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the it's actually quite weird issue

Musikreviews

Hier sind unsere Reviews zu den Neuerscheinungen des Monats.
1.9.12

TORCHE

ORBITAL

OFF!

DER KÖNIG TANZT

Beim Aufräumen seiner Festplatte hat Portishead-Brain Geoff Barrow einen alten Ordner mit dem Titel „HipHop_Beats_1995-2005“ entdeckt. Und da dachte er sich, gut, bevor ich den Scheiß wegschmeiße, schalte ich doch lieber eine Anzeige bei Craigslist: „Rapper gesucht, Beats und Label vorhanden. Bitte keine Pussys/Backpacker/sonstige Loser.“ 35 MCs haben sich daraufhin gemeldet, um nun abwechselnd über die Tracks herzufallen, als wären sie auf einer verdammten Gangbang-Party. Zum Glück wird dieses unübersichtliche Stimmengewirr durch eine erwartet solide Produktion zusammengehalten. Aber es ist eben schon so, dass die Bonus-CD mit den Instrumentals hier deutlich öfter läuft als das eigentliche Album. Womit eigentlich alles gesagt wäre.

ALI G-FUNK

DER KÖNIG TANZT

Der König tanzt

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Fettes Brot/Indigo/ Zebralution

Ähm ja, danke, dass die deutsche Pop­diskurslandschaft im Jahre 2012 weitgehend einer herz- und hirnlosen Sumpflandschaft gleicht, in der man schon mit einer x-beliebigen, aber lautstark abgefeuerten Meinung über Joachim Gauck, Dschungelcamp und Grundeinkommen zu einer Art intellektuellem Überflieger werden kann, wenn man nur ab und zu ein „leider geil“ einstreut, dass also allenthalben ein beklemmender Stumpfsinn regiert, der jeglichem Keim von geistreicher Reflexion mit der debilen Attitüde eines Stand-up-Comedians auf einer Bambi-Verleihung niedertrampelt, bis schließlich auch noch die Kritik am Status quo so weit eingeebnet ist, dass sie im RTL2-Vorabendprogramm laufen kann—all dieses Elend sehe ich selbst, und zwar jeden Tag, da brauche ich nicht noch einen König Boris, der mir das unter die Nase reibt.

RANT A LICIOUS

Es kommt wirklich nicht oft vor, dass der Seichtigkeitsindikator in meinem vom durchgezechten Wochenende strapazierten Montagsgehirn Alarm schlägt. Ehrlich gesagt, wusste ich bisher gar nicht, dass ein solcher Indikator existiert, denn ich habe meine Montage jahrelang erfolgreich damit verbracht, abwechselnd brasilianische Telenovelas zu kucken und

Pacman

auf dem Atari 2600 zu spielen, und mir war nie langweilig. Aber Hot Chips neues Album wirkt mit all den Preset-Synthies und „Ahuuuuuu“-Chören derart frappierend wie der Soundtrack zu einer Neuverfilmung von

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Der König der Löwen

, das ist selbst mir zu krass.

HAKUNA MATATA

ORBITAL

Wonky

ADA / Warner

In den sogenannten Neunzigern waren Orbital einer jener Acts, den man versehentlich nachts auf MTVs

Party Zone

entdeckte, während man sich fragte, welche Wahnsinnigen dort wohl gerade Bon Jovi und Belinda Carlisle so einander näherbrachten, dass Jahre später daraus der Begriff „Mash-up“ werden sollte. In den sogenannten Nullern waren Orbital mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, Mash-ups begannen zu nerven und auf MTV lief keine

Party Zone

mehr. In den sogenannten Zehnern ist MTV ein schlechter Scherz, Mash-ups jucken keine Sau mehr und Orbital sind endgültig zur Karikatur ihrer selbst verkommen. Eine Platte, die neunzigerer klingt als die Neunziger, und das

not in a good way

. Mit welcher Summe Zola Jesus gezwungen wurde, auf einem Track so zu klingen, als wäre sie das Rent-a-Vocalist-Stimmchen einer SNAP-Maxi, ist da schon fast nicht mehr interessant.

