Dortmund-Dorstfeld: Vom Hausbesetzer- zum Neonazi-Kiez?

Dortmund war früher mal als Bierstadt und qualmendes Industrie-Loch bekannt. Heute schafft es die Stadt neben dem Dauerthema Fußball vor allem wegen seiner Neonazi-Szene in die Weltöffentlichkeit.

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Mai 18 2015, 1:07pm

Dortmund war früher mal als Bierstadt und qualmendes Industrie-Loch bekannt. Heute schafft es die Stadt neben dem Dauerthema Fußball vor allem wegen seiner Neonazi-Szene in die Weltöffentlichkeit. Ein großer Teil dieser Neonazis wohnt im Stadtteil Dorstfeld. Sie selbst bezeichnen das Viertel gerne als Neonazi-Kiez und auch viele Medien zeichnen das Bild eines Stadtteils mit Führerbunker-Athmosphäre und einer No-Go-Area für Leute mit Verstand oder dunkler Hautfarbe. Was ist dran an Dortmund-Dorstfelds schlechtem Ruf?

Wohnhaus mehrerer Neonazis in der Emscherstraße in Dorstfeld (während der Schmuddel-Gedenkdemo am 28.03.2015)

Seit Mitte der 2000er geht es bergab mit dem Ruf des Stadtteils. Der Grund: Immer mehr Neonazis aus der Szene der „Autonomen Nationalisten" haben sich hier über die Jahre angesiedelt. Auch einige prügelnde und saufende Nazi-Skinheads haben sich hier in ein paar Straßenzügen eingenistet. Um mir anzuschauen, ob Dortmund-Dorstfeld seinen schlechten Ruf wirklich verdient hat, bin ich dort ein wenig spazieren gegangen und habe mich mit Anwohnern unterhalten.

Als ich in der Innenstadt in die U-Bahn steige, habe ich schon ein etwas mulmiges Gefühl. Immerhin wohnen in Dorstfeld einige der durchaus gewaltbereiten Neonazis, die mich kennen und am liebsten tot sehen würden. Auch in der Vergangenheit wurden in dem Stadtteil immer wieder Journalisten verfolgt und bedrängt, die über die rechte Szene dort berichten wollten.

Dorstfeld liegt im Westen der Dortmunder Innenstadt, die Fahrt mit der U-Bahn dauert nur ein paar Minuten. Etwa auf halber Strecke fährt die Bahn an einem bunt angesprühten Gebäude vorbei, in dem sich heute ein Jugendzentrum befindet. Bis 2012 war hier das „Nationale Zentrum" der Dortmunder extremen Rechten. Als der „Nationale Widerstand Dortmund" verboten wurde, war auch der Ort für wöchentliche Kameradschaftsabende und den nationalen Suff weg. Heute erinnern nur noch einige gelbe Farbspritzer an der Fassade an die alten Bewohner des Erdgeschosses und die regelmäßigen Farbbeutel-Angriffe von Antifas.

Der Wilhelmsplatz in Dorstfeld

Kurze Zeit später kommt die Bahn am Wilhelmsplatz im Zentrum Dorstfelds an. Wie ein Neonazi-Kiez sieht es hier nicht aus. Direkt neben der Haltestelle erinnert ein Mahnmal an die alte Synagoge und die lange jüdische Geschichte des Viertels. Es ist etwa 13:30 Uhr, Schulschluss. Zwischen U-Bahn und Bussen herrscht reges Treiben. Die Teenager, die hier hin und her strömen, sehen weder aus wie rechte Aktivisten noch wie Zöglinge der „Heimattreuen Deutschen Jugend". Ganz zum Leidwesen der (zugezogenen) Neonazi-Population des Stadtteils haben viele Dorstfelder nämlich genauso bunt zusammengewürfelte „Migrationshintergründe" wie anderswo im Ruhrgebiet.

