—und ihr davon keine Geschlechtskrankheiten bekommen könnt.

Ja: Geschlechtskrankheiten! Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „viral“ trifft es hier nämlich viel besser. Bereits letztes Jahr wurde gemeldet, dass die Zahl der Neuinfektionen mit Geschlechtskrankheiten in ganz Europa ansteigt. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG), Norbert H. Brockmeyer, hat dazu deutliche Worte gefunden: vor allem bei „jungen Erwachsenen in der sexuellen Findungsphase“ sind ansteigende Infektionsraten zu beobachten. „Hier müssen wir in Deutschland viel mehr Aufklärungsarbeit leisten.“

Herpes labialis. Foto: Wikipedia

Stattdessen bekommen diese Menschen jetzt ein Video vorgesetzt, in dem sich angeblich wildfremde, gut aussehende Menschen gegenseitig die Zungen so tief in den Hals schieben, als wollten sie sich keinen einzigen der bis zu 22.000 im Mund ihres Gegenübers lebenden Keime entgehen lassen. Aber: wildfremde Menschen küssen kann zwar Spaß machen, doch mit etwas Pech kann das gewaltig nach hinten losgehen.

Anzeige

Grippe und Herpes sind noch die harmlosesten Erreger, die man sich dabei holen kann: Papillomviren, Chlamydien und Syphilis können alle auch über den Mund übertragen werden. Genauso wie Hepatitis B und Tripper. Für das besonders widerliche Mundsoor reicht sogar ein Kuss!

So sieht eine Zunge mit Mundsoor aus. Foto: Wikipedia

Es gibt sogar eine Krankheit, die weltweit als „kissing disease“ bekannt ist: das Pfeiffersche Drüsenfieber. Laut biowellmed führt Pfeiffersches Drüsenfieber bei ca. 30  bis 60 % der Infizierten zur Erkrankung. „Es kommt zu hohem Fieber, Halsschmerzen, Angina, Lymphknotenschwellung im Halsbereich, fauligem Mundgeruch, manchmal zu Milz- oder Leberschwellung, Gelbsucht oder einem Hautausschlag, der über den ganzen Körper verteilt ist.“

Ein sogenannter „Syphilis-Schanker“ auf der Zunge. Foto: Wikipedia

Und das, wie gesagt, ist noch eine der harmloseren Widerlichkeiten, die man sich auf diesem Wege einfangen kann. Bevor ihr, von dem Video inspiriert, auf die Straße rennt und Fremde abknutscht, solltet ihr folgende Leidenserfahrung einer Syphilis-Erkrankten durchlesen:

„ich, weiblich, 27 Jahre, hatte vor ca. 3 Jahren extremen Hautausschlag mit roten Pusteln an den Beinen, dazu kamen noch Condylome im Genitalbereich (kleine Feigwarzen) die operativ entfernt wurden und ich nahm Antibiotika. Kurz danach wurde ich krank und seit dem habe ich jährlich starke Nasennebenhöhlen Entzündung, welche ich vorher noch NIE hatte!

Bisher habe ich es nicht so tragisch genommen, allerdings habe ich jetzt sehr starken Haarausfall und vor ca. einer Woche habe ich einen großen Knoten in meiner Brust entdeckt! Die Haare die ich an meinem Kopf verliere bekomme ich mittlerweile am Kinn und ich habe des öfteren Abszesse im Genitalbereich!“

Und so geht das immer weiter. Wenn ihr also das nächste Mal ein virales Video teilt, überlegt euch gut, ob es nicht ein bisschen zu viral ist. Wenn ihr erstmal eine dieser Krankheiten eingefangen habt, wird euch auch keine romantische Klimpermusik mehr helfen. Ignoriert es lieber, wenn skrupellose Marketing-Menschen eure Emotionen ausnutzen wollen, um ihre Produkte zu verkaufen. Denn der kurze Wohlfühl-Rausch, den ein genau dafür produziertes Video in euch auslöst, ist die Syphilis nicht wert.