RAY COKED

LIGHT ASYLUM

Light Asylum

Mexican Summer

Vossianische Antonomasien, die eigentlich passen müssten: die Alison Moyets des EBM bzw. die Andrew Eldritchs des Synthpop, die Leonard Cohens des Underground bzw. die Grace Jones’ der Zehner, oder eben die David Bowies der kleinen Clubbühnen, also gewissermaßen ja die Marianne und Michaels des Doom-Metal. Die Two-Hit-Wonders der One-Hit-Wonder, befürchte ich allerdings mittlerweile auch, an „Dark Allies“ und „Skull Fuct“ kommt auf dem Debüt-Album nämlich nicht ein einziger Ohrwurm oder wenigstens eine Bassline entfernt heran. Was auf der

In-Tension

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-EP noch sexy retro charmant klang, die Stimme Shannon Funchess’ nämlich, ist auf Albumlänge eher eine Art René Kollo mit Drill-Instructor-Timbre geworden. Was aus genau dem folgenden Grund sehr schade ist: … nein, fällt mir jetzt leider keiner ein.

PONTIUS UNTERBRICHUNS

DNTEL

Aimlessness

Pampa/RTD

Ob es gerissen, clever oder völlig unbedeutend ist, dass DNTEL voll in die Kerbe der mittlerweile etablierten Mainstreamtauglichkeit von allem schlägt, was früher mal unter Strebertum fiel, sei dahingestellt. Wenn das Resultat wüster Nintendo-Samples und notorischer Soundexperimente eine derart schlüssige wie verwirrende Platte ist, sind die Punkte auf der Nerd-Cred-Skala sowieso zweitrangig. Jimmy Tamborello besitzt nämlich die Gabe, das, was als Einzelnes genommen, als verquere Klangelemente zählen könnte, zu einer großen erschlagenden Masse zu verflechten, bei der dir im Idealfall Hören und Sehen vergehen. Und wenn du das nicht verstehst, bist du eh nicht

real

oder brauchst doch eine neue Brille.

STEPHEN HAWKING

SQUAREPUSHER

Ufabulum

Warp/Rough Trade

Gerade wollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen, dass Tom Jenkinson endgültig seinen Prog-Jazz-Trieben nachgibt, um seine Karriere als Basslehrer und Referenzkünstler für Musikhochschulhauptseminare zu beenden, da findet er zu seinen Drill-’n’-Bass-Wurzeln zurück und erinnert daran, warum man ihn in den 90ern einst für den besseren Aphex Twin hielt. Mal löst er mit technischer Virtuosität einen epileptischen Anfall seines Drumcomputers aus, mal bettet er sich auf einem schwebenden Synthie-Teppich zur trügerischen Ruhe, nur um im nächsten Moment wieder im Sturzflug mit Hochfrequenz-Blendgranaten zu attackieren. Ein 51-minütiger Höllenritt, nach dessen Ende dein Gehirn noch ein paar Stunden weiterrattern wird, weil es mit der Verarbeitung nicht mitgekommen ist.

THRILL INSTRUCTOR

TOLGA FIDAN

Rogue

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Vakant

Mit dem Techhouse ist das ja immer so eine Sache. Irgendwie kann man sich nie sicher sein, ob die jeweiligen Produzenten einfach irgendwann aufgehört haben, ihre Stücke weiter zu verfeinern, weil sie es selbst nicht mehr hören konnten, oder ob das tatsächlich alles genau so beabsichtigt ist, wie es dann auf Platte präsentiert wird. Und das Schlimmste ist ja auch, dass man ihnen nicht mal vorwerfen kann, dass das, was sie da fabriziert haben, total schlecht sei, denn unter dem Easy-Listening-Aspekt, der manchen Leuten als Maßstab ja schon reicht, geht das durchaus in Ordnung. Wir fragen uns nur, wie Künstler wie Tolga Fidan ihrer Oma erklären, was sie eigentlich machen. „Ich verbringe meine Zeit damit, gefälligen Techhouse, der leider nicht im Ohr hängen bleibt, zusammenzuschrauben“ dürfte nicht ausreichen.