Passenderweise säumen auch nicht Thor-Steinar-Läden und urdeutsche Imbissbuden den Wilhelmsplatz. Neben 1-Euro-Laden und BVB-Fanshop reihen sich hier eine Dönerbude, ein türkischer Billigbäcker und das griechische Grillrestaurant „Knossos" aneinander. Nur ein paar Meter weiter wohnt in der Thusnelda- und Emscherstraße ein großer Teil der Dortmunder Neonazis. Direkt vor ihrer Haustür gibt es polnische Spezialitäten, italienisches Eis und Pizza. Wer das als „Neonazi-Kiez" oder gar als „National befreite Zone" verkauft, braucht eine blühende Fantasie.

Bedrohungen und Gewalt

Trotzdem hat der schlechte Ruf des Stadtteils seine Berechtigung. Immer wieder wurden hier in den vergangenen Jahren vor allem Neonazi-Gegner angegriffen und bedroht. 2009 musste eine Familie in letzter Konsequenz aus Dorstfeld wegziehen. Vorher wurden mehrfach die Scheiben ihres Autos und des Wohnhauses eingeschmissen und Neonazis lauerten der Familie tagelang vor ihrem Haus auf. Die Polizei unternahm damals nichts. Erst als es schon zu spät war, solidarisierte sich die Stadtpolitik im Rahmen einer Pressekonferenz öffentlich mit der Familie. Der half das natürlich nichts und am Ruf des Viertels änderte die PR-Aktion auch nicht mehr viel.

Noch vor ein paar Jahren war die Anwesenheit der Neonazis auch im Stadtbild viel sichtbarer. An jeder Ecke hingen Aufkleber und Plakate, die Hauswände des Stadtteils waren mit rechten Parolen zugesprüht. Seitdem die Polizei vor einiger Zeit angefangen hat, den Stadtteil nicht nur besser zu beobachten, sondern auch jede kleine Straftat und Ordnungswidrigkeit der Neonazis zu ahnden, hat sich das geändert. An vielen Hauswänden sieht man heute nur noch die Stellen, an denen rechte Schmierereien übermalt wurden, und außerhalb des Stadtteilzentrums hängen vor allem ausgeblichene oder halb abgekratzte Aufkleber an den Laternen. Nur in den wenigen Straßen, in denen ein Großteil der Szene wohnt, bleibt immer noch das Gefühl, die Straße gehöre ihnen.

Auch Neonazis wissen, wen man besser nicht anpackt

Während ich auf dem Wilhelmsplatz stehe und mich umsehe, kommen zwei bekannte Rechte aus der türkischen Bäckerei. Ich kenne beide von den zahllosen rechten Kundgebungen und Aufmärschen, die in Dortmund regelmäßig stattfinden. Einer der beiden trägt dort meist einen „hippen" Jutebeutel mit dem Aufdruck „I <3 NS". Heute trägt er Blaumann, Bauarbeiter-Outfit. Kurz nachdem die beiden weg sind, hole ich mir auch ein Brötchen. Ich frage den Verkäufer, ob er schonmal Probleme mit seinen rechten Nachbarn hatte. „Noch nie", sagt er. „Wenn die sich hier vorne versammeln, dann kaufen die bei mir ihren Kaffee und nebenan den Döner." Er ist sich sicher: „Das ist ganz viel politisches Gerede, aber im Alltag merk' ich da nichts von."

Ähnlich erleben das auch andere Anwohner, den eigenen Namen „in der Zeitung" sehen möchte aber keiner von ihnen. Zwei junge Männer 20 zwanzig erzählen mir, wie das im Viertel abläuft. Ihre Familien kommen aus dem Libanon und der Türkei, sie gehören also zu den Menschen, die die Neonazis nicht nur raus aus „ihrem Viertel", sondern auch aus Deutschland haben wollen. Stress mit den Rechten hatten beide noch nie. „Man kennt sich, man respektiert sich irgendwie", erzählt der eine. „Die machen hier auch keine Frauen an, die Kopftuch tragen oder so, die wissen, was dann passiert." Und wenn es doch mal Stress geben würde, würde sich geprügelt, das hätte es auch schon gegeben. Die Neonazis scheinen hier aber immerhin klug genug zu sein, um zu wissen, wen man sich nicht zum direkten Feind machen sollte.