ODI NAER

BLACK SHAPE OF NEXUS

Negative Black

Exile On Mainstream/ Soulfood

Schreiben sich auch B.SON bzw. B-SON und haben bisher das Missverständnis gern mit entsprechenden Bildern gefüttert. Der Büffel ist jedoch eher irreführend für ihre Art von Doom, der frei von allzu schlimmen Stereotypen dazu anregt, Stunden über die willkürliche Zeichensetzung nachzudenken, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen als: Boah! Der aktuelle Plattentitel könnte in Einheit mit dem ausgeschriebenen Bandnamen schon fast etwas verblasen wirken. Aber Prog-Entwarnung—es bleibt bildungsfern und brachial, die Texte sind weiterhin unverständlich, als Titel dienen kryptische Kürzel, Zahlen und Maßeinheiten. Seltsam reell.

DEDE DOOMBO

FINAL PRAYER

I Am Not Afraid

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Let It Burn

Dass Berlin ein ach so hartes Pflaster ist, erweist sich bei näherer Betrachtung natürlich als verklärender Mythos. Schließlich sind die meisten Straßen flächende­ckend mit Hundescheiße ausgepolstert. Dennoch machen sich einige Botschafter der Toughness auf ehrenvolle Weise um die Aufrechterhaltung des Images verdient—allen voran diese allseits abgefeierten Scharfmacher des Hardcore-Proletariats. Und man muss schon sagen, ihr neues und sämtliche Bandqualitäten noch einmal zuspitzendes Album erscheint einem als der bestmögliche Soundtrack, um auf einem Bulldozer thronend entlang der städtischen Achse der neuen Bürgerlichkeit von Berlin- Mitte Richtung Prenzlauer Berg einmal geziemend für Recht und Unordnung zu sorgen.

EGON KAFFEEKRÄNZCHEN

OFF!

s/t

VICE Records

Nach der ersten größeren Veröffentlichung dieser die gesamte HardcorePunk-Geschichte in der Arschtasche mitführenden Gruppe um Keith Morris hätte man sich, wenn man es nicht ohnehin besser wüsste, unter Umständen fragen können: Haben sie jetzt ihr Pulver verschossen? Und: Ob sie wohl nach diesem erfrischenden Geballer der

First Four EPs

auf ihrem offiziellen Debüt anfangen, altersgerechte, ausgeklügelte, die Eine-Minuten-Grenze hinter sich lassende AOR-Jams aufzunehmen? Die Antwort dieses nun tatsächlich vorliegenden Debüts ist eindeutig. (Nein.)

NAYSAYER

THE BRIAN JONESTOWN MASSACRE

Aufheben

A Records/Cargo

TORCHE

Harmonicraft

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Volcom Records

Oh Torche, wie macht ihr es nur, dass dieser Sound, den man in den 90ern Schweinerock nannte, von euch gespielt wird wie ein göttlich-gayes Versprechen? Es ergibt nun endlich einen Sinn, einen nicht unbeträchtlichen Teil der eigenen Jugend mit Kyuss und Monster Magnet verbracht zu haben, wenn am Ende der Evolution so etwas wie dieses Album hier herauskommt. Es ist ein Album, das simuliert, wie nicht-beschissene Foo Fighters oder geistesgegenwärtige Black Sabbath in einer Welt des Unmöglichen hätten klingen können. Manchmal, während dieses Hook-gepeitschten Ritts durch Regenbogen-Loopings und donnernde Riffgewitter, muss man sich tatsächlich in die eigenen Arschbacken kneifen, nur um sicherzugehen, dass dieser ganze geile Wahnsinn kein Traum ist.

ROB HALFURZ

DZ DEATHRAYS

Bloodstreams

Hassle / DFA 1979

Zwei Typen, die es verstehen, Black-Sabbath-Riffs, den perkussiven Leberhaken von Lightning Bolt und die große Fresse früher Beastie Boys in einem Mischverhältnis zu kalibrieren, dass sie damit nicht nur Bühnen in Schutt und Asche legen, sondern auch Floors in fiebrige Ekstase versetzen können, hat man jetzt auch nicht unbedingt zum ersten Mal gehört. Seit es Death From Above 1979 aber scheinbar nur noch für die Kohle machen, nehmen diese noch mit aller nötigen Verve und Leidenschaft lärmenden Burschen völlig rechtmäßig deren Platz ein.

HANS’ EICHEL

HOT WATER MUSIC

Exister

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Rise Records

HWM haben mit ihrer Ästhetik, die kumpelndes Working-Class-Image, Bukowski-Zitate, eine mit entsprechenden Zutaten gebürstete Stimme und Hemingway’sche Inbrunst zu EmoPunk verarbeitete, etliche Nachahmer gefunden und sich mit einem umfangreichen und qualitativ kaum fragwürdigen Backkatalog zu Recht ins Pantheon des Genres hochgerockt. Wenn sie nun ein neues Album herausbringen, sind sie—selbstverständlich—immer noch und locker besser als der Rest, aber an vielen Stellen—und das ist schon erstaunlich—sogar besser als sie selbst.

DOC’S PARA

Jeder hat ein Shirt, dass der natürlichen Auslese Jahr für Jahr entgeht. In demselben Maße wie es mit jeder Wäsche fadenscheiniger und formloser wird, erscheint es auch immer weicher und anschmiegsamer, und unentbehrlicher. Meins ist aus 100 Prozent korrekt gehandelter, naturbelassener Baumwolle, naturbeige mit der naturbraunen Aufschrift „Loser“. Breiter als lang trage ich es am liebsten im Bett, wenn ich krank bin oder im Urlaub auf sehr einsamen Inseln. Wäre es Musik, würde es wie das neue (oder irgendein anderes) Album von Anton Newcombes klingen—„verwaschen“ hatte selten einen besseren Klangmeister.

DAVY DUNDAS

SLEEPY SUN

Spine Hits

ATP Recordings

Musik, so heißt es, wird ihrem Zweck gerecht, wenn sie ein Gefühl oder eine Erinnerung triggert. Nun, wenn ich dieses Album höre, fühle ich mich wieder wie 15 und sitze in der Schule. Es ist die zehnte Stunde, draußen lacht die Sonne, hier drinnen lacht keiner. Die Lehrerin faselt irgendwas von

Effi Briest

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, aber die Staubpartikel, die durch das in diesen jegliche Lebensfreude ausschließenden Kerker einfallende Licht tanzen, sind in ihren sedierenden Bewegungen tausendmal interessanter. Ich werde alle fünf Minuten durch Erektionen, die entweder der Jahrgangsschönsten zwei Reihen vor mir oder einfach nur meiner zu engen Hose gelten, aus gähnender Langeweile geweckt. Es ist ein merkwürdiges, ein schnarchig-schönes Gefühl, das später durch weiche Drogen zu reproduzieren versucht wird. Nach 45 Minuten ist es aber, irgendwie auch zum Glück, vorbei.