Früher war Dorstfeld ein linker Szene-Kiez

Hausbesetzung in der Helmutstraße in Dorstfeld 1981. Aus der Broschüre: Es begann in der Helmutstraße. Häuserkampf in Dortmund. Dokumentation.

Bis Mitte der 1980er Jahre war Dorstfeld eher ein linkes Viertel, Neonaziprobleme gab es an anderen Orten in der Stadt. Es gab hier Galerien, ein Schwulenzentrum und viele Polit-WGs. „Seitdem 1968 die Uni in der Nähe gebaut wurde, kamen die Studenten", erzählt Andreas Müller von der Geschichtswerkstatt Dortmund. Andreas hat damals im Dortmunder Stadtteil Hörde Häuser besetzt und auch die Entwicklungen in Dorstfeld miterlebt. „Die brauchten billigen Wohnraum und sind nach Dorstfeld gezogen. Damit kam ein ganz anderer Menschenschlag, ein ganz anderes Leben in diesen Vorort." In Dorstfeld sollte damals einiges abgerissen werden, neu gebaut wurde nicht und die Häuser wurden oftmals nicht instand gehalten. „Die erste Hausbesetzung in Dorstfeld gab es 1977 in der Helmutstraße", erinnert sich Andreas. „Die wurde aber schon nach einem Tag geräumt." Die Helmutstraße geht direkt von der Thusneldastraße ab, in der heute ein großer Teil der Dortmunder Neonazis wohnt.

Bis 1984 folgten noch etwa zehn weitere Hausbesetzungen in diesem Teil des Viertels. Teilweise waren das lose organisierte und manchmal etwas punkige Autonome, die sich mit der Nachbarschaft nicht immer perfekt verstanden, wie Andreas Müller erzählt. Teilweise waren es aber auch sehr politische Hausbesetzungen, zum Beispiel von der „Dortmunder Selbsthilfe". „Die haben sich um Leute aus Heimen und Psychiatrien gekümmert und brauchten Platz", erzählt Andreas.

Anfang bis Mitte der 80er Jahre wanderten dann immer größere Teile der linken Studenten und Hausbesetzer in andere Stadtteile ab. „Die Stadt und die städtische Wohnungsbaugesellschaft haben damals vorgemacht, wie man eine linke Szene aus einem Stadtteil rausdrängt", meint Andreas. „Die Nazis wohnen heute auch in Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Die werden in Ruhe gelassen."

Der Wohnblock „Hannibal"


1984 fielen auch zum ersten Mal Neonazis in Dorstfeld auf. In einer Dokumentation über die rechte Szene in Dortmund, die die Grünen im Dortmunder Stadtrat damals herausgegeben haben, werden „Skinheads und schwarz gekleidete Jugendliche" erwähnt, die im Bereich des Hannibals gesehen wurden, einem ikonischen Hochhausblock, in dem zu dieser Zeit auch ein älterer Aktivist der mittlerweile verbotenen Neonazipartei „FAP" wohnte. In der Broschüre der Grünen werden einige Vorfälle mit rechten Jugendlichen im Stadtteil aufgezählt. Bis zum Zeitpunkt, an dem Dorstfeld zum Inbegriff des „Nazi-Kiez" in den deutschen Medien wurde, sollten aber noch mehr als 20 Jahre vergehen.

Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit, Dortmund-Dorstfeld als das zu bezeichnen, was es ist: Ein ehemaliges Arbeiterviertel mit vielen hässlichen Wohnblöcken, ein paar schmucken Fachwerkhäusern und einer ganz ordentlichen Verkehrsanbindung an Orte, an denen tatsächlich spannende Dinge passieren. Dorstfeld ist heute nämlich in erster Linie ein etwas schnarchiger Vorort, in dem abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Auch wenn sie immer wieder versuchen, durch provokante Schwachsinns-Aktionen aufzufallen und den Stadtteil zu ihrem Kiez erklären—die Mehrheit der Bevölkerung hat hier genauso wenig Bock auf Neonazis wie anderswo.

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