BALTASAR BONER

GEOFF BARROW/ BEN SALISBURY

Drokk

Invada/Cargo

Nach jahrzehntelanger Verstopfung löst sich Portishead Barrow zunehmend, und verlustiert sich mit einem weiteren Projekt auf der Schattenseite. Für

Drokk

kitzelt er zusammen mit Filmmusiker Salisbury karge Unterhaltungsmusik aus alten Kästen. Das erscheint dem Untertitel „Music Inspired By Mega-City One“ angemessen, vorausgesetzt DREDD wird von Jonas Åkerlund fertiggestellt, mit Javier Bardem als Titelheld und einem naturbelassenen Heath Ledger als Judge Death. Schlaumeier könnten noch anmerken, dass die Musik etwas ausgiebig den frühen John Carpenter zitiert. Aber die wollten uns ja auch Daft Punks

TRON

-Soundtrack als Geniestreich verkaufen.

LOUIE LAWLESS

FEHLFARBEN

Xenophonie

Tapete

Zugegeben, wir hatten Fehlfarben abgeschrieben. Von den letzten Platten war—außer der Band selbst—nicht viel hängen geblieben, und der Seniorentanz, den sie in den letzten Jahren Livekonzert nannten, wäre statt von den Popdiskurs-Organen besser von Voltaren präsentiert worden. Dieses neue Album wirkt nun überraschend frisch, augenblicklich und entstaubt. Könnte am Produzenten (Moses Schneider), könnte aber auch an der richtigen Einstellung liegen. Kaum einer der Songs macht es sich zu bequem (nur manches billiges Synthiegeblubber hätte eingespart werden können) und Peter Hein ist schmerzhaft ehrlich mit sich selbst und der Welt. Er übersetzt seinen von bitterer Ironie nur selten gebremsten und zum Glück auch von Zynismus nicht entschärften Altersstarrsinn in den zugleich dringlichsten und poetischsten Kommentar zur Lage der Nation. Vielleicht sollte Hein mal eine Versschule für deutsche Literaturnobelpreisträger aufmachen. Er ist ja bekanntlich bei der Nebenjobsuche nicht wählerisch.

URSULA VON DER LEINE

CROCODILES

Endless Flowers

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Souterrain Transmission

Was wäre die Musikgeschichte ohne die sagenhaften Berlin-Alben. Lou Reed, David Bowie, U2, Frauenarzt—jeder Künstler, der etwas auf sich hält, nimmt irgendwann in Berlin auf. Nun wissen wir, dass die Crocodiles wirklich sehr viel auf sich halten. Drei Mal darfst du raten, wo nun dieses Album entstanden ist. Im Großen und Ganzen setzt es den mit dem Vorgänger eingeschlagenen Weg fort, klingt mehr nach Band, bemüht sich um Zugänglichkeit, ohne aber so einen kleinen Geniestreich wie das noch immer glänzende „Hearts of Love“ wiederholen zu können. Etwas problematisch ist natürlich sein übertrieben aufgeräumter Sound, der sich wohl aber nicht vermeiden lässt, wenn man sich mit Wohnung und Studio im Prenzlauer Berg in das Epizentrum der Bionade-Boheme setzt. Wenn sich hierbei mal etwas nach Feedback und Noise anhört, dann sind es tatsächlich Field Recordings von klein Torben und Johanna, die einmal durch sämtliche Freiräume ihrer Laissez-faire-Erziehung krakeelen.

JAYJAY ROUSSEAU

2:54

s/t

Fiction

Oh, was haben wir hier? Zwei englische Shoegaze-Schwestern in Bikerjacken, die 4ADsche Edel-Gothismen zwischen frühen Dead Can Dance und This Mortal Coil mit komplett ungestriger, leisetretender Girl Power à la Warpaint verweben? Hannah und Colette Thurlow spielen die Art von ätherischer Popmusik, von der du glaubst, dass sie nur dir allein gehören will, die aber schon im nächsten Augenblick durch Großraumeinsatz entzaubert und in die Trailerjingle-Hölle verscherbelt werden könnte, wenn der nächste Schmachtfetzen mit Kirsten Dunst oder irgendetwas von Kai Pflaume Moderiertes unters Volk gebracht werden muss. Bevor sich das also alles weiter herumspricht und sich die xx-Geschichte wiederholt: Wir haben echt selten so was Mieses gehört wie dieses Album.

RYAN LOSGING

ME AND MY DRUMMER

The Hawk, The Beak, The Prey

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Sinnbus

Höchst penibel arrangierter und produzierter, lupenreiner und durchdachter Befindlichkeitspop, dessen einziger, aber eben sehr präsenter Fehler ist, dass er in seiner Melodieführung und nicht zuletzt durch das äußerst schwere Timbre von Charlotte Brandi mindestens zweimal zu oft an Mittelaltermärkte oder

Twilight

-Soundtracks erinnert. Und mit Verlaub: Über Geister, die angeblich in euren Wohnungen leben, haben wir wirklich schon genug gehört. Den Scheiß nehmen wir euch erst ab, wenn ihr ein hochauflösendes Beweisfoto liefert.

HUI BUH

KTL

V

Editions Mego

Wie bei den meisten zeitgenössischen Black-Metal-Platten könnte es auch hier helfen, unter dem Einfluss der Musik etwas Radikales anzustellen. Nicht solche Kinderkacke wie Holzkirchen anzünden, eher etwas in Richtung Dirty Bomb gepaart mit dem künstlerischen Ansatz von Monte Cazazza, der gern als Ömchen verkleidet, halbverwesete Katzen spazieren getragen und dabei mit einem großen Trommelrevolver Löcher in die Luft geballert hat. Stattdessen macht O’Malleys französische (!) Freundin (!) in Theater (!). Einsamer Höhepunkt bleibt also eine 15-minütige Komposition von Jóhann Jóhannsson, realisiert von der eiskalt abliefernden City of Prague Philharmonie.

BARNABAS CHILL

COLD SPECKS

I Predict A Graceful Expulsion

Mute/Goodtogo

NATE HALL

A Great River

Neurot Recordings

Das Album dürfte dir gefallen, wenn du der Meinung bist, William Elliott Whitmore hätte die naturalistische Poesie der Kartoffelzucht in letzter Zeit zu häufig seiner sonst so typischen existenzialistischen Tiefenreinigung vorgezogen. Es dürfte dir auch gefallen, wenn du auf den Tag gewartet hast, an dem eine Townes-Van-Zandt-Interpretation ihrer Vorlage gerecht wird. Hall lässt keinen Zweifel daran, dass er die von Van Zandt besungene Kathleen erst in der schwärzesten Stunde der Nacht treffen will. Und es dürfte dir gefallen, wenn dir irgendwann einmal bei R.E.M. die Momente stoischer Traurigkeit gefallen haben, aber nicht die Art und Weise, wie sie verwertet wurden. Das Album dürfte außerdem jeden Zweifel an Solo-Ventures von Typen aus Bands (Hall spielt sonst bei U.S. Christmas) in einem Strudel aus heißen, ehrlichen Tränen und grauem Untergangsregen ertränken. Mindestens dieses „Raw Chords“ ist ein Song für die nach diesem Album sicher bald anbrechende Ewigkeit. Möglicherweise aber auch der Rest davon.

RAGNA RÖCKCHEN

Erinnert in guten Augenblicken an die oft ignorierte Sandy Dillon, deren pathologische Kleinode wie „Pull the Strings“ heute noch in mancher Ramschbox auf Käufer warten. In anderen Augenblicken an Karen Dalton, die Billie Holiday des Coffehouse-Folks, die Bob Dylan nicht ranlassen wollte und lieber als obdachloser Junkie in den Straßen von NYC gestorben ist. Das Gesamtwerk der beiden dürfte viel eher das sein, was die 23-jährige Kanadierin „Doom Soul“ nennt. Was weiß so ein Früchtchen schon von Doom? Am Ende genug, für eine gute halbe Stunde süße Bitterness …

BARRY GRAVE